James Salter lesen und etwas über Besprechungen erfahren

Alles, was ist, von James Salter gelesen. Zunächst konnte ich die Begeisterung, die das Erscheinen des Buches damals begleitet hatte, nicht recht verstehen. Mich irritierte die Beiläufigkeit, mit der Katastrophen aufgezählt wurden, auch diese im wahrsten Sinne des Wortes gleichgültige Perspektive hat mich irritiert. Dennoch konnte ich mich dem Buch nicht entziehen, da war etwas, das es besonders machte. Und jetzt,  nachdem ich es zu Ende gelesen habe, habe ich eine Rezension auf Zeit online gelesen, die meine Irritation aufklärt. Das ist die Erfahrung einer wirklich gelungenen Rezension, die das Werk einordnet, die erklärt, welche Form gewählt wurde und warum. Also nicht nur ein gutes Buch gelesen, sondern auch ein Stück weit wirklich begriffen, was Besprechungen leisten können. Leisten sollten.

Birgit Kreipe – Soma

In der sehr lesenswerten Zeitschrift „Mütze“ beschreibt Ron Winkler in einem Beitrag über Sebastian Häfner das Gedicht als Raum von Wahrnehmung und Wahrnehmungslücken, und genau nach dieser Definition verfährt Birgit Kreipe in ihrem überaus lesenswerten Gedichtband „Soma“.

Von Raumschiffen und der Unmöglichkeit eine bequeme Haltung zu finden

Ich habe nie geglaubt, Besprechungen schreiben zu können. Der erste schriftliche Kommentar zu einem Buch, ist mir einfach so geschehen, ich war überwältigt von „Der Liebhaber“, jeder einzelne Satz hat so viel in mir ausgelöst, dass die Sätze fast wie von selbst auf das Papier flossen.

In dieser ersten, fast unabsichtlich geschriebenen Besprechung, berücksichtigte ich vermutlich kein einziges der Kriterien, die eine „professionelle Kritik“ ausmachen. Und dennoch ist dieser Text mir immer noch der liebste. Der, hinter dem ich voll und ganz und ohne Minderwertigkeitskomplexe stehen kann.

Am Anfang der Lyrikkritikdebatte, die seit Mitte März im Netz wuchert, stand u.a. Tristan Marquardts These, die gegenwärtige Lyrikkritik könne weder abbilden, was sich in der Lyriklandschaft zurzeit alles tut, noch bewege sie sich – bis auf einige Ausnahmen – inhaltlich auf ihrem Niveau.

Diese Vorwürfe treffen auf mich zu.

Das Problem ist dabei zum einen mein Halbwissen, zum anderen meine zu wenig eindeutige Haltung, und nicht zuletzt, die Tatsache, dass ich gar nicht so sicher bin, ob ich Interesse daran haben, Gedichte einzuordnen, eine Lyriklandschaft abzubilden. Eher gehe ich da mit Paul Henri Campell, wenn er schreibt, dass es bei jedem Gespräch über Literatur um ein Verständnis dessen gehen muss, „was gute Literatur von gefälliger Literatur unterscheidet…

Allerdings scheint das in Bezug auf Lyrik sehr viel komplizierter zu sein, als es ohnehin bei jeder Literatur schon ist. So kompliziert womöglich, dass das Interesse an derartiger Kritik den engen Rahmen der ohnehin in engem Bezug mit Gedichten stehenden Menschen, nicht erweitert, geschweige denn sprengt.

Ich habe das Express Experiment u.a. auch dazu missbraucht, um herauszufinden, wie ich mit Lyrik umgehe, wie ich anders, möglicherweise besser, weil angemessener, mit Lyrik umgehen könnte. Dabei bin ich meines Erachtens gescheitert. So dass ich jetzt vor der Frage stehe, ob ich überhaupt weiterhin Lyrik besprechen will. Ob ich meine Standards so anpassen will, dass sie allgemein als zumindest professioneller als bislang gelten können, oder ob gerade das, das Erarbeiten und in der Folge Abarbeiten an Standards und Kriterien, mir nicht die letzte Freude an dieser Beschäftigung nehmen würde.

Mein Problem ist ja nicht zuletzt, dass ich jedwede Forderung als berechtigt betrachte, statt mich zunächst einmal zu fragen, ob sie überhaupt haltbar ist, ob ich das wirklich nachvollziehen kann. So dass ich mich jetzt der Frage stelle, wie ich mir ein Verständnis erarbeiten kann, was gute Literatur von gefälliger Literatur unterscheidet.

