Lost memories

Advertisements

Lass mich los

Eine weitreichende Deutung der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Jesus gelesen. Er ruft sie, aber als sie ihn berühren will, weil sie denkt, jetzt ist endlich alles wieder wie früher, stößt er sie zurück, sagt: Lass mich los. Das ist es. Und das ist schmerzhaft. Aber der andere Teil ist, dass nach dem Loslassen, dem schmerzhaften Abschied nehmen, die Möglichkeit (und sogar die Forderung) nach einem Neuanfang steht, die Auferstehung, nicht nur des gekreuzigten Jesus, sondern auch der leeren, sohnlosen Mutter. Irgendwie hat mich das getröstet, es fühlte sich an, als würde mich jemand verstehen, als hätten die Mütter schon vor 2000 Jahren so gefühlt.

Zwischenzonen – Teil II

Sama Alshaibi Aus der Serie Silsia

Sama Alshaibi verbrachte als Palästinenser-Irakerin ihre prägenden Jahre auf der Flucht von Land zu Land. Schließlich wählte sie dieVereinigten Staaten als Exil. „Wenn man in einer Welt nach 9/11 als Muslimin und Araberin in den USA lebt, muss man permanent über die eigene politische, kulturelle und nationale Identität verhandeln. Meine Arbeiten erzählen von sozialen, ökonomischen und politischen Umbrüchen. In „Silsila“ (arabisch für Kette oder Verbindung) zeichne ich gewissermaßen die Vergangenheit in die Gegenwart nach, um über die zunehmende Massenintegration zu sprechen, die aufgrund von Wasserknappheit entsteht.“

Für das im Marta gezeigte Projekt (verschiedene Videoinstallationen und Fotos aus diesen Installationen, die man zum Teil auch auf ihrer Webseite sehen kann) ist Alshaibi, die 1973 im Irak geboren wurde, sieben Jahre lang durch die großen Wüsten und gefährdeten Wasserquellen des Nahen Ostens und Nordafrikas bis zu den Gewässern der Malediven gereist.

Um noch einmal aus den zu jeder Künstlerin bereitgestellten Informationsblättern (Riesenlob an das Marta für diese großartige Idee!) zu zitieren: „Obgleich die Konflikte und Ängste der Gegenwart hier wirkungsvoll ins Bild gesetzt werden, spiegelt die ausgeprägte Symmetrie der Installation eine natürliche Ordnung der Welt wider und in den Verweisen auf die gemeinsame Vergangenheit der islamischen Welt kommt zugleich eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft zum Ausdruck.“

Ich selbst habe diese Arbeit weniger kritisch erlebt, vielleicht weil die starke Ästhetik der Bilder die Botschaften (für mich) überdeckt hat.

Lamia Joreige , die während des Libananonkrieges selbst aus dem Libanon nach Frankreich geflüchtet ist, hat mich mit ihrem Projekt „Objects of War“ nachhaltig beeindruckt. Objects of War ist im Zeitraum von 1999 bis 2014 entstanden. Joreige, die nach der Flucht nach Frankreich und einem Studium in Amerika nach Beirut zurückkehrte, hat für ihr Projekt Menschen ausgehend von subjektiv ausgewählten Gegenständen in Interviews von ihren Erinnerungen an Krieg und Flucht erzählen lassen. Mich hat die Erzählung eines jungen Mannes sehr beeindruckt, den ein bestimmter Geruch an den Krieg und seine Flucht mit der Familie erinnerte. Er war damals 5 oder 6 Jahre alt und hat die Bomben in erster Linie als schön empfunden. Auch die Flucht selbst habe er als Abenteuer erlebt. Das Verstörende, dass das Schreckliche nicht automatisch hässlich ist, sondern tatsächlich viele ästhetische Momente birgt, hat mir noch einmal einen neuen Blick auf Krieg und Kriegserlebnisse geschenkt.

