Fatma Aydemir liest aus Ellbogen

Am Freitag hat Fatma Aydemir aus Ellbogen, ihrem durchaus erfolgreichen Debüt gelesen. Mehr dazu auf FIXPOETRY

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Die feinsinnigen Eigenheiten der Luft.

Es geht darum, die Reihenfolge einzuhalten. Die Probleme zuerst wahrnehmen, dann erkennen, dann aussprechen, dann nach einer Lösung suchen. Und über all dem die Leichtigkeit nicht verlieren, die Lust am Spiel, das Spielerische. Sich selbst nicht zu ernst nehmen (das kann man von Camus lernen, behauptet Iris Radisch), aber deswegen nicht verantwortungslos werden.

I

Die Wahl, der Topf mit Gemüse, die Aufrichtigkeit. Es mangelt und fehlt. Am einen und am anderen. Ich bevorzuge kurze Sätze. Im Postkasten liegen Rechnungen und die Aufforderung, meine Organe zu spenden. Der Tod ist näher als ich glaube, und ich nicht im geringsten aufgebracht. Ich lese weniger als früher. Im Allgemeinen bin ich weniger gründlich.

Es gibt ein Schulamt und ein Aufsichtsamt. Und mich. Das Wasser läuft durch den Filter mit dem gemahlenen Kaffee. Rohmilch ist jetzt im Trend. Die Zeit vergeht. Alles ändert sich. Es gab Träume, aber ich erinnere mich nicht.

24. September

Ich lese zu wenig. Und je weniger ich lese, umso weniger verstehe ich.

Ich glaube nicht, dass man sich richtig verhalten kann, zu dem Unrecht, das ständig irgendwo auf der Welt geschieht. Aber das ist kein Grund, es nicht weiter zu versuchen.

Kampf

Die klugen Sätze, die ich von mir gebe, und die dummen Dinge, die ich tue. Während hinter mir, vor dem Fenster, die Sonne den Kampf mit den Wolken gewinnt, und Stimmen erklingen. Stimmen, die das Wort „Kampf“ niemals neutral, nebenbei und unbewusst von sich geben können, weil es jedes Mal schlimmste Erinnerungen auslösen wird. Alles ist gut, heißt nicht, dass diese Erinnerungen ausgelöscht werden, nur, dass es bestenfalls möglich sein wird, in Frieden mit ihnen leben zu können.

Lass mich los

Eine weitreichende Deutung der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Jesus gelesen. Er ruft sie, aber als sie ihn berühren will, weil sie denkt, jetzt ist endlich alles wieder wie früher, stößt er sie zurück, sagt: Lass mich los. Das ist es. Und das ist schmerzhaft. Aber der andere Teil ist, dass nach dem Loslassen, dem schmerzhaften Abschied nehmen, die Möglichkeit (und sogar die Forderung) nach einem Neuanfang steht, die Auferstehung, nicht nur des gekreuzigten Jesus, sondern auch der leeren, sohnlosen Mutter. Irgendwie hat mich das getröstet, es fühlte sich an, als würde mich jemand verstehen, als hätten die Mütter schon vor 2000 Jahren so gefühlt.

Verlieren

Verlieren. Und dann, weil man verloren hat, verloren drein schauen.

Welche unserer Sätze sind echt, und welche dienen der sozialen Erwünschtheit, dem Image, dem lieben Frieden? Können wir noch fühlen, wann wir im Einklang sind mit unseren Sätzen und Handlungen, oder laufen wir mehr und mehr Gefahr, das Gefühl dafür zu verlieren? Denn das ist die wohltuende Echtheit, im Einklang mit sich selbst zu sein, unabhängig von den andern, nur so gelingt es, einander nah zu kommen, einander kennen zu lernen.

Dann entferne ich den Beutel aus der Tasse. Ich bin eine Banausin. Ich trinke Beuteltee (und verstehe kein Wort, wenn kleine Kinder mit mir sprechen). Das macht mich traurig. Das macht mich alt. Manchmal denke ich, das ist dasselbe; traurig und alt. Dabei hat Traurigkeit kein Alter, und das Alter keine vorgeschriebene Stimmungslage.

Etwas wiederfinden, was nie verloren war. Die Einsamkeit inmitten all der Menschen. Der leichte Schwindel, der alles begleitet. Was mir fehlt, weshalb ich nicht mehr schreiben kann, jedenfalls nicht so, dass das Geschriebene mich selbst begeistert, ist die Leidenschaft. Statt Leidenschaft nur noch Selbstmitleid und Pathos. Ermüdend und enttäuschend.