Dag Solstad

Ein Buch, das mich über die Maßen erstaunt hat, weil es wirklich noch ein Mal eine ganz andere Art zu schreiben offenbarte, war 16.07.1941 von Dag Solstad. Einem norwegischen Autor, den ich bis zu dieser dank Ina Kronenbergers Übersetzungsleistung, nicht kannte. Eine echte Entdeckung. Eigentlich hatte ich das Buch für Fixpoetry besprechen wollen, nun ist es in unserem OWL Kulturportal entschieden.

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Gegen Zweifel und Ich-Verlust hilft nur Schreiben. Schreiben, um weitermachen zu können, um zu verschwinden im Schreiben, um dann zurückkehren zu können, zum veränderten Schreiben, dem Schreiben, das der Schrift Fragen stellt. Dem Aufgezeichneten verschrieben sein, und ihm aus exakt diesem Grund misstrauen.

Das habe ich einmal (damals als ich noch schreiben konnte) anlässlich meines Besprechungsversuchs von Hélène Cixous „Meine Homere ist tot…“ geschrieben. Jetzt klingt es wie etwas, das mich wieder auf den Weg bringen könnte. Eher als das Schweigen. Das nicht Schreiben. Ein Vorschlag, den ich nicht einmal wirklich in Betracht ziehen kann. Es ist, als würde man mir vorgeschlagen doch einfach mit dem Atmen aufzuhören, wenn es Schwierigkeiten macht.

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Ich denke an die Konzerte, die ich besucht habe, um darüber zu schreiben. In einer Kirche, in der Oetkerhalle, in Kneipen. An die Farben auf der Bühne und im Publikum. An das Licht. Die Geräuschkulisse aus Gesprächen, die auf einmal zu einer erwartungsvollen Stille wird. Und dass ich mir nie vorstellen konnte, wie sehr mir das einmal fehlen würde.

Hebräische Sprache

Hebräische Sprache nach Charles Reznikoff

Auch ich habe nur zwei Zeiten:

Die Erinnerungszeit und die Sehnsuchtszeit.

Die Erinnerungszeit: So vieles ist vergangen.

Die Sehnsuchtszeit: So vieles wird nicht geschehen.

Ich versuche, das in Deiner schönen Sprache aufzuschreiben,

doch heraus kommt nur Gekrakel.

Kommt heraus und geht nicht zurück.

[Jacek Gutorow, übersetzt von Esther Kinsky]

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Während ich heute eine schöne Postkarte von einer Bekannten im Postkasten fand, und kurz danach eine wunderbare Besprechung von Sansibar auf dem Blog von Kerstin Fischer, spricht Ulli von mutigem Träumen, das nicht weniger kann, als die Welt auf eine friedliche Art zu verändern. Ich weiß, dass das kein esoterischer Quatsch ist. Ich habe es selbst erlebt. Mehrmals. Im Kleinen und in etwas größeren Zusammenhängen.

