Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

(7)

Wie morgens auf dem Weg das Licht die Bäume in ein glühendes Orange getaucht hat, fast als wollte die Natur mir helfen, mir das Feuer der Cherubin vorzustellen.

Kleine abgelegene Tage mit Inseln aus Kinderlachen.

 

Alles hat seine Zeit. Und mindestens zwei Seiten. Und wir sind diejenigen, die sich entscheiden, welche Seite sie betrachten, in den Vordergrund stellen. Vielleicht ist es wirklich so einfach. Und wenn nicht, bleibt immer noch dieser Satz: Amor omnia vincit.

 

Auch das, zugegebenermaßen sehr offene, Geheimnis nicht nur seines eigenen, sondern im Grunde genommen jedes bedeutenden Schreibens, formuliert Knausgard in „Alles hat seine Zeit“, wenn er über Antinous Bellori, den von ihm erfundenen Engelsforscher, schreibt: „[…] weil er, im Gegensatz zu den anderen Schriftstellern und Philosophen seiner Epoche kein Publikum vor Augen hatte, als er schrieb. Er schrieb nicht über sich, sondern für sich.“ (S. 519)

 

Vielleicht ist einer der wichtigsten Aspekte, warum Knausgards Bücher so anziehend sind, die Tatsache, dass seine Bücher eine Antwort darauf zu geben versuchen, was passiert, wenn man die Scham überwindet, wenn man ausspricht, worüber man nicht redet, zugibt, was man nicht wahrhaben will. Wie viel Stärke darin liegen kann, wenn man sich zu seiner Schwäche bekennt.

Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

Wie Knausgard die Rollen von Kain und Abel verkehrt, eigentlich immer wieder, von der Oberfläche, von dem, was man sieht, zu dem wechselt, was hinter der Stirn vor sich geht, von Emotionen zu Gedanken, von scheinbar unausweichlichen Taten zum Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Handlung.

Er macht es sich nicht so leicht, wie die Bibel, kein Schwarz und weiß, gut und böse. Vielmehr die komplexe Vielfalt der Grautöne eines ganz gewöhnlichen Lebens. Je weiter die Geschichte von Kain und Abel fortschreitet, um so deutlicher wird, dass es auch um das Schreiben geht, um diesen besonderen Zustand, in dem man ganz ist, weil man sich los wird, sich auflöst in etwas, das größer ist, als man selbst. Und das Knausgard eigentlich sein eigenes Dilemma beschreibt, Kain, der Abel bittet bei ihnen zu bleiben, im Dorf, und Abel, der sich nach diesem Zustand sehnt, und bereit ist, den Preis zu zahlen. Im Grunde erzählt er schon in „Alles hat seine Zeit“ von seinem Kampf. Nur hoch verdichtet und metaphorisch, während er in den späteren Büchern sehr direkt ist.

 

„Alles hat seine Zeit“ – Karl Ove Knausgård

(4)

Was Knausgard da schreibt, über die Gefangenschaft im eigenen Körper, in den eigenen Zweifeln und Unsicherheiten, dieses scheinbar ausweglose Leiden an sich selbst, ist schlicht großartig.

 

Das Denken und Abwägen spielt sich zwischen diesen Polen ab: Wenn andere so großartige Sachen wie „Alles hat seine Zeit“, „Der Liebhaber“ und „Unendlicher Spaß“ geschrieben haben, wer braucht dann mein bestenfalls ambitioniertes Gekritzel? Und der Ermahnung (von mir an mich), dass es nicht meine Aufgabe ist, zu beurteilen, was die Welt braucht. Meine Aufgabe besteht allein darin, das Beste aus meinen Möglichkeiten herauszuholen.

„Alles hat seine Zeit“ – Karl Ove Knausgård

(3)

Wenn ich davon ausgehe, dass es etwas bedeutet, wenn bestimmte Bücher zu mir kommen, was ich lese und wahrnehme, Hinweisschilder, wie Miriam schreibt, dann kann ich all das als Unterstützung werten, als Ermutigung, weiter diesen Weg des Nicht- Dazugehören – Wollens zu beschreiten, statt dessen Kraft zu sammeln, um wirklich hart zu arbeiten.