Sie glaube nicht, dass mithilfe der Kunst oder irgendeiner anderen großen Aktion die Welt verändert werden könne, bekennt Morehshin Allahyari, die 1985 im Iran geboren wurde und heute in den Vereinigten Staaten lebt. Ihr Ziel sei vielmehr „Probleme aufzudecken, Dinge (zu) hinterfragen und schwierige Fragen (zu) stellen.“ „Ich möchte einfache Methoden verwenden, wie das Archivieren, das Entkolonialisieren von Archiven, das Teilen und Zugänglichmachen von Informationen sowie das Erschaffen von Foren und Communities.“

Noch einmal vom Info Blatt: „In Material Speculations (2015 – 2016) – einer Serie von 12 skulpturalen, in 3D gedruckten Objekten, die die durch Anhänger des sogenannten IS zerstörten historischen Artefakte der Städte Hatra und Niniveh reproduzierten – bewegt sich Allahyari aus der rein ästhetischen oder formalen Domäne des Kunstobjektes heraus und in den Bereich des Aktivismus hinein. Jedes der gedruckten Werke beinhaltet einen USB Stick mit einer Datenbank zum Original. Die digitalen Archive, die Morehshin Allahyari zusammengestellt und öffentlich gemacht hat, und ihre Kollaboration mit nicht-westlichen Institutionen zugunsten des Erhalts des kulturellen Erbes gehören originär zu ihrem Aktivismus und Kunstschaffen.“

 

 

 

 

 

 

 

Zwischenzonen – Künstlerinnen aus dem arabisch-persischen Raum

Ala Younis, Drawings, 2017

Gleich vorab; das war eine ganz und gar wunderbare Ausstellung. Angefangen mit der Organisation durch das Museum in Herford, das ja ohnehin umwerfend schön ist, bis hin zu den neun ausstellenden Frauen, die alle sehr unterschiedliche Wege gefunden haben, um Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse in ihren Herkunftsländern auszudrücken, ein Widerstand, der sich in der Intensität ihrer Werke äußert, wie der künstlerische Direktor es im Trailer zur Ausstellung nennt.

Es sind Fragen nach Zugehörigkeit und Identität, die die Frauen stellen, die aus dem arabisch persischen Raum stammen, aber inzwischen mehrheitlich im Westen leben. Besonders beeindruckt hat mich der künstlerische Weg von Ala Younis, die 1974 in Jordanien geboren wurde und dort lebt. Sie setzt sich in Fotos, Zeichnungen und Diagrammen mit dem politischen Gehalt der Performance auseinander, oder sollte ich schreiben mit dem performativen Gehalt der Politik? Das beginnt mit dem wohldurchdachten Selbstmord von Ibrahim Zayer, der sich ausgerechnet am Eröffnungstag einer Beiruter Gruppenausstellung erschoß, zu der er beigetragen hatte. In seiner Wohnung hinterließ er die Notiz: „Entschuldigung, dass ich Euch verstört habe.“ Younis versucht seinen Entschluss nachzuvollziehen, zu ergründen, inwiefern die politischen Umstände zu seiner Entscheidung beigetragen haben. Es sind ganz unterschiedliche Bereiche, in denen sie der Frage nachgeht, was inszeniert ist, und welche Wirkung die Inszenierung aus welchen Gründen und vor welchen Hintergründen hat. Im schön gestalteten Informationsblatt zu dieser Künstlerin heißt es: „In ihren neu zusammengestellten (historischen) Körpergesten entdeckt Ala Younis auf ihre Weise aktuelle Denkräume, die das heutige – scheinbar so „alternativlose“ – politische Handeln als geschicktes und effektvolles Spiel mit (bildlichen) Inszenierungen von Macht begreifen. “

Amina Menia, 1976 in Algerien geboren beeindruckt mich mit ihrem Statement: „Für mich ist Kunst Politik! Wenn ich nicht daran glauben würde, dass Kunst einen positiven Einfluss auf unser Leben und unsere Geschichten hätte, dann würde ich diese Tätigkeit nicht ausüben.“  In ihrem Werk „LOST QIBLA“versucht Menia Algier durch topografische Analyse und fotografische Zeugnisse zu rekonstruieren. „Gleich einer Archäologin der Gegenwart geht es auch Amina Menia darum, die kulturellen und historischen Werte der aktuellen Gesellschaft Algiers freizulegen.“

„Mit Kunst können wir die Menschen zum Denken bringen, zum Nachdenken über Gegebenheiten, mit anderen Hilfsmitteln zur Partizipation bewegen, und eine kreative Kraft angesichts einer schwierigen politischen und ökonomischen Situation erfinden,“ sagt Moufida Fedhila, die kurz nach Beginn des Arabischen Frühlings ihre Performance „Super Tunisian“ begann. Dabei animiert Fedhila als Super Woman verkleidet ihr Publikum, sich aktiv an den öffentlichen Protesten gegen die Staatsmacht zu beteiligen.

So viel für heute. Fortsetzung folgt.

