II

Vielleicht könnte es heilsam sein, Tag für Tag etwas mehr zu hinterfragen. Sich zurück zu lassen mit den Antworten. Und dann auszutreiben wie ein Fragezeichen im Frühling.

(20)

„Dali ging in seiner Verfolgung der Suggestion des Unbewußten so weit, daß er seine Staffelei am Fuß des Bettes aufstellt, damit er sich vor dem Einschlafen auf das unvollendete Bild konzentrieren konnte, um seine Träume in die Richtung seiner Entwicklung zu lenken. Zu anderen Zeiten „wartete ich stundenlang auf solche Eingebungen. Dann verharrte ich ohne zu malen in großer Spannung…“; oder er versuchte mit allen Mitteln, Wahnsinn zu simulieren.“

Aus einem Buch des Taschen Verlags über Salvador Dalí herausgesucht, weil ein Kollege mich kürzlich an ihn erinnerte. Bzw. die Art, wie seine Gedichte traumhaft surreal Worte aneinander fügen, wie weit er sich scheinbar von jeglicher Realität löst, von jedem Impuls und Anlass, vielleicht sogar von jeder Art von Sinn, um dann, sobald man sich etwas länger, offener damit beschäftigt, eine erstaunliche und irgendwie tiefere Perspektive zu eröffnen.

Überhaupt bin ich gerade umgeben von Bildern, die letzten Artikel, die ich geschrieben habe, waren solche über „Fensterausstellungen“, das einzige, was derzeit möglich ist, wenn man als Künstlerin im Analogen bleiben will. Außerdem bin ich mit einer Fotokünstlerin ins Gespräch gekommen, und nicht zuletzt kam vor einigen Tagen „I love Women in Art“ von Bianca Kennedy und Janine Mackenroth hier an. Beim Durchblättern bin ich sofort bei der aufsehenerregenden Arbeit von Heji Shin hängen geblieben, darüber vielleicht morgen mehr.

Ich glaube ja nicht an Zufälle, und die Sache mit den Bildern ist sehr leicht zu erklären, weil ich mich seit Monaten mit einem Bild beschäftige, über das ich etwas schreiben soll und möchte. Die Tatsache, dass es ein dermaßen beeindruckendes, aber gleichzeitig unerschöpfliches Werk ist, und dass das Projekt schön und wichtig ist, macht es mir vielleicht schwerer als nötig. Weil ich dann wieder so hinderliche Dinge denke, wie dass ich es sehr sehr gut machen muss, dass ich auf keinen Fall das Ganze durch meine minderwertige Arbeit vermasseln darf, dass es ohnehin ein Irrtum ist, dass ausgerechnet ich dazu eingeladen worden bin, dass die Initiatoren, sobald ich etwas eingeschickt habe, die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden. Und da kommt der Verweis, die Erinnerung an Dali sehr recht, weil es eine Möglichkeit darstellt, dieses dämliche Ego zu überlisten, und sich stattdessen auf die erstaunliche Kraft des Unbewussten zu besinnen.

(18)

