Heimat

Es ist schon lange her, vier Jahre, dass dieser Text auf den Gleisbauarbeiten erschienen ist, aber als ich ihn heute gelesen habe, hat er einiges in mir in Bewegung gesetzt.

Denn es geht u.a. auch um Heimat, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. „Heimat“, schrieb Uwe Johnson, „ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß.“ „Der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, ist immer die Vergangenheit“, schreibt Melusine. Also ist Heimat der Ort, der unwiederbringlich hinter uns liegt. Das ist scharf beobachtet, gut auf den Punkt gebracht. Aber es muss auch eine Heimat geben in der Gegenwart. Im besten Fall ein Ort, in dem alles ineinander fließt; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft, eine Hoffnung, die antreibt schwierige Dinge in die Hand zu nehmen, das, was noch verbesserungswürdig erscheint, tatkräftig zu verbessern, Utopien zu entwickeln, an denen man scheitern und sich wieder aufrichten kann. Eine Heimat, die die Vergänglichkeit akzeptiert, und aus dieser Einsicht die Kraft bezieht, den Moment und die Gegenwart zu leben und zu lieben, die gleichzeitig Vorausschau schenkt für die Zukunft. Nicht nur für die eigene, sondern bestenfalls für die einer Welt, von der man nicht aufhört zu glauben, dass sie sich bessern kann, ein friedlicherer, lebenswerterer Ort werden kann. Eine Heimat, die so einen Knotenpunkt bereitstellen und aufrecht erhalten kann, wo ist die?

Mein Platz am Küchentisch, wenn alle das Haus verlassen haben? Wenn ich ein paar Stunden lang allein bin, mit meinen Gedanken, den Büchern und dem Papier. Aber auch mit der Gewissheit, dass die anderen zurückkehren werden, im Laufe des Tages. Mit der Freude darüber, dass wir ein Netz bilden, dessen Maschen mal enger mal loser gewoben sind, aber dem wir vertrauen können, dass es nicht reißt?

Das ist der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, und in die Zukunft schaut. Wo Leben stattfindet. Lebendige Gegenwart.

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Heimat

Der Geist ließ die Fähigkeit des Körpers, feinste Geräuschunterschiede wahrzunehmen, ungenutzt. Und so blieb sein Wissen vom Ort oberflächlich. […] Existentielle Einsamkeit und ein Gefühl der Belanglosigkeit des eigenen Lebens – beides Kennzeichen moderner Kulturen – wurzeln zum Teil, scheint mir, in unserer Abkehr vom Glauben an die Heilsamkeit einer Bindung zum Ort. Ein beständig erneuerter Sinn für die unergründliche Komplexität von Zusammenhängen in der Natur, Mustern, die stets gegenwärtig und erkennbar sind und den Betrachter mit einschließen, wirkt dem Gefühl, man sei in der Welt allein, oder habe in ihr keine Bedeutung, entgegen. Das Bestreben, einen Ort genau zu kennen, ist letzthin Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, einem festen Platz im Leben.

Der Entschluss, einen bestimmten Ort kennen zu lernen, wird meiner Erfahrung nach durchgehend belohnt. Und jeder Naturort, meine ich, ist kennenlernbar. Und irgendwann in diesem Prozess beginnt man zu spüren, dass man selbst gekannt wird, so dass man weiß, wenn man nicht an dem Ort ist, fehlt man ihm. Und diese Gegenseitigkeit, zu kennen und gekannt zu sein, verstärkt das Gefühl, dass man in der Welt gebraucht wird.

Vielleicht lautet die oberste Regel für alles, wonach wir streben, aufmerksam zu sein. Eine weitere lautet vielleicht, Geduld zu haben. Und eine dritte, auf das Wissen des Körpers zu achten […]

Dieser Augenblick ist eine Einladung, und die Einladung des Bären, teilzuhaben, gilt jedem, der vorüber kommt, ohne Ansehen der Person.

(Barry Lopez  aus the invitation übersetzt in Auszügen abgedruckt in der Neuen Rundschau 04/2016

Tadeusz Dabrowski

Im anderen Zimmer liegt Vater, liest vor dem Schlafen.

Er hat mir immer gegeben, was ich brauchte.

Ich glaube, ich bin gut zu ihm.

