Birgit Kreipe – Soma

In der sehr lesenswerten Zeitschrift „Mütze“ beschreibt Ron Winkler in einem Beitrag über Sebastian Häfner das Gedicht als Raum von Wahrnehmung und Wahrnehmungslücken, und genau nach dieser Definition verfährt Birgit Kreipe in ihrem überaus lesenswerten Gedichtband „Soma“.

o.T.

Ich bin jetzt alt und festgelegt. Und ein bisschen verwahrlost.

Aber was ich am meisten bin, was mich sozusagen auszeichnet, ist meine Hoffnungslosigkeit.

Ich bin mir so sicher, dass mir ohnehin nichts mehr helfen kann, dass ich getrost alles ausprobiere. Ich mache Pilates, meditiere, gehe zum therapeutischen Reiten, zu Selbsthilfegruppen und arbeite, selbstverständlich unentgeltlich, in diversen gemeinnützigen Projekten. Ich betreibe einen Blog, den niemand liest und schmiere meinen Kindern, obwohl sie längst erwachsen sind und schon lange nicht mehr bei mir wohnen, jeden Morgen Butterbrote mit ihrem Lieblingsaufschnitt, die ich dann so lange in der Sonne liegen lasse, bis sie anfangen zu schimmeln.

Meinem Mann, der abends widerwillig von seiner echten oder auch nur vorgetäuschten Berufstätigkeit nach Hause zurück kehrt, erzähle ich, dass die Jungs wieder ihre Pausenbrote nicht gegessen haben.

Woraufhin er schweigt.

Und wie war dein Tag?

Woraufhin er den Fernseher einschaltet.

Das ist der Moment, an dem ich mich endlich in die Küche zurückziehen kann, wo meine Hoffnungslosigkeit schon mit einer Flasche Pflaumenschnaps auf mich wartet.

Morgen werde ich 50. Dann könnte ich mit Studieren ab 50 anfangen. Und vielleicht leiste ich mir eine Flasche Campari, statt den ewigen Pflaumenschnaps.

 

Festhalten

I

Sie ist eine Falte im Lauf der Zeit. Im Mantel der Erde.

Ein kleiner Faltenwurf, der ständig verzweifelt versucht, etwas zurück zu halten, fest zu halten, sich selbst nicht zu verlieren. Statt sich zu umarmen, damit sie die Welt umarmen kann, und nicht nur immer wieder ihre Erinnerung an die Welt, wie sie einmal gewesen ist.

 

Ein heftiger Regen ging nieder, und noch während des Regenfalls, bricht der Himmel auf, wird blau. Sie spürt ihr Blut zirkulieren, sieht wieder das verschlafene verschmitze Gesicht ihres Sohnes. Sieht sich selbst verschwinden.

 

Ich bin nur ein Gedanke. Auch der Schmerz ist nur ein Gedanke, an dem ich festhalte, weil ich fürchte sonst ins Bodenlose zu fallen. Keine Idee vom Fliegen. Um fliegen zu können, muss man loslassen. Etwas, das ich nie gelernt (oder sehr gründlich verlernt) habe.

 

II

All die Frauen, die kurzfristig in sein Leben getreten waren, und dann, leicht beschädigt, aber auch irgendwie geläutert, wieder daraus verschwanden, während er zurückblieb, verwundert. Nach wie vor die alten Wunden leckend.

(56)

Ich breche mir die Sprache. Wenn ich Klammern setze, ist das dann der Wunsch nach einer Umarmung? Das mich das Verstehen berührt und ich nicht so ausgeliefert bleibe im verstandesmäßig nicht zu erfassenden Begreifen?

(54)

Ich stellte mir Aufgaben und scheiterte daran. Das Problem war: ich stellte sie mir nicht vor. Ich stellte sie über mich. Ich nahm es in Kauf, dass an jeder Aufgabe der Gedanke hing, ich könnte daran scheitern. Und gleichzeitig zu wissen, den Mut, um aufzugeben habe ich nicht.

(53)

Ein Spuk geht über das Land. Löscht uns aus, indem er an unserer Vergangenheit festhält. Geh eine Verpflichtung mit dir selbst ein, habe ich gelesen. Und etwas erwärmte sich. Und etwas begann zu leuchten. Dann erst kam die Angst. Nistete sich ein in die Zwischenräume, die ein Satz, ein Gedanke, ein Mensch benötigt, um zu wachsen.

 

(52)

Wo befindet sich die Zeit, wenn sie vergangen ist?

Ich meine, was passiert mit ihr?

Wo sind diese Momente, an die ich mich erinnern kann? Von denen du sagst (und alle stimmen dir zu), sie ließen sich niemals wiederholen?