Die Rückseite des Glücks

Die Wurzeln, das Wissen, die Liebe. Wer man ist, und wie man sich ein Leben lang hinter Fakten versteckt.

Ich verstecke mich in einem Koffer, den andere für mich gepackt haben. Aber eingerichtet habe ich mich selbst in all dieser Falschheit.

Glücklich zu sein ist so schwer. Weil es das Glück nur vor dem Hintergrund des Unglücks, des Verlustes gibt. Du hast Kinder, liebst sie über alles, was dich nicht davor bewahrt, Fehler zu machen. Sie gehen lassen zu müssen. Und plötzlich tun diese kostbaren Erinnerungen weh, gerade weil sie so einzigartig und unwiederholbar sind.

Wir sind traurig, weil wir einmal glücklich gewesen sind.

Zeit

Ich fürchte die Zeit. Ihren Stempel aus unumkehrbar und unwiederbringlich verloren, zu spät, nie wieder. Aber dann denke ich an das siebte Geißlein, das sich in der Standuhr versteckt, und so sein Leben gerettet hat. Ich verstehe, sogar die Zeit hat zwei Seiten. Ist verbunden mit allem, ist grenzenlos und begrenzt. Auch die Zeit ist Bewegung. Während mein Denken noch immer vom Stillstand ausgeht.

Gefäß

Ich bin ein Gefäß voller Leere, ein leeres Gefäß angefüllt mit Zweifel, Fragezeichen, Versagen. Die Zeit vergeht, aber sie nimmt mich nicht mit.

Laborwerte. „Sie sind gesund.“ Damit ist das Problem medizinisch gelöst und wieder da, wo es hingehört; bei mir.

Anne Carson lesen

In einem Gedicht auf der anderen Seite steht Demut (steht ihm zu) während die Worte liegen bleiben (unverbraucht).

Ein Atem, der davon träumt nichts zu verwandeln.

Eine kleine Brücke über die (unwidersprochenen) Widersprüche.

 

Ruhig beständig

wie die Zeit

fällt der Regen

 

Anne Carsons wahnsinnig gewordenes grünes Wohnzimmer, das dem Blick nicht mehr standhält, sich wiedererkennbar verändert. Weil ihm endlich egal geworden ist, wie die Blicke auf ihm ruhen.

 

 

Am Ufer steht eine Frau

Am Ufer steht eine Frau,

gebückt,

zusammengesunken, als hätten

ihre Knochen sich aneinander

geschmiegt, um besser der

Kälte zu trotzen, die von Jahr

zu Jahr heftiger angreift.

 

Jedes Jahr vier, fünf Möglichkeiten

weniger, sich aus den Zusammenhängen

zu winden, zu lachen

obwohl es weh tut.

 

Sie bewegt die Lippen,

zitternde Striche, die

Worte murmeln, die lauter sein

sollen, als die, die sie von selbst finden.

 

Der Wind reißt ihr die Laute

von den Lippen. Läuternd.

Berührt sie. Flüsternd.

Und sie schweigt.

Treibt hinaus

Kein Glanz,

nur ein offener Horizont.

Brief

Ich schrieb mir selbst einen Brief, der unmöglich zu entziffern war. Bleib bei mir, schrieb ich, lauf nicht ständig vor mir weg. Ich erinnere mich an dich, wie wir schwerelos hin- und herschaukelten, im dunklen Bauch deiner Mutter und doch hast du schon damals angefangen, mich zu vergessen. Ich sah dich älter werden, ich sah, wie du dich immer weiter vom Ursprung entferntest, auf der Suche nach mir. Ich war immer auf der anderen Seite. Suchtest du mich in der Tiefe, schwebte ich über dir. Suchtest du mich mit Ernst, war ich bereit mich zu offenbaren im Spiel. Ich war immer auf der anderen Seite. Ganz nah. Und unsichtbar. Jetzt schreibe ich mir einen Brief und hoffe, du bringst mir das Lesen bei. Denn ich bin müde. Müde nach Hoffnung zu suchen. Müde von all dem gestern, das sich mit Entschiedenheit vor mein Heute stellt.