Entscheidungen

Das erste Mal, das dieses Wort wirklich plastisch vor mir erschienen ist, mir auf eine Art bewusst wurde, die mich seitdem begleitet, war eine Gruppensitzung in einer psychosomatischen Reha. Entscheidung: in diesem Wort stecke die Scheidung sagte die Gruppenleiterin. Die Trennung der einen Möglichkeit von der anderen. Und plötzlich erkannte ich, warum mir Entscheidungen immer so schwer fielen. Jede Entscheidung für etwas, ist zwangsläufig eine Entscheidung gegen etwas anderes. Ich konnte mich also nicht für etwas entscheiden, weil ich mich dafür notgedrungen gegen etwas anderes entscheiden musste. Es gibt nicht getroffene Entscheidungen, die wenig schwer wiegen, die einfach nur ein wenig Unordnung und lästige (für andere) Stapel in die Welt setzen; meine Entscheidungsschwierigkeiten, welches Buch ich denn jetzt lesen soll, möchte, kann. Ich lese eigentlich immer schon ca. 3 bis 4 Bücher parallel, und jetzt, angesichts von Studium und Projekten sind es schon mal 10 oder mehr Bücher. Das macht mich nervös, weil jeder Stapel mir sagt: das schaffst du nie. Jedenfalls nicht, wenn du nicht endlich Struktur und Ordnung hinein bringst. Ist es eine Entscheidung, mich dieser Aufforderung und angeblichen Notwendigkeit zu verweigern? Oder ist es eine nicht getroffene Entscheidung, wenn ich die Dinge so laufen lassen, wie sie eben gerade im Moment sind? Ist das wichtig? Vielleicht gibt es bei ganz vielen Weichen in unserem Leben gar keinen Unterschied zwischen bewusster Entscheidung und nicht getroffener Entscheidung. Vielleicht genügen die wenigen großen Entscheidungen, die wir wirklich treffen müssen; bleiben oder gehen, aushalten oder Auswege suchen, schweigen oder widersprechen? Und den Rest regelt das Leben von selbst gemäß unserer ihm bekannten Eigenart.

(7)

Alles ergibt restlos keinen Sinn, lese ich in einem Gedicht. Ich stimme zu, ich stimme nicht zu. Vielleicht ist das der Sinn, dass alles restlos keinen Sinn ergibt, das Leben nicht, und auch nicht der Tod. Das Leiden ebenso wenig wie die Gesundheit. Die Liebe nicht. Und nicht der Hass. Während ich schreibe, fällt vor dem Fenster hinter meinem Rücken Schneeregen, Autos fahren in einiger Entfernung, aber hörbar. Ab und zu ein Martinshorn. Meine Füße und Ohren werden heiß, weil sie draußen so kalt geworden sind. Das alles genügt sich selbst. Warum also sehnen wir uns ständig nach einem Sinn?

LÜGE

Die Ohnmacht der Erinnerung, der wir die Lüge entgegensetzen können. Dürfen? Was ist eine Lüge? Warum hat sie diesen schlechten Ruf?

Ich vergesse alles, nur mich nicht. Oder ich vergesse mich und alles andere tritt sehr deutlich zu Tage.

Als hätten die Dinge (Tatsachen?) Umrisse, die man nur in der Undeutlichkeit oder der Lüge erkennen kann.

Also noch einmal: was ist Lüge?

Vielleicht nur die Verwandlung von Wahrheit in etwas, das auszuhalten ist. Manchmal eine Pflicht. Manchmal eine Lösung. Manchmal eine Lust.

Eine der Wirklichkeit verpflichtete Lüge, die die Wahrheit verbiegt. Die gute Lüge.

Die andere, die strategische, die manipulative und die ohne Not vorsätzliche Lüge, die gibt es auch. Aber über sie gilt es kein Wort zu verlieren. Man erkennt sie, und wendet sich ab. Wenn man jung ist, hat man noch den Willen und die Kraft, sie zu bekämpfen.

(34)

Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

Grenzen – mal wieder

Ein Selbstbewusstsein für die eigene Begrenztheit. Aber innerhalb dieses Selbstbewusstseins, unterschiedliche Möglichkeiten zu entscheiden. Und ganz viele Fragen:

Was hat das eigentlich zu bedeuten, dass ich kaum noch raus will, mit dem, was ich schreibe? Dass ich diesen Drang, es zu zeigen nicht mehr habe? Ist das verletzte Eitelkeit? Wenn ich etwas zeige, ist die Aufmerksamkeit bestenfalls mittelmäßig. Oder habe ich einfach das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, was andere nicht viel besser sagen können? Oder fehlt mir der Mut, mich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, und alles andere auszublenden? Die Hingabe zum Schreiben? Die Freundlichkeit gegenüber mir selbst, die mir ermöglichen würde, das, was ich schreibe, einfach so sein zu lassen, wie es ist, ohne permanent zu vergleichen?

Verachtung

Was ich – wenn es mir bewusst wird – an mir verachte, ist dieses mich-anbiedern. Immer noch dazugehören wollen. Es ist vollkommen okay, Menschen zu bewundern, weil sie Verknüpfungen herstellen, die ich noch nicht so herstellen konnte, weil sie Formen finden für Gedanken und Gefühle, die ich bisher unbenannt und formlos lediglich gespürt oder verdrängt habe. Etwas grundsätzlich anderes ist es die eigenen gekränkten Gefühle und Fragen zu zensieren, aus Angst damit erkennen zu geben, dass ich nicht dazu gehöre. Natürlich gehöre ich nicht dazu. Wie soll ich jemals irgendwo dazugehören, wenn ich mir nicht das Recht zugestehe, in erster Linie zu mir selbst zu gehören?

Zeug*innenschaft statt Rechenschaft

Seltsam, dass keine der Besprechungen von Stellings „Schäfchen im Trockenen“ darauf eingeht, dass dieser einzige isolierte einsame Eintrag im Tagebuch der Mutter : Wieder zu viel gegessen – natürlich dafür steht, dass Frauen das so lernen, alles in sich hineinzufressen. Vielleicht ist das ja zu offensichtlich, um erwähnt werden zu müssen. Aber vielleicht überlesen das die Rezensentinnen auch gerne. Zu platt, nicht intellektuell genug, da schreibt man dann doch lieber woraus sich der Name der Protagonistin ableitet, weil man dann ein wenig mit Hintergrundwissen (auch nur gegoogelt) glänzen kann, dass Parrhesia Redefreiheit meint, auch wenn man dadurch, dass man erwähnt, Stelling habe das im Interview „verraten“ klar macht, dass man das Buch eher nicht gelesen hat, denn tatsächlich muss Anke Stelling das in keinem Interview erklären, es steht ja schwarz auf weiß im Buch:

„Aufhören, mich dem Betrieb zu empfehlen. Jetzt hat sie doch ihren Preis, die olle Resi, also muss niemand mehr bemerken, dass ihr Name nicht auf Theresia, sondern auf Parrhesia zurückgeht.“

Aber gut, das steht auf Seite 259, man hätte das Buch also zu Ende lesen müssen.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch dann endlich doch gelesen habe. Weil es ganz viele Fragen aufwirft, die mich ganz persönlich angehen.

Ich frage mich zum Beispiel; was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?

Und das sind keine rhetorischen Fragen, das interessiert mich wirklich. Also gerne her mit eigenen Geschichten und Kommentaren. Vielleicht können wir die schöne Anregung, zusammen zu schreiben, von Andreas Wolf neulich, ein bisschen mit Leben füllen. Und ganz nebenbei etwas über uns und unsere Gesellschaft herausfinden.