100 Worte. 100 Tage. Tag 62

„Ein Kreis in dem ich ging und mich beschrieb“

Franziska Beyer-Lallauret „Warteschleifen auf Holz“

Ich murmele Worte, die schreiben sich ein. In das Holz meiner Haut. Manchmal blühen sie dort auf. Dann berühren sie eine andere Haut, die wiederum reagiert und so weiter. So pflanzt es sich fort. Andere Worte stehen unbefruchtet und nur so, nahezu unbeobachtet auf einem Stück Papier, eingeschrieben sind sie dennoch. Manche ins Herz, manche in die Haut. Einige bleiben an der Oberfläche, andere sinken tiefer ein mit jedem Jahr das vergeht, und seine Warteschleifen zieht. Ohne zu wissen worauf das Warten zielt. Das alles wird schon etwas aussagen über mich und die Art wie ich gehe. Immerzu im Kreis.

100 Worte. 100 Tage. Tag 61

„dein körper ist eine wunde.“

Sünje Lewejohann. „die idiotische wucht deiner wimpern“.

Jahrelang litt sie unter ihrem Körper, der ihr ständig vor Augen führte, dass sie nicht gut genug war, nicht schnell genug, nicht schlank genug. Sie hielt ihn aus wie eine Wunde, die irgendwann verheilen würde. Diese Hoffnung verlor sie nie. Und schließlich geschah es, in der Wunde entwickelte sich etwas, das neun Monate wuchs und alles verwandelte. Als es sie zerriss, das kleine Wesen in die Welt zu entlassen, war aus ihrem wunden Körper ein Wunder gekommen, das seinerseits wachsen würde. Wunden dachte sie, sind nicht zu vermeiden, aber sie beherbergen die Möglichkeit von Wundern, also halten wir sie aus.

100 Worte. 100 Tage. Tag 60

„Ich habe keine Angst. Ich

habe gar nichts.“

Lütfiye Gützel. „nahezu nichts gelingt.“

Reich ist, wer nichts besitzt. Das sind Gedanken für Menschen, die keinen Hunger leiden, ein Dach über dem Kopf und ein warmes Bett ihr eigen nennen. Keine lange Liste von Erfolgen aufweisen zu können, kein Auto, kein Haus und keinen Swimmingpool, das hingegen nenne ich Freiheit. Wenn dann noch die Angst verschwindet, mein Gesicht zu verlieren und Neugier an ihre Stelle tritt, wird mein Schritt leichter, fast beschwingt. Jeder Schritt eine Erkenntnis darüber, wie ich bin, mit allen Eigenarten, egal wie die Welt gerade jetzt darüber denkt. Ein Weg voller Lücken und Schlaglöcher, begangen ohne Angst, ist ein einzigartiges Glück.

100 Worte. 100 Tage. Tag 59

„Seht ihr, so viele Rätsel birgt die Natur, verhängnisvolle und beglückende.“

Wenedikt Jerofejew. „Die Reise nach Petuschki“.

Zunächst waren wir enttäuscht, wie wenig er mitgebracht hatte von seiner Reise in die Natur. Er kehrte zurück mit einer Handvoll Adjektive, die er uns nach und nach offenbarte. Er sagte, erst müsse er jedes einzelne von ihnen durch seine Träume filtern, um dann zu entscheiden, welche von ihnen er in einer Geschichte mit uns teilen wollte. So vergingen die Tage seit seiner Rückkehr mit unserem Warten auf den Morgen. Wir saßen, alle Blicke auf ihn gerichtet, am Frühstückstisch und er murmelte Sätze, die ebenso unverständlich wie unverrückbar waren. Unsere Aufgabe war es, sie entweder zu vergessen, oder zu entschlüsseln.

100 Worte. 100 Tage. Tag 58

„Ihren Brief tragen wir unter unserem Hemd, einer nach dem andern.“

Agota Kristof. „Das große Heft“.

Ich fühle die Ecken, die mich manchmal kitzeln und manchmal stechen. Dann denke ich: gut, dass morgen der Brief unter dem Hemd meines Bruders ist und nicht bei mir. Wenn aber der Tag gekommen ist, an dem nicht ich den Brief unter dem Hemd trage, spüre ich Leere. Es ist als würde mir etwas Wesentliches fehlen. Jede Pore meiner Haut vermisst etwas, dass in Wirklichkeit gar nicht zu mir gehört. Denn dieser Brief ist nicht unser Wesen. Aber vielleicht die Tatsache, dass wir ihn teilen. Dass er hin- und her wandert und sich dabei immer gleicht, während wir uns verändern.

