Heji Shin – Baby

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Heji Shin, 1976 in Seoul geborene und heute in New York lebende Künstlerin hat Nikola Dietrich für mich entdeckt, in dem wunderbaren Band „I love women in Art“. Bereits beim flüchtigen Durchblättern des schönen Bandes bin ich sofort an ihrerm „Baby 7, von 2016 hängen geblieben.

Es ist ein sehr intimes Bild. Es ist ein rohes Bild, man sieht Blut und völlig Erschöpfung, man sieht die Zerbrechlichkeit des Babies und die Gewalt und Grausamkeit der Geburt. Vor allem aber sehe ich den Moment des Übergangs vom noch nicht auf der Welt sein zum auf die Welt kommen.

Was die Fotos so verstörend und gleichzeitig bezaubernd, oder sollte ich schreiben: wichtig, elementar macht, ist die Tatsache, dass sie in aller Deutlichkeit zeigen, wie sehr Sterblichkeit und Leid von Anfang an unser Leben begleiten, wenn nicht bestimmen. Ihre Baby Serie zeigt Fotos, die genau diesen Zwischenzustand zwischen nicht mehr und noch nicht aufzeigen, diesen Übergang von einer Sphäre zur nächsten, ein Übergang über den wir selten reden, weil wir es nicht können, oder weil es so schwer ist, dass wir es nicht einmal versuchen. Die Transformation vom noch nicht auf der Welt sein und diejenige vom die Welt verlassen. Denn diese zweite Ebene spielt für mich wesentlich hinein in die zutiefst berührenden, fesselnden und abstoßenden Fotos von Heji Shin. Es sind Fotos, die Grenzen aufbrechen, Tabus. Die Gesprächsräume öffnen, gerade weil sie wissen, dass der Andrang in diese Räume bestenfalls zögerlich erfolgen wird.

Die Bilder von blutigen Babies, so sagt sie in einem Interview, das auf Fräulein Magazin nachzulesen ist, waren in ihrem Kopf, ohne dass sie sich an einen besonderen Impuls dafür erinnern konnte. Fortan sprach sie schwangere Mütter an, unbekannte Frauen mit dickem Bauch, mitten auf der Straße. Wenig erstaunlich hatte sie weder bei diesen Versuchen Erfolg, noch als sie später in Geburtsvorbereitungskursen, Schwangerenyoga und all diesen Orten, an denen sich speziell Schwangere aufgrund ihrer Schwangerschaft und der bevorstehenden Geburt aufhalten. Mehr Glück hatte sie dann schließlich als sie Kontakt zu einigen Hebammen aufnahm, die sie für ihr Projekt gewinnen konnte, und die wiederum einige der Mütter überzeugen konnten.

Shin betont, dass die Fotos nur einen Aussschnitt zeigen, nicht Abbild einer irgendwie gearteten allgemeingültigen Wirklichkeit sind. Sie sind Entscheidungen der Künstlerin und sie sind aus dem Zusammenhang gerissene besondere Momente. Dennoch sind sie außerordentlich wahrhaftig.

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„Dali ging in seiner Verfolgung der Suggestion des Unbewußten so weit, daß er seine Staffelei am Fuß des Bettes aufstellt, damit er sich vor dem Einschlafen auf das unvollendete Bild konzentrieren konnte, um seine Träume in die Richtung seiner Entwicklung zu lenken. Zu anderen Zeiten „wartete ich stundenlang auf solche Eingebungen. Dann verharrte ich ohne zu malen in großer Spannung…“; oder er versuchte mit allen Mitteln, Wahnsinn zu simulieren.“

Aus einem Buch des Taschen Verlags über Salvador Dalí herausgesucht, weil ein Kollege mich kürzlich an ihn erinnerte. Bzw. die Art, wie seine Gedichte traumhaft surreal Worte aneinander fügen, wie weit er sich scheinbar von jeglicher Realität löst, von jedem Impuls und Anlass, vielleicht sogar von jeder Art von Sinn, um dann, sobald man sich etwas länger, offener damit beschäftigt, eine erstaunliche und irgendwie tiefere Perspektive zu eröffnen.

