(68.1)

Was den Eintrag (68) angeht hätte ich auch einfach schreiben können; ich kapituliere vor der Komplexität der Welt, vor den Aufgaben und Zuständen und Krisen. Ich habe mich noch nie im Stande gefühlt, Lösungen zu finden, aber eine Zeitlang habe ich mich bemüht, eine Haltung zu den Fragen einzunehmen, eine, die nicht zu starr war, beweglich genug um zu reagieren, auf Gegenargumente, auf Wendungen und Änderungen, die aber auch standhaft genug war, mich nicht umzuwerfen beim geringsten Widerspruch, einer gerunzelten Stirn des Gegenübers widerstehen konnte. Heute rede ich mir ein, das sind Dinge für die mir die Kraft fehlt, die Kraft zu verstehen und so lange zu fragen, bis sich etwas wie eine Haltung zwangsläufig ergibt. Ich wäge jedes Wort ab, und jedes Wort ist entweder zu leicht oder zu schwer. Ich gebe auf. Und der Punkt, so scheint es mir heute, ist, dass ich nicht mich aufgebe, sondern die Herausforderung, mich der Zeit zu stellen, wie sie eben ist. Schwierig, komplex, eine, die mich herausfordert.

(68)

Es geht alles über mich hinweg, über mich hinaus. Ich komme nicht hinterher. Ich bleibe zurück. Und da, wo ich zurückbleibe ist es einsam und dunkel. Ich höre die Geräusche der anderen. Aber ich verstehe sie nicht (mehr). Ich bilde mir ein, es gab eine Zeit, da habe ich sie verstanden. Erst mit dieser Einbildung ist die Erfahrung ausreichend schmerzhaft.

Ich ziehe mich also in mich zurück und finde dann nicht wieder heraus. Jedes Lebensjahr eine Kaubewegung. Und die Angst, zu schlucken.

Aufschlussreiche Assoziationen

In „in Therapie“ erhellt die Art und Weise, die Aufmerksamkeit dafür, wie eine Assoziation mit der anderen zusammenhängt, häufig das, worum es eigentlich geht. Und vielleicht ist das bei meinen Tagebucheinträgen nicht sehr anders. Zum Beispiel der Eintrag über die Idealisierung der Kindheit und dann der sehr nüchterne Eintrag dazu, was Altern bedeutet.

Ich verstehe immer noch nicht, was es bedeutet, aber dass es etwas bedeutet, scheint offensichtlich zu sein.

(66)

Der beleibte Bauarbeiter mit der Zigarette im Mundwinkel. Die Menschen, die das Gerichtsgebäude betreten.

Meine Gedanken: wie immer auf der Flucht.

Dass mich sofort Scham befällt, wenn ich dieses Wort benutze.

rückzug

Terezia Mora erwähnt in „Fleckenverlauf“ eine gewisse Huguette Clark, die 60 Jahre lang (offenbar freiwillig) ihre Wohnung nicht verließ. Ich lese, dass sie sehr reich war und die letzten Jahre in Krankenhäusern verbrachte, obwohl sie nicht krank war. Sie ist 104 Jahre alt geworden. Kein Wort darüber, was sie dazu bewogen haben mag, sich weitesgehend aus der Gesellschaft zurückzuziehen und sich somit freiwillig so zu verhalten, wie es die Taliban in Afghanistan gerade wieder durchsetzt. (Ohne Reichtum und Privilegien natürlich).

Wut

Neuerdings bin ich ständig wütend und es fühlt sich nicht einmal schlecht an. Ich bin wütend auf meine Familie, für die ich ständig unsichtbar bin, auf die Mitglieder der Gruppen zu denen ich gehöre, weil sie übereifrig flexibel jede Änderung begeistert abnicken. Ich bin wütend auf meinen Körper, weil er nicht so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. Ich bin wütend auf meine Kolleg:innen, die alle viel erfolgreicher sind als ich und das nicht verschweigen. Ich bin sogar wütend auf den Schmutz, der sich in der Wohnung ansammelt, obwohl ich keine Energie habe, dagegen anzugehen. Ich bin wütend auf meine Listen, die immer zu lang sind, um sie wenigstens einmal komplett abhaken zu können.

Und dann, wenn ich das alles einmal wütend bedacht habe, freue ich mich, dass ich mich nicht mehr schäme für meine Wut und dass es in meinem Leben viel mehr Dinge gibt, über die ich mich freue, als diese paar Kleinigkeiten, über die ich neuerdings manchmal in Wut gerate.

(64)

Die Sichtverhältnisse für Zweifel sind gut. Sie öffnen die Perspektive für Lügen und Enttäuschungen. Für die Vernichtung des Mittelpunkts deiner Welt.

Patti Smith

Am Samstag erzählt V. vom Patti Smith Konzert am Abend vorher. Wie präsent und lebendig Patti war, wie sie daran erinnerte, dass wir es in der Hand haben, was wir aus unserem Leben machen. Dass insgesamt eine unglaublich friedliche Atmosphäre geherrscht habe. Obwohl es sehr voll war, sind alle rücksichtsvoll miteinander umgegangen. Es erfüllt mich mit echter Freude, das zu hören und dabei ihre leuchtenden Augen zu sehen.