Ein wenig Leben – Hanya Yanagihara

Als ich angefangen habe zu bloggen, vor langer, langer Zeit, und auf einer anderen Plattform, war da einfach die Aufregung, gelesen zu werden, Texte von mir zu zeigen. Später dann, mit der Mützenfalterin, war es meine Begeisterung für Künstler, Kunstwerke, für Literatur und Sprache, die ich teilen wollte, in den letzten Jahren zunehmend meine eigene Hilflosigkeit und Traurigkeit. Das fühlte sich nie wirklich gut an und nach und nach kam dann alles zum Erliegen, ohne dass ich wirklich gewusst hätte warum, ohne dass ich diesen Dreischritt, der jetzt hier niedergeschrieben steht, verstanden oder gesehen hätte.

Dann habe ich vor einiger Zeit wenige mysteriöse Sätze über „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara auf dem Blog Lesesaal gelesen, und gestern habe ich das Buch selbst zu Ende gelesen. Ein Buch, das, so deutet es Iris in ihrem Blog ganz richtig an, sprachlos macht, und mich so begeistert hat, wie schon lange nichts mehr. Es ist mir tatsächlich so ergangen, wie es in vielen Rezensionen zu diesem Buch steht, ich bin voll und ganz eingesogen worden von der Welt des Buches. Ich habe nicht begriffen, dass „Ein wenig Leben“ übertreibt (obwohl es im Nachhinein sehr offensichtlich ist), dass es auch ein Experiment ist, über das Nichterzählen zu erzählen, über die Sprachlosigkeit und über das Schweigen der Männer, die häufig einfach keine Worte finden für das, was sie empfinden. Ich habe mich nur gewundert, wie ich mich so gefangen nehmen lassen konnte, wie ich so eingetaucht bin in das Buch, und tatsächlich regelrecht von ihm verschlungen wurde.

Aber es hat mich auch mit einer fast vergessenen Begeisterung versorgt und mit der Lust, davon zu erzählen.

17. Februar

Ich sitze hier, lese die Besprechungen der Kollegen, sehe wie neue Sterne am Rezensentenhimmel aufgehen, und komme nicht umhin zu bemerken, wie ich selbst immer mehr in den Hintergrund trete. Und obwohl ich es nicht will, spüre ich Aufregung und Angst. Auf einmal steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, ob ich weiter Bücher besprechen will, wie ich die Freude daran zurück gewinnen kann, sondern da ist nur noch der Stress verursachende Aufruf: du musst etwas tun, damit du nicht ganz über den Rand fällst, an den du dich selbst gedrängt hast.

Und das Vertrauen, langsam wieder auf einen ureigenen Weg zurück zu finden, zu einer Art über Bücher zu sprechen, die meine ist, wird überlagert von der (eigentlich gesunden und vernünftigen) Verweigerung, mich diesem (selbstgemachten) Druck auszusetzen.

Romeo

Die Zeit schloss mich ein. Wie die Dornen und der Schlaf Dornröschen in ihrem Schloss. Unter dem Fenster fremdes Lachen, dabei sollte Romeo dort stehen. Jeder hat einen Romeo verdient und jeder hat verdient, dass einer seine Geschichte aufschreibt, so wie Shakespeare es getan hätte.

Wir aber schaukeln auf und ab auf den Lianen unserer Vernunft. Kommt Schlaf, kommt Rat. Bleibt er aus, versumpft alles in Niedergeschlagenheit. Wir haben unsere Kinder geschlagen. Heute reden wir von Baustellen. Dass wir etwas aufgebaut haben, damit unsere Kinder es besser haben, wenn sie später ihre eigenen Kinder schlagen. Erst auf dem Sterbebett, während der letzten Atemzüge, erkennen wir, es hätte genügt, wir selbst zu sein. Zu uns zu stehen, wäre mehr gewesen. So waren wir Eingeschlossene der Zeit, unfähig einmal auszutreten aus all dem Haben und Sollen, um einfach zu sein. Wie der kleine Junge am Fenster, der still und selbstvergessen, nur für sich, einfach nur tanzt.

