Rom

In Rom wuchs mir einmal Nebel aus dem Zeigefinger, weil ich nie dort war. Weil dort ein Unort war und ich auf der Suche, das heißt abseits des Weges. Und blind für Zeichen, aber froh über die Botschaften, die ich nicht verstand. Wer braucht schon meinen Verstand, dachte ich. Ich wollte die Gedanken so gerne in Nebel verwandeln, dann hätte mein Zeigefinger mir Rom vernebelt.

Das

Wie ein nüchterner Ratschlag fühlte es sich an. Man konnte genauso gut liegen bleiben, die Schmerzen kultivieren, das Nichtstun. Dem Regen zuhören. Von einem Traum in den nächsten gleiten. Die Zungen der Lieblosen anschweigen und auf ein Ende warten. Das Ende wagt man nicht zu schreiben. Das Ende bereitet nach wie vor zu viel Angst. Die Zeit wird kommen, aber jetzt bin ich da.

Jeder Versuch einer Antwort ist eine Lüge

Das bewundern die Leute, wenn sich einer nicht aus der Ruhe bringen lässt. Wie er überhaupt hinein gekommen ist, in diese Ruhe, danach fragt niemand. Außer mir. Aber ich frage nur mich. Ich habe keine Stimme. Die Frage zu stellen, würde mich aus der Ruhe bringen, die ich nicht ansatzweise gefunden habe. Ich breche die Dinge ab, wenn sie beginnen eine Richtung zu verfolgen. Ich frage mich nicht, warum ich das tue. Ich bemerke es. Niemand stellt mir Fragen. Jeder Versuch einer Antwort ist eine Lüge.

Gedankenfetzen

Sonne, Mond und Sterne. Die Anerkennung fremder Gedanken. Die Anerkennung der eigenen Ahnungslosigkeit. Trauerränder.

Der Versuch, immer weiter zu machen, wieder anzufangen. Die Angst anzuerkennen, wahr zu nehmen, ihr einen Platz geben und trotzdem fortfahren. Fortfahren im Stillstand. Die Worte abwägen und verwerfen. Neue Worte finden und ausprobieren, jenseits von Angst und Zuversicht, jenseits von Liebe und Hass.

Die Gegenwart, der Gegenspieler. Wogegen? Gegen den Tag, die Nacht, die Vergangenheit? Gegen den Stillstand und für den Moment?

Die Sprache, die immer mehr weiß, als der, der sie spricht.

Aus dem Gesicht geschnitten

 

Auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst. Bananen, Äpfel und Mandarinen. Ich sehe nur das grelle Orange in der Mitte der Schale, das sanfte Gelb und das matte Grün nehme ich kaum wahr.

Stell sie weg“, sage ich zu meiner Mutter.

Philipp steht links von mir, Georg rechts.

Wenigstens die Mandarinen.“

Aber er isst sie doch so gern“, sagt meine Mutter und wendet sich ab.

Sie stellt das Brot auf den Tisch.

Mutter geht ihrem Mann entgegen. Philipp steht hinter seinem Stuhl und Georg lässt die Tür nicht aus dem Blick. So ist es jeden Abend. Ich habe keine Geschwister, weil mein Vater keine Kinder hat, sondern zwei Söhne und mich.

Seine breiten, weißen Hände sind ständig in Bewegung. Selbst die Luft zum Atmen teilt er uns ein. Mit dem Messer in der Hand berichtet er von seinem Tag. Er liebt es, meine Brüder zu demütigen.

Die Klientin hat mich an Georg erinnert. Dasselbe weiche blonde Haar und genauso weinerlich“, sagt Vater, „aber sie ist wenigstens eine Frau“, fügt er hinzu.

Georg schluckt. Seine Augen sind randvoll.

Mutter läuft vom Tisch in die Küche, füllt das Glas meines Vaters.

Ich suche die Tischplatte unter dem Tischtuch. An den Ecken, die von der Tischdecke nicht verhüllt werden und durch den dünnen Stoff hindurch. Ich kann durch das weiße Leinen die Struktur des Holzes erkennen und unsere Spuren. Philipps Zähne, die Kratzer meiner Feder, die Schramme von Georgs Lastwagen, der unbemerkt ein Rad verloren hatte.

Philipp hängt an den Lippen meines Vaters, wie ein Verurteilter, der die Augen nicht von der Schlinge lösen kann, in die der Henker seinen Kopf stecken wird.

Na mein Großer“, wendet sich Vater an ihn, „du bist nicht wie dein Bruder. Aus dir wird einmal ein Mann. Nicht Manns genug eine Familie zu ernähren, aber zum Glück gibt es Frauen mit Geld. Vielleicht gelingt es dir, eine von ihnen zu heiraten.“

Nur ich sehe Philipps Knie zittern. Er wackelt ein paar Mal mit den Beinen, dann ist sein Gleichgewicht wieder hergestellt. Er schüttelt den Schmerz aus seinen Beinen. Philipp wird ihm ähnlich. Er wird Vater immer ähnlicher.

Ich bin Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Seine Hände liegen auf dem weißen Tischtuch. Er greift nach einer Mandarine.

Wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ich habe seinen Namen bekommen. Meine Brüder haben eigene Namen. Ich bekam seinen Namen. Seinen Namen um einen einzigen Buchstaben verlängert.

Der Geruch der Mandarine entfaltet sich erst nach dem Verzehr vollständig. Dann nimmt Vater die Schale und sein Messer. Er ist nicht konzentriert bei der Arbeit. Das Ergebnis muss nicht perfekt sein. Er hat es eilig.

Das ist Luise“, verkündet er. „Alles, was sie zwischen den Beinen hat, sind ein paar dünne weiße Fäden.“

Meine Brüder lachen laut, das Lächeln meiner Mutter ist still.

Ich bin ganz ruhig, denn ich habe meinen Vater in der Hand. Während er die Mandarine schälte und sorgsam ein geeignetes Stück Schale für seine Schnitzerei aussuchte, habe ich Brotstücke und Krümel geknetet, in meinen Händen eine gefügige Masse aus ihnen geformt. Und während er schnitzte und mir mit dem Messer Kontur verlieh, formte ich seinen Körper aus dieser weichen weißen Masse. Seine Arme, seine Beine, sein Geschlecht. Während alle lachen, über die weißen Fäden zwischen meinen Beinen, amputiere ich seine Arme, schneide ihm die Beine ab und kastriere ihn.

Leg die Hände auf den Tisch, Luise“, sagt mein Vater, „und sieh mich an.“

Ich lächle ihm in seine blauen Augen und lecke mir einen Tropfen Blut von den Lippen.