Das erste Mal habe ich wirklich erfahren, wie meine eigenen Gedanken und Vorstellungen das miteinander zwischen mir und anderen Menschen beeinflussen, als mein ältester Sohn in die Pubertät kam. Ich fühlte mich ständig verletzt und zurückgewiesen, wusste gar nicht mehr, wie ich mit ihm umgehen sollte. Bis ich mir die Zeit nahm, einmal zu hinterfragen, was ich eigentlich von ihm erwartete und was das mit mir zu tun hat. Diese relativ kurze Meditation hat genügt, um auf einmal wieder Frieden einkehren zu lassen zwischen uns. Ich weiß, dass das unglaubwürdig klingt, aber ich weiß auch, dass es genauso gewesen ist. Häufig ist es ja genau diese eine Sache, von der Ulli und ihr Zitat von Kästner sprechen, wir erwarten, dass alle Welt sich ändert und handelt, nur wir selbst stehen still. Dabei beginnt hier und jetzt bei uns selbst die Veränderung. Und es ist nicht einmal voraussetzungsvoll und schwer, wir müssen nur einmal kurz innehalten, und versuchen ehrlich zu uns selbst zu sein. Und vielleicht ist es genau das, was uns davon abhält zu handeln. Dieses unterschwellig längst vorhandene Wissen, dass wir es sind, die verantwortlich sind. Nicht für alles und für die großen Zusammenhänge, aber doch für die Schwingungen darin, für die mikroskopisch kleinen Bereiche, die schließlich alles in die eine oder andere Richtung ändern können. Vielleicht haben wir uns zu lange in der Ohnmacht eingerichtet, in der Sicherheit des „das war schon immer so“ und „ich kann doch ohnehin nichts ändern“. Und in dieser Passivität haben wir schließlich unsere Wünsche aus den Augen verloren. Mein größter Wunsch in Bezug auf den Wandel in der Welt ist, dass wir zu mehr Miteinander finden, dass wir uns besinnen, dass es nur in der Gemeinschaft gelingen kann, etwas zu ändern, zu verbessern, lebenswerter zu machen.

Eine bessere Welt wäre eine, in der wir neugierig sind auf die anderen, in der wir ständig bereit sind, unsere Vorurteile zu revidieren, in der wir aufeinander zu gehen und in der das Miteinander, überhaupt das Menschliche mehr zählt, als das Kapital, das Geld. In der Pflegekräfte und Verkäuferinnen, Müllfahrer und Kindergärtnerinnen mehr verdienen als der Unternehmensberater, der dafür sorgt, dass Tausende von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, in der wir uns fragen, von welchem System wir reden, wenn wir „systemrelevant“ sagen, in der wir überhaupt nicht mehr solche Wortungetüme schaffen und gebrauchen. In der sich jede und jeder von uns entfalten kann, um die anderen zum Staunen zu bringen.

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Der Regen fällt überhaupt nur, weil er erleichtert ist, weil es ihn erleichtert, weil er leicht genug ist, um sich fallen lassen zu können. Was für ein Rausch, denkt er, und dass alles eitel ist, das steht bereits in der Bibel. Also ist auch er eitel. Und ein Verbrechen ist das nicht. Nicht einmal eine Sünde. Aber auch nicht so schön, wie zu scheitern, nicht so erleichternd. An der Bemühung, nicht zu scheitern, das Scheitern zu vermeiden, die Beschämung und die Genugtuung derjenigen, die schon immer wussten, dass wir das nicht können (wir Regentropfen, oder wir Anna, Brigitte, Claudia…) zu vermeiden, haftet eine Schwere, eine Aufgabe, die es verhindert, dass wir beschwingt durch die Gegend laufen, oder eben auf unsere eigene unnachahmliche Art und Weise vom Himmel fallen. Diese Schwere ist wie der Glassarg, in dem Schneewittchen liegt, unfähig sich zu bewegen, nicht einmal mit der Möglichkeit versehen, die Augen zu öffnen. Und die Zwerge, die es doch eigentlich gut mit ihr meinen, haben nichts Besseres zu tun, als sie den Blicken aller auszusetzen. Leider kann man Schwere nicht teilen. Nur abwerfen. Und so muss auch Schneewittchen in ihrem Sarg stolpern und fallen, um wieder die zu werden, die sie einmal war. Also eine, die verstoßen und verfolgt wurde, und dann Freunde fand, die sie aber nicht beschützen konnten. Und für die jetzt angeblich alles gut ist, weil ein schöner Prinz sie heiratet. Ich weiß gar nicht, ob ich das Märchen von Schneewittchen jemals mochte. Vielleicht nur den Anfang, die Bluttropfen, das Ebenholz, der Wunsch, eine nähende Frau am offenen Fenster. Und ihr Scheitern. Denn wenn sie geschickt gewesen wäre, hätte sie sich nicht gestochen. Und es hätte nie ein Schneewittchen gegeben. Eine der unendlich vielen Geschichten vom Scheitern.

