Einsamkeit

Morgens, wenn ich noch völlig müde bin, und trotzdem nicht mehr einschlafen kann, herrscht vollkommenes Chaos der Gedanken im Kopf. Mein Versagen als Mutter, das immer wieder erneute Verlieren der Kinder, und der ganze Rest.

Was wir alle brauchen ist Vertrauen. Etwas, das uns niemand geben kann, wenn wir es uns nicht selbst schenken können. So schwierig (so einfach) bleibt es bis zuletzt. Das ist das Wesen der Einsamkeit.

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Tod

Der Tod drängt sich gerade wieder in den Vordergrund. Die Nachricht vom plötzlichen Tod Oleg Jurjews, die Betrachtungen von Andreas Wolf, diese wohltuende Wut, die ich fast nie empfinde.

Ich selbst hatte mir im Juni notiert: Was, wenn der Tod aber wirklich die Vollendung des Lebens ist? Die Krönung, das Beste und Schönste, das einem Lebewesen widerfahren kann? Würde das nicht alles radikal ändern? Wir hätten keine Angst mehr vor dem eigenen Tod, und auch der Tod der anderen verlöre seinen Schrecken, er wäre nur noch deshalb schmerzhaft, weil uns dieser eine, unersetzliche Mensch fehlt. Aber was für ein Trost, wenn wir glauben könnten, er habe das größte Geschenk empfangen und eine bessere Stufe erreicht.

Würde die Gesellschaft unter diesen Bedingungen überhaupt noch funktionieren? Steht darum nichts über den Tod des ersten Menschen in der Bibel? Nur diese Sache mit der Auferstehung? Und über Lazarus, der von den Toten wieder auferweckt wird?

Freiheit und Schreiben

Sicher kein Zufall, dass ich nach den letzten Überlegungen und den wertvollen Kommentaren, gerade ausgerechnet auf dieses Zitat gestoßen bin:

„Man könnte sagen, Schreiben heißt, sich gegen die Oberfläche eines Spiegels zu werfen, den Körper am Glas zerschmettern und im Silber des Spiegels verschwinden zu lassen, ohne sichtbare Verletzungen davonzutragen. Ich würde sagen, diese Freiheit gleicht keiner anderen Freiheit.“

Sara Stridsberg

Grenzen

Seit wann habe ich eigentlich Angst vor Herausforderungen? Waren das diese Fälle bei fixpoetry und Signaturen, wo ich gescheitert bin? Habe ich mich davon nie richtig erholt? Einerseits ist es gut, dass ich kein Muster, kein erlerntes Schema habe, mit dem ich an die Kritiken herangehe, das ermöglicht mir eine gewisse Offenheit, und damit die Chance, im besten Fall andere, zusätzlich erhellende, Perspektiven anzulegen. Andererseits fehlt mir immer wieder der Halt, den das Handwerk mir verleihen könnte. Eine gewisse professionelle Sicherheit, die mich davon bewahren könnte, naive Fehler zu machen. Bedeutsames schlicht nicht zu erkennen.

Die Lösung kann wohl immer wieder nur sein, die eigenen Grenzen zu kennen und trotzdem an sich zu glauben, sich jedenfalls ernst zu nehmen in dieser Beschränktheit. Und dann den Mut zu haben, es zu zeigen. Wohlwissend, das wird nicht allen gefallen. Aber vielleicht gibt es einige wenige, denen es etwas bedeutet, die es vielleicht sogar ermutigt.

Angst

Es ist gefährlich keine Angst zu haben.

Neulich auf dem Rückweg von B.O. auf der Autobahnabfahrt kam ein Wagen im Rückwärtsgang auf uns zu. Es dauerte beunruhigend lange, bis er auf M.´s anhaltendes Hupen reagierte, und vorwärts weiterfuhr. Trotzdem hatte ich keine Angst. Oder jedenfalls nur theoretisch. Ohne sie zu spüren.

Die Ignoranz der Sicheren

Am selben Tag an dem die, ausnahmsweise gute, Nachricht von Denzi Yücels Freilassung sich verbreitete, wurden Ahmet Altan und sechs weitere politisch Angeklagte, zu lebenslanger Haft verurteilt. In seinem Text aus dem Gefängnis zitiert er Elias Canetti um die vorsitzenden Richter in seinem Prozess zu charakterisieren.

„In Sicherheit. Mit sich im Reinen. Mächtig. Und dann hören sie das Flehen eines Menschen nicht und sind von vornherein entschlossen, sich taub zu stellen – kann man sich überhaupt gemeiner verhalten?“

Und dann schreibt Altan, wie ihm, während er mit den anderen Angeklagten auf die Verkündung des Urteils wartet, eine Stelle aus seinem Roman einfällt.

„Der Spalt zwischen dem Moment, in dem sich das Schicksal eines Menschen verändert, und dem Moment, in dem er das realisiert, schien ihm der unheimlichste, tragischte Aspekt des Lebens. Die Zukunft ist schon klar, aber der Mensch wartet noch auf eine ganz andere Zukunft mit anderen Erwartungen und Träumen, ahnungslos, dass seine Zukunft längst besiegelt wurde. Die Ignoranz dieser Zwischenzeit war schrecklich und erschien ihm als die größte Schwäche der Menschheit.“ Altan schreibt, dass er zu zittern begann, als er sich an diese Zeilen erinnerte, weil ihm bewusst wird, dass der Roman ihn eingeholt hat, dass er jetzt genau das erlebt, was er einst geschrieben hat.

Das ist grausam. Unvorstellbar. Und vielleicht deshalb frage ich mich, was wir tun können. Wir können seine Zeilen lesen, betroffen sein, sie verbreiten, darüber reden. Aber genügt das? Müsste es nicht mehr geben, was man dem weltweiten Unrecht entgegensetzen kann als Empörung und Empfindsamkeit?

 

30. Dezember

Der Nebel, der Schnee. Und in den Träumen, die Sehnsucht.

Die Frau mit dem regenbogenbunten Kragen an der Kaputze, und daneben eine junge Schönheit. Wie Frida Kahlo ohne Schmerzen.

26. Dezember

Regen peitscht ans Fenster. Ich lese Knausgard und danach Eribon. Ich will verstehen, so als wäre Verstehen etwas, das aus losen Fäden, aus abgebrochenen Linien, ein Bild entstehen lässt. Und lerne stattdessen immer wieder, dass Verstehen in der entgegengesetzten Richtung funktioniert. Nämlich in der Zerlegung vermeintlich fester Bilder, sicherer Gedankengebäude, in ihre Einzelteile, lose Fäden, unterbrochene Linien.