13. Oktober

Vielleicht geht es aber auch darum, denke ich, als ich Martina Hefters „Tanzen“ lese, das Unperfekte, vermeintlich Hässliche und Minderwertige genau so anzuerkennen wie das vermeintlich Gute, Perfekte und Vollkommene. Vielleicht muss man seinen Blick schulen, um das Vollkomme des Unperfekten zu erkennen. Zu einem Gleichgewicht zu gelangen, indem man die wertenden Unterscheidungen überwindet. Und in dieser neuen Balance ist auf einmal ganz viel Leichtigkeit, und die Welt viel reicher an Schönheit als man sich das vorstellen konnte.

12. Oktober

Was „Dresden: Die zweite Zeit“ teilweise fast schmerzhaft zu lesen macht für mich, ist der Eindruck, dass Drawert nur Beschwernisse, Leiden und vor allem Ungerechtigkeiten beschreibt. Diese Ohnmacht, die ich dann als Leserin fühle, tut beinahe körperlich weh.

Erst nach dieser, Drawerts, Lektüre, ist mir aufgefallen: es gibt Fotos von mir und meiner Mutter und von mir mit meinem Vater. Kein einziges auf dem wir drei zusammen sind.

Verknüpfungen – Lesung am 19. September in Melle

Ich habe ja lange lange Zeit darunter gelitten eher eine Einzelgängerin zu sein, als Kind ganz besonders. Später dann habe ich andere Einzelgänger gefunden, die mir eine gute Gesellschaft waren. Aber gerade bei der Arbeit war ich lange Zeit lieber für mich, Gruppenarbeit, Teamgeist, das war mir eher suspekt. Schreiben ist ja ohnehin ein großes Gespräch über alle Grenzen (Zeit, Nation, Geschlecht usw.) hinweg, und viele Jahre lang genügte das geschriebene Wort als Gegenüber. Aber spätestens in dieser eingeschlossenen, seltsam aus allen Bezügen gefallenen Zeit der Coronaepedemie habe ich gemerkt wie wichtig mir andere Menschen sind. Wie anders und beglückend die gemeinsame Arbeit ist. Und zum Glück habe ich mit einigen für mich sehr wertvollen Menschen Mittel und Wege gefunden, der verordneten Kontaktarmut etwas poetisch Kraftvolles und Tröstendes entgegen zu setzen. Wir haben im kleinen Kreis angefangen und dann angesichts des großen Ideenreichtums und Engagements von Künstlerinnen in unserer Nähe immer weitere Kreise gezogen, uns verbunden, unsere Arbeiten verknüpft. Heute treffen wir uns zum Feinschliff bei der Generalprobe und am nächsten Sonntag können wir hoffentlich viele Menschen begrüßen, die Lust haben sich auf unsere Verknüpfungen einzulassen. Ich freue mich auf jede und jeden Einzelnen. Und bin aufrichtig dankbar für all die wunderbaren Begegnungen, die mir das Leben bis jetzt geschenkt hat.

Der Tag an dem mir meine Überheblichkeit auf die Füße gefallen ist

Am Sonntag waren an die 100 Darsteller und Künstlerinnen Teil des riesigen Open Air Festivals RadKulTour. Verteilt auf einer 25 km langen Bühne. Uns als Bielefelder Autorengruppe hatte man im Abseits positioniert. Ehrlich gesagt rechnete ich nicht damit, dass überhaupt Zuhörer kommen würden. Aber das Wetter war wie gemacht für diesen Tag und die Zuhörer kamen viel zahlreicher als ich es für möglich gehalten hätte. Das Konzept von Fotoausstellung und Text schien aufzugehen und alle hatten Spaß. Während ich mir missmutig die inzwischen über 10 Jahre alten Texte (es ging um unser Buch Flüsse ausgraben) anhörte und zu meiner eigenen Verwunderung feststellte, dass ich selbst gar nicht lesen wollte.

Erst am Montag morgen auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was da los war. Was mit mir los war. Und bin zu mir selbst einleuchtenden Einsichten gekommen: ich mag keine Konkurrenzsituationen, das Antreten gegeneinander, denn natürlich absolviert niemand 100 Stationen und die Tatsache, dass wir mit unserem Projekt dermaßen ins Abseits gestellt worden waren, wirkte mit kränkenden Nebenwirkungen nach.

Trotzdem war es letztendlich eine gute Erfahrung für mich. Ich habe in diesen 4 für mich sehr langen Stunden zwar keinen Spaß gehabt, aber dafür erkannt, dass das kein Schicksal gewesen ist, sondern meine eigene Entscheidung. Dieser Nachmittag wäre die ideale Bühne für Experimente gewesen. Und dafür mich unabhängig zu machen vom Wunsch dem Publikum zu gefallen. Eine Möglichkeit, den Text in den Mittelpunkt zu stellen und keine Reaktionen vom Auditorium zu erwarten, sondern neugierig zu sein auf das, was sich entwickeln, was passieren würde.

Inzwischen bin ich völlig ausgesöhnt mit dem Sonntag. die Einsicht zu der mir die Stunden im abgelegenen Findlingsgarten verholfen haben, sind ganz bestimmt nachhaltiger als die paar Stunden schlechte Laune.

(44)

Die jungen Stimmen der alten Frauen

Ein völlig unverdient paradiesisch alltäglicher Tag

Heute morgen als ich das Fenster öffnete, die letzten Zuckungen einer Fliege auf der Fensterbank beobachtet. Natürlich musste ich sofort an die Duras denken und auch an diese Zeilen, die ich gestern erst gelesen habe bei Espedal. Vom Ernst, vom beängstigenden Schauer, wenn den Lebenden klar wird, Tod ist die endgültige Bewegungslosigkeit.

Die Berechnung hört auf. Und das Leben beginnt.

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Ich wiederhole mich. Gleichzeitig ist sicher, dass ich überhaupt nicht weiß, was dieses „ich“ und „mich“ ist, das ich da angeblich wiederhole. Sagen wir es so: es sind die Fehler, die Sollbruchstellen, über die ich in unzähligen Variationen stolpere, ohne jemals etwas dazu zu lernen. Die Liste der Verluste. Das klingt schöner als es sich anfühlt.

Die Wahrheit liegt in dem, was wir verschweigen.

Wie könnte ausgerechnet ich diejenige sein, die Worte dafür findet.

(41)

Das Kleine, das im Großen aufgeht, und das Große, das nur groß werden kann mit Hilfe des Kleinen. Wie anstrengend es ist, immer wieder das Gleichgewicht suchen (und herstellen) zu müssen. Die Märchen in denen es immer den Punkt gibt, an dem sämtliche Abenteuer überstanden, und alle Aufgaben gelöst sind. Der Held am Ziel angelangt fortan fröhlich weiterlebt bis zum Ende. Und wie lange ich geglaubt habe, dass das Leben so ist. Und wie enttäuscht ich manchmal immer noch bin, wenn ich merke, so funktioniert es nicht. Die Wirklichkeit ist anders.

(und warum ich das überhaupt veröffentliche, obwohl ich es beschämend finde, angesichts all der Katastrophen, die Abend für Abend in den Nachrichten über mich hereinbrechen über die Luxusproblemchen nachzudenken, weiß ich selbst nicht so genau).