 

Wir liegen in benachbarten Zimmern, Stille, man hört das Wasser

in den Heizkörpern murmeln. Die Zeit vergeht. Was sonst

kann ich tun, ihn endlos umarmen, immer wieder sagen:

 

Ich liebe dich? Ich finde nicht. Also liege ich da und denke

an sein altes Herz und die abnehmende Zahl

der ihm zugedachten Schläge. So viel Liebe, und keine Ahnung

 

wohin damit.

[aus: Die Bäume spielen Wald – Lyrik Kabinett]

Oder Europa?

 

Kann Europa so etwas wie eine Heimat werden?

Irgendwann?

Ein Ort, an dem wir uns gemeinsam sicher fühlen können?

 

Im aktuellen SZ Magazin haben Schriftsteller aus zehn Mitgliedsstaaten kurze Gedichte über ihr Land verfasst, und die einzige Gemeinsamkeit, die ich in den Gedichten finden konnte, war das Bewusstsein für ein Fehlen. Ein Fehlen von Solidarität und Menschlichkeit. Sheptim Selmani schreibt für den Kosovo:

 

„Am ersten Tag wurde das Blut erschaffen,

am zweiten Tag der Tod,

am dritten Tag war von Liebe die Rede,

dann war kein Tag mehr übrig für die Menschen.“

 

und Sasa Stanisic skizziert Deutschland:

 

„Die Geheimnisse sind wir los. Abgegeben, wie unsere gut gebauten Waffen,

unfreiwilliger. Schütteln Babys, verliert Bayern ein Spiel, wir sind bischofs-

residenzschön. Wetten, dass unser Bier übernimmt, ein Denkmal für Erwin

Rommel, unsre Epen, unsre Migranten am Theater, unsre russische Energie.“

 

Wer weiß, vielleicht ist das Bewusstsein, dass etwas Grundlegendes fehlt, zusammen mit dem Erkennen „unsrer Migranten am Theater, unsrer russischen Energie“, ja ein Anfang, um so etwas wie eine menschliche Heimat aufzubauen. Und irgendwann viel später können die Generationen nach uns sagen: Am Anfang war die Utopie.

 

 

 

Geheimnis.

Meine letzten Überlegungen zum Begriff Heimat bestanden darin, dass ich mir bewusst geworden bin, dass ich nach einem Ursprung suchen möchte, nach einem Urgrund dieses Begriffes, um das Wesen der „Heimat“ aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte nachvollziehen zu können. Das ist natürlich ein Unterfangen, das ich nicht in wenigen Tagen, quasi zwischendurch erledigen kann. Ich müsste recherchieren, lesen, überlegen. Das alles braucht Zeit.
Und wäre vermutlich gar nicht zu bewältigen, wenn nicht viele andere Menschen, bewusst oder unbewusst schon seit langem oder gerade eben an genau demselben Projekt arbeiten würden.
Ihre ganz eigene Geschichte dieses Begriffes erzählen. Wie Mary am Meer, die Heimat im Geheimnis entdeckt hat.

Mary am Meer

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Geheimnis ist Grundvoraussetzung für Entdeckung. Das Wort (ver)birgt  sowohl „Heim“ selbst als auch die Aufforderung „Geh Heim!“.

Heimgehen können wir erst, nachdem wir das Bekannte verlassen haben, vom Gewohnten verabschiedet oder ihm entrissen wurden. Der Preis ist das Eingestehen, dass nichts bleibt wie es ist, der Tausch der Sicherheit  gegen die Ungewissheit.

Irgendwann nachdem wir mutig alle möglichen Erfahrungen gemacht haben, den Ballast der inneren Mauern nach und nach auf dem Weg abgeworfen haben*, irgendwann ist es Zeit zurückzukehren. Auf dem Weg in die Heimat erfahren wir das Geheimnis, das man die ganze Zeit in sich trug ohne es zu wissen, obwohl wir es ahnten, manche flüchteten überhaupt nur aufgrund dieser Ahnung, um ihr zu entkommen. Aber wir entkommen nichts, da wir alles in uns tragen.

Zu sagen also, etwas existierte nicht in uns, weil wir es nicht wahrhaben wollen, entweder weil wir ein besseres Bild von uns haben, wir das Ego hinter…

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Heimat (Third culture)

 

 

So viel hat sich bislang überdeutlich abgezeichnet; Heimat ist ein Begriff, der weder eindeutig noch einfach zu definieren ist.

Flucht und Migration spielen eine Rolle und auch die Luxus Variante der Third culture kids.

