LÜGE

Die Ohnmacht der Erinnerung, der wir die Lüge entgegensetzen können. Dürfen? Was ist eine Lüge? Warum hat sie diesen schlechten Ruf?

Ich vergesse alles, nur mich nicht. Oder ich vergesse mich und alles andere tritt sehr deutlich zu Tage.

Als hätten die Dinge (Tatsachen?) Umrisse, die man nur in der Undeutlichkeit oder der Lüge erkennen kann.

Also noch einmal: was ist Lüge?

Vielleicht nur die Verwandlung von Wahrheit in etwas, das auszuhalten ist. Manchmal eine Pflicht. Manchmal eine Lösung. Manchmal eine Lust.

Eine der Wirklichkeit verpflichtete Lüge, die die Wahrheit verbiegt. Die gute Lüge.

Die andere, die strategische, die manipulative und die ohne Not vorsätzliche Lüge, die gibt es auch. Aber über sie gilt es kein Wort zu verlieren. Man erkennt sie, und wendet sich ab. Wenn man jung ist, hat man noch den Willen und die Kraft, sie zu bekämpfen.

12. november

Wieder so ein wunderschöner klarer Herbstmorgen. Ich denke jetzt häufig an Marie T. Martin, die ich nie kennen gelernt habe. „Nur“ ihre Gedichte, die Bilder von ihrem schönen sanften Gesicht. Ihr Geburtsdatum kenne ich, so dass ich weiß, wie jung sie war, als sie gehen musste. Ich wünschte mir, sie könnte das goldene Herbstlaub sehen, sehen wie wir sie vermissen, selbst die, die sie kaum gekannt haben. Wie mag es erst denen gehen, die ihr wirklich nah standen!

Ich denke daran, wie uns immer wieder die Worte fehlen, um Trauer auszudrücken. Wie dankbar wir sind für die Formeln und Rituale. Und wie selten wir wirklich über Tod und Sterben nachdenken. Oder gar sprechen.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als mir bewusst geworden ist, dass auch ich sterblich bin, sterben werde. Wie sich alle Gedanken ins Leere drehten, wie sie eingesogen wurden von einem großen schwarzen Loch. Wie ich buchstäblich den Boden unter meinen Füßen verlor. Wie diejenigen, die tot sind, immer zahlreicher werden. Und wie gerne ich daran glauben möchte, dass man sich eines Tages wieder sieht, ohne Gebrechen und Krankheiten, ohne Müdigkeit und Schmerzen, um Tage und Nächte unentwegt zu lesen und zu dichten, zu reden und einander zuzuhören.

(49)

Ich schreibe jetzt nur noch den Toten. Manchmal schreiben sie zurück. Es ist nicht unheimlich. Einladend ist es auch nicht. Sie führen mich nur immer näher an eine Schnittmenge heran. Und meine Schritte (und vielleicht auch meine Schrift) werden willkürlicher, entziehen sich meinem Wissen. Werden weicher. Und nennen es Wehmut.

(48)

Ich habe ja keine Ahnung, sagst du. Und genau so ist es. Du hast ja keine Ahnung, sage ich, und meine damit, dass du diese verstörende Angewohnheit hast, die Dinge genau so zu benennen, wie du sie siehst. Als hätte nichts und niemand einen doppelten Boden.

(47)

Ich weiß nicht, wie der Hase läuft. Das Gute ist, je älter ich werde, umso weniger verstehe ich. Die Falten werden tiefer, die Knochen werden morscher. Die Fragen werden fragloser. Immer seltener ficht mich das an. Ich war, ich bin, ich werde. Um diesen Sachverhalt zu begreifen, braucht es Zeit. Vielleicht bin ich noch nicht ganz so weit. Aber sicher auf dem Weg. Was soll mich da kümmern, wie der Hase läuft?

Die Trauer der Bäume

Vielleicht geht es wirklich nur darum, dachte sie, um das Erkennen der Trauer. In den sich lichtenden Kronen, in den fallenden Blättern und kahl werdenden Ästen.

Und dann geht sie raus und zerstört. „Kommt mit zu mir“, sagt sie, und stellt Wein auf den Tisch. So beginnt die Geschichte. Sie hört allen geduldig zu. Märchen. Alkohol. Sie selbst sagt wenig. Trinkt nichts. Wenn die ersten gegangen sind und die letzten zu müde, um noch zu gehen, fängt sie an zu zeichnen. Sie weiß, dass es keine Wahrheit gibt. Aber die Bilder.

Sie zeichnet und der Zauber einer zutiefst sterblichen Nacht verpufft im Neonlicht. Es ist wie immer. Es gibt eine Zeit. Dann ist sie vorbei. Es gibt ein Bild. Das bleibt, obwohl alles sich längst geändert hat.

(46)

Wir stapelten unsere Träume im ungewöhnlich warmen Morgenlicht. Es war Herbst. Nachts fraß sich der Raureif in die Blätter, auf die Dächer und Straßen. Bis das Morgenlicht kam und uns glauben ließ, auch in diesen Tagen sei noch Raum für etwas Wärme.