Bernsteinmomente

Der Wahlabend gestern gehört sicher nicht zu den „Bernsteinmomenten“, die Hellmuth Opitz am Freitag in Bielefeld mit seinem neuen Gedichtband leuchten ließ. Meine Eindrücke von der Lesung auf Fixpoetry.

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I

Die Wahl, der Topf mit Gemüse, die Aufrichtigkeit. Es mangelt und fehlt. Am einen und am anderen. Ich bevorzuge kurze Sätze. Im Postkasten liegen Rechnungen und die Aufforderung, meine Organe zu spenden. Der Tod ist näher als ich glaube, und ich nicht im geringsten aufgebracht. Ich lese weniger als früher. Im Allgemeinen bin ich weniger gründlich.

Es gibt ein Schulamt und ein Aufsichtsamt. Und mich. Das Wasser läuft durch den Filter mit dem gemahlenen Kaffee. Rohmilch ist jetzt im Trend. Die Zeit vergeht. Alles ändert sich. Es gab Träume, aber ich erinnere mich nicht.

24. September

Ich lese zu wenig. Und je weniger ich lese, umso weniger verstehe ich.

Ich glaube nicht, dass man sich richtig verhalten kann, zu dem Unrecht, das ständig irgendwo auf der Welt geschieht. Aber das ist kein Grund, es nicht weiter zu versuchen.

Grausamkeit

Natürlich ist es nicht so einfach. Es ist nicht so, dass jemand daher kommt und sagt: Fürchte dich nicht, du bist in Sicherheit, und auf einmal überkommt dich eine überwältigende Ruhe und Gelassenheit, so dass du plötzlich ruhig, besonnen, tiefgründig und sinnlich über all diese Dinge schreiben kannst. Über die Seiten an dir, die du verachtest, für die du dich schämst, die du dir auch Jahre später nicht vergeben kannst. Über deine Niedertracht und Feigheit, darüber wie du Wesen, die sich nicht wehren konnten, gequält hast. Über dieses Böse, das von Anfang an in dir gewesen ist. Dass du häufig erfolgreich niedergerungen hast, aber manchmal eben auch nicht. Wie du als Kind den Hund, den du dir so sehr gewünscht hast, malträtiert hast. Vielleicht, könnten manche sagen, nur deshalb, weil du es nicht besser gewusst hast, du warst ja noch ein Kind, und wusstest nicht, was du tust. Aber da waren die Schreie des Hundes, sein Jaulen, seine vor Schreck geweiteten Augen, und natürlich hast du spätestens in diesem Moment verstanden, was du tust. Aber aufgehört hast du nicht.

Kampf

Die klugen Sätze, die ich von mir gebe, und die dummen Dinge, die ich tue. Während hinter mir, vor dem Fenster, die Sonne den Kampf mit den Wolken gewinnt, und Stimmen erklingen. Stimmen, die das Wort „Kampf“ niemals neutral, nebenbei und unbewusst von sich geben können, weil es jedes Mal schlimmste Erinnerungen auslösen wird. Alles ist gut, heißt nicht, dass diese Erinnerungen ausgelöscht werden, nur, dass es bestenfalls möglich sein wird, in Frieden mit ihnen leben zu können.

Lass mich los

Eine weitreichende Deutung der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Jesus gelesen. Er ruft sie, aber als sie ihn berühren will, weil sie denkt, jetzt ist endlich alles wieder wie früher, stößt er sie zurück, sagt: Lass mich los. Das ist es. Und das ist schmerzhaft. Aber der andere Teil ist, dass nach dem Loslassen, dem schmerzhaften Abschied nehmen, die Möglichkeit (und sogar die Forderung) nach einem Neuanfang steht, die Auferstehung, nicht nur des gekreuzigten Jesus, sondern auch der leeren, sohnlosen Mutter. Irgendwie hat mich das getröstet, es fühlte sich an, als würde mich jemand verstehen, als hätten die Mütter schon vor 2000 Jahren so gefühlt.

