23. April

L.B,., Duras, die Aichinger – als Ersatz für die Großmütter, die ich viel zu früh verloren habe.

Es passiert ja nicht einfach so, dass man unterdrückt wird. Man lässt es zu. Aus Angst. Angst vor Gewalt, oder Angst, nicht geliebt zu werden.

Und der Ausweg besteht sehr häufig (vielleicht sogar immer) darin, die Betrachtungsweise, die Art zu denken, zu ändern. Umzukehren, eine andere Richtung einzuschlagen.

 

Nachdenken über Form

Wenn Form mit Festhalten, mit Bewegungslosigkeit assoziiert wird, kann ich verstehen, dass man sie ablehnt, sie fürchtet.

Andererseits, was wäre das Leben ohne Form? Die Gedanken, Empfindungen, Ängste, was würden sie aus uns machen, in welcher Weise würden sie sich unseres Lebens bemächtigen, es vereinnahmen, wenn wir nicht die Möglichkeit hätten, demm allen eine Form zu geben. Eine Form die einem gegenübertritt, der man selbst gegenübertreten kann, wie etwas Fremden, etwas eigenem. Etwas, mit dem man sich auseinander setzen, das man vielleicht sogar verändern kann.

Und natürlich fällt mir dazu ein Zitat aus „Alles hat seine Zeit“ ein.

„Bekanntermaßen können die Engel jede beliebige Form annehmen. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Form, die sie annehmen, für sie auch eine Bedrohung darstellt. Halten sie zu lange an ihr fest, beginnt die Form sie zu prägen, und falls sie die Warnsignale nicht erkennen, wird die Form sie schließlich vollends vereinnahmen.“

Womit der Kreis sich schließt, weil Form hier wieder zu einer Bedrohung, zu etwas Einengendem wird.

Wie überall und immer wieder im Leben, ist es auch hier die Frage der Balance, immer wieder muss das Gleichgewicht neu austariert werden.

(2)

Vielleicht kann man es sich nicht aussuchen. Man ist versehrt, leidend, voller Zweifel, und darum ist man Künstler. Das Leben lässt sich weder heilen, noch reparieren, man kann es höchstens transzendieren, indem man Kunst daraus macht, indem man jemand wird, der geliebt wird. So einzigartig, stark und mutig wie Louise Bourgeois, wie die Duras, oder Ilse Aichinger.

(1)

Du denkst, man kann es lernen. Aber in Wirklichkeit kann man nichts lernen, nur die Hemmungen vergessen, die Ausflüchte als solche entlarven, die Widerstände überwinden, und einfach schreiben.

 

Misstrauen

Louise Bourgeois sagt, Kunst macht man nicht aus einer Absicht, oder weil man es will, weil man es vielleicht kann. Man macht die Kunstwerke, weil man muss. Weil es schlicht keine Alternative (und kein Nachdenken) gibt, außer genau das zu tun.

Ich empfinde diesen Zwang nicht. Oder er ist sehr tief vergraben unter meiner Angst, unter meinem Misstrauen mir selbst gegenüber.

Ein wenig Leben – Hanya Yanagihara

Als ich angefangen habe zu bloggen, vor langer, langer Zeit, und auf einer anderen Plattform, war da einfach die Aufregung, gelesen zu werden, Texte von mir zu zeigen. Später dann, mit der Mützenfalterin, war es meine Begeisterung für Künstler, Kunstwerke, für Literatur und Sprache, die ich teilen wollte, in den letzten Jahren zunehmend meine eigene Hilflosigkeit und Traurigkeit. Das fühlte sich nie wirklich gut an und nach und nach kam dann alles zum Erliegen, ohne dass ich wirklich gewusst hätte warum, ohne dass ich diesen Dreischritt, der jetzt hier niedergeschrieben steht, verstanden oder gesehen hätte.

Dann habe ich vor einiger Zeit wenige mysteriöse Sätze über „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara auf dem Blog Lesesaal gelesen, und gestern habe ich das Buch selbst zu Ende gelesen. Ein Buch, das, so deutet es Iris in ihrem Blog ganz richtig an, sprachlos macht, und mich so begeistert hat, wie schon lange nichts mehr. Es ist mir tatsächlich so ergangen, wie es in vielen Rezensionen zu diesem Buch steht, ich bin voll und ganz eingesogen worden von der Welt des Buches. Ich habe nicht begriffen, dass „Ein wenig Leben“ übertreibt (obwohl es im Nachhinein sehr offensichtlich ist), dass es auch ein Experiment ist, über das Nichterzählen zu erzählen, über die Sprachlosigkeit und über das Schweigen der Männer, die häufig einfach keine Worte finden für das, was sie empfinden. Ich habe mich nur gewundert, wie ich mich so gefangen nehmen lassen konnte, wie ich so eingetaucht bin in das Buch, und tatsächlich regelrecht von ihm verschlungen wurde.

Aber es hat mich auch mit einer fast vergessenen Begeisterung versorgt und mit der Lust, davon zu erzählen.

17. Februar

Ich sitze hier, lese die Besprechungen der Kollegen, sehe wie neue Sterne am Rezensentenhimmel aufgehen, und komme nicht umhin zu bemerken, wie ich selbst immer mehr in den Hintergrund trete. Und obwohl ich es nicht will, spüre ich Aufregung und Angst. Auf einmal steht nicht mehr die Frage im Vordergrund, ob ich weiter Bücher besprechen will, wie ich die Freude daran zurück gewinnen kann, sondern da ist nur noch der Stress verursachende Aufruf: du musst etwas tun, damit du nicht ganz über den Rand fällst, an den du dich selbst gedrängt hast.

Und das Vertrauen, langsam wieder auf einen ureigenen Weg zurück zu finden, zu einer Art über Bücher zu sprechen, die meine ist, wird überlagert von der (eigentlich gesunden und vernünftigen) Verweigerung, mich diesem (selbstgemachten) Druck auszusetzen.

Das Vollkommene einer verlogenen Geste

In den Sonnenaufgang schwimmen. Tonlos.

Nichts zu sagen haben, aber unfähig sein, zu schweigen. Nachts die Geräusche all der fremden Leben, morgens Wortfetzen der Empörung.

Die Stiefel neben dem Bett. Sonne und bleischwere Müdigkeit.

Sie haben mir meine Sprachlosigkeit vergeben. Losigkeit, so ein schönes Wort. Vielleicht gerade deswegen, weil ich nicht weiß, was es bedeutet. Möglicherweise nur das Gegenteil von Festigkeit.

 

Ist es so, dass Grenzen zwangsläufig Tod bedeuten? Unter der Vorgabe (dem Vorwand?), Leben zu schützen? Ist überall da Mangel, wo Angst blüht und Neid? Sind es nicht manchmal nur die falschen Fragen, eine (gefährliche, todbringende) Perspektive? Bei Menschen wie bei Wölfen? Und darf ich mich hinter einer meiner Lieblingsphrasen (was verstehe ich schon davon?) verstecken?

 

Vielleicht würde es zum Anfang genügen, einige Ausrufezeichen gegen Fragezeichen einzutauschen.