100 Worte. 100 Tage. Tag 20

„früh begann die biegung unserer geschlechtswörter, gestaltet als kiefern vor küstendüne – geschmeidig, mit flachen wurzeln, androgynem wuchs.“

Uljana Wolf. „Meine schönste Lengevitch“.

Sie reden von Biegung, nicht von Beugung. Sie reden auch von Geschlecht. Als wenn das Begriffe wären, die ich verstehen könnte. Die mir Halt geben könnten. Ich in Gestalt einer Kiefer vor der Küstendüne eines kargen Landstrichs, halte mich stattdessen aufrecht mit Hilfe meiner flachen Wurzeln. Wurzeln, die mich weder verankern noch frei lassen. Also biege ich mich. Mit dem Wind, oder in der Windstille eines Sommertages mit Hitze und vergeblicher Hoffnung auf Regen. Wie groß die Entfernung zwischen uns auch sein mag, wir bleiben verbunden. Jede flache Wurzel kennt die andere, weiß wie sie sich biegt. Bevor sie bricht.

100 Worte. 100 Tage. Tag 19

„heute Nacht bin ich aufgewacht

weil mir alles wehtat.“

Ulrike Almut Sandig „Leuchtende Schafe“. Gedichte

Wir sind Verwalter der Zeit. Laufen den Uhren nach und ticken wie die Zeiger stetig vorwärts, gleichmäßig, still. Ohne besondere Vorkommnisse vergehen die Stunden und Tage, die plötzlich zu Jahren geworden sind. Ein Haufen von Jahren, unter dem wir uns vor lauter Zeit nicht wiedererkennen. Nur zwischendurch, wenn ein Schmerz das Gleichmaß unterbricht, wachen wir auf und sehen, wer wir eigentlich sind; ein Haufen Fleisch und Sehnen, Nerven und Knochen. Und vielleicht noch ein bisschen mehr. Finger, die zart eine fremde Haut berühren, ein Mund, der Worte flüstert, die Schmerzen lindern können. Oder dafür sorgen, dass man eine Kleinigkeit versteht.

100 Worte. 100 Tage. Tag 18

„Die Geschichte meines Lebens gibt es nicht.“

Marguerite Duras. „Der Liebhaber“

Verlagerungen. Schichten. Manchmal stelle ich mir vor, die Geschichte meines Lebens ist so aufgebaut so wie die Türme, die mein jüngster Sohn lange Zeit nicht müde wurde zu bauen. Jedes Erlebnis, jede Erfahrung ist ein Scheit und jedes Mal bauen sie auf unterschiedliche Weise aufeinander auf. Zwischenräume sind ebenso notwendig, wie diejenigen Bausteine, die einander stützen und direkt aufeinander liegen. Nähe und Freiraum. Manchmal trägt die Bauweise, manchmal sorgt ein zusätzlich aufgetürmtes Element dafür, dass alles einstürzt. Es gibt unfassbar viele Möglichkeiten. Alle tragen den selben Namen. Ob sie Stabilität verleihen oder zerstörerisch wirken. Man sieht es ihnen nicht an.

100 Tage. 100 Worte. Tag 17

„Der Lesestoff ist grün,

fällt ein durch quadratische Fenster“

Ilse Aichinger „verschenkter Rat“. Gedichte

Gras wächst über den Brief. Ich habe ihn vergraben und gewartet. Ein Jahr, ein weiteres Jahr. Ich konnte sehen, wie Insekten und Würmer über das Papier marschierten. Ein Papier, das einmal strahlend weiß gewesen war, bevor ich es mit Buchstaben veränderte. Das dann der Natur ausgesetzt wurde. Der Hitze und Kälte, der Trockenheit und Nässe, das sich verwandelte, langsam aber beharrlich, in etwas, aus dem etwas anderes wuchs. Das zu seiner Bestimmung zurück fand, wie diese Zeilen, die jetzt niemand mehr entziffern kann. Was nicht notwendig ist, weil jeder versteht, was geschehen ist, und weiter geschehen wird. Tag für Tag.

