Die kleine Frau spricht über Tiere

Von Tieren behauptet man, sagt die kleine Frau, sie hätten keine Scham. Das, und ihr fehlendes Wissen um den Tod, unterscheide sie von uns. In Wirklichkeit aber sind sie immun gegen die Zeit.

Erst muss man die Zeit als Macht über das eigene Leben akzeptieren, dann kann man Reihenfolgen, Listen mit Reihenfolgen, aufstellen und sich später schämen, dass man sie nicht eingehalten, dass man sich nicht an sie gehalten hat. Das, sagt die kleine Frau, ist der eigentlich Unterschied zwischen Mensch und Tier, zwischen unglücklich und glücklich, zwischen lebendig und verkopft.

 

Die Realität hinter den Zahlen

Die Geschichte von Faiz zeigt die Realität einer Flucht, die durch Zahlen und Kapazitäten und Gesetze nicht ausgedrückt wird. Es sind die simplen Eindrücke und eine mitfühlende, zuweilen überforderte Julia Tieke, die die Dringlichkeit einer besseren Asylgesetzgebung zeigt. Faiz ist weder eine Zahl, noch „der arabische Mann“, denn beides sind europäische Phantasmen. Die Realität seiner Flucht zeigt dieser Chat.

Aus Kevin Junks Besprechung von “Julia Tielke ° Faiz – Mein Akku ist gleich leer”

Scham und Kaltblütigkeit

„Nichts wirft mich aus der Bahn, niemals will ich die Tasche packen und helfen, aber andere tun das, was sie am besten können, sie nähen, fotografieren, reparieren, füttern oder trösten, oder, was auch ich könnte: sie schreiben. Ich tue es nicht, und genauso wenig höre ich weg (beides geht nicht), ich bin eine kaltblütige Zeitgenossin. Halbherzig lasse ich die Ereignisse in mich hineinrieseln, fadenscheinige Empörungsspuren ziehen sich durch die nächsten Tage, ich lese den Argumenten noch eine Weile hinterher, aber schon schlägt die nächste Kugel ein, […]“.

Das steht in Annette Pehnts Buch “Briefe an Charley”, das ich ohne die ausdrückliche Empfehlung von Marina Büttner, an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, wohl nicht gelesen hätte.

Dieses Zitat trifft es sehr genau. Mein Verhalten. Wofür ich mich schäme. Der Grund, warum ich jetzt schon mehrfach, jedes Mal eher erfolglos, versucht habe, beim AK Asyl zu helfen, „mich einzubringen“, wie man es wohl nennen könnte. Eine Wohnung für eine Familie zu finden, einer alleinerziehenden Frau zu helfen, eine Wohnung, die sie bereits hat, einzurichten, einen Text zu übersetzen… Aber all das überfordert mich, weil ich es nicht aus einer wirklichen zutiefst empfundenen Notwendigkeit tue, weil ich es nur tue, um mein Gewissen zu beruhigen. Weil ich zu kaltblütig bin. So wächst die Scham eher, als dass sie zu irgendeinem konstruktiven Tun führen könnte.

(8)

Die eigenen und die fremden Ängste. Und wie sich das zuweilen vermischt.

Einer geht fort und ein anderer kehrt zurück. Eine wartet so viele Jahre lang und eine andere sieht sich konfrontiert mit dem Ende des Wartens.

Den Verwandlungen denen wir anheim fallen, und nicht immer können wir sie mit Verwunderung annehmen, zuweilen ergreift uns Verzweiflung. Ein Wort stehen lassen, unbeantwortet, unbewertet. Und auf einmal entsteht ein Raum. Vielleicht können wir seine Weite und Behaglichkeit fühlen, bevor wir ihn mit der Enge unserer eigenen Leere bevölkern. Der Traum und sein alter Hut. Das ist die Geschichte vom Hutmacher, der sich nach sieben Jahren in einer Dachkammer wiederfand. Verwickelt in die eigenen Überlegungen. Der Graben in seinem Gedächtnis, und mit welchen Erwartungen, Enttäuschungen er ihn überbrückt.

(7)

Was Gespräche so schwierig macht, ist die begrenzte Anzahl zulässiger Fragen. Was uns wirklich interessiert, worauf wir wirklich eine Antwort haben möchten, das fragen wir irgendwann nicht einmal mehr uns selbst.

Null

Allein, die Null im Gepäck, stand der einbeinige Mann auf der Landstraße, sehnte sich nach dem Wind, vergriff sich beim Versuch einen Vogel mit seiner Schleuder zu treffen und gleichzeitig ein Mädchen im Blick zu behalten, wobei er nicht einmal wusste, warum er sie im Blick behalten wollte. Vorsicht und Rücksicht, nicht zu vergessen die Nachsicht und die Tatsache, dass beides nicht geht: Fragen und Antworten, aber auch keines ohne das andere. Sowohl als auch. Weder noch. Wir begrenzen die Aussicht und zentrieren den Blick.

 

Stimmen

Ich höre ihre Stimmen. Stimmen auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsen Werden. Und ich bin froh, dass das, was sie rufen oder tun, keine Erinnerungen hervorruft, keine Vergleiche, oder das Gefühl, zu wissen, was in ihnen vorgeht. Nur eine große Fremdheit und Einsamkeit.

Ich weiß nicht, wie ich warten soll, wenn meine Zeit doch so begrenzt ist. Sie wissen nichts von diesen Grenzen, sie sind so sehr verankert in der Gegenwart, dass sie tatsächlich unsterblich sind. Diese Trennung ist so vollkommen und absolut, dass eine große Beruhigung darin liegt. Eine gewisse Unerschütterlichkeit. Genährt von hartnäckigem Schweigen.

 

29. Januar

Früher sind die Geschichten aus mir herausgepurzelt. Ich bin aufgewacht, und schon vorher waren die Worte da, meine Hand bewegte sich einfach so über das Papier, willenlos irgendwie und unglaublich befriedigend und befreiend. Wann habe ich das verloren und warum?

Es muss etwas mit Erwartungen zu tun haben. Alles, was mir das Leben schwer und traurig macht, hat mit Erwartungen zu tun. Sobald die Erwartungen weg sind, wird alles leicht und hell und unerheblich. Als wären die Erwartungen das Brett vor dem Kopf, das jeden Blick verstellt und alles eng und beschränkt macht. Aber offenbar genügt es nicht, das zu wissen, um das Brett endgültig los zu werden. Vielleicht ist das „Ich“ dieses Brett und deshalb kann Kunst und Freiheit und Lust und alles, was wirklich schön und berauschend ist, nur entstehen, wenn man das los wird, selbstlos, das Icht nichten, wie Mechthild von Magdeburg es nennt, Simone Weil, Marguerite Porete. Diese Echtheit, die immer dann ganz selbstverständlich da ist, wenn man sich verliert, hingibt.

Mir ist klar, ich bin unruhig. Mir ist klar, ich bin durchsichtig, wie trübes Wasser. Mir ist klar, ich treibe auf dem Wasser, das mein Leben ist, egal wie sehr ich rudere, es ist vergeblich.