Entstehung eines Kunstwerks

1950 fand eine mehrtägige Podiumsdiskussion unter der Leitung von Robert Motherwell statt. Louise Bourgeois war dabei und stellte u.a. folgende Fragen zur Entstehung eines Kunstwerks:

Definition des Begriffs „Entstehung“ – Entstehungsprozess. Ist es der Prozess des passiven Geborenwerdens oder ein Prozess des Gebärens?

Was bewirkt,dass ein Kunstwerk geboren wird? Was ist der ursprüngliche Impuls? Was treibt den Künstler zur Arbeit? Die Flucht vor der Depression (um eine Leere auszufüllen)? Die Wiedergabe von Vertrauen oder Vergnügen? Das Verstehen und die Lösung eines formalen Problems, die Neuordnung der Welt?

(Louise Bourgeois)

Destruction of the Father Reconstruction of the Father – Louise Bourgeois

Gestern ist Destruction of the Father gekommen. Gleich der erste Satz ist aufschlussreich. Wie viele von uns hat Bourgeois keine leichte, vielmehr eine folgenschwere Kindheit erlebt. Aber sie bleibt nicht bei dieser Einsicht stehen, nicht dort, wo wir registrieren, welche Folgen bestimmte Umstände und Erlebnisse dieser Zeit noch heute für uns haben, sondern sie macht sich ihre Geschichte zu eigen, sie bedient sich ihrer magischen Kraft, die sich aus dem Dunkel und der Dramatik speisen. Nicht um (selbstmitleidig) dort zu verharren, sondern um hinaus zu gehen damit, hinaus aus sich selbst und hinaus in die Welt.

Ich heiße Louise Josephine Bourgeois. Ich wurde am 25. Dezember 1911 in Paris geboren. Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten der letzten fünfzig Jahre, für alle meine Themen ist in meiner Kindheit zu suchen.

Meine Kindheit hat nie ihre magische Kraft, nie ihr geheimnisvolles Dunkel, nie ihre Dramatik verloren.

 

Anders Petersen – Retrospektive im Marta

Eine sehr schöne Ausstellung war das, die ich mir am Sonntag im Marta ansehen durfte. Die Fotos von Anders Petersen haben eine ganz besondere Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit, jedes Bild erzählt Geschichten. Was er über die Serie, die er im „Café Lehmitz“ zwischen 1967 und 1970 aufgenommen hat, sagt, ist das, was seine Fotos für mich auszeichnet.

Das Café Lehmitz war ein besonderer Ort, der so nur in Hafenstädten existierte. Es war von Mitternacht bis acht Uhr morgens geöffnet. Heute gibt es solche Orte fast nicht mehr, außer vielleicht im Osten Europas. Hier begegnete man ganz besonderen Menschen: einem berühmten Schwertschlucker und einem Kleinwüchsigen namens „Zwerg“, einem Zuhälter und einer Bade, die gerade eine Pause einlegte, bevor sie ihren nächsten Überfall im Park plante. Sie trinken, kämpfen, küssen und tanzen oder schreien einander an. Ich war einer der ersten Fotografen, der in dieser Art von Bars gewesen ist. Die Leute im Lehmitz hatten eine Präsenz und eine Aufrichtigkeit, die mir selbst fehlte. Es war okay verzweifelt zu sein, zärtlich zu sein, ganz allein zu sitzen oder die Gesellschaft anderer zu teilen. Es herrschte große Wärme und Toleranz an diesem verarmten Ort.

Anders Petersen - Retrospektive
Anders Petersen – Retrospektive

Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.

 

Leiko Ikemura und Karin Kneffel in der Kunsthalle Bielefeld

Im Grunde ist es ganz einfach. Das Leben ist schön und aufregend, oder es ist wie es eben ist, solange keine Erwartungen in der Gegend herumstehen und alles zum Einstürzen bringen. Das ist meine kleine private Einsicht zum gestrigen Abend, von dem ich aber nur den erwartungslosen und deshalb schönen Teil erzählen werde.

Im Rahmen der sehenswerten Ausstellung „die Moderne der Frau“ in der Kunsthalle Bielefeld fand gestern ein Gespräch mit Leiko Ikemura und Karin Kneffel, moderiert von Julia Voß statt, das überraschend gut besucht war.

Es sollte um Frauen gehen, um ihre Stellung in der Kunst, im Kunstbetrieb. Karin Kneffel sagt zu dem merkwürdigen Verhältnis vom Anteil der Frauen an Kunstakademien und ausgestellter Künstler in den Museen sinngemäß, es sei seltsam, oben stecke man Frauen hinein und unten kämen Männer heraus.

Aber zunächst soll es um die biografischen Hintergründe von Leiko Ikemura und Karin Kneffel gehen.

Leiko Ikemura, 1951 in Japan geboren, wusste bereits als Kind, dass sie den traditionell für Frauen vorgeschriebenen Weg nicht gehen wollte. Sie wollte selbstständig sein und entschied sich, weil sie dachte Sprachen seien auf dem Weg zu diesem Ziel sicher sinnvoll, für ein Studium der spanischen Sprache. Nach einigen Jahren merkte sie aber, dass es sinnlos ist, die Sprache zu lernen, wenn man das Land nicht verlässt und aus dem zunächst als halbjährlichen Ausflug geplanten Aufenthalt in Spanien wurden zehn Jahre, die sie im damals noch unter Franco regierten Spanien verbrachte. Die Entscheidung für die Kunst, für das Malen fiel erst spät. Für Ikemura ist die Art der Lebensführung beinahe ebenso wichtig wie die Herstellung von Kunst. Wichtig ist, nach dem Warum zu fragen, kritisches Denken und Eigensinn. In Sevilla begann sie Malerei zu studieren. Die Malerei war ihr nicht zuletzt darum wichtig, weil man während ihrer Schulzeit behauptet hatte, du kannst nicht malen.