 

Fantastisch und beneidenswert, wie detailreich, wie ausführlich, Knausgård in die Situation geht, das Erlebnis dieses Mannes, der dann Engelsforscher wird, beschreibt, während ich zunehmend parataktische, häufig genug kryptische Sätze von mir gebe.

 

Ist das, was der Baum der Erkenntnis in der Schöpfungsgeschichte bewirkt hat, Scham? Geht die Geburt von Denken, von Unterscheidung, automatisch mit der Entstehung von Scham einher? Sobald es Bewertungen gibt, gibt es Scham?

 

„Schon jetzt hatte die Scham sich von ihrem konkreten Auslöser gelöst und begonnen, ihr eigenes, abstraktes Leben in ihnen zu führen.“ (Knausgård, S. 54)

 

Und wie Knausgård im Folgenden beschreibt, wie die Scham sich verselbstständigt, von ihrem ursprünglichen Auslöser entfernt, und dennoch immer weiter besteht. Sogar wächst?

Lesetagebuch Karl Ove Knausgård: „Alles hat seine Zeit“

(2)

Verständnis erfolgt immer (?) über ein Verständnis der Zeit, in der wir leben. Auf dieser Grundlage. Die aber kann ich (und vermutlich die meisten von uns) nicht überblicken, nicht verstehen. Es ist alles zu nah, um Zusammenhänge zu erkennen, die für ein weitreichendes Verständnis unentbehrlich wären. Also verstehe ich, verstehen wir uns selbst nicht. Und verstehen erst Recht nicht, die Menschen vorangegangener Epochen, weil wir ihnen ein identisches Wahrnehmungs- und Erlebnis-Gerüst unterstellen. Und natürlich einen vergleichbaren Gefühlshaushalt, von dem Huizinga so überzeugend berichtet, das er vor allem anderen von der jeweiligen Kultur, diesem undurchschaubaren Zeitgeist abhängig ist.

„Aber unsere Welt ist nur eine von vielen möglichen…“ (Knausgård, S. 20)

 

„Es ist nicht das Göttliche unveränderlich und das Menschliche veränderlich, schrieb er, es verhält sich vielmehr umgekehrt, und das genau ist das eigentliche Thema der Bibel: Die Veränderung des Göttlichen von der Erschaffung des Menschen bis zum Tode Jesus.“

(ebd., S. 44)

 

Und das ist vielleicht eine Antwort auf das Beharren von „Der Dilettant“, wir könnten die Gefühle der Menschen aus vergangenen Epochen nicht verstehen.

Doch, das können wir. Denn die Gefühle sind feste Größen, die sich nicht verändern. Angst, Freude, Momente des Glücks, Zorn, Hass, Trauer, werden identisch empfunden, was sich ändert ist ihr Ausdruck, ihre Bewertung und das, was sie hervorruft, oder eindämmt.

Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

(1)

 

Seltsam, wie jetzt Engel in mein Leben treten. Zunächst hat Graugans darüber geschrieben und nun dieses Buch von Knausgard. Dabei habe ich nie ernsthaft über Engel nachgedacht, ob ich an sie glaube, oder nicht. Nur, dass sie eher furchterregend als alles andere sein müssten, diese Vorstellung hatte ich seltsamerweise. Vielleicht weil sie in der Weihnachtsgeschichte ihre Verkündigung einleiten mit den Worten: „Fürchtet euch nicht“.

 

„Bekanntermaßen können die Engel jede beliebige Form annehmen“, schreibt Knausgard, „Weniger bekannt ist hingegen, dass die Form, die sie annehmen, für sie auch eine Bedrohung darstellt. Halten sie zu lange an ihr fest, beginnt die Form sie zu prägen, und falls sie die Warnsignale nicht erkennen, wird die Form sie schließlich vollends vereinnahmen.“

 

Natürlich drängt sich der Gedanke an Form und Inhalt auf. Zu langes Festhalten an einer Form würde also auch den Inhalt beeinflussen?

Daher immer aufs Neue die Suche nach einer anderen, angemessenen Form, um das Denken beweglich zu halten, neue Perspektiven zuzulassen.