kleinwüchsige Apfelbäume

„Der Zweck der Erzählung besteht nicht darin, das Problem zu lösen. Ihr Zweck ist es, das Problem abzubilden, es zu erkennen, es vollständig zu bewohnen, und eine Verbindung herzustellen zwischen dir und allen anderen, die jemals darunter gelitten haben.“ (Jonathan Franzen).

Die Einsamkeit eines kleinwüchsigen Apfelbaums auf einer Wiese mit Streuobst . Alles ist genauso halb richtig wie halb falsch. Von draußen weht der Duft nach frisch gebackenem Brot in die Küche und vermischt sich dort mit dem Geruch der kochenden Hafermilch. Ich werde älter, so lange schon. Und immer noch, ohne zu wissen, wie es geht.

26. Juni

Als die Sonne aufgeht, bin ich schon wach. Wieder einzuschlafen gelingt mir nicht.

In den Nachrichten fast ausschließlich Meldungen, die die Wohlstandsbürger angehen. Das einige Menschen jetzt nach dem Tönnies Skandal Schwierigkeiten haben, in den Urlaub zu fahren, ist mehrere Sendeminunten wert, über all die erkrankten Arbeiter in Quarantäne, oder gar über anstehende politische Konsequenzen kein Wort. Dass die ohnehin gerade für Frauen und Mütter knappen Renten eingefroren werden, wird in einem Nebensatz erwähnt.

Netze aus Sanftmut und Wut

Denke über Sanftmut nach. Über Wut. Über Überforderung und den Mut, den eine braucht, um Fehler zu machen, um nicht aus Angst vor Fehlern einfach gar nichts zu machen. Und zu sagen.

Andererseits glaube ich, dass Wut überbewertet wird. Sie ist sicher nicht das Allheilmittel. Es ist okay, wütend zu sein, aber traurig oder nachdenklich, sogar niedergeschlagen zu sein, ist ebenso okay. Und jede von uns richtet etwas anderes auf, treibt etwas anderes an, zu handeln.

Jeder Faden ist anders, jeder Faden ist wichtig, um das Netz weit, stabil und reißfest zu machen. Es gibt keine letztgültigen Antworten. Nur immer wieder neue Versuche, aufzustehen und weiter am Netz zu weben, das den Fall abfedert.

Verachtung

Was ich – wenn es mir bewusst wird – an mir verachte, ist dieses mich-anbiedern. Immer noch dazugehören wollen. Es ist vollkommen okay, Menschen zu bewundern, weil sie Verknüpfungen herstellen, die ich noch nicht so herstellen konnte, weil sie Formen finden für Gedanken und Gefühle, die ich bisher unbenannt und formlos lediglich gespürt oder verdrängt habe. Etwas grundsätzlich anderes ist es die eigenen gekränkten Gefühle und Fragen zu zensieren, aus Angst damit erkennen zu geben, dass ich nicht dazu gehöre. Natürlich gehöre ich nicht dazu. Wie soll ich jemals irgendwo dazugehören, wenn ich mir nicht das Recht zugestehe, in erster Linie zu mir selbst zu gehören?

Ausnahmezustand und Aufmerksamkeit

Inzwischen weiß ich nicht mehr, im wie vielten Tag des Ausnahmezustands wir uns eigentlich befinden. Ich leide nicht mehr wirklich darunter, aber ich bin auch weit entfernt, mich daran gewöhnt zu haben. Ein ganz vorzüglicher Beitrag, zu dem, was ich über weite Strecken genauso empfinde, aber nicht so gut in Worte fassen kann, findet sich hier.

Überall herrscht helle Aufregung über Till Lindemanns Vergewaltigungsgedicht. Schade, dass die Texte, die eine Auseinandersetzung wert wären, nie so in den Fokus rücken.

Pausentaste

Das Anstrengenste neben der Angst (die noch gut unterdrückt, aber trotzdem ständig da ist), ist diese Beobachtung und irgendwie auch der Anspruch, dass da jetzt ganz viel Zeitgewinn sein müsste. Zeit, um in sich zu gehen, um kreativ zu werden, endlich die monströs dicken Bücher zu lesen, aufzuräumen und zu renovieren. Ich erlebe das nicht so. Obwohl ich seit gestern offiziell zur ständig wachsenden Herde von Kurzarbeiter*innen gehöre, lese ich nicht mehr und auch für all das andere bleibt mir nicht mehr Zeit. Ich bin vielmehr auf seltsame unerklärliche Weise ständig erschöpft. Erschöpft und ratlos und hin- und hergeworfen und noch unsicherer als ohnehin schon.

Von jedem Artikel, den ich lese, erwarte ich Erkenntnisgewinn. Einfache Hingabe an einen Text, oder gar an den Moment, scheint nicht mehr möglich. Als würde das aus Leistungsansprüchen bestehende Hamsterrad sich umso schneller (und verzweifelter) drehen, je länger die Pausentaste gedrückt bleibt.

Bild

Gestern abseits aller Besorgnis und Ungewissheit, ein wirklich schönes Bild. Auf einem großen geplasterten Platz, ein Paar, das Tango tanzt, in einer anderen Ecke ein junger Sportler, der formvollendet Seil springt. Und am Rand ein Kind, das Skateboard fährt. Über allem blauer Himmel und Sonne.

Bücher hamstern, Erkenntnisse sammeln

Bücher hamstern ist ja nichts, was ich jetzt entdecke, um den Buchhandel zu retten, sondern eher mein Alltag, solange das Geld reicht, decke ich mich mit Büchern ein. Gestern kam unter anderen Benjamin Maacks „Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein“ an.

Und es hat wirklich eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass die Zahlen, die Überschriften aus ausgeschriebenen Zahlen, die Tage bezeichnen, von denen Maack erzählt. Von denen er manchmal nicht mehr als eine an ihn gerichtete Frage erzählt, und ein anderes Mal mehr.

Immer fühle ich mich ertappt, und gleichzeitig verstanden. Da steht plötzlich, was ich vor vielen Jahren bei der Gruppentherapie in der psychosomatischen Klinik gedacht habe:

„Ich habe keine Gründe, nur Wehwehchen. Ich dürfte gar nicht hier sein. […] Ich wünschte, ich hätte ein richtiges Problem. Aber irgendwie habe ich ein falsches.“

In der Gruppentherapie war eine Mutter, deren Sohn verunglückt war, eine Frau, die mit einem Alkoholiker verheiratet war, und als wäre das nicht schwer genug, hatte sich ihre Mutter gerade umgebracht. Und ich. Mit meinen falschen Problemen. Mit meinen unspezifischen, nicht verschwindenden Schmerzen, für die die Ärzte aber keine körperlichen Ursachen finden konnten. Ein Jahr später haben sie dann doch die Ursachen gefunden, ich wurde operiert und das Problem war gelöst.

Depressiv war ich immer mal wieder, aber damals in der Klinik vermutlich so wenig wie selten. Auf jeden Fall zu wenig, um mich nicht heute noch zu schämen, wenn ich mich im Stuhlkreis sehe, mit denen, die wirkliche Probleme hatten. Richtige Probleme.