Ikemuras Gemälde haben einen Zug ins Abstrakte. Beide Frauen malen teilweise sehr große Formate. Während Kneffel angibt, jedes Thema verlange einfach eine bestimmte Größe, sagt Ikemura gerade in Bezug auf das große Format sei ihre Zeit in Köln in den 80er Jahren sehr prägend gewesen, sich unter den „neuen Wilden“ behauptet zu haben, darauf sei sie noch heute stolz.

Eine wesentliche Frage für Ikemuras Zugang zur Malerei ist die Frage, wie man Körperwahrnehmung darstellen kann. Ihr ist der Akt des Malens wichtig, wesentlich ist es eins zu werden mit dem Tun, vor dem Prozess des Malens habe sie nur eine vage Vorstellung, von dem, was entstehen soll, das Malen selbst muss dann nahezu selbstvergessen und selbstlos sein.

 

Karin Kneffel, 1957 in Marl geboren, erzählt, dass sie bereits als sechsjährige traurig darüber gewesen sei, ein Mädchen zu sein. Als sie erfuhr, dass Frauen, wenn sie heiraten, ihren Namen abgeben müssen, weinte sie drei Tage lang. Ein weiterer Schock sei die damalige populäre Oetkerwerbung für sie gewesen in der es hieß für eine Frau gäbe es zwei entscheidende Fragen: Was ziehe ich heute an und was koche ich meinem Mann?

Ganz praktisch bedeutete das damals vorherrschende Frauenbild für Karin Kneffel, dass sie nur die Realschule besuchen konnte, weil das die angemessene Ausbildung für ein Mädchen war.

Abitur war also nur über den zweiten Bildungsweg möglich, sagt sie, und dass sie lange Zeit nicht gewusst habe, dass man Kunst studieren kann. Während ihres Germanistikstudiums in Duisburg spricht sie ein Lehrender aufgrund ihres „Renaissancekopfes“ an und bittet sie Modell zu sitzen. Einige Male sitzt Kneffel also Modell und beginnt dann selbst zu zeichnen, für ihre Zeichnung wird sie sofort gelobt, und der Weg zum eigenen Kunststudium ist geebnet.

Obwohl Kneffel ganz bewusst reale und wiedererkennbare Gegenstände malt, ist sie nicht glücklich mit der Einordnung ihrer Malerei in den Realismus. Denn der Zusammenhang ist ja nicht real, obwohl man die Gegenstände erkennt. In ihren Bildern tauchen wiederkehrende Protagonisten auf, z.B. der blaue Vorhang. Der eigentliche Malprozess, dem oft eine langwierige und zeitaufwändige Recherche voraus geht, dauert ca. einen Monat. Karin Kneffel malt mit sehr kleinen Pinseln in drei oder vier Schichten ihre Bilder.

Julia Voß betont noch einmal wie wichtig auch die Hintergründe, die Zeugen, negative oder positive Bestärkungen sind auf dem Weg eine Künstlerin zu werden, das Umfeld und die Umstände spielen eine große Rolle, auch wenn diese viel zu häufig verschwiegen wird.

Zum Abschluss geht es noch um die Frage, ob es eine weibliche und eine männliche Ästhetik gibt, welche Vorbilder die beiden Malerinen haben.

Kneffel sagt, sie schätze Maria Lassnig, möge sie aber nicht. Was hauptsächlich daran liegt, dass Körperlichkeit nicht ihr Thema ist. Ein Vorbild sei eher Meret Oppenheim, insbesondere ihre Skulpturen, aber auch Manet habe sie über die Jahre begleitet und fasziniert.

Leiko Ikemura nennt Modersohn-Becker und Gabriele Münter und betont noch einmal, dass für sie nicht nur das Werk, sondern durchaus auch die Lebensart entscheidend sei. Bei den von ihr genannten Vorbildern spüre sie, dass das Malen aus dem Herzen käme.

Im Publikumsgespräch geht es um die Frage, ob eine Diskussion über die Stellung der Frau im Kunstbetrieb wirklich immer noch notwendig sei, es wird bedauert, dass weniger über die einzelnen Werke der Künstlerinnen gesprochen wurde als über allgemeine Bedingungen und eben die Genderproblematik. Allerdings ist man sich einig, dass das Thema so lange diskutiert werden muss, wie es virulent ist, und wie virulent es noch immer ist, dafür gibt eine Wortmeldung aus dem Publikum beredt Auskunft, es handelt sich um eine Kunstlehrerin, die erschüttert über die Auswahl ihrer Kolleginnen ist, die den Schülerinnen und Schülern ausschließlich männliche Biografien präsentieren. Sie werde, sagt sie, den Katalog der Ausstellung ihren Kolleginnen „als Bibel“ vor die Füße knallen.