Der Hunger der Zeit

Manchmal tauchen Erinnerungen auf, die sie jahrzehntelang vergessen hatte. Als wolle irgendetwas in ihr (aber was, wie nennt man diesen Bereich? Denn er muss einen Namen haben, um sich verständlich machen zu können. Auf keinen Fall ist es der Intellekt. Mehr kann sie nicht sagen) ihr Geschichten erzählen, ihr etwas vormachen. Oder sie erinnern? Die Zeit verschlingt uns. Die Zeit macht gar nichts. Die Zeit ist die Form, der wir uns ständig anpassen müssen. Ihre Kinder, wenn sie alle paar Wochen einmal zu Besuch kommen, können nichts mit ihr anfangen. Sie scheint weit entfernt, gefangen in ihren Geschichten von der Vergangenheit. Nahezu alle Sätze beginnt sie mit: weißt du noch? Wisst ihr noch?

Ihre Kleider hängen unförmig an ihrem immer dünner werdenden Körper herunter. Manchmal machen sich die Kinder Sorgen um sie. 10, 15 Schritte lang, bis sie in entgegengesetzte Richtungen davon gehen, zurück in ihr eigenes Leben. In eine Gegenwart, zu der sie keinen Zutritt hat. Die sie aus keinem verständlichen Gründen nicht betreten kann. Sie ist müde. Nie hungrig. Außer nach diesen Geschichten. Es war einmal. Weißt du noch.

Hast du manchmal Angst vor dem Tod?, hat die Schwester sie einmal gefragt, und sie hat sie, auf einmal sehr wach und aufmerksam, lange angesehen. Später hatte die Schwester ein schlechtes Gewissen, sie gerade mit einer derartigen Frage aus ihrer Lethargie, ihrer Weltabgewandtheit gerissen zu haben.

Glücklicherweise können es die wenigsten verstehen, dass sie sich unmöglich fürchten kann vor ihrem Tod. Denn sie ist schon so lange leblos, so lange vielmehr Teil des Todes, des Sterbens, als Teil der anderen Seite, der Lebendigkeit. Tod, das heißt für sie nur, dass die Erinnerungen aufhören werden, dass sie endlich verschwinden wird in diesen unüberbrückbaren Abgrund, der sie von den anderen trennt.

 

In der Bahn hört sie, wie ein Mann, er mag Mitte Dreißig, Anfang Vierzig sein, seinem Begleiter von einer Frau (seiner Großmutter?) erzählt. Ihr Problem sei, dass sie nicht wahrhaben wolle, dass sie 90 Jahre alt sei. Dass sie mit ihren 90 Jahren immer noch so tue, als wäre sie 70.

Vielleicht, denkt sie, hat die alte Dame die letzten 20 Jahre Differenz nicht gelebt (ist wie sie in den Erinnerungen gefangen gewesen), oder sie hat sie vergessen, weil sich die Tage so sehr glichen. So unterschiedslos eintönig, gleichförmig waren, dass sie immer wieder zurück fiel auf ihr 70. Lebensjahr, bis man sie erinnert, wie weit das zurückliegt, und dass es nun gilt, beherzt auf den Tod zuzuschreiten.

Ist es das, was der Mann meint? Dass eine 90jährige sich bereitmachen sollte, zu sterben, statt wie eine 70jährige am Leben zu hängen?

Fundstücke

Fundstücke

Während gestern auf Tausend Mutterbilder das Projekt mit dem ersten Bild angelaufen ist, ist mir am Wochenende ein so schönes Motiv vor die Kamera gelaufen, dass ich es mit euch teilen möchte. Immer verbunden mit der Einladung auch den neuen Mutterbilder Blog zu besuchen und eventuell eigene Gedanken, Geschichten, Bilder, Gedichte, Briefe oder was auch immer zum Thema Mutterbild beizutragen.

Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.

