Die Grenze zur Harmlosigkeit

Alles was stattfindet, findet ohnehin statt. Findet mich, findet die Zeit. Findeisen. Wer war das noch? Spuren von Lippenstift auf dem Bettbezug. Man sollte die Dinge nicht so verbissen sehen, sich nicht festbeißen (und dabei spüren, wie der Angstschweiß ausbricht und man selbst bleibt da, weit davon entfernt, man selbst zu sein, dafür sichtbar). Jede der überlieferten Lügen wird wahr, sobald man sie ausspricht, (die Schmerzen sind gerade ziemlich unerträglich, es lohnt nicht, darüber nachzudenken. Reden wir nicht davon). Das Regelwerk besagt welche Dinge sich eignen, ausgesprochen zu werden. Wo die Grenze der Harmlosigkeit verläuft. Welche Buchstaben heute noch auf dem Papier landen, als wäre das eine gelungene Heimkehr nach einer langen ungewissen Reise (ich las viel und verstand wenig, je mehr ich las, desto weniger verstand ich). Die Schrift bleibt immer wachsam mir gegenüber. Irgendetwas daran wie die Buchstaben geschwungen waren, besänftigte mich, ließ mich zur Ruhe kommen, oder vielmehr die Ruhe zu mir. Wir hängten Bilder an die Wände. Jeden Montag hatten die Züge Verspätung. Wir häuften Erwartungen an. Gleichgültig warteten wir ab, was die Zeit von ihnen zurücklassen würde. Die Zeit beseitigt die Dinge nie vollständig. Es sind immer die lieblos verachteten Reste, die wir sehen, am Wegesrand, wenn der Blick dem vorgeschriebenen Weg plötzlich nicht mehr mit dieser Deutlichkeit folgt.

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16 Gedanken zu “Die Grenze zur Harmlosigkeit

  1. „Das Regelwerk besagt welche Dinge sich eignen, ausgesprochen zu werden. Wo die Grenze der Harmlosigkeit verläuft. “

    So ist es!
    Es hört sich an als hätte die Schreiberin starke körperliche Schmerzen, die sie zu überwinden sucht, in dem sie über die Grenze der Harmlosigkeit zurück zu fliehen versucht. Zurück in die Sicherheit der Harmlosigkeit, bereit sich Gesetzen zu unterwerfen, die sie nie verstanden hat. Oder sind es seelische Schmerzen? Manchmal kann man das kaum beantworten, weil sie so stark zusammenhängen, dass es nur die Dominanz des einen über das andere ist, das uns einen Hinweis verschafft.

    1. Danke, Miriam für Deine Gedanken zu meinem Text, ich kann gar nicht so viel dazu sagen, ich habe es tatsächlich automatisch geschrieben und dann nicht mehr darüber nachgedacht. Auch gar nicht wieder gelesen seither.
      Schmerzen habe ich allerdings tatsächlich, aber das hier soll ja kein Befindlichkeitsblog sein 😉

      1. Nun ja,das wird er aber unumgänglicher weise sein,direkt oder indirekt.:)
        Du weißt sicher, dass der Verfasser immer sehr viel von sich preisgibt. Aber natürlich respektiere und verstehe ich den Unterschied zwischen: Liebes Tagebuch, mir geht es heut echt schlecht und deinen Geschichten.

        Gute Besserung zu wünschen, sei mir trotzdem erlaubt!

      2. Ich finde es sogar sehr schön, dass Du das ansprichst. Ich meinte „Befindlichkeitsblog“ auch gar nicht abwertend, oder böse. Tatsächlich geht es mir sehr seltsam damit, etwas von mir preiszugeben. Einerseits möchte ich das, brauche es, genau wie jeder andere Mensch auch und andererseits stecke ich in einer sehr distanzierten Rolle fest, die ich mir irgendwann einmal ausgedacht habe, um mich mit meinen Schreiben nicht zu sehr angreifbar zu machen.
        Deswegen gibt es auch die zwei Blogs. Zeitnetz, wo wirklich nur geschrieben wird und dieser hier, wo ich mir erlaube, alles mögliche auszuprobieren, sogar Dinge von mir preiszugeben.
        Gute Besserung kann ich sehr gut brauchen. Ich muss jetzt entscheiden, ob ich mich operieren lasse oder nicht.

      3. Eine Rolle, die du dir einmal ausgedacht hast. Es hat sicher einen Grund, die Distanz. Es ist durchaus etwas, was ich für gut und bewundernswert halte, denn der Trend ist da das Gegenteil [was es noch nicht automatisch gut macht]- man zieht sich im Schutze des anonymen Netztes die Seele aus und wird immer unsicherer im eigenen Leben. Auf Dauer lernen die Menschen hier zu fühlen, sich Ausdruck zu verschaffen und schaffen diese dann nicht mehr ohne den virtuellen Schutz.

        Aber ich wollte keine Moralpredigt halten. Wenn du fühlst, dass du auch hier etwas mehr von dir zeigen willst, dann ist es ja gut, dass du das auf dieser Seite tust!

        Was deine Entscheidung angeht, so wünsche ich dir,dass du dich bald entscheiden kannst!

      1. Die „Kategorien“ heißen bei dir „Schubladen“. Dieser Text aber passt in keine hinein. Und das im besten Sinne. Ich fühle mich sehr angesprochen. Ohne dass ich es ganau erklären kann. Oder will.

  2. Ein starker Text, liebe Mützenfalterin, und für mich erscheint er heute wie ein Bild, bei dem sich für die Betrachter jeweils gänzlich unterschiedliche Assoziationen, Gefühle und Gedanken einstellen. Möglicherweise vor allem ganz andere, als die der Autorin. Und vielleicht doch ganz ähnliche. Er wird heute ausgedruckt und darf mich noch ein paar Tage begleiten.
    mb

    1. Liebe M.,
      das macht mich ganz verlegen. Aber freut mich natürlich. Wenn ein Text, wie ein Bild erscheint, und andere Geschichten auslöst, dann ist das Ziel eines jeden, der schreibt, erreicht.
      Danke für diese sehr schöne Rückmeldung.

  3. Als würde das geschriebene Wort trotz seiner enthaltenen Lügen und Verzerrungen uns Sicherheit geben. Also beruhigen sie uns, es ist okay, wir glauben, wir wollen es ja nicht anders.

    Danke, Mützenfalterin. Das Lesen tat weh, es machte meinen Nacken steif, ich weiß nicht, warum. Aber es liegt meistens an der Wahrheit, die einen verletzt.

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