Denken lernen

Aber man muss nicht allzu weit denken, um zu begreifen, dass Maler und Bildhauer in den wichtigen und charakterbildenden Jugendjahren nicht aus diesem Grund all ihre Zeit darauf verwendeten, andere Künstler zu kopieren oder rein mechanisch Modelle oder Gegenstände wiederzugeben. Das ist das Wichtige in der Kunst und der Literatur überhaupt, und es gibt nahezu niemanden, der es kann oder auch nur davon weiß, weil es nicht länger vermittelt wird. Heute glaubt man, Kunst sei mit Vernunft und Kritik verbunden, es gehe um Ideen, an den Kunstschulen wird Theorie gelehrt. Das ist ein Verfall, kein Fortschritt.

Karl Ove Knausgard, „Kämpfen“, S. 334

 

Schreiben

Ja, was heißt es zu schreiben?

Es heißt vor allem, sich selbst zu verlieren oder sein Selbst. Darin erinnert es ans Lesen, doch während man beim Lesen das eigene Selbst an ein fremdes Ich verliert, das deutlich als etwas Außenstehendes definiert ist, das nicht ernsthaft die Integrität des eigenen Ichs bedroht, ist der Verlust des Selbst beim Schreiben in einer ganz anderen Weise umfassend, so wie der Schnee im Schnee verschwindet, könnte man es sich vorstellen, oder wie irgendeine andere monochrome Fläche, auf der sich kein privilegierter Punkt findet, weder ein Vordergrund noch ein Hintergrund, keine Decke und kein Boden, nur überall das Gleiche. So ist das Wesen des schreibenden Selbst. Aber was ist dieses Gleiche, das es ausmacht und in dem es sich gleichzeitig bewegt? Es ist die eigene Sprache. Das Ich entsteht in der Sprache und ist Sprache. Aber die Sprache gehört nicht dem Ich, sie gehört allen. Die Identität des literarischen Ichs liegt darin, dass ein ganz bestimmtes Wort gewählt wird und kein anderes, und doch ist diese Identität nicht sonderlich verbindend und zentriert. In gewisser Weise ähnelt sie der Identität, die wir haben, wenn wir träumen, wo das Bewusstsein ebenso wenig unterscheidet zwischen uns, unserer Umgebung und unseren Erlebnissen. […] Der Unterschied zwischen Träumen und Schreiben dürfte darin bestehen, dass Träumen unkontrolliert geschieht, sozusagen im unbewussten Modus des Körpers, und rücksichtslos ist, während Schreiben kontrolliert geschieht und zielbewusst ist. Das stimmt, und doch wieder nicht, denn die wesentliche Ähnlichkeit hat mit der fehlenden Lokalisierung des Ichs zu tun, damit, dass es entgleitet und nicht länger zentriert ist; und ist es nicht die eigentliche Zentrierung, die im Grunde das Ich ausmacht? Der Akt des Zusammenhaltens? Schon. Aber die Wahrheit über das Ich ist nicht die Wahrheit über das eigene Sein. Was zwischen den verschiedenen Bruchstücken aufsteigt, weit draußen im Nicht-Zusammengehaltenen, ist auch der Klang des ganz Eigenen, dieser ein Leben lang anhaltende Ton des Selbst, zu dem wir erwachen, jenseits der Gedanken, die wir denken, und des Gefühls in der Situation. Es ist das Letze, das wir loslassen, bevor wir einschlafen. […] Dieser Ton hat nichts mit dem Ich zu tun und noch weniger mit dem Wir, sondern nur mit dem eigentlichen Sein in der Welt. […] Die vom Ich zusammengehaltenen Gedanken können vom Lesen und Schreiben aufgelöst werden, aber auf verschiedene Weise, beim Lesen, indem man sich auf das von außen kommende Fremde einlässt, und beim Schreiben, indem man in sein eigenes Fremdes eindringt, bei dem es sich um die Sprache handelt, über die man verfügt, mit anderen Worten die Sprache, in der man Ich sagt. Wenn man schreibt, verliert man die Kontrolle über dieses Ich, es wird unüberschaubar, und die Frage stellt sich, ob das Unkontrollierbare und Unüberschaubare des eigenen Ichs nicht eigentlich eine Vergegenwärtigung des tatsächlichen Zustands ist, oder zumindest kommen wir damit einer Vergegenwärtigung des tatsächlichen Ichs sehr nahe.