Norwegen

Wie ist das so in Norwegen zu leben, fragt sie mich, in der Dunkelheit, umstellt von kargen Bergen? Und wie ist das so zu leben ohne Herz und Heimat, frage ich zurück, und dann lachen wir beide und wissen, wir wollen einander ganz bestimmt nicht wiedersehen. Was aber geschehen wird. Auch das ist uns möglicherweise bereits in diesem Moment klar.

 

Verlieren

Verlieren. Und dann, weil man verloren hat, verloren drein schauen.

Welche unserer Sätze sind echt, und welche dienen der sozialen Erwünschtheit, dem Image, dem lieben Frieden? Können wir noch fühlen, wann wir im Einklang sind mit unseren Sätzen und Handlungen, oder laufen wir mehr und mehr Gefahr, das Gefühl dafür zu verlieren? Denn das ist die wohltuende Echtheit, im Einklang mit sich selbst zu sein, unabhängig von den andern, nur so gelingt es, einander nah zu kommen, einander kennen zu lernen.

Dann entferne ich den Beutel aus der Tasse. Ich bin eine Banausin. Ich trinke Beuteltee (und verstehe kein Wort, wenn kleine Kinder mit mir sprechen). Das macht mich traurig. Das macht mich alt. Manchmal denke ich, das ist dasselbe; traurig und alt. Dabei hat Traurigkeit kein Alter, und das Alter keine vorgeschriebene Stimmungslage.

Etwas wiederfinden, was nie verloren war. Die Einsamkeit inmitten all der Menschen. Der leichte Schwindel, der alles begleitet. Was mir fehlt, weshalb ich nicht mehr schreiben kann, jedenfalls nicht so, dass das Geschriebene mich selbst begeistert, ist die Leidenschaft. Statt Leidenschaft nur noch Selbstmitleid und Pathos. Ermüdend und enttäuschend.

 

Edward Hirsch

A Partial History Of My Stupidity
Traffic was heavy coming off the bridge,
and I took the road to the right, the wrong one,
and got stuck in the car for hours.
Most nights I rushed out into the evening
without paying attention to the trees,
whose names I didn’t know,
or the birds, which flew heedlessly on.
I couldn’t relinquish my desires
or accept them, and so I strolled along
like a tiger that wanted to spring
but was still afraid of the wildness within.
The iron bars seemed invisible to others,
but I carried a cage around inside me.
I cared too much what other people thought
and made remarks I shouldn’t have made.
I was silent when I should have spoken.
Forgive me, philosophers,
I read the Stoics but never understood them.
I felt that I was living the wrong life,
spiritually speaking,
while halfway around the world
thousands of people were being slaughtered,
some of them by my countrymen.
So I walked on—distracted, lost in thought—
and forgot to attend to those who suffered
far away, nearby.
Forgive me, faith, for never having any.
I did not believe in God,
who eluded me.

Sisyphos

Ein Insekt, in Bernstein verewigt, gefangen, auf eine lebendige Art tot, während die auf dem Küchentisch liegen gelassene Uhr tickt, und ich wünschte, ich könnte die Ratschläge, die ich anderen gebe, selbst beherzigen. Beherzigen klingt wie Bergziegen. Bei Ziegen denke ich an die zwei kostbaren Besuche mit M. im Berliner Zoo und bei Berg an Sysiphos (den ich nie richtig schreibe) und seinen Stein, den er immer wieder, jedes Mal aufs Neue, vergeblich den Berg hinauf rollt. Vielleicht ist genau das ein Sinnbild für unser Leben; jeden Tag die Vergeblichkeit bezwingen, oder aber unsere Pflicht tun, Aufgaben annehmen, ausführen, von denen wir von Anfang an wissen, sie sind zum Scheitern verurteilt. Ist Sisyphos ein glücklicher Mensch (ich glaube Camus hat das behauptet), oder ist er bemitleidenswert? Ein Pechvogel? Ein Opfer? Und was ist das eigentlich für ein dämliches Wort „bemitleidenswert“. Als hinge das Mitleid von einem Wert ab. Erst ab einem bestimmten Wert von Unglück, Leid, Benachteiligung ergibt sich eine Berechtigung zum Mitleid, bedauert zu werden, sind andere aufgefordert, Mitgefühl zu zeigen.

Ich aber sage euch: keiner versteht den Schmerz eines anderen und doch: wer sich öffnet – dem Leid ebenso wie dem Glück, sich selbst ebenso wie die anderen – der wird belohnt werden.