Gedanken beim Besuch der Ausstellung „Künstler sein“ von Anna Oppermann

Dem Frau sein entkommst du nicht. Das denke ich bei den Frühwerken, die mich sehr viel mehr ansprechen als die großen Ensembles, mit denen Anna Oppermann bekannt geworden ist. Ich denke dabei an die anrührende Szene, die Marica Bodrozic in „Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe“ beschreibt. Wie ihre Cousins, mit denen sie ständig spielte, sie eines Tages ausschließen, beim geplanten Ausflug in die Höhlen darf sie nicht dabei sein. Weil sie ein Mädchen ist. Bodrozic beschreibt wie tief der Schock gewesen ist, als sie ihre Tante fragte, was sie denn tun müsse, um kein Mädchen mehr zu sein, wann dieser ausschließende Zustand denn vorbei sein, und zur Antwort ein „niemals“ erhält. Dem Frau sein entkommst du nicht. Der Trennung und dem Ausgeschlossen werden. Es ist uns auf den Leib geschrieben. Bestimmt sowohl den Blickwinkel mit dem wir sehen, als auch den, mit dem wir gesehen werden. Es ist der Rahmen, der uns hält und begrenzt. Auch die Netze, die wir spinnen, sind geknüpft von weiblichen Fingern.

Wenn Oppermann eine ihrer riesigen Ensembles, die über viele Jahre entstanden sind, „Zeichnen nach der Natur“ nennt, erhält das auf einmal eine viel weitreichendere Bedeutung. Das Nützliche und das Natürliche. Und dass sich das nicht immer ergänzen kann. Oppermann erfasst in ihren Bildern, besonders in den Collagen, durchaus auch die Abgründe der Natur.

Nerven, Synapsen, Dynamik und Bewegung. Das Flüssige wird fest. Was ist Selbstbestimmung? Wie findet eine zum eigenen Ausdruck?

Kunst erscheint vor diesem Hintergrund als Gegenentwurf zu den bestehenden Verhältnissen. Fast wie bei Rilke: „Du musst dein Leben ändern“.

Bestattete Geschichten

Früher dachte ich mir Geschichten aus. Die Bestatter wurden beschattet von meinen Geschichten. Ohne Hand und Fuß. Aber wortreich. Dann trennte ich den Saum der Geschichte auf. So wuchsen die Schatten. Bestatteten die Geschichten. Darunter mich.

Haushoch ungewollt

Eines meiner grundlegendsten Probleme war immer schon Scham. Als Kind war ich zu groß, später (bis heute) wusste ich zu wenig. Was für andere selbstverständlich war, war für mich eine Entdeckung. Ich konnte vieles nicht einordnen, weil ich die Hintergründe nicht kannte. Im einen wie im anderen Fall fühlte ich mich unterlegen. Keine gute Position, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Und das ist nur der kleinste Teil der Geschichte. Oder jedenfalls derjenige, der am meisten verschweigt.

 

Was ist Literatur?

Marlene Streeruwitz definiert Literatur als „Schreibung“ statt als Beschreibung von Welt. Der Versuch einer Konstruktion (oder Revolution?). Sie schreibt: „Ein Modell der Welt in Sprache“. Und: „Die in der Sprache hergestellte Figur von Welt hat die Fähigkeit, sich zwischen den Blick auf die Welt zu schieben. […] Literatur ist damit der Kampf gegen die Endlichkeit im Bericht über die Not, leben zu müssen.“

Über Kanonbildung und Literaturpäpste sagt sie: „Das ist kein interessierter Blick. Das ist ein Blick der Interessenslagen.“

„Literatur ist immer schon Beschädigtheit, Unvollkommenheit, Verzweiflung. Unerträglichkeit […] Sie verschafft der Bedürftigkeit und dem Begehren Zeit.“

Sie schreibt dies in der Neuen Rundschau 2019/1: „Jenseits von Raum und Zeit. Phantastische Literatur im 21. Jahrhundert.“ Der gesamte Text ist hier.

Freiheit

Ich schreibe nicht mehr. Was natürlich nicht ganz wahr ist. Ich schreibe Artikel, ich schreibe Besprechungen, und das zu meiner Erleichterung wieder mit sehr viel Freude an der Sache.

Aber ich habe die Freiheit beim Schreiben verloren. Die einfachen Sätze, oder auch die komplizierten Sätze, die einfach aus dem Kopf, dem Unbewussten, in die Finger und auf das Papier fließen. Denen gebe ich mich nicht mehr hin. Ich habe das nicht bewusst entschieden. Es passiert einfach nicht mehr. Und es fehlt mir. Wobei ich noch nicht genau zu sagen vermag, was mir eigentlich fehlt. Vermutlich die Freiheit. Die Freiheit, vor der ich mich vielleicht mehr fürchte, als vor allem anderen. Die Freiheit, zu sagen und zu schreiben, was ich will, ohne die Rückendeckung von Zitaten und Recherche. Die Freiheit, falsch zu liegen, die Freiheit fulminant zu scheitern, oder auch plötzlich und unerwartet genau den richtigen Ton zu treffen. Die Freiheit, mich zu verstecken, oder mich zu zeigen. Mich zu schämen, oder auszustellen, größenwahnsinnig oder kleinmütig zu sein. Oder alles auf einmal.

Ich habe die Freiheit. Aber ich gebe sie mir nicht. Ich lasse mich nicht frei sein. Ich lasse mich nicht frei.

Vor Jahren habe ich von Gefängnissen geschrieben, von Foucaults Überwachen und Strafen, es war ein guter Text, einer, in dem viel von mir steckte, und der dennoch aufging in etwas Größerem. Ich habe damals schon von Franz Biberkopf geschrieben, der aus dem Gefängnis entlassen wird, ohne frei zu werden. Das Gefängnis ist vielleicht in der Gesellschaft, aber sicher auch ein wenig in ihm. Und die Tatsache, dass mich dieses Buch von Alfred Döblin seit Jahrzehnten fasziniert und Franz Biberkopf mich immer wieder begleitet, liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass ich mich in ihm wiedererkenne. Als eine, die nach und nach aus einem nach dem anderen Gefängnis entlassen wird, und dennoch nicht rausgehen kann in die Freiheit. Nicht weil sie vergessen hat, was das ist, sondern weil sie sich vor der Verantwortung fürchtet, die darin liegt, frei zu sein.