Nuccio Ordine bei den Poetischen Quellen

Nuccio Ordine bei den poetischen Quellen 2015
Nuccio Ordine bei den poetischen Quellen 2015

Nach Olga Martynova hat mich Edo Popovic mit seinem Buch, und mehr noch mit seinen sehr klugen Äußerungen und seinem bescheidenen Auftreten, beeindruckt. Von dieser Begegnung schreibe ich jetzt noch nicht viel, weil ich sein Buch „Anleitung zum Gehen“, das seit kurzem in deutscher Übersetzung vorliegt, gerne besprechen möchte. Valerie Fritsch war leider krank geworden, so dass sie nicht teilnehmen konnte. Und auf Nuccio Ordine war ich gespannt, nicht nur weil der Titel seines Buches „Von der Nützlichkeit des Unnützen“ so schön paradox klingt, sondern auch, weil ich in vielen der Grundüberlegungen dieses Buches mit ihm übereinstimme. Mit Freundin E. habe ich schon häufig gegen G8 und Masterstudiengänge gewettert, wir waren uns einig, dass wir großes Glück hatten zu ganz anderen Studienbedingungen studiert zu haben. Und so beginnt auch Ordine mit einer Kritik des nützlichkeitsorientierten Denkens an den Universitäten. Er bedauert, dass seine Studenten, wenn er sie zu Beginn ihres Studiums fragt, was sie denn eigentlich erwarten, was sie erreichen wollen mit ihrem Studium, mehrheitlich antworten: Na einen Abschluss machen, um eine gut bezahlte Arbeit zu finden.

Statt eines Abschlusses als Ziel des Studiums, wünscht sich Ordine, die jungen Menschen sollten lernen, „ein besserer Mensch zu werden“. Sich im wahrsten Sinne des Wortes zu bilden. Denken zu lernen, insbesondere kritisches Denken zu lernen.

Sein Büchlein verkaufte sich bereits im Jahr des Erscheinens 65.000 mal allein in Italien. Inzwischen ist es nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich und Spanien ein Bestseller. Resonanz bei den für die Bildung verantwortlichen Politikern habe es hingegen nicht gegeben, bedauert Ordine, die italienischen Politiker schrieben lieber selbst Bücher, als die von anderen Leuten zu lesen.

Im weiteren Verlauf erklärt Ordine, dass die Sprache der Wirtschaft im Bildungswesen fehl am Platz ist. Warum das so ist, erklärte Abraham Flexner schon 1939. Sehr verkürzt wiedergegeben, indem er die Bedingungen und vor allem die Bedeutung für Grundlagenforschung beschreibt, ohne die keine bahnbrechende Erfindung möglich wäre.

Neugier ist die Basis von Kreativität, der Möglichkeit Neues zu entdecken, Fragen zu stellen, Dinge vielleicht zufällig zu finden.

Ordine zitiert Ionesco: Nutzlosigkeit ist für uns unerlässlich. Der moderne Mensch erscheint nicht nur Ordine als Gefangener des Notwendigen. Umso wichtiger sei Kunst, predigt Ordine. Kunst befreit, fördert eigenes, kritisches Denken, indem sie das reibungslose Funktionieren verhindert, behindert.

Nützlichkeit darf nicht ausschließlich wirtschaftlich und monetär definiert werden. Nützlich ist vielmehr alles, was dem Geist Nahrung gibt; Musik, Kunst, Literatur, Philosophie.

Alles, was Ordine sagt, ist richtig, nicht zuletzt, wenn er feststellt, dass es sich bei den gegewärtigen politischen Debakeln nicht um eine Krise der Wirtschaft, sondern um eine der Moral handelt.

Nach dem Vortrag unterhalten sich zwei Frauen vor mir. Die eine sagt; er war ja schon ein wenig selbstverliebt. Worauf die andere entgegnet: Was hast du erwartet? Er ist Italiener.

