17. Februar

Ich sitze hier, lese die Besprechungen der Kollegen, sehe wie neue Sterne am Rezensentenhimmel aufgehen, und komme nicht umhin zu bemerken, wie ich selbst immer mehr in den Hintergrund trete. Und obwohl ich es nicht will, spüre ich Aufregung und Angst. Auf einmal steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, ob ich weiter Bücher besprechen will, wie ich die Freude daran zurück gewinnen kann, sondern da ist nur noch der Stress verursachende Aufruf: du musst etwas tun, damit du nicht ganz über den Rand fällst, an den du dich selbst gedrängt hast.

Und das Vertrauen, langsam wieder auf einen ureigenen Weg zurück zu finden, zu einer Art über Bücher zu sprechen, die meine ist, wird überlagert von der (eigentlich gesunden und vernünftigen) Verweigerung, mich diesem (selbstgemachten) Druck auszusetzen.

Romeo

Die Zeit schloss mich ein. Wie die Dornen und der Schlaf Dornröschen in ihrem Schloss. Unter dem Fenster fremdes Lachen, dabei sollte Romeo dort stehen. Jeder hat einen Romeo verdient und jeder hat verdient, dass einer seine Geschichte aufschreibt, so wie Shakespeare es getan hätte.

Wir aber schaukeln auf und ab auf den Lianen unserer Vernunft. Kommt Schlaf, kommt Rat. Bleibt er aus, versumpft alles in Niedergeschlagenheit. Wir haben unsere Kinder geschlagen. Heute reden wir von Baustellen. Dass wir etwas aufgebaut haben, damit unsere Kinder es besser haben, wenn sie später ihre eigenen Kinder schlagen. Erst auf dem Sterbebett, während der letzten Atemzüge, erkennen wir, es hätte genügt, wir selbst zu sein. Zu uns zu stehen, wäre mehr gewesen. So waren wir Eingeschlossene der Zeit, unfähig einmal auszutreten aus all dem Haben und Sollen, um einfach zu sein. Wie der kleine Junge am Fenster, der still und selbstvergessen, nur für sich, einfach nur tanzt.

Das Vollkommene einer verlogenen Geste

In den Sonnenaufgang schwimmen. Tonlos.

Nichts zu sagen haben, aber unfähig sein, zu schweigen. Nachts die Geräusche all der fremden Leben, morgens Wortfetzen der Empörung.

Die Stiefel neben dem Bett. Sonne und bleischwere Müdigkeit.

Sie haben mir meine Sprachlosigkeit vergeben. Losigkeit, so ein schönes Wort. Vielleicht gerade deswegen, weil ich nicht weiß, was es bedeutet. Möglicherweise nur das Gegenteil von Festigkeit.

 

Ist es so, dass Grenzen zwangsläufig Tod bedeuten? Unter der Vorgabe (dem Vorwand?), Leben zu schützen? Ist überall da Mangel, wo Angst blüht und Neid? Sind es nicht manchmal nur die falschen Fragen, eine (gefährliche, todbringende) Perspektive? Bei Menschen wie bei Wölfen? Und darf ich mich hinter einer meiner Lieblingsphrasen (was verstehe ich schon davon?) verstecken?

 

Vielleicht würde es zum Anfang genügen, einige Ausrufezeichen gegen Fragezeichen einzutauschen.

10. Februar

Ich bin mir abhanden gekommen, sagt die Frau, und lächelt in verständnislose Gesichter. Eine Zeitlang verstummen die Gespräche, werden nicht wieder aufgenommen.

Sie sieht sie an. Die freundlichen, ansehnlichen Gesichter. Gesichter, die eine gewisse Überforderung spiegeln.

Als die Gespräche zögerlich und leise wieder aufgenommen werden, erhebt sie sich, grüßt zum Abschied.

Und geht.

Der Punkt ist, dass ich tagelang darüber nachdenke, ob ich das ins Netz stelle, oder nicht. Das ist genau das Loch, in dem ich mich immer wieder um mich selbst drehe, weder ganz aufhören zu wollen, zu bloggen, noch einfach einzustellen, was mir eben so aus den Fingern fließt.

08. Februar

Es ist jetzt an der Zeit sich zu besinnen, wie persönlich Politik ist, schreiben kluge Menschen in Zeitungen und anderen Medien. Dass es nicht genügt Haltungsnoten an die Politiker zu vergeben, wenn man sich nicht selbst die Mühe macht, eine Haltung zu entwickeln und bestenfalls zu verteidigen. Natürlich bezieht sich das in erster Linie auf Trump und Bannon, auf all diese noch vor kurzem unvorstellbaren Dinge, die jetzt in Amerika geschehen, die das Land tief spalten in Beschämte und Unverschämte. Man sollte dazu den Beitrag vom 05. Februar von André Spiegel  auf seinem Blog fortlaufend lesen.