Überhaupt bin ich gerade umgeben von Bildern, die letzten Artikel, die ich geschrieben habe, waren solche über „Fensterausstellungen“, das einzige, was derzeit möglich ist, wenn man als Künstlerin im Analogen bleiben will. Außerdem bin ich mit einer Fotokünstlerin ins Gespräch gekommen, und nicht zuletzt kam vor einigen Tagen „I love Women in Art“ von Bianca Kennedy und Janine Mackenroth hier an. Beim Durchblättern bin ich sofort bei der aufsehenerregenden Arbeit von Heji Shin hängen geblieben, darüber vielleicht morgen mehr.

Ich glaube ja nicht an Zufälle, und die Sache mit den Bildern ist sehr leicht zu erklären, weil ich mich seit Monaten mit einem Bild beschäftige, über das ich etwas schreiben soll und möchte. Die Tatsache, dass es ein dermaßen beeindruckendes, aber gleichzeitig unerschöpfliches Werk ist, und dass das Projekt schön und wichtig ist, macht es mir vielleicht schwerer als nötig. Weil ich dann wieder so hinderliche Dinge denke, wie dass ich es sehr sehr gut machen muss, dass ich auf keinen Fall das Ganze durch meine minderwertige Arbeit vermasseln darf, dass es ohnehin ein Irrtum ist, dass ausgerechnet ich dazu eingeladen worden bin, dass die Initiatoren, sobald ich etwas eingeschickt habe, die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden. Und da kommt der Verweis, die Erinnerung an Dali sehr recht, weil es eine Möglichkeit darstellt, dieses dämliche Ego zu überlisten, und sich stattdessen auf die erstaunliche Kraft des Unbewussten zu besinnen.

Gedanken beim Besuch der Ausstellung „Künstler sein“ von Anna Oppermann

Dem Frau sein entkommst du nicht. Das denke ich bei den Frühwerken, die mich sehr viel mehr ansprechen als die großen Ensembles, mit denen Anna Oppermann bekannt geworden ist. Ich denke dabei an die anrührende Szene, die Marica Bodrozic in „Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe“ beschreibt. Wie ihre Cousins, mit denen sie ständig spielte, sie eines Tages ausschließen, beim geplanten Ausflug in die Höhlen darf sie nicht dabei sein. Weil sie ein Mädchen ist. Bodrozic beschreibt wie tief der Schock gewesen ist, als sie ihre Tante fragte, was sie denn tun müsse, um kein Mädchen mehr zu sein, wann dieser ausschließende Zustand denn vorbei sein, und zur Antwort ein „niemals“ erhält. Dem Frau sein entkommst du nicht. Der Trennung und dem Ausgeschlossen werden. Es ist uns auf den Leib geschrieben. Bestimmt sowohl den Blickwinkel mit dem wir sehen, als auch den, mit dem wir gesehen werden. Es ist der Rahmen, der uns hält und begrenzt. Auch die Netze, die wir spinnen, sind geknüpft von weiblichen Fingern.

Wenn Oppermann eine ihrer riesigen Ensembles, die über viele Jahre entstanden sind, „Zeichnen nach der Natur“ nennt, erhält das auf einmal eine viel weitreichendere Bedeutung. Das Nützliche und das Natürliche. Und dass sich das nicht immer ergänzen kann. Oppermann erfasst in ihren Bildern, besonders in den Collagen, durchaus auch die Abgründe der Natur.

Nerven, Synapsen, Dynamik und Bewegung. Das Flüssige wird fest. Was ist Selbstbestimmung? Wie findet eine zum eigenen Ausdruck?