100 Worte. 100 Tage. Tag 57

„Aber mir kommt ihr Leben so vor wie eine lange Meditation über das Nichts.“

Clarice Lispector. „Der große Augenblick“.

Es gibt Sätze die alles enthalten, und gleichzeitig nichts. Die das Nichts an sich beinhalten und deswegen unausschöpflich sind. Jedes Mal, wenn ich mich in sie versenke, laufe ich Gefahr, mich zu verlieren. Zum Beispiel an die Frage, was das wäre; dieses Ich, das ich zu verlieren riskiere. Und woran ich es verlieren würde. Was ich dafür gewinnen könnte. Und wie seltsam, denke ich, während ich das schreibe, dass der Konjunktiv von sein gleichlautend mit dem Wort Würde ist. Ein so schwer beladenes Wort und die Möglichkeitsform schlechthin. Vereinigt in einem Wort, allein getrennt durch groß oder klein geschriebene Anfangsbuchstaben.

100 Worte. 100 Tage. Tag 56

„Die Schöne fügt sich in ihr Unglück und geht zur gesetzten Zeit in das Haus des Drachen.“

Brüder Grimm. „Der Drache. Kinder- und Hausmärchen.“

Die Schöne fügt sich, wie Frauen sich immer fügen in Märchen, wo Schönheit mit Gutsein einhergeht, und wer hässlich ist, ist das aus gutem Grund. Die Zeit ist gesetzt, alles wird termingerecht erledigt. Nur hat unser Drache sich an der dreizehnten Fee verschluckt. Die Schöne erscheint zur verabredeten Zeit, und findet den Drachen friedlich schlafend in seinem Bett. An dieser Stelle ist das Märchen vorbei, und die Geschichte beginnt. Die Geschichte wie die Schönen und Hässlichen, die Jungen und Alten, endlich beginnen ihre Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, und das Unglück denen überlassen, die gerne weiterhin Märchen erzählen.

100 Worte. 100 Tage. Tag 55

„Ich gehöre genau zu jener Sorte netter weißer Mädchen aus der oberen Mittelschicht, deren Verhältnis zu Rauschmitteln entweder als harmlos oder als bemitleidenswert angesehen wird – eher ein Grund zur Sorge oder zum Schulterzucken als zur Bestrafung.“

Leslie Jamison. „Die Klarheit“.

Dem ersten Rausch folgt die Entscheidung, einmal vollständig die Kontrolle zu verlieren. Sich ganz und gar um den Verstand zu trinken. Das erste Mal war ein Versehen, das übliche Muster, die auf der Familienfeier halb ausgetrunkenen Gläser, die plötzlich leer waren. Aber das bemerkte niemand. Ebenso wenig wie den glasigen Blick des Kindes. Das wenig später vor seinem Bett auf dem Boden schlief. Weil sich alles so drehte, weil das Bett scheinbar in schwere See geraten war. Sie hatte gelernt alles zu kontrollieren. Die Trauer, die Angst. Sie hatte gelernt zu funktionieren. Und dass der Alkohol der einzige Ausweg war.

100 Worte. 100 TAge. Tag 54

„Die meisten Frauen um mich herum waren Arbeiterinnen.“

Mely Kiyak. „Frausein“

Die Hände meiner Großmutter waren groß. Ich kenne sie nur von einer alten Fotografie auf der sie mit meiner Mutter abgebildet ist, meine Mutter ist jung, meine Großmutter schon krank. Sie starb lange bevor ich geboren wurde. Ich stelle mir vor, dass mit diesen Händen keine Handlung halbherzig gewesen sein kann. Dennoch bleibt von ihr wenig mehr als die Erinnerung an Hände auf einer Fotografie, die langsam verblasst. Keine Stimme, kein Gesicht, keine Bewegung. Nur das Bild dieser Hände. Gezeichnet von einem Leben voller Arbeit. Als wären die Hände über sie hinausgewachsen. Und hätten sie schließlich zurückgelassen in diesem Bild.