Kind

Kinder. Was bedeutet das: Kind? Bilder überlagern sich. Ich mit Schultüte und Zahnlücke, neben mir der Großvater (lachend) mit Hut, zu Hause (nicht auf dem Bild), die Großmutter, allein, wartend, am Fenster. Geduldig wie der Tod. Der sie warten lässt. Ein paar Jahre noch. Und ich, mit dem schönsten Baby der Welt, das ich stolz dem Sommer präsentiere. Dann bricht alles ab und ein. Eine Tür quietscht, eine andere fällt ins Schloss. Ich könnte beide Türen deuten, aber sie einfach offen zu lassen, fällt mir schwer.

Traum

Da war diese Frau, an die ich mich so klar erinnere, wie an einen Traum, die jederzeit bereit war, Verschwendung über uns, über die Zeit, über alles, was lebte, zu gießen. Sie lebte in einem Haus, in dem niemals irgendetwas beschnitten wurde. Alles sollte wuchern und blühen. Uferlos, grenzenlos. Nur ihr Kind, ein bemerkenswert zähes und widerständiges Mädchen, jätete manchmal das, was sie für Unkraut hielt. Dieses Kind hatte eine Fensterbank in der Küche für sich beansprucht, auf der es in kleinen Tontöpfen winzige Setzlinge pflanzte, die es Zorn, Mut, Zuversicht und Vergebung nannte. Es pflegte diese Pflänzchen möglicherweise besser und liebevoller als es selbst von seiner Mutter gepflegt worden war, die ihr jeden Tag den selben Teller vor die Nase setzte, einen Teller mit sieben Zwergen am Rand und einem Schneewittchen in der Mitte. Sie hasste diesen Teller ebenso sehr, wie sie den Apfelbaum draußen im Garten liebte. Jeden Tag harkte sie die Erde um diesen Baum herum, durchzog sie mit feinen Linien, bis es aussah als stände der Baum am Ende eines raffinierten Labyrinths, das allein sie durchschaute. Der Teller war aus feinstem, kostbaren Porzellan. Vielleicht das Wertvollste, was es gab in ihrem Haushalt. Eines Tages beschloss das Mädchen, den Teller in der Nähe des Baumes tief in der Erde zu vergraben. Sie stellte sich vor, wie dort unter der Erde mit Hilfe der Wurzeln ihres geliebten Baumes, alles verwandelt würde, die sieben Zwerge würden zu den sieben Fliegen auf dem Marmeladenbrot des tapferen Schneiderleins und Schneewittchen würde sich in einen Elefanten verwandeln, sie würde alles ernten, wenn es lange genug unter der Erde kompostiert worden war. Die Füße in der Luft, würde sie ihre Träume aus dem Boden pflücken.

Schon bald.

Früher

„Früher“, sagt die Frau. Denn das rückt die Angst fort, die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen. In der Vergangenheit, im „früher“, ist alles beruhigend abgeschlossen, starr, bewegungslos.

„Früher“, sagt die Frau. Aber dann dreht sie sich nicht um, sondern zerreißt dieses Band, das immer enger wird, immer heftiger an ihr zieht, ihr den Raum zum Atmen zu nehmen scheint. Und plötzlich fällt sie in eine Leere, die sie nach vorn zieht, die alles weit und offen macht, die sie mit Freude und Dankbarkeit anfüllt.

„Jetzt“, sagt die Frau und strahlt. Strahlt wie eine Sonne, deren Strahlen nach vorne und nach hinten fallen, aber immer speisen sie sich aus der Mitte, aus sich selbst heraus.

Die Rückseite des Glücks

Die Wurzeln, das Wissen, die Liebe. Wer man ist, und wie man sich ein Leben lang hinter Fakten versteckt.

Ich verstecke mich in einem Koffer, den andere für mich gepackt haben. Aber eingerichtet habe ich mich selbst in all dieser Falschheit.

Glücklich zu sein ist so schwer. Weil es das Glück nur vor dem Hintergrund des Unglücks, des Verlustes gibt. Du hast Kinder, liebst sie über alles, was dich nicht davor bewahrt, Fehler zu machen. Sie gehen lassen zu müssen. Und plötzlich tun diese kostbaren Erinnerungen weh, gerade weil sie so einzigartig und unwiederholbar sind.

Wir sind traurig, weil wir einmal glücklich gewesen sind.

Zeit

Ich fürchte die Zeit. Ihren Stempel aus unumkehrbar und unwiederbringlich verloren, zu spät, nie wieder. Aber dann denke ich an das siebte Geißlein, das sich in der Standuhr versteckt, und so sein Leben gerettet hat. Ich verstehe, sogar die Zeit hat zwei Seiten. Ist verbunden mit allem, ist grenzenlos und begrenzt. Auch die Zeit ist Bewegung. Während mein Denken noch immer vom Stillstand ausgeht.

Gefäß

Ich bin ein Gefäß voller Leere, ein leeres Gefäß angefüllt mit Zweifel, Fragezeichen, Versagen. Die Zeit vergeht, aber sie nimmt mich nicht mit.

Laborwerte. „Sie sind gesund.“ Damit ist das Problem medizinisch gelöst und wieder da, wo es hingehört; bei mir.