Bereits in den 1950er Jahren prägten die Sozialwissenschaftlicher John und Hill Useem den Begriff der „third culture kids“, für Kinder von Eltern, die berufsbedingt zunehmend nicht nur die Stadt, sondern auch das Land wechseln. Der ausschlaggebende Punkt, so die Wissenschaft, ob das so ständig verpflanzte Kind ein Heimatgefühl hat oder nicht, ist weniger die Dauer der im Ausland verbrachten Jahre, oder die Anzahl der Orte, an denen es gelebt hat, als vielmehr die sogenannte Latenzzeit zwischen fünf und zehn Jahren, während der Kinder ihre Identität und ihre Werte ausbilden.

 

Ist Heimat also eher ein Zustand als ein Ort?

Ein, nur in den meisten Fällen, an einen Ort gebundener Zustand?

Alles scheint darauf hinzudeuten, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl, oder vielleicht sogar nur die Erinnerung an ein Gefühl.

 

Aber das ist ein relativ neues Phänomen. Heimat muss einen ganz anderen Stellenwert, auch eine andere Definition gehabt haben. Ein anderes Gefühl muss damit verbunden gewesen sein. So etwas wie „Heimat“ ist eben nicht zuletzt hochgradig vom jeweiligen Zeitgeist abhängig. (und mir fällt es dabei schwer die Grenze zu ziehen zwischen biografischen, persönlichen Empfindungen und gesellschaftlichen Zuschreibungen, dem, was wir eben Zeitgeist nennen).

Um diese Hypothese der Andersartigkeit von Heimat und Heimatgefühl besser verstehen zu können, möchte ich herausfinden, wann die Veränderung begonnen hat und welche Einflüsse dafür verantwortlich gewesen sind. Also zunächst einmal, wie Heimat früher empfunden und beschrieben worden ist. Ob es so etwas gibt wie einen Ursprung des Begriffes „Heimat“. Einen Zeitpunkt (und Anlass!) zu dem sich dieser Begriff gebildet hat, um von da aus zu wachsen und zu schrumpfen, sich ständig zu verändern und zu entwickeln. Seine (von Anfang an angelegte) Widersprüchlichkeit zu entfalten.

 

Und eine andere (aber natürlich damit verbundene) Frage:

Ist Heimat ein „hin“ (Hingabe, Hinsehen, hingehen…), oder eher ein „her“ (Herkunft, Herkommen, hergeben, heraus)

Und da ist wohl auch einer der Schnittpunkte mit meiner eigenen Geschichte, mein Leben zwischen hinein und heraus, irgendwie heimatlos.

Denn Heimat ist weder hinein noch heraus, sondern einfach Da sein.

Vielleicht ist das, worum es immer und überall geht der Versuch über sich hinaus zu gehen, seine Heimat in der Bewegung zu finden, zwischen Grenzen, die scheinbar ausschließlich und undurchdringbar sind (zumindest aber nicht übertreten werden dürfen), seine Heimat in der Bewegung zu finden, damit die Gegensätze aus denen das Leben besteht, einen nicht zerreissen. 

 

 

 

 

Dazwischen

 

Vielleicht war es die Gleichgültigkeit. (Sie als das letzte von fünf Kindern). Die Not und die Unmöglichkeit, sie zu wenden.

Möglich, dass es damit begonnen hat.

Später genügte es, das die Zeit verging. An ihr vorbei. Durch sie hindurch.

Als ich in ihr Leben trat, konnte sie den Ort vermutlich längst nicht mehr wechseln, war sie schon fest verankert in diesem Dazwischen.

Oder vielleicht war dieses Zwischenreich zwischen Himmel und Hölle, ihr einzig mögliches Zuhause.

 

Die Hände meines Vaters, ein bretonischer Küstenort und Hauptsache bewegt

Deine Hände waren ein Hafen, den ich viel zu jung und viel zu überstürzt verlassen habe, und in den ich erst kurz vor deinem Tod zurückgekehrt bin. Große schwere Hände. Sensibel genug, um feine Bleistiftlinien zu zeichnen und aus Papierbögen Schiffchen zu falten. Stark genug, um Eisen zu schmieden und um mich hoch in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. Zärtlich genug, um mein aufgeschürftes Knie zu verarzten und mir das Haar aus der Stirn zu streichen. Brutal genug, um deinem Zorn Ausdruck zu verleihen auf entsetzter Haut. Nicht auf meiner. Trotzdem schmerzte es. Als ich nicht mehr wegsehen konnte, verließ ich den Hafen. Da war ich zwölf. Erst an deinem Sterbebett steuerte ich ihn wieder an, hielt deine Hand, die kaum noch Gewicht hatte, keinen Widerstand mehr bot. Leicht wie ein Vogel ruhte sie in meinen Händen. Nur warm war sie noch.