 

Tausend Mutterbilder

Dass ich so viel, zumal positive, Resonanz erhalten würde, auf dieses Projekt über Mütter zu reden, über Mutterschaft und Mutterrolle und all die Bilder, die wir selbst und die Gesellschaft uns über Mütter machen, damit hatte ich nicht gerechnet. Das freut mich ungeheuer. Die ersten Texte sind bereits eingetroffen, Hinweise und Ideen und viele Äußerungen der Bereitschaft. Gleichzeitig hat sich beim privaten Lesen eine kleine vorläufige Struktur herausgebildet, und ich habe mich jetzt entschieden, dass ich einen eigenen Blog zu diesem Thema erstelle: Tausend Mutterbilder. Dort sollen nach und nach tausend Beiträge enstehen, die das Mutterbild ergänzen, einander widersprechen, neue Perspektiven eröffnen und es ermöglichen von möglichst vielen Seiten auf dieses sehr emotionale und vielschichtige Thema zu blicken. Es ist ganz ausdrücklich ein Work in progress, so dass auch in zwölf Monaten oder zwei Jahren noch Beiträge willkommen sein werden, die Struktur des Blogs wird sich vermutlich von Zeit zu Zeit ändern, weil ich nur die grobe Richtung kenne, im übrigen bestimmt ihr, wo es lang geht. In diesem Sinne freue ich mich, euch auf Tausend Mutterbilder begrüßen zu dürfen.

Mutterbilder

Im Grunde ist das Thema nicht neu. Vor zwei Jahren habe ich mich in Form der „Mutterbilder“ damit beschäftigt, und hervorgegangen war diese Auseinandersetzung aus der wiederum ein Jahr zuvor stattgefundenen Diskussion um Kompromisslosigkeit in der Kunst.

Nicht neu und nie veraltet, ist das Mutterthema eines der unerschöpflichen Themen der Menschheit. Obwohl wir seit Jahrhunderten darüber reden, was eine Mutter ist, obwohl wir alle Mütter haben, bzw. gerade deshalb, ist dieses Thema nie beendet, ist in diesem Bereich niemals alles gesagt. Und wie zutreffend es ist, dass auch immer noch nicht alles gesagt werden darf in diesem Bereich, beweist die sehr emotional geführte Debatte unter dem Stichwort „regretting motherhood“, die letztes Jahr durch das Buch der israelischen Soziologin Orna Donath angestoßen wurde.

 

Es gibt so viele Aspekte des Mutterthemas. Und alle interessieren mich.

Der gesellschaftliche Druck, die Orientierungslosigkeit, weil alles zu einer individuellen Entscheidung geworden ist, ob man Mutter werden will und wann, ob man das Kind allein bekommt, oder von Anfang an gleichberechtigt mit dem Vater aufziehen will. Darüber habe ich im Zusammenhang mit einem der Mutterbilder geschrieben, die mir Susanne Haun damals freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Neben diesem gesellschaftlichen Aspekt, aber davon natürlich nicht unbeeinflusst, existiert die sehr wichtige und weitreichende Frage, wie sich das Verhältnis, aber auch das Verständnis und die Vorstellung von der eigenen Mutter ändert, sobald man selbst Mutter wird.

Wie viel Macht hat eine Mutter, wie prägt sie ihr Kind, wie hat unsere Mutter uns geprägt?

All das interessiert mich sehr.

Und daher wünsche ich mir Geschichten von euch, über eure Mütter, über euer eigenes Muttersein, über eure Entscheidung Mutter zu sein, oder eben nicht Mutter zu werden, fiktive Geschichten oder Tatsachenberichte. Gesellschaftspolitische Überlegungen. Zeichnungen, Collagen und Bilder. Briefe und Lieder. Alles ist willkommen.

Währenddessen lese ich den Stapel Bücher durch, den ich mir zu diesem Anlass ausgeliehen und angeschafft habe, vielleicht wird ein roter Faden sichtbar, mehrere Fäden, die Muster ergeben, so dass ich gruppenweise eure Beiträge präsentieren und anhand meiner eigenen Überlegungen kommentieren kann.

Ich freue mich über jeden einzelnen Beitrag unter: muetzenfalterin@web.de.

Schon im voraus herzlichen Dank für euer Interesse und für die, hoffentlich zahlreiche und vielfältige, Beteiligung.

Ich sollte vielleicht noch ergänzen, dass nichts hier im Blog ohne nochmalige Rücksprache erfolgt, und dass die Beiträge gerne auch anonym sein dürfen. Und weitersagen ist ausdrücklich erwünscht.

