Begriffe, Verantwortung

Ich bin eine warme Decke aus Verrat.

Und diese Frage, die noch immer nicht beantwortet ist: wovor habe ich Angst?

James Baldwin: „Wie ich euch nenne, sagt nichts über euch aus oder nur ganz selten. Wie ich euch nenne, sagt aber alles über mich.“

Tauben im Fenster

Kühl. Heute morgen saß eine Taube im Fenster.

Eine Reise zum Mars dauert über 2 Jahre. Manchmal denke ich an einen möglichen neuen Gedichtband. Nichts ist sicher. Was denke ich, wenn ich nichts denke, was ich zu Papier bringen möchte? Das alte binäre System von richtig und falsch, gut und schlecht. Die vermeintlichen Gegensätze, aus denen die Wirklichkeit besteht. Weniger jammern, härter arbeiten, schrieb Joan Didion, als sie ihre Familie, ihren Mann und ihr einziges Kind, kurz hintereinander verloren hatte. Manchmal beim Schreiben seltsame Momente der Klarheit, denen ich sofort misstraue. Es sieht nach Regen aus.

Entwicklung

Wenn ich lese, wie jemand ein Gedicht, das mich nicht angeht, das ich bestenfalls merkwürdig, oder eher seltsam finde, argumentativ zum Meisterwerk kürt, hat mich das bis vor kurzem beschämt. Weil ich ja nicht erkannt habe, wie großartig und wertvoll das, was ich gelesen habe, in Wirklichkeit ist. Jetzt zucke ich mit den Schultern und denke mir, dass Gedichte, die mir viel bedeuten demjenigen, der hier von Meisterwerken geschrieben hat, womöglich völlig unberührt lassen. Und beide haben wir das Recht auf unsere Leseweise und darauf, uns übereinander zu wundern.

Kapseln

Wie jemand, der alles richtig macht. Und ein anderer, der es abstreitet. Und das ist dann die ganze Welt. Eine Kapsel, in der alles enthalten ist. Und auch den Blick einkapselt. Auf diesen Gegensatz, der alles andere einschließt.

Furcht und Zittern

Was für eine schöne gestochen scharfe Schrift ich hatte, als junge Frau. Und was für merkwürdige Ansichten.

Furcht und Zittern von Kierkegaard zum wiederholten Male ausgeliehen. Ohne es zu schaffen, über die ersten Seiten hinaus zu kommen. Dabei geht es genau darum: Furcht und Zittern mit Vertrauen und Liebe zu überwinden. Beharrlich.

kleinwüchsige Apfelbäume

„Der Zweck der Erzählung besteht nicht darin, das Problem zu lösen. Ihr Zweck ist es, das Problem abzubilden, es zu erkennen, es vollständig zu bewohnen, und eine Verbindung herzustellen zwischen dir und allen anderen, die jemals darunter gelitten haben.“ (Jonathan Franzen).

Die Einsamkeit eines kleinwüchsigen Apfelbaums auf einer Wiese mit Streuobst . Alles ist genauso halb richtig wie halb falsch. Von draußen weht der Duft nach frisch gebackenem Brot in die Küche und vermischt sich dort mit dem Geruch der kochenden Hafermilch. Ich werde älter, so lange schon. Und immer noch, ohne zu wissen, wie es geht.

26. Juni

Als die Sonne aufgeht, bin ich schon wach. Wieder einzuschlafen gelingt mir nicht.

In den Nachrichten fast ausschließlich Meldungen, die die Wohlstandsbürger angehen. Das einige Menschen jetzt nach dem Tönnies Skandal Schwierigkeiten haben, in den Urlaub zu fahren, ist mehrere Sendeminunten wert, über all die erkrankten Arbeiter in Quarantäne, oder gar über anstehende politische Konsequenzen kein Wort. Dass die ohnehin gerade für Frauen und Mütter knappen Renten eingefroren werden, wird in einem Nebensatz erwähnt.

Netze aus Sanftmut und Wut

Denke über Sanftmut nach. Über Wut. Über Überforderung und den Mut, den eine braucht, um Fehler zu machen, um nicht aus Angst vor Fehlern einfach gar nichts zu machen. Und zu sagen.

Andererseits glaube ich, dass Wut überbewertet wird. Sie ist sicher nicht das Allheilmittel. Es ist okay, wütend zu sein, aber traurig oder nachdenklich, sogar niedergeschlagen zu sein, ist ebenso okay. Und jede von uns richtet etwas anderes auf, treibt etwas anderes an, zu handeln.

Jeder Faden ist anders, jeder Faden ist wichtig, um das Netz weit, stabil und reißfest zu machen. Es gibt keine letztgültigen Antworten. Nur immer wieder neue Versuche, aufzustehen und weiter am Netz zu weben, das den Fall abfedert.