100 Tage. 100 Worte. Tag 16

„und immer öfter spreche ich mit motten und vögeln

sie fragen nicht nach irgendwas

sie sind einfach da“

Volha Hapeyeva. Drei Gedichte. Übersetzt von Matthias Göritz. In: „Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils.“

Vor dem geöffneten Fenster sehe ich ein Rotkehlchen, wenig später eine Blaumeise. Ich denke an meine Großmutter. An ihr Küchenfenster. An die Kastanie, die vor diesem Fenster stand. Mein Großvater trug die Kastanien, die als Früchte vom Baum fielen, in seinen Manteltaschen, während meine Großmutter in eine Decke gehüllt vor dem Fenster saß und das Kommen und Gehen beobachtete. Beide waren ganz fraglos da für das Kind, das ich gewesen bin. Meine Großmutter mit ihren warmen Händen innen, mein Großvater mit seinen Kastanien in den Taschen draußen. Und ich wie ein Vogel dazwischen, schwerelos schwebend von einem Ast zum anderen.

100 Worte. 100 Tage. Tag 15

„Die Tarantel krallt den Clown im Rausch, und Blitze zucken durch den kränklichen Himmel.“

Paul Bowles. „Fast nichts“ Übersetzt von Jonis Hartmann

Sie sprechen von dir. Jeder kann es hören, niemand will verstehen. Als wir Kinder waren (manchmal frage ich mich, ob wir jemals etwas anderes geworden sind, ob wir nicht im Grunde immer noch Kinder sind, ein anderes Mal kann ich mir nicht vorstellen, dass auch wir einmal Kinder gewesen sind) hast du mich beeindruckt, weil du keine Angst hattest vor Spinnen. Während ich in den Himmel sah, hast du dich konzentriert auf das was über den Boden kroch. Boden und Himmel sollten gleichviel zählen. Ich verlor dich aus den Augen. Jetzt sprechen sie von dir. Als seist du eine Krankheit.

100 Worte. 100 Tage. Tag 14

„jetzt gibt es mich mit den schwarzen hunden die schicken mich

woher sie auch immer lass ich mich führen so leicht an der

leine so geführig gehe ich auf mein fröhliches ende zu.“

Nancy Hünger „4 Uhr kommt der Hund. Ein unglückliches Sprechen.“

Wie die Dinge den Körper anlaufen, wie einen Hafen. Oder ist es der Geist, der überschwemmt wird von Gedanken? Den eigenen und denen anderer? Was ist das, das Ich? Eine unbeantwortbare Frage, die immerzu neue Antworten und Erinnerungen und vermeintliche Besitztümer anhäuft. Unglück auch und Glück manchmal. Wenn es gelingt loszulassen. Die Erwartungen und Enttäuschungen, die Bilder und Poesiealbumsprüche, wenn es gelingt, von all dem abzusehen und wirklich nur zu erleben, was jetzt gerade da ist, der leichte warme Wind auf der Haut, Gedanken, die wie die Wolken am Himmel kommen und gehen. Und ich. Wer auch immer das ist.

100 Worte. 100 Tage. Tag 13

„Ja, dieser Körper könnte ein Leichnam sein, und er ist weiblich.“

Gundula Schiffer „Gronau/Gauguin“ Langgedichte

Der Raum ist eng und gleichzeitig riesengroß. Es ist dunkel und hell zur selben Zeit. Ich bin allein mit diesem Körper, der auf einem Tisch in Hüfthöhe vor mir liegt. Wie eine Schlafende, die man nicht zugedeckt hat. Ich konzentriere mich auf ihr Gesicht. Weil ich mich immer auf ihr Gesicht konzentriert habe. Es ist ein unglaublich weißes Gesicht. Alle Farben sind weg. Dabei gehören Sommersprossen in dieses Gesicht. Meine Mutter das war ein Lachen und Sommersprossen. Und jetzt ist da eine sehr bleiche Maske. Von der ich Abschied nehmen soll. Als wäre sie meine Mutter. Es gelingt mir nicht.

100 Worte. 100 TAge. Tag 12

„Vor den Ampeln warten Autokorsos wie gehäutete Erinnerungen.“

Ralf Burnicki „Lichtaspirin“

Immerhin bleiben wir stehen, immerhin sind wir einheitlich auf die Farben rot und grün geeicht, wir stehen und warten. Wir sind in diesem kleinem Kasten unseren Gedanken ausgesetzt, deshalb stellen wir das Radio an, lassen uns von den Stimmen berieseln. Berieselungsanlage Radioprogramm. Wir hören Musik und Nachrichten, die sich über unsere kleinen einfältigen Gedanken legen können. Nachrichten, die uns nicht enthalten. Musik, die nicht uns meint. Allein das ist erholsam. Wir wissen, dass etwas darunter liegt, unter dem Warten, der Berieselung, der Ablenkung durch Nachrichten. Aber bevor dieses Wissen uns erreicht, schaltet die Ampel auf grün und wir können weiterfahren.