Das Vollkommene einer verlogenen Geste

In den Sonnenaufgang schwimmen. Tonlos.

Nichts zu sagen haben, aber unfähig sein, zu schweigen. Nachts die Geräusche all der fremden Leben, morgens Wortfetzen der Empörung.

Die Stiefel neben dem Bett. Sonne und bleischwere Müdigkeit.

Sie haben mir meine Sprachlosigkeit vergeben. Losigkeit, so ein schönes Wort. Vielleicht gerade deswegen, weil ich nicht weiß, was es bedeutet. Möglicherweise nur das Gegenteil von Festigkeit.

 

Ist es so, dass Grenzen zwangsläufig Tod bedeuten? Unter der Vorgabe (dem Vorwand?), Leben zu schützen? Ist überall da Mangel, wo Angst blüht und Neid? Sind es nicht manchmal nur die falschen Fragen, eine (gefährliche, todbringende) Perspektive? Bei Menschen wie bei Wölfen? Und darf ich mich hinter einer meiner Lieblingsphrasen (was verstehe ich schon davon?) verstecken?

 

Vielleicht würde es zum Anfang genügen, einige Ausrufezeichen gegen Fragezeichen einzutauschen.

10. Februar

Ich bin mir abhanden gekommen, sagt die Frau, und lächelt in verständnislose Gesichter. Eine Zeitlang verstummen die Gespräche, werden nicht wieder aufgenommen.

Sie sieht sie an. Die freundlichen, ansehnlichen Gesichter. Gesichter, die eine gewisse Überforderung spiegeln.

Als die Gespräche zögerlich und leise wieder aufgenommen werden, erhebt sie sich, grüßt zum Abschied.

Und geht.

Der Punkt ist, dass ich tagelang darüber nachdenke, ob ich das ins Netz stelle, oder nicht. Das ist genau das Loch, in dem ich mich immer wieder um mich selbst drehe, weder ganz aufhören zu wollen, zu bloggen, noch einfach einzustellen, was mir eben so aus den Fingern fließt.

08. Februar

Es ist jetzt an der Zeit sich zu besinnen, wie persönlich Politik ist, schreiben kluge Menschen in Zeitungen und anderen Medien. Dass es nicht genügt Haltungsnoten an die Politiker zu vergeben, wenn man sich nicht selbst die Mühe macht, eine Haltung zu entwickeln und bestenfalls zu verteidigen. Natürlich bezieht sich das in erster Linie auf Trump und Bannon, auf all diese noch vor kurzem unvorstellbaren Dinge, die jetzt in Amerika geschehen, die das Land tief spalten in Beschämte und Unverschämte. Man sollte dazu den Beitrag vom 05. Februar von André Spiegel  auf seinem Blog fortlaufend lesen.

Aber das alles geht natürlich weiter. Da ist die anstehende Wahl in Frankreich und damit verbunden die Gefahr, dass Europa nicht nur in noch größere Schwierigkeiten gerät, sondern sich gänzlich auflöst, da ist überall so viel Bedrohung und Angst und geschürte Ressentiments, dass eine Meldung wie die, dass in Rumänien die massiven Demonstrationen der Bevölkerung tatsächlich etwas bewirkt haben, schlicht untergeht.

Der unausgefochtene Kampf

Ich, die versucht, sich vor dem Leben zu verbergen, indem sie nichts verlangt. A nice dead person. Und das Leben reagiert, der Körper, der den Geist besiegt, der unausgefochtene Kampf der Friedfertigkeit. Es gibt keine Reihenfolge, keine Ordnung. Cindy Sherman inszeniert das Alter, während Ilse Aichinger nie sterben, aber sehr lange schon (vielleicht von Anfang an) verschwinden wollte, immer kleiner werden, leichter auch, bis da nur noch ein Hauch ist, etwas Unerklärliches, das keine Spuren hinterlässt, und ganz sicher keine Narben. Stattdessen: der Dehnungsschmerz des Lebens, das immer (noch) weiter wächst, während es sich auf das Sterben vorbereitet, das mich schmerzhaft aus den Verstecken ausbuddelt, in denen ich versuche, mich zu verbergen.