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Es gibt nichts zu sagen. Die Hand zittert. Der Regen fällt. Beide zusammen gehalten von der Zeit, die wie ein weißes Laken über allem liegt, was viel später mit bedrohlicher (erschreckender) Klarheit zu Tage treten wird. Ein Schritt ins Leere. Und dass das Freiheit bedeuten kann, oder Angst. Nein, dass diese Freiheit (weil nichts vorgeschrieben ist) Angst machen kann, aber auch (und eigentlich!) eine Einladung ist, die Freiheit zu nutzen (und auf den Rest zu pfeifen). Zu straucheln und zu scheitern, und weiter zu machen. Wie der Regen. Tropfen für Tropfen der Versuch, sich auszuzeichnen und die Erleichterung, dass alle (Tropfen und Menschen?) vereint sind im Scheitern beim Versuch, sich abzuheben von der Masse, etwas wie Einzigartigkeit zu behaupten. Und kann dieses Scheitern nicht auch sehr erleichternd sein?

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[…] Wenn die Wörter einfach so herausfließen, wie kann man dann je sicher sein, daß das Wort Feder mit einer seiner Nebenbedeutungen nicht ein paar Wörter weiter an dem Wort Sirup und einer seiner Nebenbedeutungen kleben bleibt? In schlechter Dichtung passiert genau das: die Wörter bringen einander um. Glücklicherweise mußt du dich darum nicht kümmern, wenn du nur eines tust: Du mußt dir das wirklich vorstellen, wovon du schreibst. Es sehen und es leben. Denke es dir nicht mühselig aus, als müßtest du dich im Kopfrechnen üben. Schau es nur an, berühre es, rieche es, höre ihm zu, verwandle dich in es. Wenn du das tust, kümmern sich die Worte schon um sich selbst, es ist wie Zauberei. Du brauchst dich dann nicht um Kommas oder Punkte oder solchen Kram zu scheren. Schau auch nicht auf die Wörter. Halte deine Augen, deine Ohren, deine Nase, deinen Geschmack, dein Gefühl, dein ganzes Sein auf das gerichtet, was du in Worte verwandelst. In dem Augenblick, in dem du zurückweichst, dein Denken von ihm abwendest und beginnst, auf die Wörter zu schauen und dich um sie zu sorgen, geht deine Besorgnis in sie ein, und sie fangen an, einander umzubringen. Also, bleib dabei und mach weiter, so lange du kannst, dann schau an, was du geschrieben hast. Mit ein bißchen Übung, und wenn du dir ein paar Mal gesagt hast, daß es dir egal ist, wie andere vor dir darüber geschrieben haben, kriegst du es so heraus; und wenn du dir dann noch sagst, daß du jedes alte Wort verwenden wirst, das dir in den Sinn kommt, sofern es dir in dem Augenblick, in dem du es niederschreibst, richtig erscheint, dann wirst du dich selbst überraschen. Du wirst durchlesen, was du geschrieben hast, und einen Schrecken bekommen. Du hast einen Geist gefangen, ein Geschöpf.“

(Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht)

Kennengelernt habe ich Ted Hughes als Mörder. Das war natürlich ungerecht, aber doch ziemlich nachhaltig, so dass ich mir tatsächlich sein Werk erst in den letzten Jahren sozusagen erlaubt habe. Und das liegt natürlich an Sylvia Plath, die ich wiederum auf einem Grabbeltisch in Form einer Biografie entdeckt habe. Einer Biografie, in der so unzweifelhaft klar war, dass Ted Hughes Schuld an ihrem Selbstmord war, dass er ganz viele Jahre lang, während ich mich nach und nach von Plaths Tagebüchern über die Glasglocke und die Geschichten endlich zu ihren Gedichten hervor las, ein dunkelrotes Tuch für mich war. Keine Ahnung, ob ich ihm Unrecht getan habe, aber mir selbst habe ich wirklich beeindruckende Texte und Gedichte vorenthalten.