Ich will immer so viel, alles auf einmal, und dann – natürlich – gelingt nichts. Ich weiß das, und nicht erst seit gestern, trotzdem komme ich Tag für Tag weniger dagegen an. Gestern habe ich mir meine Einsamkeit eingestanden. Eins der letzten Tabus unserer Tage – obwohl ich auch solchen Formulierungen misstraue. Vermutlich gibt es viel mehr Tabus als wir wissen, sobald wir erkennen, da ist ein Tabu, ist es ja bereits auf dem Weg diesen Status zu verlieren. Auch wenn das länger als ein Menschenleben dauern kann. Das Verrückte bei mir ist ja, dass ich einsam bin, aber nicht sicher, ob ich darunter leide, oder ob ich nur darunter leide, dass ich auch in diesem Punkt einfach nicht der gesellschaftlichen Norm entspreche. Ich habe das meinen Kindern nie bieten können: große ausgelassene Familienfeste, weil der Teil der Familie zu der ich Kontakt habe sehr klein ist, und besonders ausgelassen sind die wenigsten von ihnen. Einmal habe ich eine größere Geburtstagsfeier veranstaltet, vielleicht 15 Menschen waren da, es war sogar sehr schön, das waren Leute, die ganz unterschiedlich waren, und doch haben sich alle gut miteinander unterhalten, aber gleich zu Anfang der Feier hat sich mein jüngster Sohn verletzt und mein Mann musste mit ihm in die Notaufnahme fahren. Es war dann nicht schlimm, die Wunde wurde verarztet und danach war er fröhlich wie immer, aber trotzdem war das die letzte größere Feier. Das liegt nicht daran, dass ich nicht gerne Gäste habe. Ich habe gerne Gäste. Aber offensichtlich habe ich keine Begabung, Freundschaften zu pflegen, so zu pflegen, dass sie unterschiedliche Lebensphasen und viele Jahre überleben. Also gehen sie ein die Freundschaften, ohne großen Krach meistens (das gab es auch, aber extrem selten), oder vegetieren so vor sich hin, man kennt sich schon ewig, also denkt man gegenseitig an die Geburtstage, wünscht sich frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr, und ab und zu versucht man sich noch einmal zu verabreden, um dann zu merken, eigentlich hat man sich längst nichts mehr zu sagen.

Und jetzt möchte ich etwas anfangen mit dieser Erkenntnis, dass ich so schlecht darin bin, Freunde zu behalten und vielleicht noch schlechter darin, neue Freundschaften zu schließen, aber es geht nicht. Ich erinnere mich an meine letzte Reha, wie überall um mich herum Grüppchen entstanden, wenigstens Kurzzeit Zweckfreundschaften, und ich wieder einmal merkte, dass ich irgendwie nirgendwo dazu gehöre, dass ich nicht kompatibel bin. Und wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich dann nicht einsam, sondern falsch, ich schäme mich, dass ich so anders bin. Und wirklich: am meisten schäme ich mich dafür als Mutter. Ich hatte immer diesen Traum von einem großen offenen Haus, in dem ständig Menschen ein und aus gehen, Zeit miteinander verbringen, Gespräche führen. Aber die kurze Zeit, während der unser Küchentisch wirklich voll war, fast jeden Tag, und ein reges Kommen und Gehen herrschte, verdanke ich meinen Kindern. Es waren ihre Freunde, die hier ein – und ausgingen.

Und vielleicht bin ich also gar nicht einsam, sondern habe nur die falschen Ansprüche an mich. Ich will so viel und dann gelingt nichts? Möglicherweise ist nichts verkehrt daran, so zu sein. Nur den falschen Ansprüchen hinterher zu rennen, die eigentlich gar nicht die eigenen sind.

(17)

Was mir neben der Ambivalenz der Klienten und Folgerichtigkeit der kurzen Episoden bei der Serie „In Therapie“ so gut gefallen hat, war die nur sehr subtil sich langsam entwickelnde Einsicht für den Zuschauer, dass der Therapeut eben die Probleme hat, von denen seine Patienten erwarten, er möge sie lösen. Möglichst schnell, effektiv und ohne Eigenbeteiligung der Leidenden. Was für mich persönlich in meiner aktuellen Phase noch einmal besonders nachhallt, ist die Kompromisslosigkeit und Wut der zu Therapierenden. Mit welcher Vehemenz sie auf ihren Standpunkt und ihre Wahrheit bestehen, wie wenig sie bereit sind, Kompromisse einzugehen, oder zu gefallen.

(12)

Gegen Zweifel und Ich-Verlust hilft nur Schreiben. Schreiben, um weitermachen zu können, um zu verschwinden im Schreiben, um dann zurückkehren zu können, zum veränderten Schreiben, dem Schreiben, das der Schrift Fragen stellt. Dem Aufgezeichneten verschrieben sein, und ihm aus exakt diesem Grund misstrauen.

Das habe ich einmal (damals als ich noch schreiben konnte) anlässlich meines Besprechungsversuchs von Hélène Cixous „Meine Homere ist tot…“ geschrieben. Jetzt klingt es wie etwas, das mich wieder auf den Weg bringen könnte. Eher als das Schweigen. Das nicht Schreiben. Ein Vorschlag, den ich nicht einmal wirklich in Betracht ziehen kann. Es ist, als würde man mir vorgeschlagen doch einfach mit dem Atmen aufzuhören, wenn es Schwierigkeiten macht.