Kunst erscheint vor diesem Hintergrund als Gegenentwurf zu den bestehenden Verhältnissen. Fast wie bei Rilke: „Du musst dein Leben ändern“.

Falten

Falten, Entfalten. Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich letzten Sonntag, in dieser Ausstellung gelandet bin. Einer Ausstellung, die nicht zuletzt von der Schönheit und den erstaunlichen Möglichkeiten des Faltens, der Falten, die Tiefe verleihen, erzählte.

Vielleicht ein weiterer Schritt, auf dem Weg zu begreifen, warum Alter und Scheitern bei mir in einem Text zusammen gefunden haben.: Ich glaube, ich habe unbewusst so ein vertracktes Denkmuster, das mir einredet, ab einem gewissen Alter darf man keine Fehler mehr machen, loslaufen, hinfallen, aufstehen gilt nur bis zu einem gewissen Alter. Dabei steckt in Wirklichkeit in den Falten vielleicht auch das Fallen, das sich fallen lassen.

ART/SCIENCE FESTIVAL 2018

Während sich der Vortragssaal der Kunsthalle zögerlich füllt, werden Vorbereitungen getroffen. Soundcheck, Absprache von Reihenfolgen und Moderation. Es geht lebendig zu in der Kunsthalle, die dieses Jahr Gastgeber des ART/SCIENCE Festival ist.

Angelika Epple spielt in ihrer Begrüßungsansprache auf Paul Ricoeur an, der behauptet hat, die Frage wer spricht zu beantworten, heißt die Geschichte eines Lebens zu erzählen. Diese Vorstellung einer „narrativen Identität“ zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass Disparates zusammengefügt werden kann.

Geht es um die Identität von Kulturen tritt eher die Frage von Ein- und Ausschluss in den Vordergrund.

Jutta Hüleswig-Johnen hat anlässlich der aktuellen Ausstellung „Der böse Expressionismus“ die Kunstrichtung des um 1900 entstandenen Expressionismus auf Identität befragt. Neben der historischen Situation während derer diese Kunstrichtung in Form der Künstlervereinigung „Die Brücke“ sich etablierte, zeichnet Hülsewig-Johnen den Lebensweg von Paula Moderson-Becker und Else Lasker-Schüler nach. Um am Ende ihres Vortrags zum Schluss zu kommen, dass ein Selbstverständnis als Künstler nicht zuletzt bedeutet, Grenzen in Frage zu stellen und zu überschreiten.

Ulrike Winkelmann, Liane Bednarz, Andreas Zick, Jagoda Marinic und Paula Diehl

In der folgenden Podiumsdiskussion, diskutieren Liane Bednarz (Juristin), Paula Diehl (Politische Theorie), Andreas Zick (Gewaltforschung) und Jagoda Marinic (Schriftstellerin), die Frage wieviel und welche Identität wir brauchen. Moderiert wird das kontrovers geführte Gespräch von Ulrike Winkelmann.

Auf die Frage, ob es einen statisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Identität und rechtem Gedankengut gibt, antwortet Zick, dass diese These zu kurz greift. Identität verbindet sich mit weiteren Phänomenen, mit dem Widerstand gegen das „Fremde“, mit der Angst vor Verlust und Wandel. Auf diese Weise gelingt es, Identität zu einem politischen Kampfthema zu machen. Identität wird dann zu einer Abwehr von Abwertung, und ist somit, ganz anders als in der Kunst, das Etablieren einer Grenze, das Aufmachen eines Gegensatzes: wir und die anderen. Wobei das diffuse „Eigene“, das selten definiert werden kann, verteidigt werden muss, ein Phänomen das auch Liane Bednarz bei ihrer Beschäftigung mit rechten Gruppen, immer wieder begegnet ist.