Zwischenzonen – Teil II

Sama Alshaibi Aus der Serie Silsia

Sama Alshaibi verbrachte als Palästinenser-Irakerin ihre prägenden Jahre auf der Flucht von Land zu Land. Schließlich wählte sie dieVereinigten Staaten als Exil. „Wenn man in einer Welt nach 9/11 als Muslimin und Araberin in den USA lebt, muss man permanent über die eigene politische, kulturelle und nationale Identität verhandeln. Meine Arbeiten erzählen von sozialen, ökonomischen und politischen Umbrüchen. In „Silsila“ (arabisch für Kette oder Verbindung) zeichne ich gewissermaßen die Vergangenheit in die Gegenwart nach, um über die zunehmende Massenintegration zu sprechen, die aufgrund von Wasserknappheit entsteht.“

Für das im Marta gezeigte Projekt (verschiedene Videoinstallationen und Fotos aus diesen Installationen, die man zum Teil auch auf ihrer Webseite sehen kann) ist Alshaibi, die 1973 im Irak geboren wurde, sieben Jahre lang durch die großen Wüsten und gefährdeten Wasserquellen des Nahen Ostens und Nordafrikas bis zu den Gewässern der Malediven gereist.

Um noch einmal aus den zu jeder Künstlerin bereitgestellten Informationsblättern (Riesenlob an das Marta für diese großartige Idee!) zu zitieren: „Obgleich die Konflikte und Ängste der Gegenwart hier wirkungsvoll ins Bild gesetzt werden, spiegelt die ausgeprägte Symmetrie der Installation eine natürliche Ordnung der Welt wider und in den Verweisen auf die gemeinsame Vergangenheit der islamischen Welt kommt zugleich eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft zum Ausdruck.“

Ich selbst habe diese Arbeit weniger kritisch erlebt, vielleicht weil die starke Ästhetik der Bilder die Botschaften (für mich) überdeckt hat.

Lamia Joreige , die während des Libananonkrieges selbst aus dem Libanon nach Frankreich geflüchtet ist, hat mich mit ihrem Projekt „Objects of War“ nachhaltig beeindruckt. Objects of War ist im Zeitraum von 1999 bis 2014 entstanden. Joreige, die nach der Flucht nach Frankreich und einem Studium in Amerika nach Beirut zurückkehrte, hat für ihr Projekt Menschen ausgehend von subjektiv ausgewählten Gegenständen in Interviews von ihren Erinnerungen an Krieg und Flucht erzählen lassen. Mich hat die Erzählung eines jungen Mannes sehr beeindruckt, den ein bestimmter Geruch an den Krieg und seine Flucht mit der Familie erinnerte. Er war damals 5 oder 6 Jahre alt und hat die Bomben in erster Linie als schön empfunden. Auch die Flucht selbst habe er als Abenteuer erlebt. Das Verstörende, dass das Schreckliche nicht automatisch hässlich ist, sondern tatsächlich viele ästhetische Momente birgt, hat mir noch einmal einen neuen Blick auf Krieg und Kriegserlebnisse geschenkt.

Sie glaube nicht, dass mithilfe der Kunst oder irgendeiner anderen großen Aktion die Welt verändert werden könne, bekennt Morehshin Allahyari, die 1985 im Iran geboren wurde und heute in den Vereinigten Staaten lebt. Ihr Ziel sei vielmehr „Probleme aufzudecken, Dinge (zu) hinterfragen und schwierige Fragen (zu) stellen.“ „Ich möchte einfache Methoden verwenden, wie das Archivieren, das Entkolonialisieren von Archiven, das Teilen und Zugänglichmachen von Informationen sowie das Erschaffen von Foren und Communities.“

Noch einmal vom Info Blatt: „In Material Speculations (2015 – 2016) – einer Serie von 12 skulpturalen, in 3D gedruckten Objekten, die die durch Anhänger des sogenannten IS zerstörten historischen Artefakte der Städte Hatra und Niniveh reproduzierten – bewegt sich Allahyari aus der rein ästhetischen oder formalen Domäne des Kunstobjektes heraus und in den Bereich des Aktivismus hinein. Jedes der gedruckten Werke beinhaltet einen USB Stick mit einer Datenbank zum Original. Die digitalen Archive, die Morehshin Allahyari zusammengestellt und öffentlich gemacht hat, und ihre Kollaboration mit nicht-westlichen Institutionen zugunsten des Erhalts des kulturellen Erbes gehören originär zu ihrem Aktivismus und Kunstschaffen.“