Destruction of the Father Reconstruction of the Father – Louise Bourgeois

Gestern ist Destruction of the Father gekommen. Gleich der erste Satz ist aufschlussreich. Wie viele von uns hat Bourgeois keine leichte, vielmehr eine folgenschwere Kindheit erlebt. Aber sie bleibt nicht bei dieser Einsicht stehen, nicht dort, wo wir registrieren, welche Folgen bestimmte Umstände und Erlebnisse dieser Zeit noch heute für uns haben, sondern sie macht sich ihre Geschichte zu eigen, sie bedient sich ihrer magischen Kraft, die sich aus dem Dunkel und der Dramatik speisen. Nicht um (selbstmitleidig) dort zu verharren, sondern um hinaus zu gehen damit, hinaus aus sich selbst und hinaus in die Welt.

Ich heiße Louise Josephine Bourgeois. Ich wurde am 25. Dezember 1911 in Paris geboren. Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten der letzten fünfzig Jahre, für alle meine Themen ist in meiner Kindheit zu suchen.

Meine Kindheit hat nie ihre magische Kraft, nie ihr geheimnisvolles Dunkel, nie ihre Dramatik verloren.

 

23. April

L.B,., Duras, die Aichinger – als Ersatz für die Großmütter, die ich viel zu früh verloren habe.

Es passiert ja nicht einfach so, dass man unterdrückt wird. Man lässt es zu. Aus Angst. Angst vor Gewalt, oder Angst, nicht geliebt zu werden.

Und der Ausweg besteht sehr häufig (vielleicht sogar immer) darin, die Betrachtungsweise, die Art zu denken, zu ändern. Umzukehren, eine andere Richtung einzuschlagen.

 

Kunst

“Kunst ist nicht Reinheit, sie ist Reinigung. Kunst ist nicht Freiheit, sie ist Befreiung (…) sie ist nicht Unschuld, sondern Unschuldigwerden. Vielleicht sind deshalb Ausstellungen von Kinderzeichnungen, so schön sie sein mögen, nicht eigentlich Kunstausstellungen. Und deshalb wäre es, wenn die Kinder malen wie Picasso, vielleicht gerechter, Picasso zu preisen als die Kinder. Das Kind ist unschuldig, Picasso ist unschuldig geworden.“

(Clarice Lispector)

Netze

Missverständnisse, Erwartungen, Enttäuschungen. Das Netz, das aus vielen losen Fäden durch Zuwendung geknüpft wird.

Louise Bourgeois Spinne und dass wir (Frauen, Mütter, Künstlerinnen) vielleicht die Spinnen sind, die immer wieder versuchen, anzuknüpfen, die Löcher zu flicken, die abgerissenen losen Enden wieder zusammen zu führen. Oder ein anderes Bild: dass das Leben ein Puzzle ist, bei dem jedes Teil, jeder Splitter seinen Platz hat. Nur manchmal finden wir den Ort, an dem wir es einfügen müssen, einfach nicht. Dann bleibt diese Lücke, unsere Verzweiflung. Und dennoch ist alles da.

 

Nachdenken über Form

Wenn Form mit Festhalten, mit Bewegungslosigkeit assoziiert wird, kann ich verstehen, dass man sie ablehnt, sie fürchtet.

Andererseits, was wäre das Leben ohne Form? Die Gedanken, Empfindungen, Ängste, was würden sie aus uns machen, in welcher Weise würden sie sich unseres Lebens bemächtigen, es vereinnahmen, wenn wir nicht die Möglichkeit hätten, demm allen eine Form zu geben. Eine Form die einem gegenübertritt, der man selbst gegenübertreten kann, wie etwas Fremden, etwas eigenem. Etwas, mit dem man sich auseinander setzen, das man vielleicht sogar verändern kann.

Und natürlich fällt mir dazu ein Zitat aus „Alles hat seine Zeit“ ein.

„Bekanntermaßen können die Engel jede beliebige Form annehmen. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Form, die sie annehmen, für sie auch eine Bedrohung darstellt. Halten sie zu lange an ihr fest, beginnt die Form sie zu prägen, und falls sie die Warnsignale nicht erkennen, wird die Form sie schließlich vollends vereinnahmen.“

Womit der Kreis sich schließt, weil Form hier wieder zu einer Bedrohung, zu etwas Einengendem wird.

Wie überall und immer wieder im Leben, ist es auch hier die Frage der Balance, immer wieder muss das Gleichgewicht neu austariert werden.

(2)

Vielleicht kann man es sich nicht aussuchen. Man ist versehrt, leidend, voller Zweifel, und darum ist man Künstler. Das Leben lässt sich weder heilen, noch reparieren, man kann es höchstens transzendieren, indem man Kunst daraus macht, indem man jemand wird, der geliebt wird. So einzigartig, stark und mutig wie Louise Bourgeois, wie die Duras, oder Ilse Aichinger.