Louise Bourgeois

Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe. Deshalb ist der Kreis, geometrisch gesprochen eine Eins. alles kommt zu dir vom Gegenüber. Man muss in der Lage sein, das Gegenüber zu erreichen. Wenn nicht, ist man allein.

(52)

Sebastião Salgado: „Schwarz-weiß ist eine Abstraktion, es erlaubt mir die Konzentration auf das, was ich Würde nenne, auf das Essenzielle.“

 

Ein Satz, den ich nur halb verstehe. Ästhetisch leuchtet mir das völlig ein, Abstraktion, keine Ablenkung durch Farben, nur Formen, Licht und Schatten. Aber wenn es um Würde geht, um das Essenzielle (was ist das Essenzielle?), sind da nicht gerade die Grautöne wichtig? Macht da eine reine Abstraktion nicht alles kaputt?

 

Spiegel

Sagen: es bricht mir das Herz, und dann einfach weitergehen. Weitermachen. Da ist kein Platz für mich. Diese Feststellung. Und wie man darüber hinweggeht. Ein Fehler vielleicht. Fehltritt und Stolpern. Weil der Schmerz ein Spiegel ist, die Ablehnung auch. Und der Spiegel spricht. Viel später dann auch zu Schneewittchen, was das Märchen verschweigt.

Perspektiven

http://www.saveellisisland.org/gallery/unframed-ellis-island-by-jr-photo-gallery/
http://www.saveellisisland.org/gallery/unframed-ellis-island-by-jr-photo-gallery/

Man müsste natürlich mehr dazu schreiben, zu Unframed von JR, zu Ellis Island und Uljana Wolf, und was das mit der Gegenwart zu tun hat. Mit dem Kosovo zum Beispiel, und der Entscheidung, Flüchtlinge, die „nur“ vor Armut und Perspektivlosigkeit flüchten, nicht zu akzeptieren. Überhaupt zu schreiben von dieser Gefahr der Perspektivlosigkeit. Der allergrößten Gefahr überhaupt für alle Gesellschaften. Viel größer als die des Terrorismus, der immer schon nur eine Folge fehlender Aussichten ist.

V

Nicht nach den Antworten suchen, aber eine Ordnung der Fragen entwickeln.

Oder einfach genau hinsehen. Diese Form von Widerstand.

 

Stattdessen lassen wir den Schlaf jubilieren, während wir einander beim Sterben zusehen. Wohin uns das führt, wie es uns verändert, das Wasser der Zeit, das Schicht um Schicht eine oberflächliche Schönheit abträgt, bis der Kern sichtbar wird. Das zerstörte Gesicht. Bis eine sagt: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Sich weniger damit abfindet, als dass sie sich vielmehr selbst findet in dieser Behauptung, diesem Satz. So wahrhaftig findet, dass es nicht mehr notwendig ist, sich zu erfinden.

 

III

Irgendwann muss ich damit angefangen haben, mir einzureden von jetzt an sei alles, was ich erlebe, banal, die Zeit der Abenteuer, Umbrüche und Entdeckungen sei vorbei. Ich lernte sehr gründlich, die sich nach wie vor ereignenden Glücksmomente zu übersehen. So gründlich und gewissenhaft, dass ich schließlich den Reichtum meiner Erfahrungen nur noch als Last empfand, als etwas, das alles andere verhinderte, außer mir dem sich stetig verringernden Abstand zum Tod immer bewusst zu sein.

 

II

Man versäumt sich, reißt die Ränder auf und vernäht die losen Flächen erneut. Andere sind vorsichtiger, behutsamer; lösen nur einzelne Fäden, weben sorgsam, darauf wartend, dass ein Muster entsteht.

I

Nur noch aussprechen, was wirklich notwendig ist, und im übrigen schweigen. Wie Ilse Aichinger für ein Jahr nur einen Satz notieren, oder ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit schreiben, wie Salinger all seine letzten Jahre, Jahrzehnte.

 

Literaturkritik

Nachdem ich eine Zeitlang viel zu viele Besprechungen in viel zu kurzer Zeit geschrieben habe, und dann tatsächlich so ausgelaugt war, dass das Lesen nur noch Arbeit war, folgte eine Zeit der unbewussten Totalverweigerung, ich las nur noch Bücher, die ich nicht besprechen musste und schob die Arbeit wochenlang vor mir her. Nachdem ich diese beiden Extreme nun überwunden habe, keimt die Hoffnung, ich werde möglicherweise in naher Zukunft ein gesundes Maß für mich finden.

Was bleibt sind die Zweifel, die immer wieder neu sich stellende Frage, was eigentlich die Aufgabe einer Besprechung ist, was sie leisten muss, was sie nicht leisten kann. Dazu hat Andreas Wolf auf Sichten und Ordnen kürzlich einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben, in dem er die „Ränder der Texte“ preist, und im wesentlichen daran erinnert, dass es keine richtigen und falschen Auslegungen eines Textes gibt und, was für mich persönlich noch wichtiger ist, dass Literatur als Gespräch zu verstehen ist, jeder Text die Einladung zu einem Dialog darstellt. Dass man nicht mit jedem reden möchte, ist verständlich, aber eben nur eine persönliche Entscheidung, kein Urteil.