Dreh dich nicht um

Alles ändert sich. Selbst du. Selbst dein Denken, dem an allen möglichen Stellen die Enden abgeschnitten werden. Etwas richtet sich auf, du selbst aber bleibst liegen. Tödlich getroffen, weil dir keiner schenkt, was du dir selbst nicht geben kannst.
Die Zeit, hat man dir früher erzählt, heilt alle Wunden. Dass sie es tut, indem sie neue reißt, macht den Satz nicht zu einer Lüge. Dreh dich nicht um. Was hinter dir liegt, holst du nie mehr ein.

 

Singen

Wir schweigen, aber in das Schweigen legen wir all unsere Ansprüche, verstanden zu werden. 

Sonnenstrahlen fielen auf die Gleise, auf denen sie sich verirrt hatte. Sie ging ihnen nach. Was hatte sie jetzt noch zu verlieren, außer ihrem Anspruch trotz allem glücklich zu sein?

Manchmal legte sie den Kopf auf die Gleise, wartete auf das Singen der Schienen, das einen Zug ankündigte. Sie lauschte dem Singen lange nach, bevor sie im letzten Moment aufstand und zur Seite sprang, um den Zug an sich vorbeirauschen zu lassen.
Wem schulde ich meine Zeit? Sie machte ein Lied aus dieser Frage und lief weiter, den Sonnenstrahlen entgegen.
Dass sie einholen würde, was sie zurückließ, war ihr gleichgültig. Sie sah darüber hinweg.
Und ihr Blick trug weit.

Die Reise

Der Morgen betrug sich nüchtern. Die Sprache spielte uns aus.

Wir setzten unsere Pläne nicht behutsam durch, sondern mit einem harten Schnitt, um sicher zu gehen, dass sie nicht aufgehen würden.
Alles sollte aufwärts gehen, aber wir spürten diesen Sog nach unten. Der Himmel war wolkenlos blau. Vor einer Tür stand eine Frau, ganz schwarz und weiß gekleidet, und rauchte eine Zigarette, die sie sehr sorgfältig ausdrückte, bevor sie zurück in ihr Haus ging.

Etwas machte uns Angst, etwas anderes gab uns Hoffnung, wir befanden uns dazwischen. Orientierungslos.

Spät in der Nacht, in der Hoffnung, du könntest ebenso wenig schlafen wie ich, hatte ich dich angerufen. Ich hatte so lange auf dein Band eingeredet, bis du abgehoben hast.
„Weißt du, wie spät es ist?“, hast du gefragt. Diese dumme, klischeehafte Frage, die bereits in tausenden von Filmen und Büchern in ähnlichen Situationen gestellt worden ist. Ich schwieg. (Was vermutlich ebenso wenig originell war.)
„Und jetzt?“, sagtest du. Es klang versöhnlich.
„Du bist ein Scheusal.“
„Ich weiß.“
„Wir müssen verreisen.“
„So.“
„Am besten gleich morgen.“
„Warum nicht jetzt?“
Das hatte ich nicht erwartet.
Meine Hand zitterte, aber ich sagte mit fester Stimme: „Okay, in einer Stunde bin ich bei dir.“
Nachdem ich aufgelegt hatte, standen unzählig viele „aber“ im Raum. Ich packte sie mit in die Tasche, die ich ohne zu überlegen mit mehr oder weniger sinnvollen Dingen vollstopfte.
Als ich auf die Straße trat, dämmerte es bereits, und ich ließ mit jeder Beobachtung, die ich machte, ein aber zurück.

Schuhe zieht sie nachts nie an

Sie weint nicht. Manchmal stelle ich mir vor, sie täte es doch. Dann sehe ich Eiskristalle über ihr Gesicht rollen. So kalt ist sie, blaugrau die Haut, violett dort, wo die Adern durchschimmern. Ihre Venen, ihre Arterien, jede einzelne Blutbahn kann man sehen in diesem durchsichtigen Körper.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Wenn ich sie sehe, muss ich diesen Satz denken. Diesen Satz aus einer traurigen, schwarz und weiß gekachelten Geschichte. Und ihre lila Lippen zittern, ganz kurz sieht man die weißen Zähne, wie Spitzen von schneebedeckten Bergen. Ihre Haare sind weiß. Ein merkwürdiges Weiß. Ein Weiß, das nichts anderes ist, als die Behauptung, dass es keine Farben gibt.

Sie weint nicht. Ihre Augen sind stumpf, ihre Haare sind stumpf. Weiß und stumpf. Ihre langen Finger legt sie in den Schnee, bis sie blau anlaufen.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Und sie hat nichts aus den Trümmern gerettet. Nicht einmal ihre Haare, die man ihr kurzgeschoren hat. So kurz, dass ihre blassrosa Kopfhaut durchschimmert.

Ihre Augen sind stumpf. Aber sie sehen. Nach innen. Das ist das Schlimmste, sagt sie, obwohl sie nie spricht. Zu sehen, immer noch zu sehen, was andere längst überschrieben haben, begraben unter berghohen Akten.