Überfluss

Heute vor fünf Jahren, erinnert mich WordPress, habe ich diesen Blog begonnen. Damals, erinnere ich mich, war Bloggen noch aufregend. Immer wenn ich einen Artikel freigab, war ich ein kleines bisschen aufgeregt, freute mich auf Reaktionen und Kommentare, war neugierig darauf, was anderswo in den Blogs passierte. Obwohl WordPress viel viel größer und unübersichtlicher war als twoday, wo ich zuvor meinen Blog hatte, hatte ich nicht das Gefühl der Überforderung oder Überschwemmung. Es war eine Fülle aus der ich schöpfen konnte. Wann und vor allem warum daraus eine Flut wurde, die mich unter sich begrub, und meine Neugier wegschwemmte, bis da nur noch ein riesiger Überdruss war, weiß ich nicht. Ich glaube es hat sehr viel weniger mit der Plattform, der Vielzahl von Blogs oder gar deren Inhalt zu tun, als mit mir selbst.

Und ich erzähle das alles hier auch nur, weil ich merke, dass sich langsam wieder etwas ändert, ich bin wieder neugierig, ich habe wieder Lust, selbst etwas zu erzählen und beizutragen. Es gibt sogar ganz konkret eine neue Idee, an der ich langsam aber beständig arbeite, und die ich hoffentlich bald hier präsentieren kann. Vielleicht hat dann die eine oder der andere von euch Lust an diesem Projekt mitzuwirken. Wir werden sehen.

Birgit Kreipe – Soma

In der sehr lesenswerten Zeitschrift „Mütze“ beschreibt Ron Winkler in einem Beitrag über Sebastian Häfner das Gedicht als Raum von Wahrnehmung und Wahrnehmungslücken, und genau nach dieser Definition verfährt Birgit Kreipe in ihrem überaus lesenswerten Gedichtband „Soma“.

o.T.

Ich bin jetzt alt und festgelegt. Und ein bisschen verwahrlost.

Aber was ich am meisten bin, was mich sozusagen auszeichnet, ist meine Hoffnungslosigkeit.

Ich bin mir so sicher, dass mir ohnehin nichts mehr helfen kann, dass ich getrost alles ausprobiere. Ich mache Pilates, meditiere, gehe zum therapeutischen Reiten, zu Selbsthilfegruppen und arbeite, selbstverständlich unentgeltlich, in diversen gemeinnützigen Projekten. Ich betreibe einen Blog, den niemand liest und schmiere meinen Kindern, obwohl sie längst erwachsen sind und schon lange nicht mehr bei mir wohnen, jeden Morgen Butterbrote mit ihrem Lieblingsaufschnitt, die ich dann so lange in der Sonne liegen lasse, bis sie anfangen zu schimmeln.

Meinem Mann, der abends widerwillig von seiner echten oder auch nur vorgetäuschten Berufstätigkeit nach Hause zurück kehrt, erzähle ich, dass die Jungs wieder ihre Pausenbrote nicht gegessen haben.

Woraufhin er schweigt.

Und wie war dein Tag?

Woraufhin er den Fernseher einschaltet.

Das ist der Moment, an dem ich mich endlich in die Küche zurückziehen kann, wo meine Hoffnungslosigkeit schon mit einer Flasche Pflaumenschnaps auf mich wartet.

Morgen werde ich 50. Dann könnte ich mit Studieren ab 50 anfangen. Und vielleicht leiste ich mir eine Flasche Campari, statt den ewigen Pflaumenschnaps.

 

Festhalten

I

Sie ist eine Falte im Lauf der Zeit. Im Mantel der Erde.

Ein kleiner Faltenwurf, der ständig verzweifelt versucht, etwas zurück zu halten, fest zu halten, sich selbst nicht zu verlieren. Statt sich zu umarmen, damit sie die Welt umarmen kann, und nicht nur immer wieder ihre Erinnerung an die Welt, wie sie einmal gewesen ist.

 

Ein heftiger Regen ging nieder, und noch während des Regenfalls, bricht der Himmel auf, wird blau. Sie spürt ihr Blut zirkulieren, sieht wieder das verschlafene verschmitze Gesicht ihres Sohnes. Sieht sich selbst verschwinden.

 

Ich bin nur ein Gedanke. Auch der Schmerz ist nur ein Gedanke, an dem ich festhalte, weil ich fürchte sonst ins Bodenlose zu fallen. Keine Idee vom Fliegen. Um fliegen zu können, muss man loslassen. Etwas, das ich nie gelernt (oder sehr gründlich verlernt) habe.

 

II

All die Frauen, die kurzfristig in sein Leben getreten waren, und dann, leicht beschädigt, aber auch irgendwie geläutert, wieder daraus verschwanden, während er zurückblieb, verwundert. Nach wie vor die alten Wunden leckend.