Aber das alles geht natürlich weiter. Da ist die anstehende Wahl in Frankreich und damit verbunden die Gefahr, dass Europa nicht nur in noch größere Schwierigkeiten gerät, sondern sich gänzlich auflöst, da ist überall so viel Bedrohung und Angst und geschürte Ressentiments, dass eine Meldung wie die, dass in Rumänien die massiven Demonstrationen der Bevölkerung tatsächlich etwas bewirkt haben, schlicht untergeht.

Der unausgefochtene Kampf

Ich, die versucht, sich vor dem Leben zu verbergen, indem sie nichts verlangt. A nice dead person. Und das Leben reagiert, der Körper, der den Geist besiegt, der unausgefochtene Kampf der Friedfertigkeit. Es gibt keine Reihenfolge, keine Ordnung. Cindy Sherman inszeniert das Alter, während Ilse Aichinger nie sterben, aber sehr lange schon (vielleicht von Anfang an) verschwinden wollte, immer kleiner werden, leichter auch, bis da nur noch ein Hauch ist, etwas Unerklärliches, das keine Spuren hinterlässt, und ganz sicher keine Narben. Stattdessen: der Dehnungsschmerz des Lebens, das immer (noch) weiter wächst, während es sich auf das Sterben vorbereitet, das mich schmerzhaft aus den Verstecken ausbuddelt, in denen ich versuche, mich zu verbergen.

Webmuster

Die Zeit floss (zerfiel zu Staub), ohne irgendeinem Zusammenhang zu folgen. Willkür und Chaos. Ich stand da in der Mitte des Zeitstrudels, in dem die Pfeile der Vergangenheit mich immer wieder zielsicher an den schmerzendsten Stellen trafen, und versuchte die Fäden wenigstens festzuhalten, wenn ich sie schon nicht ordnen konnte.

Ich dachte an Penelope, die immer die Übersicht über die Fäden behalten hatte, Webmuster, Schiffchen, an die Wiederholungen, das ständig gleiche Spiel von Tag und Nacht, Weben und Auftrennen, und dass das alles ein Täuschungsmanöver sein sollte. Eine List. Ich hatte das Gefühl, dass diese Deutung ihr nicht gerecht wurde. Meiner Heldin Penelope nicht gerecht wurde.

Sie hatte eine Vision. Eine genaue Vorstellung, wie die Zukunft sein sollte. Aber manche Fäden (der nicht zurückkehrende Mann, der immer eigensinniger werdende Sohn, die politischen Verhältnisse…) schossen quer, zerstörten das Muster, und sie begann von Neuem. Vielleicht war sie nicht bereit, Fehler zuzulassen, Löcher, vielleicht wollte sie sich aber auch nur selbst beschützen, mit einer Geschichte über ihr Leben, die niemals ganz der Wahrheit entsprach.

Anders Petersen – Retrospektive im Marta

Eine sehr schöne Ausstellung war das, die ich mir am Sonntag im Marta ansehen durfte. Die Fotos von Anders Petersen haben eine ganz besondere Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit, jedes Bild erzählt Geschichten. Was er über die Serie, die er im „Café Lehmitz“ zwischen 1967 und 1970 aufgenommen hat, sagt, ist das, was seine Fotos für mich auszeichnet.

Das Café Lehmitz war ein besonderer Ort, der so nur in Hafenstädten existierte. Es war von Mitternacht bis acht Uhr morgens geöffnet. Heute gibt es solche Orte fast nicht mehr, außer vielleicht im Osten Europas. Hier begegnete man ganz besonderen Menschen: einem berühmten Schwertschlucker und einem Kleinwüchsigen namens „Zwerg“, einem Zuhälter und einer Bade, die gerade eine Pause einlegte, bevor sie ihren nächsten Überfall im Park plante. Sie trinken, kämpfen, küssen und tanzen oder schreien einander an. Ich war einer der ersten Fotografen, der in dieser Art von Bars gewesen ist. Die Leute im Lehmitz hatten eine Präsenz und eine Aufrichtigkeit, die mir selbst fehlte. Es war okay verzweifelt zu sein, zärtlich zu sein, ganz allein zu sitzen oder die Gesellschaft anderer zu teilen. Es herrschte große Wärme und Toleranz an diesem verarmten Ort.

Anders Petersen - Retrospektive
Anders Petersen – Retrospektive