Louise Bourgeois

Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe. Deshalb ist der Kreis, geometrisch gesprochen eine Eins. alles kommt zu dir vom Gegenüber. Man muss in der Lage sein, das Gegenüber zu erreichen. Wenn nicht, ist man allein.

Alter

Wir haben den Glauben an ein Leben nach dem Tod verloren, schreibt Joan Didion, ohne wirklich erfassen zu können, wie weitreichend die Konsequenzen sind. Was damit alles verloren gegangen ist. Welche Schwierigkeiten diese Lücke ausfüllen.

 

Joan Didion schreibt, die von Kindern unschuldig gestellte Frage nach unserem Alter, beschäme uns. Die Scham rühre daher, dass die Antwort, die wir geben, im Gegensatz zur Frage, nie unschuldig sei. Weil wir das Alter, das rein rechnerisch biografisch unser „richtiges“ Alter ist, nicht als unser wirkliches Alter annehmen? Weil wir uns mit dieser Zahl nicht wieder erkennen? Oder hat es etwas zu tun mit S. Beobachtung, die ich im Begriff des „psychischen Alters“ bei dem Psychoanalytiker Herman-Josef Berk wiederfinde? Dieses „psychische Alter“ entsteht in der Phase, in der erwachsene Menschen das Gefühl haben, sie wüssten jetzt (mehr oder weniger plötzlich) wie das Leben funktioniert, worauf das alles hinaus läuft. Das Alter in dem diese Einsicht geschieht, bildet das „innere Alter“, dasjenige Alter, das man fühlt, im Gegensatz zu dem chronologisch errechenbaren Alter.

Alter

Blaue Stunden, für Didion sind sie das Versprechen und das Ende des Versprechens. „Blaue Stunden“, schreibt sie, „sind das Gegenteil sterbenden Glanzes, aber sie sind auch seine Vorboten.“

Wie alles gleichzeitig sein Gegenteil ist, und wie schwer diese Tatsache das Leben manchmal macht.

Wäre da nicht die Möglichkeit, sich zu entscheiden, was man sieht, worauf man sich konzentriert. Aber kann man das wirklich selbst entscheiden? Muss man nicht dem Schmerz seinen Raum geben, um die Freude auskosten zu können? So wie das Ende des Schmerzes nur der Anfang eines neuen Schmerzes ist? Eingebettet in die Freude, die Schönheit und Liebe, die auch immer da ist, und vielleicht ist die Angst das einzige, was wir wirklich überwinden müssen. Die Angst vor dem Schmerz. Und blau ist auf einmal nur eine Farbe, und Traurigkeit nur eine andere Art auf die Schönheit zu sehen.

 

Tief durchatmen und fortfahren das Falsche zu tun.

Wir werden andere. Wir lassen uns zurück.

 

Zur Frage der Angst, schreibt Didion: „Als ich diese Seiten zu schreiben begann, dachte ich, sie würden von Kindern handeln, von denen, die wir haben und von denen, die wir uns wünschen, davon, wie abhängig wir davon sind, dass unsere Kinder von uns abhängig sind, wie wir sie darin bestärken, Kinder zu bleiben, wie sie uns unbekannter bleiben als ihren entferntesten Freunden; wie wir für sie ähnlich undurchsichtig bleiben […] Wie wir das, was wir ineinander investieren, so überfrachten, dass wir den anderen nicht mehr klar sehen können. Wie weder wir noch sie es ertragen können, den Tod oder die Krankheit oder auch nur das Älterwerden des jeweils anderen in Erwägung zu ziehen.“

 

Diese Unfähigkeit, einander zu sehen, geschweige denn zu erkennen. All diese kraftraubende Widersprüchlichkeit immerzu.

Alter

“So weit zurückgelassen im Verlust –”

diese Zeile steht in Antije Krogs Gedicht Morning tea.

Was bedeutet das?