Mehr als an meinem mir von mir selbst unterstellten Halbwissen, leide ich, und leiden meine Argumentationen, vermutlich unter meiner fehlenden Haltung. Während die einen, sich klar für das experimentelle Gedicht entscheiden und gegen die Möglichkeit des Verstehens, glaube ich prinzipiell jedem, der sich die Mühe macht, etwas zu behaupten, und verliere so, zwischen allen Stühlen sitzend, schnell jede Art von Überblick.

So viel zu der Frage, was mich als „kleine Rezensentin“ von Großkritikern unterscheidet.

Campell schreibt „Verantwortung übernehmen statt Maßstäbe setzen“. Das gefällt mir sehr. Das hilft mir weiter. Ebenso wie Jan Kuhlbrodts These von der Literaturkritik als Selbstaufklärung.

Aber vieles was ich in diesem Diskurs lese, wirkt einschüchternd auf mich. Eine Einschüchterung, die, gepaart mit meinem mich und meine Kritikfähigkeit ohnehin einschränkenden Harmoniebedürfnis, wunderbar wirkt.

Dabei geht es nicht darum, alles richtig zu machen, sondern seinen Weg möglichst nachvollziehbar aufzuzeichnen, auf die Gefahr hin, „nicht anzukommen“ (wie Frank Milautzcki das im schönsten doppelten Wortsinn formuliert hat).

Ich weiß tatsächlich nicht, was ein Gedicht ist. Aber ich versuche es bei jeder neuen Lektüre herauszufinden. Manchmal scheitere ich und manchmal bin ich die einzige, die trotz aller Versuche keinen Zugang findet. Dann von meinem Ausgeschlossensein zu erzählen, ohne Schuldzuweisungen in Richtung des Gedichtes zu erteilen, aber auch ohne mein Scheitern meiner fehlenden Bildung oder Informiertheit anzulasten, fällt mir schwer. Aber genau das gilt es auszuhalten. Am Tisch sitzen zu bleiben, wenn es ungemütlich wird, statt im eigenen Raumschiff davon zu schweben.

 

 

 

 

 

Stolpern, Scheitern, weitergehen…

Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, ich hätte meine Zähne verloren. Ich fing an nur noch diesen Brei aus Verständlichkeit zu kochen. Und je mehr ich verstand, um so mehr fürchtete ich mich vor unverständlichen Resten. Das, was Literatur schließlich ausmacht. Ich verlernte meine Zähne zu benutzen und verlor den Geschmack an allem, was ich nicht mehr durchdringen konnte, vor lauter Verstand, Verstehen. Weil dieses Verstehen lähmt, weil es dich festhält auf einem Standpunkt, den jede Frage, jede unbedachte Bewegung ins Wanken bringen könnte, zum Einsturz.

Und dann kam dieses Experiment. Express. Und ich war gezwungen, mich wieder zu bewegen. Das war mühsam und anstrengend, am Anfang bin ich ständig gestolpert. Aber ich glaube, es lohnt sich. Ich werde versuchen weiter zu gehen.

 

Kerstin Becker – Biestmilch

Ilse Aichinger hat darauf hingewiesen, dass das Schwierigste und zugleich Unverzichtbarste am Schreiben das Schweigen sei. Ich bin mir sicher, dass Kerstin Becker sehr gut versteht, was damit gemeint ist. Nicht nur weil vier Jahre Arbeit in ihrem klug und genau durchkomponierten Gedichtband stecken, sondern vor allem, weil man lange schweigen muss, bis die Bilder der Kindheit mit solch einer Klarheit und poetischen Kraft hervortreten können, wie es in „Biestmilch“ geschieht.

Wenn Wurzeln Flügel tragen

Es ist viel wichtiger, Hilflosen zuzuhören, die man oft nur schwer zum Reden bringt.

Dieses Zitat ist von Ilse Aichinger. Und gestern habe ich einen Text gelesen, der genau das einlöst, in dem ein Hilfloser spricht. Der Sprecher heißt Paul und ist zwölf Jahre alt, und er hat einen so berührenden Text geschrieben, dass mir noch immer ein Kloß im Hals steckt, aber gleichzeitig macht mir Pauls Text Mut. Weil so viel Kraft und Mut, und vor allem Liebe in diesem Text steckt.

Pauls „Mein Leben ohne Vater“ ist einer der Beiträge für das ohnehin schöne Projekt „Wenn Wurzeln Flügel tragen„, und ich wünsche diesen Zeilen sehr sehr viele Leser. Ganz besonders natürlich einen bestimmten Leser.