(35)

Gesungen. Verstummen.

Und dann am immer dünner (fadenscheiniger) werdenden roten Faden der Unsicherheit folgen, an jeder Kreuzung ein Fragezeichen. Das Fragezeichen als Tür.

(34)

Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

(33)

Du sollst dir kein Bildnis machen und du kannst dir keinen Begriff machen. Vielleicht sind es diese Negationen, in denen wir einander begegnen können.

(32)

Immer das Gleiche, denke ich und der Hund bellt innere Monologe. Es ist viel schlimmer wenn die Stimmen im Kopf schweigen, wenn eine alles von ihnen erwartet und nichts von sich selbst.

Schlimmer als was?

Antworte nicht.

Und die Märchen. Mit denen wir nicht fertig werden. Die wir immer weiter spinnen.

Märchen als autopoeitische Spinnenbeine.

Du sollst dir kein Bildnis machen und nicht zögern.

Ich stelle mir Aufgaben um nicht aufzugeben.

Gelungene Übersetzung der Kälte in Poesie

Mit Kälte hatten wir es in den letzten Monaten ausgiebig zu tun, der Frühling fiel weitesgehend aus, und anlässlich der sich immer länger hinziehenden Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen für jeden Einzelnen, wuchs nach und nach auch die ohnehin vorhandene soziale Kälte. Solidarität wurde von immer größeren Teilen der Gesellschaft als Zumutung empfunden. Angesichts dieser Entwicklung scheint es naheliegend „Kälte“ als Thema einer Ausgabe der Wortschau auszuschreiben.

Dass Kälte über ein meteorologisch und emotionales Phänomen hinaus große ästhetische Varianz entfalten kann, illustriert die seit April vorliegende 37. Ausgabe dieser bemerkenswerten Literaturzeitschrift.

22 Autorinnen, 10 Autoren und eine Künstlerin nähern sich auf über 70 Seiten der Kälte und finden ganz eigene Worte „gegen den kalten abstand“ (Bess Dreyer), oder stellen „schneewiegen neben die zeit“ (Elke Bludau).

Der Zeilenschnee der Wortschau erstreckt sich vom Haiku über experimentelle Lyrik bis zum simultanen kosmopolitischen Tagebuch „Seitenwechsel“.

Es schneit bemerkenswerte Wortschöpfungen wie „Knochensplitterkörperkern“ (Liv Thalstum), bevor die Leserin vor der Entgleisung ein „kurzer Gruß vom Ende der Eiszeit“ erreicht, oder „Buntstifte […] den Schnee ausmalen“ (Ann Kathrin Ast).

Das von der Künstlerin des Heftes, Angelika Eggert, stimmungsvoll illustrierte Heft, versammelt eine gelungene Mischung der Stile und Generationen.

Man betritt die Kältekammer mit der Hauptautorin dieser Ausgabe, Franziska Beyer-Lallauret, die die Leser:innen mit märchenhaft mystischen Zeilen voll geheimnisvoller Schönheit gefangennimmt. Die flankierende Illustration von Angelika Eggert, schwarz-weiß Kombinationen aus Monotypie und Holzschnitt, fangen die schwebende und gleichzeitig untergründige Stimmung der Gedichte ein und erweitern sie gleichzeitig.

Der immer wieder aufs Neue bezaubernde Poedu Teil hingegen präsentiert die ganz besondere Weisheit und kluge Kreativität von Kindern. Seit seinen Anfängen begleitet die Wortschau das Projekt der in Berlin und Barcelona lebenden Autorin Kathrin Schadt, in dem Dichterinnen und Dichter Kindern wöchentlich eine Schreibaufgabe stellen.

Der „Seitenwechsel“ mit dem die Ausgabe der Wortschau abschließt, ist während der Corona Krise entstanden und lässt drei Autorinnen und drei Autoren aus unterschiedlichen Teilen der Welt an einem bestimmten Datum Tagebuchnotizen verfassen. In der Kälte Ausgabe ist es der 31. Dezember 2020, der Johanna Hansen zu Gedanken darüber veranlasst, wie aus anfangen und aufhören, auffangen und anhören wird. Sich wiederholende Gesten des Wartens treffen auf Geduld (David Oates) und die Frage, wie man sich in der Kälte warmhält.

Betrachtungen schieben sich ineinander, nehmen unbewusst Fäden auf, die sie weiterspinnen, um schließlich ein Netz entstehen zu lassen. Ein Gewebe, das Kathmandu, Barcelona, Düsseldorf, Passadena, Sydney, Oregon und Riga mühelos und gleichzeitig außerordentlich gewinnbringend verbindet. Was so entsteht ist ein großartiger philosophischer Teppich aus einzigartigen Gedanken, die so vielleicht nur durch Verbindung entstehen können.

Jeder und jedem einzelnen Beitragenden sowie der Künstlerin gelingt es, die Kälte des Alltags in Poesie zu verwandeln. Der Vorsatz der Wortschau der Kälte das Gespräch entgegenzusetzen, ist in der 37 Ausgabe dieser Zeitschrift aufs Schönste eingelöst. Ein Ansatz, der zeitlos ist und gleichzeitig aktuell.

(31)

Die Tafel ist reich gedeckt

mit ungünstigen Vergangenheiten

die sich ins Jetzt rekeln

Ebenso wie dein Gesicht

werfen sie Falten

die das Antlitz der Gegenwart bestimmen

(30)

Manchmal ist es zu viel. Zu viel Leere, die mit intellektuellen Phrasen gefüllt wird. Mit Farben und Bildern und Klängen. Was dann entsteht sind Räume, in denen ein zu viel gegen ein anderes antritt.

(29)

Eine sehr disziplinierte Kindergartengruppe. Die Kinder sitzen um einen Tisch herum und malen eifrig. Sie verkörpern mit Leib und Seele den Satz, der ihnen vorgegeben wurde: ich bin da. Dieser Satz findet jetzt in ihren Bildern Gestalt. Bildern, die sie abends ihren Eltern überreichen werden, die erschrecken, bevor die Zeichnung unter einem Stapel anderer Papiere ganz unten in einer Schublade landet und schnell und gründlich vergessen wird.

(28)

Das Licht leuchtet in der Finsternis. Doch die Finsternis hats nicht begriffen. Das ist vielleicht der wahrste und allumfassendste Satz über die Depression.