Der eigene Tod – Péter Nádas

Während ich viel zu selten dazu komme in den Parallelgeschichten zu lesen, hat mich irgendetwas dazu veranlasst noch einmal „Der eigene Tod“ von Nádas zu lesen. Jetzt kommt es mir vor, als würde ich vieles wiedererkennen. Nicht nur die gefäßerweiternde nytroglyzerinhaltige Tablett unter der Zunge, die Frau Erna immer bei sich trägt und das verbrannte Fleisch, vielmehr die Bedeutung des Körpers, in dem zusammenläuft, was wir für gewöhnlich weder verstehen noch überblicken können.

 

Als hätte er diese Fähigkeit aus dem Nahtod – Erlebnis in die Literatur hinübergerettet, ins Leben mitgenommen: „Das Zurückblicken vereint unterschiedliche Perspektiven des Bewusstseins in sich.“

 

Diese Fähigkeit zur Vereinigung ist ja das, was die Parallelgeschichten ausmacht.

 

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Parallelgeschichten (3)

Noch mehr als durch ihre erotische Ausstrahlung waren die drei durch ihre Lebensgeschichte verbunden. Das Schicksal hatte sie zufällig zusammengebracht und hielt sie seither streng aneinandergeschmiedet. Gehorsam neigten sie voreinander das Haupt. Über ihre früheren Erlebnisse sprachen sie nicht, weil ihnen der Austausch vertrauter Signale wichtiger war als das Sprechen, oder weil ihnen geraten schien zu schweigen. Wenn es ein paar Dinge gibt, über die man nicht sprechen kann, ergeben sich automatisch hundert andere Dinge, über die man ebenfalls schweigt.“

 

 

Dieser Automatismus des Unaussprechlichen. Wie es aufeinmal immer schwieriger wird, miteinander zu reden.

 

Irgendwann hat man sich einmal entschieden, einen Satz nicht auszusprechen, eine Ansicht für sich zu behalten, und plötzlich wird jedes Wort abgewogen, überlegt, zensiert.

 

Es gibt kein natürliches Hin- und Herfliessen der Worte mehr, sondern ein Selbstbild und ein Fremdbild und die Grenze zwischen beiden, die mit jedem unausgesprochenem Wort einen Stein zu der Mauer hinzufügt, die diese Grenze befestigt.

 

 

Einander nichts vormachen zu müssen, bedeutet noch längst keine grenzenlose Offenheit.

 

 

Und all das spricht Nádas ja nicht aus, es steht in diesen sehr genauen Beschreibungen, in seiner grausamen und gleichzeitig zärtlichen Art nicht die kleinste Kleinigkeit zu übersehen, oder zu verschweigen. Jedes Detail, das er beschreibt, von den violettroten Lippen zu den zierlichen Füßen hat seine Berechtigung, seine Notwendigkeit erzählt zu werden.

 

 

Wie genau, also eigentlich gar nicht wahrnehmbar, hier körperliche und geistige Aktionen Hand in Hand gehen, einander ergänzen, oder widersprechen, aber niemals scheint Nádas die Dualität aus den Augen zu verlieren, nie vernachlässigt er das eine zugunsten des anderen. Und auch sprachlich bilden sich Scham, Verzweiflung, Empörung ab. Was der deutsche Leser der kongenialen Übersetzung Christina Viraghs zu verdanken hat.

 

 

Und so merkte er plötzlich, dass ihm auch sein Gewissen nicht gehörte.“

 

 

Parallelgeschichten (2)

Und wieder der Körper, sein Altern, sein Geruch, Krankheiten.

Aber auch die Schönheit eines fremden Körpers, die beruhigt.

Ganz massiv dann die Körper in der Saunaszene, drei Männerkörper. Textkörper und menschliche Körper und wo es trotz allem Verbindungen gibt zwischen beiden. Jedenfalls für Schriftsteller wie Nádas, die Bilder, Szenen, Architekturen für das Sprachlose finden.

Alle Geschichten hängen miteinander zusammen, auch dort, wo sie sich nicht direkt zu berühren scheinen, eher wie Parallelen nebeneinander herlaufen. Nádas spannt ein unglaublich detailliertes feinmaschiges und dennoch weites Netz, in dem jeder einzelne Faden die gleich Berechtigung und Notwendigkeit hat. Auf diese Weise, und das ist unter Umständen auch eine immanente Kritik an langen, schmerzhaften Phasen in der die ungarische Politik sich auf die eine und andere Weise von der Demokratie entfernt hatte, schreibt Nádas einen zutiefst demokratischen Roman. Länderübergreifend, zeitübergreifend, geschlechterübergreifend.

