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Die Zeit auf später umstellen, und mir wieder Geschichten erzählen. Einfach so, um Geschichten zu erzählen. Aber natürlich gehört das dazu. Das Leiden an der scheinbar endlosen Blockade.

Die Freundlichkeit eines achtlos von mir geschleuderten Tages.

 

Bücher besprechen

Vielleicht ist es das, was mich so müde macht; dass ich immer noch denke, es müsste ein “Fertigwerden” geben. Auf einmal weiß man, was das ist: ein Gedicht. Auf einmal, weiß man, wie Sprache funktioniert, was Literaturkritik soll und kann. Als käme man irgendwann zu dieser einen alles erklärenden allgemeingültigen Antwort.

Dabei ist es ja – zum Glück – ganz anders. Man lernt nicht aus, weil sich alles ständig verändert, weil jede Antwort nur vorläufig sein kann, jeder Text eine neue Herausforderung ist, der man sich stellen muss, alles andere ist eine Kapitulation. Weil es kein Ankommen gibt, höchstens Pausen im Unterwegssein. Und das ist gut so, sogar sehr gut. Auch wenn es manchmal furchtbar müde macht.

Alter

Der Mann sah sie düster an, seine Brille rutschte, die Haare, dachte sie, sind garantiert nicht echt.

„Schließlich sind Sie schon lange nicht mehr jung“, sagte er.

Und trotz allem, obwohl es das war, was sie jeden Morgen dachte, wenn sie in den Spiegel sah, dort ihr vierzigjähriges Gesicht erwartete, und jedes Mal aufs Neue enttäuscht war, wie viel faltiger, aufgedunsener und formloser, wie viel älter ihr Gesicht ihr tatsächlich entgegenblickte, trafen sie die Worte.

„Was schlagen Sie vor“, fragte sie, „soll ich mir auch die Haare färben lassen?“

Ein Mundwinkel zuckte, bevor der Mann lachte.

„Ich bin keine Kosmetikerin“, er schüttelte den Kopf.

„Finden Sie sich einfach mit der Wahrheit ab“, sagte er.

Und klang dabei ein klein wenig traurig.

 

Und dann lest mal, wie großartig man das Altern auch beschreiben kann, wenn man Anne Dorn heißt, z.B.

Ich weiß nicht, ob ich das darf, aber ich möchte gerne ihr großartiges Gedicht aus dem Jahrbuch der Lyrik 2015 mit euch teilen:

 

Die Mühe sich einzustimmen,

ganz auf den heutigen Tag

 

 

Hallo Sie, der oder die Sie

heute mit mir gesprochen haben,

per Telefon mir gesagt,

dass ich gut klinge, richtig gut!

Schön, dass es mir gut geht. Ach –

kommt doch vorbei. Ich freue mich

wenn wer vorbeikommt.

Wir kommen sofort ins Gespräch, es gibt Tee.

Vielleicht, dass meine linke Hand in die Luft greift,

dahin, wo der Stuhl sonst steht, den ich dem Menschen,

der darauf nun Platz nimmt, selbst

entgegengeschoben habe.

Mein Gast hat mich freundlich angeschaut

und ich ihn, er hat mir seine Rechte entgegengestreckt

und ich ihm die meine, ja, dieser Drahtseilakt plötzlich!

Ich muss ja nun unbedingt – irgendwo – immerzu

Halt finden. Kein Schritt mehr möglich,

ohne die Welt zu begreifen, ein Stück von ihr

in den Fingern zu habend: Jetzt diese rasch gehaschte

Hand, diese Herzlichkeit also.

Wer schüttet das kochende Wasser

genau in diese Öffnung der Kanne? Ich rede und rede

in einer so weit von meinem Körper entfernten Tonart,

mit dieser Stimme, die mir als vermeintlicher Segen

im Leib haust. Unmöglich, damit zu schildern,

dass ich nunmehr immer präsent, äusserst

anstrengend stets gegenwärtig lebe,

damit kein Unglück geschieht, kein Sturz, keine

Verbrennung, Ohnmacht oder dergleichen und

Niemandem Vorwurf zu machen ist, wenn er oder sie

sich täuschen liessen vom hellen Wortlaut. Er

wie auch sie hier unbedacht aus – und eingehen,

dies und das besprochen wird, offen gelassen alles

da sich so viel bewegt und unübersichtlich bleibt,

lebendig eben.

Wir sind uns dann einig: Augen offen halten und Ohren!