Knausgard, „Kämpfen“, S. 257 f.

Das Paradox der Identität

[…] Jedes Ich ist einzigartig und unveräußerlich, aber auf exakt die gleiche Art und Weise wie alle anderen Ichs. Wir erhöhen jemanden, wollen uns aber nicht dazu bekennen; wir sind durchdrungen von den anderen, wissen es aber nicht oder wollen es nicht sehen. […]

„Kämpfen“, Karl Ove Knausgard, S. 251

Familie

„Darum beneide ich sie“, hatte Linda eines Abends vor nicht allzu langer Zeit gesagt, als wir in einer der Ecken des enormen Parks zu Abend gegessen hatten und mit den Kindern auf dem Heimweg waren.“ […]

Es geht um eine große Menschenansammlung, mehrere Generationen umfassend, die in diesem Park grillen und reden und lachen. Knausgard und Linda unterhalten sich über das Phänomen Großfamilie und Linda sagt: […] alles konzentriert sich so auf uns, auf mich, dich und die Kinder. Stell dir vor, wir hätten etwas, worin wir verschwinden könnten!“

Ich glaube, ich verstehe, was sie meint. Das Prinzip Familie, das Phänomen Großfamilie. Das Muster das an die Stelle der Konzentration auf die einzelnen Fäden, tritt. Ein großes „wir“ statt ich, du, Kind A., Kind B., mit allen seinen Eigenarten, der Versuch, jedem, aber auch sich selbst, gerecht zu werden, oder das Ganze im Blick zu haben, das Gleichgewicht weniger als das Gewicht, das in so einer Aussagen liegen kann: Wir sind eine Familie. Und das sind wir eben tatsächlich nicht, keine Großfamilie, nur die jeweils kleinen Einheiten, die sich eher gegeneinander behaupten, als sich im großen Gesamtzusammenhang aufzulösen.

Aber natürlich hat auch das seinen Preis.

Ich glaube ein großes, vermutlich grundlegendes, Problem unserer Gesellschaft, ist die Tatsache, dass wir nicht anerkennen wollen und können, dass auch die Freiheit ihre Schattenseiten hat, ihren Preis fordert, ebenso wie der Fortschritt. Dass es vermutlich absolut nichts gibt, das nur gut ist.

Der Roman als Form des Denkens

Im sechsten Teil seines Mammutprojektes schreibt Knausgard:

[…] denn für mich ist der Roman eine Form des Denkens, radikal anders als die Form des Denkens in Essays, Artikeln oder Abhandlungen, weil im Roman die Reflexion der Erkenntnis nicht als Mittel übergeordnet, sondern allen anderen Elementen gleichgestellt ist. Der Raum, in dem gedacht wird, ist ebenso wichtig wie der Gedanke. Schnee, der durch die Dunkelheit fällt, Autoscheinwerfer, die auf der anderen Seite des Flusses vorbeigleiten. Möglicherweise war das Wichtigste, was ich auf der Universität gelernt habe, dass man über einen Roman oder ein Gedicht praktisch alles sagen kann; und es kann durchaus wahrscheinlich und plausibel sein, aber niemals erschöpfend, und vielleicht auch nicht wesentlich, denn ein Roman oder ein Gedicht sind immer auch eine Kraft in sich, etwas ganz Eigenes. Und dass es nicht möglich ist, das, was das Gedicht uns sagen will, auf eine andere Weise als genau diese auszudrücken, lässt es zutiefst geheimnisvoll werden. Die Welt ist ebenso geheimnisvoll, aber das vergessen wir so gut wie immer, seit wir stets der Reflexion den vorrang geben, wenn wir sie betrachten.