Die Alten: zurückgelassen im Verlust. Zurückgelassen von wem? Und was heißt das, im Verlust zurückgelassen worden zu sein? Dass der Zugewinn, Zukunft und neue Erfahrungen jetzt den anderen vorbehalten sind und für uns, die Alten, bleibt nur der Verlust, die Zukunft als Erwartung des nächsten Verlustes? Und mit jedem Verlust wächst die Entfernung von den anderen, den Kindern, den Jungen, denen, die noch nicht im Verlust wohnen.

Alter

Es entsteht ein Gespräch, Menschen unterschiedlichen Alters mischen sich ein, geben Ihre Überlegungen zu meinen Aussagen und etwas Neues entsteht.

Es knistert und die Zeit bricht aus.

“Alt sein heißt auch, sich selbst nicht wiederzuerkennen.” Priya Basil.

Simone de Beauvoir in ihren 1963 veröffentlichten Memoiren “Der Lauf der Dinge”:
“Solange ich mein Gesicht ohne Missfallen betrachten konnte, vergaß ich es, es verstand sich von selbst. Jetzt ist alles vorbei. Ich hasse mein Spiegelbild: über den Augen die Mütze, unterhalb der Augen die Säcke, das Gesicht zu voll und um den Mund der traurige Zug, der Falten macht. Die Menschen, die mir begegnen, sehen vielleicht nur eine Fünfzigjährige, die weder gut noch schlecht erhalten ist. Sie hat eben das Alter, das sie hat. Ich aber sehe meinen früheren Kopf, den eine Seuche befallen hat, von der ich nicht mehr genesen werde.”

Und weiter schreibt sie: “Meine Revolten sind durch das nahe Ende und die Unvermeidlichkeit des Verfalls gedämpft. Aber auch meine glücklichen Stunden sind blasser geworden. Der Tod ist nicht mehr ein brutales Abenteuer in weiter Ferne, er verfolgt mich in den Schlaf hinein. Beim Erwachen spüre ich seinen Schatten zwischen der Welt und mir: Das Sterben hat schon begonnen. Das hatte ich nicht vorausgesehen – dass er so früh beginnt und dass es so weh tut.” (damals von Pega Mundt in einem Kommentar ergänzt)

Und S., die jetzt regelmäßig ein Altenheim besucht, um dort mit den Menschen zu reden. Sie habe etwas vom Alter verstanden, sagte sie, diese fast 90jährigen Frauen seien genau wie sie, innerlich noch immer jung und jedes Mal aufs Neue von ihrem Spiegelbild, von ihrem Körper überrascht, wenn er sie daran erinnert, dass sie weder zwanzig, noch dreißig und auch längst nicht mehr vierzig Jahre alt sind.

Oder Tikerscherk, die schreibt, es ist eine Möglichkeit, ein Geschenk, alt zu werden. Wie kommt es nur, dass wir das immerzu vergessen?

Vielleicht ist es wirklich alles in diesem Satz enthalten. Alt sein heißt auch, sich selbst nicht wiederzuerkennen.

 

(53)

Immer und immer wieder dieses eine Buch lesen, den Absatz, den Satz – bis ich verstehe, was gemeint ist. Oder begreife, dass es nichts zu verstehen gibt. Und ich befinde mich vielleicht immer noch eine Stufe davor: indem ich versuche so viel wie möglich von mir zu verstehen, bis ich einsehe, was nicht zu begreifen ist.

(52)

Sebastião Salgado: „Schwarz-weiß ist eine Abstraktion, es erlaubt mir die Konzentration auf das, was ich Würde nenne, auf das Essenzielle.“

 

Ein Satz, den ich nur halb verstehe. Ästhetisch leuchtet mir das völlig ein, Abstraktion, keine Ablenkung durch Farben, nur Formen, Licht und Schatten. Aber wenn es um Würde geht, um das Essenzielle (was ist das Essenzielle?), sind da nicht gerade die Grautöne wichtig? Macht da eine reine Abstraktion nicht alles kaputt?

 

(51)

Die traurige Vertrautheit sämtlicher heimlicher Leben. Am Ende liegt doch wieder ein Anfang, der Faden, an dem du dich aufhängen kannst, oder mit dem du andere einwickelst. Und dass es allein deine Entscheidung ist, macht die Sache nicht leichter