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Ich hatte mir vorgenommen, oder doch wenigstens vorgestellt, dass ich in diesem Jahr, jeden Tag etwas schreibe. Ob nun kurz oder lang. Ob gefühlig oder überlegt. Bislang ist nichts daraus geworden. Dabei geht sehr viel vor. In meinem Kopf und in meinem Leben. Aber häufig brauchen die Dinge Zeit. Müssen sich ablagern, beruhigen.

Ende letzter Woche habe ich ganz zufällig einen Gedichtband von Szilárd Borbély entdeckt und sofort gekauft, obwohl ich niemals zuvor etwas von diesem Dichter gehört hatte. Seit Tagen versinke ich in seinen Gedichten. Lange hat mich nichts mehr so berührt und gleichzeitig über alles andere hinweggehoben. Ich würde sehr gerne darüber schreiben, aber gerade bin ich ganz gefangen in sprachloser Bewunderung.

Auch Rückblicke verändern sich

Als wir letztes Jahr mit den Jungs Sylvester feierten, wussten wir noch nicht, dass es das vorerst letzte Mal sein sollte, in dem wir gemeinsam das neue Jahr begrüßen.

Das war dieses Jahr auch; ein Jahr der Ablösung. Aber auch ein Jahr der Neuanfänge. Seit dem Spätherbst sind da neue Symptome, die meine Beweglichkeit einschränken. Aber fast gleichzeitig tauchen Methoden und Ideen auf, die helfen könnten, und da ich schon einmal ein Wunder erlebt habe, ist es nicht schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren.

Im Ehrenamt neue Supervisionsgruppen, neue Menschen, neue Herausforderungen. Mitglied eines Kollektivs geworden, das sehr ernsthaft versucht, eine gute und umfassende Kulturberichterstattung für unsere Stadt auf die Beine zu stellen. Am Ende des Jahres die absolut schönste Überraschung und Ermutigung. Davon mehr im neuen Jahr.

Die schöne Abschlussveranstaltung der Akademie für Lyrikkritik, und die Möglichkeit auch dieses Jahr an den neuen Workshops teilzuhaben, durch die Pecha Kuchas, und durch einen Kollegen, der im dritten Workshop live dabei ist.  

Mit anderen Frauen schöne Lesungen geplant und ausgeführt. Gutes Publikum, gute Gespräche, gute neue Arbeitsbeziehungen.

Viele Reisen in diesem Jahr, immer ans Meer, zweimal allein mit M., einmal gemeinsam mit den Kindern.

Es passiert so viel. So viel Veränderung, und alles könnte viel leichter sein, wenn ich mich weniger wehren würde. Aber ich glaube, dieses Jahr hat mir sehr viel beigebracht. Auf jeden Fall, die Freude und Neugier auf das neue Jahr!

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Sie haben gebaut. Da, wo jetzt alle bauen. Und manche haben sich getrennt, um dann wieder zueinander zu finden. Und andere sind gleich zusammen geblieben. Alles, was aussieht, wie Stabilität, Gleichmaß, ist Veränderung. Alles, was aussieht wie bedeutsame Veränderung, ist nur eine Wiederholung des immer Gleichen.

Ich bin müde. Das Wetter ist erschöpft.

 

 

(39)

Man verirrt sich in der Vergangenheit. Anfangs sucht man noch nach einem Weg in die Zukunft. Später versteckt man sich nur noch in diesem Wort: „man“. Bildet sich ein, darin verschwinden zu können. Sich aufzulösen in drei nichtssagenden Buchstaben. Und schon wäre der Weg frei. Keine Erwartungen, keine Erklärungen, keine Entschuldigungen. Nur Momente. Bedingungsloses Sein.

(38)

Manchmal vergesse ich, wie man sich unterhält. Wie man eintritt in Gespräche. Wie man Türen öffnet. Und Fenster. Damit sich niemand beengt fühlt. Damit jeder weiß, er kann jederzeit gehen, und gerade deshalb freiwillig bleibt.

 

(37)

Das Alter. Die Melancholie. Die Wiederholungen.

Und letztendlich geht es doch nur immer wieder darum, die Angst zu überwinden, und den eigenen Weg zu finden. Den Weg, und den Mut, ihn zu gehen. Immer wieder.

All die Zeit, die ich nicht habe, solange sie mich hat. Bedeutungslos: entweder die Zeit oder ich. Oder letztendlich – wir beide?

 

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Briefe sterben aus. Diese langsame, nachdenkliche Form der Kommunikation verschwindet.

Es ist traurig, dass die Briefe aussterben. Aber noch trauriger ist, dass ich mich nur noch als Ansammlung verschwindender Fähigkeiten begreifen kann. Es gibt keine Gedanken mehr, die mich beflügeln. Alle Gedanken sind so schwer, dass sie mich lebendig begraben (bewegungsunfähig machen). Ich will schon lange auf nichts mehr hinaus, nur möglichst von allem weg.

Früher bin ich der Zeit davon gelaufen, jetzt hinke ich ihr immerzu hinterher.

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Trauer, las ich, äußert sich als Angst vor jeglicher Veränderung.[1] Also trauere ich beständig um mich, weil ich mich lieber loswerden will, als all den Veränderungen ins Auge zu sehen, sie wahr- und vielleicht sogar anzunehmen? Wie ich mich immer wieder hinter mein: ich weiß nicht, ich kann nicht, zurückziehe. Lumpensammlerin meines Scheiterns. Immer noch auf der Suche nach Lösungen, die ich ohnehin nicht anwenden würde. Würde und anwenden. Vielleicht passt das grundsätzlich nicht zusammen. Und ich muss mich jetzt endlich entschließen, ob ich die Grundsätze oder die Zweifel bekämpfe.

Oder besser das Kämpfen aufgebe.

[1] „[…] und wie äußert sich nun Trauer? Als Angst vor jeglicher Veränderung[…]“ Alexandru Bulucz – Cinema Lyrikanthologie.