Jedenfalls war ich nach der Predigt von Professor Ordine so erschlagen, dass ich nicht sicher war, ob ich noch bleiben wollte. Zum Glück habe ich mich dann doch dazu entschlossen, um Manuel Jorge Marmelo und Joao Ricardo Pedro in ihre Romanwelten zu folgen.

Doch dazu morgen mehr.

Olga Martynova bei den Poetischen Quellen 2015

„Der Platz des Menschen – Wirklichkeiten, Wahrheiten, Illusionen“ war das Motto der diesjährigen poetischen Quellen, die ungewöhnlich gut besucht waren. Bei keiner der Veranstaltungen, die ich besucht habe, waren weniger als hundert Menschen anwesend, häufig waren es sehr viel mehr.

Olga Martynova, Bad Oeynhausen, 2015
Olga Martynova, Bad Oeynhausen, 2015

Olga Martynova las am Samstag, bei strahlendem Sonnenschein, auf der Waldbühne.

Das Gespräch begann mit der obligatorischen Frage nach ihrem ungewöhnlichen Geburtsort, Krasnojarsk, mitten in Sibirien.

Sie liest aus „Mörikes Schlüsselbein“, die Stellen, in denen Moritz, der Protagonist, der auch in der Textstelle mit der sie 2013 den Bachmannpreis gewonnen hat, zu Wort kommt. Dieses Mal macht sich Moritz Gedanken darüber, was mit Mörikes Schlüsselbein geschehen ist, ob er es vielleicht gegen das des älteren Hölderlin eingetauscht hat, der es ihm anbot, als der jüngere den älteren besuchte.

Es wird über das Spiel zwischen Fakten und Fantasie geredet, über das Absurde, den Humor und die klugen spielerischen Elemente, die Martynova in ihren Roman eingewebt hat. Und natürlich wird sie gefragt, wie sie das eigentlich macht? Wie behält man die Fäden in der Hand, wie konstruiert man so einen Roman, will Jürgen Keimer wissen. Und Martynova antwortet souverän, es sei wie bei einem Marathonläufer, der auch nicht während des Laufens seinen Puls messen könne. Es passiert einfach und man muss es laufen lassen, um sich hinterher mit immer mehr Konzentration fast in der Geschichte zu verlieren, die man doch selbst geschrieben hat.

Im Grunde genommen ist es ja auch egal, wie sie es macht, sie macht es jedes Mal hervorragend. Nicht nur in Mörikes Schlüsselbein. Auch in all ihren mit der Hilfe von Elke Erb übersetzten Gedichten, von denen wir zum Abschluss eines genießen dürfen, zunächst im russischen Original von Olga Martynova selbst gelesen und dann in der Übersetzung von Elke Erb, gelesen von Jürgen Keimer.

Transformation (7)

Schneewittchen

Ein bisschen Dankbarkeit, das sich auf der Haut verteilt, völlig unpolitisch, vereinfachend über den Körper weht, sanft, wohltuend. Eine sommerliche Beschwichtigung, statt einer Auflehnung gegen das, was kommen wird, aufgehen in diesem Moment, der alles birgt und verleugnet, der sicher wie der Held im Märchen weiß, wohin der Weg führt, indem er auf seine Kraft, seinen Mut und seine Intuition vertraut, sich dem Schicksal und seiner Bestimmung hingibt, bis jemand, der stolpert, dafür sorgt, dass der verkantete Apfelschnitz nicht länger für Stillstand sorgt.

Wundgelegen im Wunder meines Lebens

Sie glaubte immer noch, dass das Leben so funktioniert: du machst deine Hausaufgaben, übst vielleicht noch ein bisschen und alles wird gut. Das Zeugnis fällt gut aus, alle loben dich und du kannst die Frage, wer du eigentlich bist, was du willst und was Dir das Leben bedeutet, noch einmal verschieben. Der Raum zum Verschieben ist endlos und zum Glück gibt es dort immer wieder Menschen, Unterbrechungen, Aufgaben, genug Dinge, die dich davor bewahren, dich dir selbst zu stellen und zu sehen, wer du eigentlich bist. Was da ist, hinter der Angst.