Das Kind

Das Kind fällt schwerelos in ein Loch aus Zeit. (es müsste ein Strudel sein, denkt es, der mich einsaugt, bis nichts mehr da ist. Nicht der Hauch einer Erinnerung.) Aber da ist nur die Schwerelosigkeit. Das Loch. Und die Zeit.

Die Zeiten kollidieren nicht, wenn sie aneinander vorbeirasen. Es ist ein heilloses Durcheinander.

Plötzlich hat das Kind wieder eine Mutter, im nächsten Moment liegt es als Greisin auf dem eigenen Sterbebett. Die Bilder wechseln so schnell und ungeordnet, dass das Kind das Bewusstsein verliert. Alles ist schwarz. Aber nur eine kurze Zeit lang. Dann sieht das Kind seinen großen weißen Körper, aufgebahrt auf einem Bett. Überall an den Armen, den Leisten, und den Außenseiten der Beine, sind Stricke befestigt. Taue, die von hässlich gemeinen Kreaturen festgehalten werden, die es daran hindern, sich zu bewegen.

Nur der Kopf ist frei. Das weiß das Kind, obwohl es kein Gesicht erkennen kann. Das des gefesselten Körpers ebenso wenig, wie das der winzig kleinen, aber ungeheuer kräftigen Kreaturen.

 

Ihr seid alle nur da, weil es mich gibt, sagt das Kind, das das Kind gern sein würde. Und dann ist alles still und dunkel. Aber das Gegenteil von friedlich.

Am nächsten Morgen hat das Kind Kopfweh und Fieber. Aber es steht trotzdem auf. Zu funktionieren hat es gründlich gelernt. Und zu funktionieren beruhigt das Kind so gut und zuverlässig, wie nichts sonst auf der Welt.

Erinnerungen

Der Tisch im Garten trägt eine weiße Decke aus Raureif. Im Kopf die verfälschte Erinnerung, dass früher alles besser war. Ich stärker, die Dinge klarer. Vielleicht suche ich immer noch dieses alte Ich und kann es nicht finden, weil ich genau das all die Jahre versäumt habe: mich zu ändern. Mich nicht mit liebevoller Verwunderung zurückgelassen habe auf dem Weg.

 

Paradox

Im Traum drei Mal die Kontrolle über das Auto verloren. Es kam ins Schleudern, drehte sich immerzu um sich selbst, ohne dass ich eingreifen konnte.

Der Sinn auf den letztendlich immer wieder alles hinausläuft, ist das Paradoxe zu ertragen, hinzunehmen, zu akzeptieren, aus dem unser Leben nun einmal besteht. Alles hängt miteinander zusammen, also hat auch alles miteinander einen Sinn, ohne Zusammenhang erscheint wiederum alles sinnlos, solange die Zusammenhänge verleugnet, oder nicht erkannt werden, sieht alles beliebig aus. Später erst, oder wenn einen die richtige literarische Flaschenpost erreicht, fügen sich manchmal die disparaten Scherben zu einem bedeutungsvollen Ganzen.

Ist das paradox? Oder einfach nur eine sehr schwerwiegende Voraussetzung?

Aus Schweigen

Hier und da ist einer, der traut sich was. Ich aber, schweige mich aus. Als wäre das ein altes Hausmittel gegen Grippe. Als würde man so eine Krankheit los, und gewänne Gesundheit zurück.

Bewegung

Auf einmal konnte sie wieder gehen. Einfach weil sie darauf vertraute, dass ihre Schritte gut genug sein würden für den Boden, der sie nicht nur ertrug, sondern trug. Und ihr Widerstand entgegen setzte, wo es notwendig war, und sie weich auffing, wenn sie stolperte und fiel. Denn das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, sondern Vertrauen.

Vergänglichkeit

Bei den Eltern trauert man um die Vergangenheit, wenn der Partner oder ein Kind stirbt, wird einem Zukunft genommen. Die Trauer scheint nach dieser Logik in unterschiedliche Richtungen zu laufen. Macht das einen Unterschied? Für die Intensität der Trauer, den Schmerz an sich? Oder sind es nur unterschiedliche Erklärungen für das gleiche Gefühl?

Ich bin besessen von der Angst, der Vergänglichkeit. Und dem Scheitern beim unermüdlichen Versuch, eine Lösung zu finden. Dieser Angst mit Vertrauen zu begegnen, der Vergänglichkeit mit Annahme, Hingabe, Präsenz.

23. November

Das Seltsame ist, wie sie bis dahin angenommen hatte, dass alles linear verläuft, dass das Leben so etwas ist, wie ein langer gerader Weg.

Weil es richtig und falsch gab, und eine stetige Zunahme an Weisheit, als Fähigkeit, alles richtig zu machen.