Lass mich los

Eine weitreichende Deutung der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Jesus gelesen. Er ruft sie, aber als sie ihn berühren will, weil sie denkt, jetzt ist endlich alles wieder wie früher, stößt er sie zurück, sagt: Lass mich los. Das ist es. Und das ist schmerzhaft. Aber der andere Teil ist, dass nach dem Loslassen, dem schmerzhaften Abschied nehmen, die Möglichkeit (und sogar die Forderung) nach einem Neuanfang steht, die Auferstehung, nicht nur des gekreuzigten Jesus, sondern auch der leeren, sohnlosen Mutter. Irgendwie hat mich das getröstet, es fühlte sich an, als würde mich jemand verstehen, als hätten die Mütter schon vor 2000 Jahren so gefühlt.

Advertisements

Verlieren

Verlieren. Und dann, weil man verloren hat, verloren drein schauen.

Welche unserer Sätze sind echt, und welche dienen der sozialen Erwünschtheit, dem Image, dem lieben Frieden? Können wir noch fühlen, wann wir im Einklang sind mit unseren Sätzen und Handlungen, oder laufen wir mehr und mehr Gefahr, das Gefühl dafür zu verlieren? Denn das ist die wohltuende Echtheit, im Einklang mit sich selbst zu sein, unabhängig von den andern, nur so gelingt es, einander nah zu kommen, einander kennen zu lernen.

Dann entferne ich den Beutel aus der Tasse. Ich bin eine Banausin. Ich trinke Beuteltee (und verstehe kein Wort, wenn kleine Kinder mit mir sprechen). Das macht mich traurig. Das macht mich alt. Manchmal denke ich, das ist dasselbe; traurig und alt. Dabei hat Traurigkeit kein Alter, und das Alter keine vorgeschriebene Stimmungslage.

Etwas wiederfinden, was nie verloren war. Die Einsamkeit inmitten all der Menschen. Der leichte Schwindel, der alles begleitet. Was mir fehlt, weshalb ich nicht mehr schreiben kann, jedenfalls nicht so, dass das Geschriebene mich selbst begeistert, ist die Leidenschaft. Statt Leidenschaft nur noch Selbstmitleid und Pathos. Ermüdend und enttäuschend.

 

Sisyphos

Ein Insekt, in Bernstein verewigt, gefangen, auf eine lebendige Art tot, während die auf dem Küchentisch liegen gelassene Uhr tickt, und ich wünschte, ich könnte die Ratschläge, die ich anderen gebe, selbst beherzigen. Beherzigen klingt wie Bergziegen. Bei Ziegen denke ich an die zwei kostbaren Besuche mit M. im Berliner Zoo und bei Berg an Sysiphos (den ich nie richtig schreibe) und seinen Stein, den er immer wieder, jedes Mal aufs Neue, vergeblich den Berg hinauf rollt. Vielleicht ist genau das ein Sinnbild für unser Leben; jeden Tag die Vergeblichkeit bezwingen, oder aber unsere Pflicht tun, Aufgaben annehmen, ausführen, von denen wir von Anfang an wissen, sie sind zum Scheitern verurteilt. Ist Sisyphos ein glücklicher Mensch (ich glaube Camus hat das behauptet), oder ist er bemitleidenswert? Ein Pechvogel? Ein Opfer? Und was ist das eigentlich für ein dämliches Wort „bemitleidenswert“. Als hinge das Mitleid von einem Wert ab. Erst ab einem bestimmten Wert von Unglück, Leid, Benachteiligung ergibt sich eine Berechtigung zum Mitleid, bedauert zu werden, sind andere aufgefordert, Mitgefühl zu zeigen.

Ich aber sage euch: keiner versteht den Schmerz eines anderen und doch: wer sich öffnet – dem Leid ebenso wie dem Glück, sich selbst ebenso wie die anderen – der wird belohnt werden.

Schmerz

Der Schmerz schlitzt mich auf, legt Feuer in die Wunden und schürt die Glut mit Haken. Wenn ich brenne, freut er sich am hellen Lodern und wenn ich Glück habe, wird er dann müde und gibt für einige Stunden Ruhe. Und gibt für einige Stunden auf.

Angst

Ein neu gewebter Vorhang aus Schatten, hinter dem die Bilder jegliche Reihenfolge auslöschen und endlich nichts mehr bedeuten, weil sie nicht miteinander verbunden sind. Weil ein seltsames (unverständliches) Assoziationsgesetz sie trennt und auflöst, während dem Verstand nichts übrig bleibt, der narkotisierenden Schlaftablette zu folgen, (sich auslöschen zu lassen) damit er Morgen mit jäh erwachter, grunderneuerter Vernunft allem (und besonders sich selbst) entgegen treten kann.

Heute spüre ich sehr deutlich die Angst, wie ein ausschwärmender Ameisenhaufen breitet sie sich in mir aus, vom Kopf gesteuert fließt sie durch die Nervenbahnen, erfasst den Körper, bis nach und nach alles gelähmt ist, die Bewegungsfähigkeit, insbesondere aber die Fähigkeit zu denken zum Erliegen kommt. Stillstand. Dann hat die Angst ihr Ziel erreicht.

