(27)

Wenn das Leben ein Widerspruch ist, (gegen den Tod zum Beispiel), scheint es folgerichtig, Trost in Paradoxen zu suchen und zu finden (darin zu verschwinden). Oder vergeben. Und die Frage: wem vergibst du dein Leben?

(26)

Was ist eigentlich Verlust? Verleugnung der Lust? Lust am Verlieren? Und was hat das mit Vertrauen zu tun? Wie verändert die Vorsilbe „ver“ die Begriffe? Ver- lieben, ver – lieren, ver – geben, ver – stehen. Was für ein Rätsel.

Ver- schließen nicht zu ver – gessen. Und aus geborgen und gewesen wird verborgen und verwesen.

(25)

Redlichkeit und wie wenig das mit Reden zu tun hat. Ausdauer und Hoffnung, Festhalten und Loslassen, den Schmerz nicht nur aushalten, sondern durch ihn hindurchgehen, bis du dich selbst vergisst, bis da nur noch der Schmerz ist und gleichzeitig, trotz allem, die Freude, dich los geworden zu sein.

(24)

Der Angriff auf die Ungenauigkeiten. Immer wieder. Selbst auf die Ungenauigkeiten meines Schmerzes.

Der Glaube, dass mich alles verlassen hat. Dass es Zusammenhänge gab, in denen ich nicht nur geborgen, sondern aufgehoben gewesen bin, die nun zerstört sind, nicht wiederholbar. Nie wieder werde ich mich so vollständig, so ganz, so glücklich fühlen, wie während der Schwangerschaft. Als wäre damals nicht auch die Angst um das Kind gewesen, die Sehnsucht, es endlich zu sehen, in den Armen zu halten. Als wäre nicht alles von Anfang an auf Vergänglichkeit ausgerichtet.

(23)

Es war nicht die Zeit, die mir an die Gurgel ging, alles eng machte und einschränkte. Es waren meine Vorstellungen, die immer wieder gegen eine Mauer aus Vergangenheit und Vorurteilen liefen.

Ilse Aichinger

Ein jeder bewohnt mehrere Zimmer in einem geräumigen Haus, versteckt seine einfältigen Gedanken und sucht nach wie vor Trost bei den Bäumen.

Eine aber entscheidet sich für die Küche der Großmutter, wo sie Worte solange verwirft, bis nur noch das Notwendigste auf dem Papier steht.

Die Not und wie sie jeden Tag verwandelt. Die Hingabe, die die Eitelkeit besiegt.

Sie spricht so klar, dass es vielen wie ein Rätsel erscheint. Ihr Verschwinden birgt die größte Präsenz.

(22)

Aufregung. Schleier vor den Augen. Immer wieder die Frage, wie man sich richtig verhält. Als wenn es das gäbe: richtig. Es gibt nur das Richten. Und die Aufrichtigkeit, der das egal sein kann.

20. März

Terror in Tunesien scheint nicht sehr interessant zu sein, da regt man sich lieber über einen ausgestreckten Mittelfinger auf, oder lässt sich über die Sonnenfinsternis aus. Wenn es um die Ausschreitungen in Frankfurt geht, disqualifiziert man sich, wenn man die berechtigte Frage stellt, woher die Wut und Gewalt kommt, als würden sich diese Frage und die Distanzierung von Gewalt ausschließen. Die Macht der Medien und der Bilder und unsere eigene Ohnmacht, weil wir mehr und mehr verlernen selbst (oder sogar kritisch) zu denken.

(21)

Die Erfahrungen, die wir machen; aktiv, lustvoll – und die anderen, die uns widerfahren, sich einschreiben. Einschneiden. In die Gesichter und Geschichten schreiben.

Die Gewalt unüberlegt nachgeplapperter Redewendungen. Einwandfrei. Widerspruchslos. Ein Sprechrhythmus, der sich öffnet für den Sinn, indem er ihn hinter sich lässt. Der Moment Dunkelheit, wenn man durch die Oberfläche ins Innere vordringt.

Eintauchen in die Vergänglichkeit.