Oh – wie auch ich es liebe, Zukunft zu haben,

gedankenvoll unbedacht einfach vorhanden,

von der Hand in den Mund, wenn die Hand

noch zum Mund –

 

Ja, ich werde mit heller Stimme

‚Munterkeit mimend, ganz wie Gesinde es tut’

mit zur Türe gehen, kenne mich da ja aus,

weiss, welche Klinke wackelt, zur Not

auch Jacke wie Mantel am Garderobehaken

immer noch zu erwischen, – und, natürlich –

 

ich narre Euch nicht und entschuldige mich

mit eben der Stimme, dem Grund

der Verwirrung. Verzeiht,

dass ich sie habe und noch nicht schweige.

 

(Anne Dorn)

Überwachtes Netz und kleine Hirne

“Sie versuchen die Sache mit der Totalüberwachung immer abstrakt zu halten, so dass die normalen RTL 2-Kleinhirne sofort abschalten. Und in den etablierten Medien findet es als Thema abseits von Sascha Lobos Kolumnen bei SpOn gleich gar nicht mehr statt. Interessiert keine Sau mehr. Wer war nochmal dieser Edward Snowden? Stattdessen Terrorgefahr, hasch mich ich bin der Islamist, Supergrundrecht olé. ”

Schreibt der Kiezneurotiker, zu diesem Buch. Und ich zitiere das hier, weil ich mich angesprochen fühle, weil ich nämlich auch viel zu schnell dicht mache, wenn es um dieses Thema geht. Versteh ich nicht, überblick ich nicht, geht mich nichts an, so in etwa verläuft dann meine Logikkette. Um so wichtiger, dass mir das mal wieder einer bewusst macht.

In diesem Sinne möchte ich mich für den Tritt in den Hintern bedanken.

 

 

Möwen

Möwe(n)
Möwe(n)

Sie stand am Hafen, sah den Schiffen nach. Möwen, hatte sie kürzlich gelesen, seien früher einmal Engel gewesen. Unter ihren Flügeln fänden sich noch Reste der verkümmerten Hände, die sie nun nicht mehr brauchten.

Sie fragte sich, ob sie ihre Hände noch brauchte, und ob es vielleicht so einfach ist: Wenn sie sich sicher sein kann, ihre Hände nicht mehr zu benötigen, werden sie verkümmern und Flügel werden an ihrer Stelle wachsen.

Perspektiven

http://www.saveellisisland.org/gallery/unframed-ellis-island-by-jr-photo-gallery/
http://www.saveellisisland.org/gallery/unframed-ellis-island-by-jr-photo-gallery/

Man müsste natürlich mehr dazu schreiben, zu Unframed von JR, zu Ellis Island und Uljana Wolf, und was das mit der Gegenwart zu tun hat. Mit dem Kosovo zum Beispiel, und der Entscheidung, Flüchtlinge, die “nur” vor Armut und Perspektivlosigkeit flüchten, nicht zu akzeptieren. Überhaupt zu schreiben von dieser Gefahr der Perspektivlosigkeit. Der allergrößten Gefahr überhaupt für alle Gesellschaften. Viel größer als die des Terrorismus, der immer schon nur eine Folge fehlender Aussichten ist.

V

Nicht nach den Antworten suchen, aber eine Ordnung der Fragen entwickeln.

Oder einfach genau hinsehen. Diese Form von Widerstand.

 

Stattdessen lassen wir den Schlaf jubilieren, während wir einander beim Sterben zusehen. Wohin uns das führt, wie es uns verändert, das Wasser der Zeit, das Schicht um Schicht eine oberflächliche Schönheit abträgt, bis der Kern sichtbar wird. Das zerstörte Gesicht. Bis eine sagt: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Sich weniger damit abfindet, als dass sie sich vielmehr selbst findet in dieser Behauptung, diesem Satz. So wahrhaftig findet, dass es nicht mehr notwendig ist, sich zu erfinden.

 

Ellis Island

Unframed - Ellis Island by JR
Unframed – Ellis Island by JR 

“mein feld ist die welt.” was unter nägeln brennt. nämlich kein

dreck, nur eine unze von dem fleck, dem man entsprungen. nicht

auf der rosenseite. meine unruh, meine krume. der nächste in

der reihe: zwei wochen blut im schuh. das einzige paar, und hat

ihn übers wasser getragen. zeigt her, zeigt her, sehet den wach-

männern zu. “poor physique is not a diagnosis.” poorness is. uns

geläufig. die neue welt bestellen darf allein, wer zahlen kann. mit

den zehen voran.

[Uljana Wolf: Falsche Freunde]