 

*

 

Ich habe immer eine Sehnsucht in mir gehabt. Selten wusste ich sie zu benennen. Ein Gefühl wie Heimweh und Fernweh zugleich. Meistens wünschte ich mich woanders hin. Immer sehnte ich mich nach einem beständigen Ort. Ich bin bisher vierzehn mal in meinem Leben umgezogen, am häufigsten in der Kindheit. Ich habe Grundschulen in drei verschiedenen Städten besucht. Inzwischen sind die Abstände größer geworden, nicht zuletzt meinen eigenen Kindern zuliebe. Vor etwa achtzehn Jahren machte ich mit meiner kleinen Familie Urlaub in der Nordbretagne. Wir fanden einen Campingplatz mit Blick aufs Meer. Dort, in dem Hafenstädtchen Binic, hatte ich erstmals das Empfinden, als wären Heimweh und Fernweh zugleich gestillt. Als schlösse sich ein Kreis. Der Atlantik ist mir in dieser Bucht wie ein Geliebter, sanft tragend und Widerstand leistend zugleich. Wind, Möwen und Sonne sind mir dort vertrauter als anderswo. Dieser Ort ist mir ein inneres und äußeres Zuhause geworden. Schon viel zu lange war ich nicht mehr da. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich in irgendeiner Weise von dieser Küste stamme. Ob ich vielleicht keltische Ursprünge habe. Aber es nicht wichtig, das zu erforschen und zu wissen. Wichtig ist, was ich spüre, wenn ich dort bin: Zugehörigkeit. Das Gefühl, angekommen zu sein. Nichts, was man erklären muss.

 

*

 

Was ich seit vier, fünf Jahren zunehmend wahrnehme: Ein Gefühl des  Zuhauseseins im Schreiben und in der Bewegung. Beides hängt für mich zusammen; und mit Bewegung meine ich sowohl eine körperlich-räumliche als auch eine gedankliche. Reisen, Entwicklung, Lebendigsein. Ein Heimatfinden und -einrichten in mir und im Unterwegssein, in meiner Gangart, in meinem Tempo. Ich selbst als mein allereigenster Ort, egal wo, Hauptsache bewegt. Unterwegs und mit der Ahnung eines Hafens im Kopf.

 

 

Herzlichen Dank an Iris für diesen Text zum Thema Heimat.

 

Ein unvollständiger Text über Zugvögel, Bananenröcke und das Schuhebinden

Es ist ein wohlbekanntes Phänomen, dass man, sobald man eine Fragestellung im Hinterkopf hat, Verbindungen findet, Hinweise. Einfach weil sich der Blick öffnet für Dinge, die mit der Frage zu tun haben. So ist es sicher kein Wunder, dass ich diesen Text entdeckt habe, der nicht nur wunderschön ist, sondern auch ganz wunderbar in das Heimatprojekt passt, dass ich vor einiger Zeit hier begonnen habe.
Herzlichen Dank noch einmal an Asallime, dass ich hier auf ihn hinweisen darf.

asallime

„…wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber

wo ich sterbe, da will ich nicht hin:

Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“

Thomas Brasch

Als Grundschülerin war für mich der Inbegriff von Reichtum, auf einer Treppe im eigenen Haus zu sitzen und sich die Schuhe zuzubinden – so wie es manche meiner Freundinnen taten, wenn ich sie zum Spielen abholte. Sie wohnten im Villenviertel in Häusern, die meist schon ihren Großeltern gehört hatten. Und wenn nicht, dann lebten die Großeltern nur ein paar Straßen weiter.

Weder meine Eltern noch ich sind in der kleinen Stadt, in der ich die katholische Grundschule besuchte, geboren. Meine Großeltern haben nie im selben Land wie ich gewohnt. Ohnehin, drei Viertel meiner Großeltern waren bereits tot als ich eingeschult wurde. Bis heute kann ich nicht nachvollziehen, wie es ist, dort aufzuwachsen, wo die eigenen Eltern und vielleicht sogar die Großeltern bereits aufwuchsen…

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