Die Ignoranz der Sicheren

Am selben Tag an dem die, ausnahmsweise gute, Nachricht von Denzi Yücels Freilassung sich verbreitete, wurden Ahmet Altan und sechs weitere politisch Angeklagte, zu lebenslanger Haft verurteilt. In seinem Text aus dem Gefängnis zitiert er Elias Canetti um die vorsitzenden Richter in seinem Prozess zu charakterisieren.

„In Sicherheit. Mit sich im Reinen. Mächtig. Und dann hören sie das Flehen eines Menschen nicht und sind von vornherein entschlossen, sich taub zu stellen – kann man sich überhaupt gemeiner verhalten?“

Und dann schreibt Altan, wie ihm, während er mit den anderen Angeklagten auf die Verkündung des Urteils wartet, eine Stelle aus seinem Roman einfällt.

„Der Spalt zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal eines Menschen verändert, und dem Moment, in dem er das realisiert, schien ihm der unheimlichste, tragischte Aspekt des Lebens. Die Zukunft ist schon klar, aber der Mensch wartet noch auf eine ganz andere Zukunft mit anderen Erwartungen und Träumen, ahnungslos, dass seine Zukunft längst besiegelt wurde. Die Ignoranz dieser Zwischenzeit war schrecklich und erschien ihm als die größte Schwäche der Menschheit.“ Altan schreibt, dass er zu zittern begann, als er sich an diese Zeilen erinnerte, weil ihm bewusst wird, dass der Roman ihn eingeholt hat, dass er jetzt genau das erlebt, was er einst geschrieben hat.

Das ist grausam. Unvorstellbar. Und vielleicht deshalb frage ich mich, was wir tun können. Wir können seine Zeilen lesen, betroffen sein, sie verbreiten, darüber reden. Aber genügt das? Müsste es nicht mehr geben, was man dem weltweiten Unrecht entgegensetzen kann als Empörung und Empfindsamkeit?

 

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30. Dezember

Der Nebel, der Schnee. Und in den Träumen, die Sehnsucht.

Die Frau mit dem regenbogenbunten Kragen an der Kaputze, und daneben eine junge Schönheit. Wie Frida Kahlo ohne Schmerzen.

26. Dezember

Regen peitscht ans Fenster. Ich lese Knausgard und danach Eribon. Ich will verstehen, so als wäre Verstehen etwas, das aus losen Fäden, aus abgebrochenen Linien, ein Bild entstehen lässt. Und lerne stattdessen immer wieder, dass Verstehen in der entgegengesetzten Richtung funktioniert. Nämlich in der Zerlegung vermeintlich fester Bilder, sicherer Gedankengebäude, in ihre Einzelteile, lose Fäden, unterbrochene Linien.

Die feinsinnigen Eigenheiten der Luft.

Es geht darum, die Reihenfolge einzuhalten. Die Probleme zuerst wahrnehmen, dann erkennen, dann aussprechen, dann nach einer Lösung suchen. Und über all dem die Leichtigkeit nicht verlieren, die Lust am Spiel, das Spielerische. Sich selbst nicht zu ernst nehmen (das kann man von Camus lernen, behauptet Iris Radisch), aber deswegen nicht verantwortungslos werden.

I

Die Wahl, der Topf mit Gemüse, die Aufrichtigkeit. Es mangelt und fehlt. Am einen und am anderen. Ich bevorzuge kurze Sätze. Im Postkasten liegen Rechnungen und die Aufforderung, meine Organe zu spenden. Der Tod ist näher als ich glaube, und ich nicht im geringsten aufgebracht. Ich lese weniger als früher. Im Allgemeinen bin ich weniger gründlich.

Es gibt ein Schulamt und ein Aufsichtsamt. Und mich. Das Wasser läuft durch den Filter mit dem gemahlenen Kaffee. Rohmilch ist jetzt im Trend. Die Zeit vergeht. Alles ändert sich. Es gab Träume, aber ich erinnere mich nicht.

24. September

Ich lese zu wenig. Und je weniger ich lese, umso weniger verstehe ich.

Ich glaube nicht, dass man sich richtig verhalten kann, zu dem Unrecht, das ständig irgendwo auf der Welt geschieht. Aber das ist kein Grund, es nicht weiter zu versuchen.