(11)

Ich denke an die Konzerte, die ich besucht habe, um darüber zu schreiben. In einer Kirche, in der Oetkerhalle, in Kneipen. An die Farben auf der Bühne und im Publikum. An das Licht. Die Geräuschkulisse aus Gesprächen, die auf einmal zu einer erwartungsvollen Stille wird. Und dass ich mir nie vorstellen konnte, wie sehr mir das einmal fehlen würde.

(6)

[…] Wenn die Wörter einfach so herausfließen, wie kann man dann je sicher sein, daß das Wort Feder mit einer seiner Nebenbedeutungen nicht ein paar Wörter weiter an dem Wort Sirup und einer seiner Nebenbedeutungen kleben bleibt? In schlechter Dichtung passiert genau das: die Wörter bringen einander um. Glücklicherweise mußt du dich darum nicht kümmern, wenn du nur eines tust: Du mußt dir das wirklich vorstellen, wovon du schreibst. Es sehen und es leben. Denke es dir nicht mühselig aus, als müßtest du dich im Kopfrechnen üben. Schau es nur an, berühre es, rieche es, höre ihm zu, verwandle dich in es. Wenn du das tust, kümmern sich die Worte schon um sich selbst, es ist wie Zauberei. Du brauchst dich dann nicht um Kommas oder Punkte oder solchen Kram zu scheren. Schau auch nicht auf die Wörter. Halte deine Augen, deine Ohren, deine Nase, deinen Geschmack, dein Gefühl, dein ganzes Sein auf das gerichtet, was du in Worte verwandelst. In dem Augenblick, in dem du zurückweichst, dein Denken von ihm abwendest und beginnst, auf die Wörter zu schauen und dich um sie zu sorgen, geht deine Besorgnis in sie ein, und sie fangen an, einander umzubringen. Also, bleib dabei und mach weiter, so lange du kannst, dann schau an, was du geschrieben hast. Mit ein bißchen Übung, und wenn du dir ein paar Mal gesagt hast, daß es dir egal ist, wie andere vor dir darüber geschrieben haben, kriegst du es so heraus; und wenn du dir dann noch sagst, daß du jedes alte Wort verwenden wirst, das dir in den Sinn kommt, sofern es dir in dem Augenblick, in dem du es niederschreibst, richtig erscheint, dann wirst du dich selbst überraschen. Du wirst durchlesen, was du geschrieben hast, und einen Schrecken bekommen. Du hast einen Geist gefangen, ein Geschöpf.“

(Ted Hughes: Wie Dichtung entsteht)

Kennengelernt habe ich Ted Hughes als Mörder. Das war natürlich ungerecht, aber doch ziemlich nachhaltig, so dass ich mir tatsächlich sein Werk erst in den letzten Jahren sozusagen erlaubt habe. Und das liegt natürlich an Sylvia Plath, die ich wiederum auf einem Grabbeltisch in Form einer Biografie entdeckt habe. Einer Biografie, in der so unzweifelhaft klar war, dass Ted Hughes Schuld an ihrem Selbstmord war, dass er ganz viele Jahre lang, während ich mich nach und nach von Plaths Tagebüchern über die Glasglocke und die Geschichten endlich zu ihren Gedichten hervor las, ein dunkelrotes Tuch für mich war. Keine Ahnung, ob ich ihm Unrecht getan habe, aber mir selbst habe ich wirklich beeindruckende Texte und Gedichte vorenthalten.

(3)

Nacht für Nacht träumte ich die schönsten Bilder, von bahnbrechenden Erfolgen, unsagbar leidenschaftlicher Liebe, und genau in dem Moment, in dem der entscheidende Schritt hätte stattfinden sollen, fror alles ein. Wurde kälter und kälter, die Schneeflocken wurden zu Eiskristallen, die sich wiederum in eine kompakte Eisschicht verwandelten, bis da nur noch ein undurchdringliches Weiß war. Und die Kälte. Eine Kälte, die wahrer schien als jeder Traum.