Jagoda Marinic berichtet als Tochter „jugoslawischer Gastarbeiter“ von ganz anderen Erfahrungen. Deutschland sei sehr viel offener geworden, ein positiver Wandel, der nicht zuletzt durch die zweite und dritte Generation der eingewanderten Menschen begünstigt worden ist, und der ihrer Meinung nach in der aufgeblasenen Debatte über die „neue Rechte“ untergeht.

Paula Diehl sieht Identität schließlich als Summe von Erfahrungen, die ein Mensch macht, und somit als ständig im Wandel begriffen.

Die Frage müsse also lauten, wie, warum und wofür nationale Identität konstruiert wird. Denn Gesellschaften konstituieren sich immer wieder neu. Wie also können wir eine neue, einwandernde Menschen einschließende und integrierende, Identität begründen und ausbauen?

Grundlegend notwendig dafür wäre eine Möglichkeit für das Gefühl von Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit zu schaffen. Vielleicht gelingt es dann, dass Menschen aus anderen Kulturen schnell „einheimisch“ werden.

Nach einer kurzen „Kunst-Intervention“, eine Gruppe junger Kunststudenten erscheint mit weißen Handschuhen, die in Farbe getaucht werden, auf der Bühne, ein weißes Blatt wird herumgereicht und unausweichlich hinterlässt jeder darauf Spuren. Schließlich sammeln sich die Ausführenden vor einem Spiegel. Dort werden die Blätter zerrissen, man geht in unterschiedliche Richtungen auseinander.

 

Das anschließend weitergeführte Gespräch dreht sich um Identität und Würde. Dabei wird Rekurs auf den hohen Anteil der AfD Wähler genommen, die sich, wenn auch nicht wirtschaftlich, so doch kulturell, abgehängt fühlen.

Alle Argumente, die „Fremdenfeindlichkeit“ begründen sollen, basieren auf einer behaupteten, und auch in dieser Diskussion kaum hinterfragten, Resourcenknappheit. Wenn alle glauben, dass nicht genug für alle da ist, ist es einfach mit Angst zu operieren. Leider wird die Diskussion nur recht kurz für das Publikum geöffnet. Dann sind die vorgesehenen zwei Stunden vorbei und das Gespräch muss anderswo weitergeführt werden. So viel aber ist sicher; es gibt noch viel zu reden, und wenn es so respektvoll und kontrovers geschieht, wie an diesem Abend, wird der Boden für Lösungen bereitet.

Kinderbewahranstalt

Konrad Felixmüller – „Kinderbewahrantalt“

In diesem Haus werde ich verwahrt, bis die Zeit gekommen ist, da man vielleicht eine Verwendung für mich finden wird. Bis dahin werde ich im leeren kalten Haus verwahrt. Natürlich ist das Haus nicht wirklich leer, es gibt sogar mehr Kinder als Betten. Nur wo ich bin, ist diese Leere. Niemand kommt mir nah. Alle stehen in Gruppen zusammen und werfen mit ihrem Gelächter und ihren Blicicken nach mir.

Ich weiß, dass sie sagen, ich sei hässlich, meine Haare seien aus Stroh, ich würde stinken und überhaupt hat etwas wie ich retlos keine Berechtigung auf der Welt zu sein.

Darum laufe ich weg. Ich komme nie weit, dann treiben mich Hunger und Kälte zurück. Aber draußen, wenn der Schnee unter meinen Füßen knirscht, wenn ich den Rauch aus den Schornsteinen fremder Häuser grau in den schwarzen Himmel aufsteigen sehe,habe ich manchmal das Gefühl, die Erde hat nichts dagegen, dass auch ich auf ihr herumlaufe, und es könnte vielleicht doch irgendwo auf der Welt jemanden geben der sogar so ein Geschöpf wie mich mag.

Ich hüte dieses Geheimnis gut, und tatsächlich sehen die Lichter in den Fenstern der Verwahranstalt, zu der ich zurückkehre, eine Zeit lang warm und heimelig aus.

Wenigstens so lange, bis ich über die Schwelle getreten bin.