Kämpfen, s. 193

Knausgard

Hypnotisierende Genauigkeit bescheinigt Mikael Krogerus in seinem lesenswerten Artikel in der Freitag Karl Ove Knausgard, der dort zitiert wird: „sich nichts vormachen, dort bleiben, wo man wirklich ist. Ich wollte so tief im Kleinen verschwinden, dass sich die großen Linien auflösen. Ich schrieb über Windeln wie Joyce über Dublin.“

Abgesehen davon, dass auch ich süchtig bin nach Knausgards Büchern, dass ich nicht aufhören kann zu lesen, wenn ich einmal angefangen habe, ist das, was er mit diesen Büchern tut, beängstigend. Erschreckend. Knausgard liefert jeden, der ihm über den Weg gelaufen ist, der Öffentlichkeit aus. Er macht nicht Halt vor seinen Kindern, nicht vor seiner Frau, vor niemandem, der ihm vertraut hat, der gar keine andere Wahl hatte, als ihm zu vertrauen, sich auszuliefern. Ich weiß nicht, ob ihm egal ist, was er dadurch, durch sein Schreiben, in ihren Leben anrichtet. Ich glaube nicht, dass es ihm egal ist, aber er kann offenbar nicht anders handeln. Es ist ein Zwang, dem nachzugeben ihn nicht einmal für die Zeit der Niederschrift glücklich macht. Ist das Ehrlichkeit, Provokation, Rücksichtslosigkeit? Unverantwortlich, oder eine ganz andere, schwer zu erfassende, Art von Verantwortung?

Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es ist, wenn man blindlings Dinge tut, sich treiben lässt, von denen man erst hinterher, nach und nach ermessen kann, welches Ausmaß sie haben, was man damit angerichtet hat.

Und doch hat er weiter gemacht. Nicht nur weiter geschrieben, sondern auf genau diese Art und Weise weiter geschrieben.

Und wenn ich mich davon dermaßen gefangen nehmen lasse, wenn ich mich davon ermutigen lasse, mich wieder finde, an manchen Stellen verstanden fühle, kann das alles nicht darüber hinweg täuschen, dass es auch ein gutes Stück Voyeurismus ist, das mit Knausgards Büchern bedient wird. Nicht nur die Sehnsucht danach, kompromisslos aufrichtig zu sein und auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen, sich etwas zu überlassen, über das man keine Kontrolle hat.

Ein kurzer Rausch und die ausufernden, schmerzhaften, nicht absehbaren Folgen.

Erinnerungen

Knausgard geht ja tatsächlich noch einmal zurück, versucht nicht nur zu verstehen, was ihm widerfahren ist, wie er geworden ist, was er nun ist, sondern er durchlebt das alles noch einmal, einschließlich der Peinlichkeit, die darin liegt, es mit diesem Abstand zu sehen, aus dieser „reifen“ Perspektive.

Ich war so alt wie P. jetzt, als ich den Unfall hatte, vielleicht etwas jünger. Dabei habe ich mich viel kindlicher in Erinnerung. Der Besuch, der im Krankenhaus um mein Bett herumstand, während ich auf der Bettpfanne saß, und vor Peinlichkeit starb, ohne die geringste Idee, wie ich aus dieser Situation herauskommen könnte. Raudi, der Stofftierhund, den ich geschenkt bekam, jemand (A.?), der mir Pommes und Currywurst ins Krankenhaus brachte, wie ich mir das gewünscht hatte. Kein Rap, kein Smartphone, keine Youtube Videos. Stattdessen lautmalerische Textmitschriften der Beatles Lieder und hart erkämpfte Verabredungen

KARL OVE KNAUSGÅRD

„Oh, dies ist das Lied über einen Sechzehnjährigen, der in einem Bus sitzt und an sie, die Einzige, denkt, ohne zu wissen, dass die Gefühle langsam, immer langsamer matter und schwächer werden, dass das Leben, das jetzt so stolz und gewaltig daherkommt, unbarmherzig weniger und weniger wird, bis es eine handliche Größe erreicht hat – dann tut es nicht mehr so weh, aber dann ist es auch nicht mehr so schön.“

Und natürlich gibt es dem nichts hinzuzufügen, außer dem, was Knausgard selbst im folgenden Satz schreibt, das so etwas nur ein vierzigjähriger Mann schreiben kann. Zum Glück muss man vierzig werden, um zu begreifen, wie es sich mit dem Leben verhält, wie aus Übermaß etwas sehr Handliches wird. Wie sich alles beruhigt, aber eben auch an Intensität verliert. Aber wenn man es einmal begriffen hat, wird man dieses Wissen nicht mehr los.