LÜGE

Die Ohnmacht der Erinnerung, der wir die Lüge entgegensetzen können. Dürfen? Was ist eine Lüge? Warum hat sie diesen schlechten Ruf?

Ich vergesse alles, nur mich nicht. Oder ich vergesse mich und alles andere tritt sehr deutlich zu Tage.

Als hätten die Dinge (Tatsachen?) Umrisse, die man nur in der Undeutlichkeit oder der Lüge erkennen kann.

Also noch einmal: was ist Lüge?

Vielleicht nur die Verwandlung von Wahrheit in etwas, das auszuhalten ist. Manchmal eine Pflicht. Manchmal eine Lösung. Manchmal eine Lust.

Eine der Wirklichkeit verpflichtete Lüge, die die Wahrheit verbiegt. Die gute Lüge.

Die andere, die strategische, die manipulative und die ohne Not vorsätzliche Lüge, die gibt es auch. Aber über sie gilt es kein Wort zu verlieren. Man erkennt sie, und wendet sich ab. Wenn man jung ist, hat man noch den Willen und die Kraft, sie zu bekämpfen.

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Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

Grenzen – mal wieder

Ein Selbstbewusstsein für die eigene Begrenztheit. Aber innerhalb dieses Selbstbewusstseins, unterschiedliche Möglichkeiten zu entscheiden. Und ganz viele Fragen:

Was hat das eigentlich zu bedeuten, dass ich kaum noch raus will, mit dem, was ich schreibe? Dass ich diesen Drang, es zu zeigen nicht mehr habe? Ist das verletzte Eitelkeit? Wenn ich etwas zeige, ist die Aufmerksamkeit bestenfalls mittelmäßig. Oder habe ich einfach das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, was andere nicht viel besser sagen können? Oder fehlt mir der Mut, mich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, und alles andere auszublenden? Die Hingabe zum Schreiben? Die Freundlichkeit gegenüber mir selbst, die mir ermöglichen würde, das, was ich schreibe, einfach so sein zu lassen, wie es ist, ohne permanent zu vergleichen?

Verachtung

Was ich – wenn es mir bewusst wird – an mir verachte, ist dieses mich-anbiedern. Immer noch dazugehören wollen. Es ist vollkommen okay, Menschen zu bewundern, weil sie Verknüpfungen herstellen, die ich noch nicht so herstellen konnte, weil sie Formen finden für Gedanken und Gefühle, die ich bisher unbenannt und formlos lediglich gespürt oder verdrängt habe. Etwas grundsätzlich anderes ist es die eigenen gekränkten Gefühle und Fragen zu zensieren, aus Angst damit erkennen zu geben, dass ich nicht dazu gehöre. Natürlich gehöre ich nicht dazu. Wie soll ich jemals irgendwo dazugehören, wenn ich mir nicht das Recht zugestehe, in erster Linie zu mir selbst zu gehören?

Zeug*innenschaft statt Rechenschaft

Seltsam, dass keine der Besprechungen von Stellings „Schäfchen im Trockenen“ darauf eingeht, dass dieser einzige isolierte einsame Eintrag im Tagebuch der Mutter : Wieder zu viel gegessen – natürlich dafür steht, dass Frauen das so lernen, alles in sich hineinzufressen. Vielleicht ist das ja zu offensichtlich, um erwähnt werden zu müssen. Aber vielleicht überlesen das die Rezensentinnen auch gerne. Zu platt, nicht intellektuell genug, da schreibt man dann doch lieber woraus sich der Name der Protagonistin ableitet, weil man dann ein wenig mit Hintergrundwissen (auch nur gegoogelt) glänzen kann, dass Parrhesia Redefreiheit meint, auch wenn man dadurch, dass man erwähnt, Stelling habe das im Interview „verraten“ klar macht, dass man das Buch eher nicht gelesen hat, denn tatsächlich muss Anke Stelling das in keinem Interview erklären, es steht ja schwarz auf weiß im Buch:

„Aufhören, mich dem Betrieb zu empfehlen. Jetzt hat sie doch ihren Preis, die olle Resi, also muss niemand mehr bemerken, dass ihr Name nicht auf Theresia, sondern auf Parrhesia zurückgeht.“

Aber gut, das steht auf Seite 259, man hätte das Buch also zu Ende lesen müssen.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch dann endlich doch gelesen habe. Weil es ganz viele Fragen aufwirft, die mich ganz persönlich angehen.

Ich frage mich zum Beispiel; was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?

Und das sind keine rhetorischen Fragen, das interessiert mich wirklich. Also gerne her mit eigenen Geschichten und Kommentaren. Vielleicht können wir die schöne Anregung, zusammen zu schreiben, von Andreas Wolf neulich, ein bisschen mit Leben füllen. Und ganz nebenbei etwas über uns und unsere Gesellschaft herausfinden.

Eine Stärke der Weichheit zu entwickeln

Überwachen und Strafen, statt hinsehen und unterstützen. Bei Hartz IV, bei Depressionen. Warum gelingt es uns nicht, den Wohlstand zu teilen, den Neid zu überwinden? Das Bekenntnis zu unserer Bedürftigkeit, der Angst, abgelehnt zu werden, entgegen zu setzen. Eine Stärke der Weichheit zu entwickeln? Aufzuhören zu fragen warum, hinzunehmen, sich einzulassen? Den Selbstdarstellern keine Bühne zu geben. Aufhören durchzuhalten, auszuhalten. Lieber auszubrechen. Aus uns selbst? Unserer Angst? Keine Lösungen anzubieten, aber Begleitung. Aufhören ein anderer sein zu wollen. Anfangen sich selbst zu entwickeln.

 

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Die Lumpen meiner Erinnerung. Gehört einem die Erinnerung, oder eignet man sie sich an? Und was hat das Gehör mit Besitz zu tun?

Kann man irgendwann wieder so gedankenlos im Einklang mit sich selbst sein, wie damals als Kind? Oder ist auch (wieso auch?) das nur eine romantische Vorstellung?