Die Rückseite des Glücks

Die Wurzeln, das Wissen, die Liebe. Wer man ist, und wie man sich ein Leben lang hinter Fakten versteckt.

Ich verstecke mich in einem Koffer, den andere für mich gepackt haben. Aber eingerichtet habe ich mich selbst in all dieser Falschheit.

Glücklich zu sein ist so schwer. Weil es das Glück nur vor dem Hintergrund des Unglücks, des Verlustes gibt. Du hast Kinder, liebst sie über alles, was dich nicht davor bewahrt, Fehler zu machen. Sie gehen lassen zu müssen. Und plötzlich tun diese kostbaren Erinnerungen weh, gerade weil sie so einzigartig und unwiederholbar sind.

Wir sind traurig, weil wir einmal glücklich gewesen sind.

Gefäß

Ich bin ein Gefäß voller Leere, ein leeres Gefäß angefüllt mit Zweifel, Fragezeichen, Versagen. Die Zeit vergeht, aber sie nimmt mich nicht mit.

Laborwerte. „Sie sind gesund.“ Damit ist das Problem medizinisch gelöst und wieder da, wo es hingehört; bei mir.

Vertan

Sobald ich verletzt bin, mich unverstanden fühle, werde ich überheblich, werte mein Gegenüber ab (zu dumm, zu roh, zu oberflächlich, um meine feine tiefe Seele verstehen zu können). Als würde die Einsamkeit erträglicher, wenn man sie aus schwindelerregender Höhe betrachtet.

Ich bin ein still gelegtes Bergwerk. In mir hat die Einsamkeit einen Namen. Ich bin ein großes Versäumnis, gefüllt mit vertaner Zeit.

Empfänger unbekannt

Ich werde gehen, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Vielleicht kann das nur ich. Oder es ist die normalste Sache der Welt. Alle machen es so. Nur ich, in meiner grenzenlosen Ignoranz und Blindheit, erkenne es nicht. Bemerke nichts davon. Sehe nur mich. Ohne etwas zu erkennen.

Mein Leben, das mir ständig sehnsüchtige Briefe schreibt, aber immer kommen sie ungelesen zurück. Empfänger unbekannt verzogen. Empfänger unbekannt.

Vorbild

Vor dem Fenster erwacht der Tag. Wie viele Male ist dieser Satz schon geschrieben worden? Und immer war ein anderer Tag gemeint. Andere Stimmen, andere Luft, andere Geräusche.

Wie wir immer wieder (vergeblich) versuchen, uns zu erinnern. Und nie entsteht Wahrheit, im besten Fall eine stimmige Geschichte. Eine Nachdichtung des Lebens.

Inne halten und sich fest beißen, absichtslos würdigen und genießen, wie immerzu alles für mich sorgt. Schweigen und reden.

Und dieser Sommer. Das Vorbild der wilden vollkommen absichtslosen Mohnblumen, die so lange unverschämt rot leuchten, bis ich mir einbilde, dass auch ich das kann. Im Sommer leben, um im Winter über das Erlebte nachdenken zu können.

Abstrakt

Möglich, dass das, was vor uns liegt (auch die Einsamkeit, sogar der Tod) leicht ist. Kunststück, die Dinge, die vor uns liegen, sind abstrakt. Was kann uns das Abstrakte anhaben? Es wird vielleicht nie eintreffen, und selbst wenn es eintrifft, hat es vermutlich keine Bedeutung.

Wie ist das zu sterben? Der Moment, wenn du weißt, das war es jetzt. Im allernächsten Moment bist du tot? Und wie war das, als ich das erste Mal begriffen habe, Menschen sterben? Und kurz darauf, dass auch ich sterben werde, irgendwann?

Das war dieses Fallen, das einfach nicht aufhört (ich habe es irgendwann aus Mangel an Begriffen Angst genannt), dieses endlose abgrundtiefe Fallen, in dem sich ein Teil von mir löst und einfach nicht fassen kann, dass das wirklich ich bin, dieses kleine, ängstliche Stück Mensch, Adern und Sehnen und Knochen, von einer schützenden Schicht Haut umhüllt, die schwitzt, wenn es war ist, und friert, wenn es kalt ist, und kurz darauf ist der Moment auch schon wieder vorbei, und ich vergesse zwar nicht, dass ich sterblich bin, aber es bedeutet gerade nichts. Es ist wieder beruhigend abstrakt geworden.

Aufrichtigkeit

Es gelingt mir nicht, mir so lange selbst Fragen zu stellen, bis ich das Gefühl habe wenigstens in die Nähe von Aufrichtigkeit zu kommen. Es gelingt mir auch nicht, ehrlich und echt zu sein, ohne mich vorher zu fragen, wie dieses Verhalten bei meinen Mitmenschen ankommen wird. Es ist als würde mir das, was wir gemeinhin „ich“ nennen, nicht gelingen, während ich es andererseits nicht los werde. Es holt mich ein, stellt sich mir in den Weg, will ebenso beachtet wie überwunden werden, und eigentlich passiert alles mögliche mit diesem „ich“, außer dass es sich in meinen Dienst stellen lässt, mit mir zusammen arbeitet. Es verhindert, um es kurz zu machen, jegliche Absichtslosigkeit.

Wäre ich ein Roman, bestände ich aus unzähligen Anfängen, unzusammenhängenden Fragmenten, und gleichzeitig wäre in jedem Satz dieser Wille unüberhörbar, alles abzudecken, alles nicht nur richtig, sondern auch lückenlos vollständig zu machen.

Verschwinden

Das Verschwinden, das vielleicht die Essenz unseres Lebens ist. Denn von Anfang an verschwinden Teile von uns. Das Kind, mit dem wirren Haar, das bei der Fotografin keinen Kamm bekam, weil das angeblich unhygienisch ist, ist heute, an diesem Tag im Juni 2017 ebenso verschwunden wie die kleine Elke mit den raspelkurzen schwarzen Haaren, die ihrer Mutter, die auf einem Klappstuhl auf dem Zeltplatz sitzt, die Puppe entgegenstreckt.

Trennung

Die Trennung, die scheinbar unüberwindbare Einsamkeit, unter der ich unterschwellig ständig leide, wird aufgehoben durch die Literatur. Ich habe das Gefühl, jemanden zu kennen, Zusammenhänge zu begreifen. Und wieder ist es die Form, die mich aufhebt, und wo kein Ich ist, kann auch keine Trennung sein. Indem ich als Leser die Fäden sehe, werde ich selbst zu einem Faden im Geflecht, ich gehöre dazu. Ich bin weder mit meiner Angst, noch mit meiner Getrenntheit und Einsamkeit allein.