Parallelgeschichten (1)

In der Taschenbuchausgabe von Nádas Parallelgeschichten wird der Spiegel zitiert: „Ein Meisterwerk, das Worte für etwas findet, das keine Sprache hat: Sexualität.“ So dumm die meisten Klappentexte sind, fällt mir dieser wieder ein, während ich die ersten Seiten lese, von diesem leicht hysterischen Studenten, der bei seinem Morgenlauf die Leiche im Tierpark gefunden hat.

Der feinfühlige Polizist, der ihn mit nebensächlichen Fragen zum Schweigen bringt. Diese Beobachtungen, wie ohnmächtig man dem eigenen Körper gegenüber ist, wie dieser Körper, mit dem man sich selten eins fühlt, einen verrät und beschämt.

Vielleicht ist es sogar das, worum es in erster Linie geht in diesem Roman, um die unterschiedlichen Geschichten, die sich in einem Menschen abspielen. Die Geschichten des Körpers, der sich nicht mehr kontrollieren lässt. Der einen unübersehbaren Widerspruch zum alles kontrollierenden Geist darstellt. Und wie Nádas Parallen dazu findet, in einer anderen Zeit, in einem anderen Land, in eben dieser Geschichte, die parallel dazu erzählt wird, in Ungarn, Jahrzehnte zuvor:

Zum Beispiel gab es zwischen dem sogenannten Arbeitszimmer und dem sogenannten Esszimmer eine pièce de dégager, eine Art Durchgangszimmer, einstmals das Rauchzimmer, in dem sie nur einen antiken chinesischen Teppich gelassen hatte. Allerdings hing von der Decke ein riesiger barocker Lüster. Die beiden Gegenstände passten weder zueinander noch zu dem relativ kleinen Raum, hatten auch keine wirkliche Funktion, trotzdem wirkten sie nicht peinlich. Sie kamen miteinander aus, starrten sich aus unüberbrückbarer Distanz an, hatten nichts miteinander gemein, verkörperten nur unterschiedliche Weltanschauungen. Das entsprach völlig dem Zeitgeist.“

Wie Nádas mich dazu bringt, das nicht einfach als eine Beschreibung von Räumlichkeiten zu lesen, sondern als Entsprechung zu diesem Leib-Seele Dualismus, ist großartig.

Ich hatte das Buch ja bereits kurz nach seinem Erscheinen gelesen. Allerdings nur mittels eines geliehen Exemplars, 40 Euro für ein Buch waren einfach nicht drin, jetzt, als Taschenbuch kostet es die Hälfte, und natürlich ist es das Doppelte und viel mehr wert, aber manchmal ist einfach das Geld knapp, und die Möglichkeit es zu lesen gab es ja auch ohne diese Ausgabe, um so glücklicher war ich, als ich das Buch jetzt für 20 Euro als Taschenbuch kaufen konnte. Wie sehr ich dieses Buch schon damals geliebt habe, fällt mir erst jetzt, beim zweiten Lesen auf. Sofort fühle ich mich wieder zu Hause in der großbürgerlichen Wohnung in Budapest in der Gyöngyvér ein Fremdkörper ist.

Dieser Name; ein Teil Perle, der andere Blut, Schneewittchen und Aschenputtel, aber mit gebräunter Haut und einer Leidenschaft für den Gesang. Und der Mann, der sie nicht gerettet hat und sie auch nicht retten will, ist kein Prinz, aber trotz allem ein Sohn. Das alles weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber lediglich dank der früheren Lektüre, zunächst lese ich die Geschichte des Hauses, in dem sich die Wohnung befindet, in der Gyöngyvér mit Agó, seiner Mutter, seinem Cousin und der Hausangestellten und ihrem vierjährigen Sohn, weniger lebt als geduldet wird.

Kein Wunder, dass von Architektur die Rede ist, weil dieser Roman eine perfekte Architektur hat, eine, die man nur mit äußerster Konzentration und frühestens beim zweiten Lesen entdeckt, wie sich der zerfallene Dachstuhl wiederfindet in der Geschichte von den plündernden Truppen zum Beispiel.