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Unsere Spiele und Lächerlichkeiten. Und meine alles zerstörende Unsicherheit.

Man müsste sich Fragen stellen, ohne den Antworten hinterher zu laufen. Vielmehr warten bis sie sich von selbst einfinden. Ihnen den Weg bereiten, ohne sie zu drängen. Es aushalten, dass es keine einfachen Lösungen gibt, keine Patentrezepte, dass es eine Zeit dauert und unbequem ist, schwierig und man dennoch weitermachen muss. Beharrlich und mit Geduld.

 

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14.09.2018

Vielleicht, haben wir gedacht, ist die Armut und das An-den-Rand-gedrängt sein, ohne gefährliches Potential, wenn es vor riesigen Flachbildschirmen stattfindet.

Alles deutet darauf hin, dass wir uns geirrt haben.

Misserfolg

Der Bürgermeister zitiert Bibelsprüche. Halb richtig und halb falsch. Aber er redet ohnehin so schnell, dass kaum etwas von dem, was er sagt, haften bleibt.

Nach seiner Rede werden der Raum und die Gäste sich erneut selbst überlassen. Ich sowieso. Inzwischen ist es 16.00 h. Um 15.30 h war meine Lesung angekündigt. Eine Lesung, für die ich mir im Vorfeld völlig überflüssigerweise Gedanken darum gemacht habe, wie ich meine Texte auf die ausgestellte Kunst abstimmen könnte. Dazu bin ich über 30 km mit dem Rad gefahren, nur um vor Ort festzustellen, dass ich zwar den Ausstellungsort besichtigen konnte, aber kein einziges der Kunstwerke, um die es gehen würde. Die Frau, mit der ich mich dort traf, hatte es offensichtlich nicht für erforderlich gehalten, mir das bei unserem vorausgegangenen Telefonat mitzuteilen. So wie es dann um 16.10 h niemand für erforderlich hielt, mich vorzustellen. „Jetzt gibt es eine Lesung. Hier kann man sitzen, die anderen können sich die Kunstwerke ansehen und mit den Künstlern ins   Gespräch kommen. Das war ziemlich originalgetreu der Ankündigungstext. Die Handvoll Menschen, die dann zur Lesung blieben, waren offenbar weniger an meinen Texten als an einer Sitzmöglichkeit interessiert. Ich versuchte es mit einem Monolog einer wütenden Frau, mit dem Dialog zwischen Rapunzel und Hans im Glück, aber ich drang nicht zum Publikum durch. Es gab kein Publikum, nur Leute, die noch eine Weile sitzen wollten, bis sie wieder herumschlendern würden. Nur weil ich vielleicht einen Menschen, der trotz allem und allem Anschein zum Trotz zuhören wollte, übersehen haben könnte, und weil der Text „Aus dem Gesicht geschnitten“ für mich nicht nur eine Hommage an Louise Bourgeois, sondern auch eine Geschichte darüber ist, warum wir Kunst machen und welche Macht Kunst entwickeln kann, habe ich auch diese Zeilen noch gelesen, bevor ich gedemütigt und ärgerlich aufgegeben habe.

Tempo

Ich rede zu langsam. Irgendwann habe ich mir angewöhnt, jedes Wort zu drehen und zu wenden, bevor ich es ausspreche. Die Zusammenhänge zu prüfen und nochmals zu überprüfen, bevor ich einen geschriebenen Satz sichtbar mache. Es ist nicht so, dass ich mir das Scheitern und Fehler machen verbiete, aber häufig bin ich vor lauter Skrupeln so langsam, dass die Diskussion vorbei ist, bevor es mir gelungen ist, eine Haltung dazu zu finden.

26. 08. 2018

Manchmal muss irgendetwas mich daran erinnern, wie unglaublich wertvoll mir Literatur ist. Sätze, die nicht einfach etwas behaupten, die nicht vorgeben, Wahrheiten und Fakten auszubreiten, sondern sich in den Dienst des Zweifels und der Ambivalenz stellen. Die damit Leerstellen öffnen, Abgründe. Aber auch die Möglichkeit, zu träumen, selbst zu denken. Weil nichts feststeht, außer der Bewegung. Durch Denken und Lesen.

Solche Sätze, wie sie in Tristan Marquardts „parzival lexikon“ nachzulesen sind:

„nur gleiche möglichkeiten führen zu anderen ergebnissen.“

oder:

„was ich erfinde, sagt der erzähler, ist, wie ich das,was ich vorfinde, erzähle, eine geschichte, wie passiert, was passiert.“

 

Grenzen

Allgemein scheint es in der Öffentlichkeit gerade schwierig zu sein, und zunehmend schwieriger zu werden, miteinander zu reden. Gewinnbringend Kontroversen auszutragen. Nach Lösungen und Kompromissen zu suchen, und wenn das nicht gelingt, zwei gegensätzliche Standpunkte zur Kenntnis zu nehmen. Mit Verwunderung, Bedauern, vielleicht auch mit zorniger Enttäuschung, aber ohne nach wenigen Minuten eine Grenze zu ziehen, an der jedes Argument abprallt, weil es nur noch richtig und falsch gibt, aber keinerlei Interesse, warum die Gegenseite offenbar eine andere Sicht auf die Welt hat, oder wenn schon das Interesse nicht da ist, wenigstens Respekt. Die Grenzen in unseren Gesprächen und Köpfen wachsen beängstigend schnell.

Einsamkeit

Morgens, wenn ich noch völlig müde bin, und trotzdem nicht mehr einschlafen kann, herrscht vollkommenes Chaos der Gedanken im Kopf. Mein Versagen als Mutter, das immer wieder erneute Verlieren der Kinder, und der ganze Rest.

Was wir alle brauchen ist Vertrauen. Etwas, das uns niemand geben kann, wenn wir es uns nicht selbst schenken können. So schwierig (so einfach) bleibt es bis zuletzt. Das ist das Wesen der Einsamkeit.

Tod

Der Tod drängt sich gerade wieder in den Vordergrund. Die Nachricht vom plötzlichen Tod Oleg Jurjews, die Betrachtungen von Andreas Wolf, diese wohltuende Wut, die ich fast nie empfinde.

Ich selbst hatte mir im Juni notiert: Was, wenn der Tod aber wirklich die Vollendung des Lebens ist? Die Krönung, das Beste und Schönste, das einem Lebewesen widerfahren kann? Würde das nicht alles radikal ändern? Wir hätten keine Angst mehr vor dem eigenen Tod, und auch der Tod der anderen verlöre seinen Schrecken, er wäre nur noch deshalb schmerzhaft, weil uns dieser eine, unersetzliche Mensch fehlt. Aber was für ein Trost, wenn wir glauben könnten, er habe das größte Geschenk empfangen und eine bessere Stufe erreicht.

Würde die Gesellschaft unter diesen Bedingungen überhaupt noch funktionieren? Steht darum nichts über den Tod des ersten Menschen in der Bibel? Nur diese Sache mit der Auferstehung? Und über Lazarus, der von den Toten wieder auferweckt wird?

Freiheit und Schreiben

Sicher kein Zufall, dass ich nach den letzten Überlegungen und den wertvollen Kommentaren, gerade ausgerechnet auf dieses Zitat gestoßen bin:

„Man könnte sagen, Schreiben heißt, sich gegen die Oberfläche eines Spiegels zu werfen, den Körper am Glas zerschmettern und im Silber des Spiegels verschwinden zu lassen, ohne sichtbare Verletzungen davonzutragen. Ich würde sagen, diese Freiheit gleicht keiner anderen Freiheit.“

Sara Stridsberg