Häufig ohne dass ich sie zuvor recht wahrgenommen habe. Ich verwechsele sie häufig. Mit Einsamkeit, mit Traurigkeit, mit einem generellen Unvermögen meinerseits mein Leben zu meistern. An mich zu glauben. Als wäre ich nur das, was andere in mir sehen, oder nur das, was ich leiste. Und wenn das immer weniger wird, lösche ich nach und nach aus, wie eine Kerze, der der Sauerstoff entzogen wird.

Wenn die Angst wütet, ohne dass es mir gelingt sie wahrzunehmen, sie als Angst zu identifizieren, feuert sie verletzende und verunsichernde Gedanken ab, wie ein Schnellfeuergewehr. Sie verwundet mich, sie schwächt mich so sehr, dass ich mich nicht wehren kann. Die Angst löscht die Vorstellung von Mut aus.

Dabei möchte sie nur wahrgenommen werden, gespürt. Aber statt dessen räume ich auf, kaufe ein, fange tausend Texte und Projekte an, und wundere mich, warum ich mich weder konzentrieren noch beruhigen kann. Nur immer wieder murmeln: ich habe Angst. Ohne sie zu spüren.

Ursprung

Ist es jetzt sogar mein Körper, der mich zurückweist? Der mir klar zu machen versucht, dass man sich selbst überleben muss. Das gläubige (naive) zuversichtliche Kind, die euphorische (und gleichzeitig überforderte) Mutter. Der Widerstand, wenn ich versuche zwei Fäden zu verknoten. Nicht darüber hinweg gehen, sondern versuchen, herauszufinden, woher dieser Widerstand kommt. Warum er da ist, den Ursprung suchen.

Hineinfallen in diese Welt, in der mir Wörter und Sätze ins letzte Hemd fallen, das ich dem Himmel erwartungsvoll entgegenstrecke, ohne zu wissen, ob das, was da vom Himmel fällt, mir Löcher ins Hemd reißt (das immerhin das letzte ist), oder Goldstücke herabregnen, die mich endlich frei von Sorgen existieren lassen. Ich: ein Fragezeichen mit einem ängstlich ausgestrecktem Hemd. Denn ohne die Angst scheint es nicht zu gehen, und die Frage ist müßig, ob zuerst der Schmerz da gewesen ist, oder die Angst. Hat die Angst den Schmerz geboren, oder ist der Schmerz der Grund für die Angst? Ein Schmerz, der verschwinden würde, sich in das Nichts der nachtblauen Luft auflösen würde, wenn die Angst nicht mehr wäre? Diese Frage ist vielleicht das Hemd, das ich mit beiden Händen umklammert halte, obwohl nichts vom Himmel fällt. Absolut nichts. Aber solange ich mich am Hemd festhalte, wird der Abgrund, der Ursprung, mich nicht verschlingen. Aber will ich nicht genau das; verschlungen werden? Das Hemd ist die Lüge, die das, was mir Angst macht, mich aber gleichzeitig (als einziges!) retten und heilen könnte, bedeckt. Unter dem Hemd ist die nackte Wahrheit.

Meine GEschichte liegt klar vor mir. Ich bin nur ein Leben lang zu schwach und zu feige gewesen, es zu entziffern. Die Umwege, Erinnerungen, Ausflüchte. Dieses seltsame Gefühl, wenn die Zeiten, die Toten und die Lebenden, das, was gewesen ist und das, was sein wird, zusammenfließen. Wenn es gelingt das zuzulassen, dass man selbst ausgelöscht wird, und zu einem Bild wird. Oder zu einem Satz. Geschrieben mit roter Tinte auf dünnem Papier. Bis die Angst wieder zupackt, und mich wegreißt von diesem Paradies, hinein in die Zweifel und Paradoxien eines ganz normalen menschlichen Lebens. Vergänglich. Im Gegensatz zur Schrift.

Bruch

Es gibt ein Foto davon. Ein Bild, das diesen Moment festhält. Den Moment, als mein Herz gebrochen ist, um nie wieder zusammen zu wachsen. Ich war zwei, vielleicht drei Jahre alt, aber alles war bereits entscheiden und vorgezeichnet. Ich hatte keine Möglichkeit, etwas zu entscheiden, oder zu beeinflussen. Genau das war die Lehre in diesem Moment, in dem mein zweijähriges Herz bricht, und es ist noch immer dieselbe Lehre, neunundvierzig Jahre später. Mit einem veränderten Körper, und einen trotz Bruch gewachsenen Herz.

Halbdunkel

Seltsam, wie alles im Halbdunkel verschwindet, sich nahezu auflöst in dieser sehr eigenen Mischung aus körperlichem und seelischen Schmerz, aus ich will nicht reden und keiner hört mir zu, aus ich will allein sein und ich bin so verlassen, aus keiner braucht mich und dafür bin ich nicht länger verantwortlich, aus Hoffnung und Angst.