Edward Hirsch

A Partial History Of My Stupidity
Traffic was heavy coming off the bridge,
and I took the road to the right, the wrong one,
and got stuck in the car for hours.
Most nights I rushed out into the evening
without paying attention to the trees,
whose names I didn’t know,
or the birds, which flew heedlessly on.
I couldn’t relinquish my desires
or accept them, and so I strolled along
like a tiger that wanted to spring
but was still afraid of the wildness within.
The iron bars seemed invisible to others,
but I carried a cage around inside me.
I cared too much what other people thought
and made remarks I shouldn’t have made.
I was silent when I should have spoken.
Forgive me, philosophers,
I read the Stoics but never understood them.
I felt that I was living the wrong life,
spiritually speaking,
while halfway around the world
thousands of people were being slaughtered,
some of them by my countrymen.
So I walked on—distracted, lost in thought—
and forgot to attend to those who suffered
far away, nearby.
Forgive me, faith, for never having any.
I did not believe in God,
who eluded me.
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Boxer

So war es wohl
Gott sah ab von jeglicher Notwendigkeit
Und erschuf mich und meinesgleichen
die wir getrieben vom Zweifel
damit fortfuhren im falschen Moment zu schweigen
zwischen den Zeilen zu lesen
was wir uns selbst zur Last legten
unser Ungenügen klar wie Wasser
zu klar um wütende Reden gegen sich selbst zu führen
zu durchsichtig für den erlösenden Schlag
Gefangen in erwartungsvoll tänzelnden Schritten

Wir

Das Kleid. Soziale Skulptur von Elisabeth Masé

Wir.

Das sind die Fäden.

Im Netz einer fremden Macht.

Wir sind die Nadel,

die den Stoff durchsticht,

einfällt, hinzufügt.

Wir sind der Saum der Geschichte.

Die Stickerei eines Traumes der Versöhnung.

Die Grenze, die überschritten wird.

Die Wende, die bleibt.

Die Narbe, die leuchtet.

Die Nadel, die Dornröschen sticht,

der Tropfen Blut, der in den Schnee fällt

und ein Bild entstehen lässt.

Eine Schüssel voll Wolken

Manchmal denke ich
Dass jetzt dieser Punkt gekommen ist
An dem nichts weiter zu sagen bleibt
Ich öffne die Fenster
Konzentriere mich auf die sinnlosen Bewegungen meiner Hände
Und höre zu
Höre das Schweigen
Und versuche es wörtlich zu nehmen

Diese müden Tage
Die man sich auf den Rücken bindet
Und das einzige was mit beunruhigender Beständigkeit
Wiederzukehren scheint
Ist der Glaube an die Niederlage
Das eigene Unvermögen

Wenn die Heiligen einmarschieren
sehe ich nur diese Frau mit den meergrünen Augen
Diesem liebevoll zersetzenden Blick
Sie sagt ich bin eine mittelalte Hexe
Aber du kannst mich Anne nennen
Ich habe eine Schüssel voll Wolken mitgebracht
Wir setzen uns
Die Schüssel zwischen uns auf dem Tisch
Und keine von uns sagt ein Wort

Joseph Brodsky

„…und schamanenhaft dreh ich mich im Raum,
wickle seine Leere wie Fäden leis
auf die Spule um mich herum,
daß die Seele etwas erfährt, was Gott allein weiß.“

Joseph Brodsky 1980

Anne Carson lesen

In einem Gedicht auf der anderen Seite steht Demut (steht ihm zu) während die Worte liegen bleiben (unverbraucht).

Ein Atem, der davon träumt nichts zu verwandeln.

Eine kleine Brücke über die (unwidersprochenen) Widersprüche.

 

Ruhig beständig

wie die Zeit

fällt der Regen

 

Anne Carsons wahnsinnig gewordenes grünes Wohnzimmer, das dem Blick nicht mehr standhält, sich wiedererkennbar verändert. Weil ihm endlich egal geworden ist, wie die Blicke auf ihm ruhen.

 

 

Am Ufer steht eine Frau

Am Ufer steht eine Frau,

gebückt,

zusammengesunken, als hätten

ihre Knochen sich aneinander

geschmiegt, um besser der

Kälte zu trotzen, die von Jahr

zu Jahr heftiger angreift.

 

Jedes Jahr vier, fünf Möglichkeiten

weniger, sich aus den Zusammenhängen

zu winden, zu lachen

obwohl es weh tut.

 

Sie bewegt die Lippen,

zitternde Striche, die

Worte murmeln, die lauter sein

sollen, als die, die sie von selbst finden.

 

Der Wind reißt ihr die Laute

von den Lippen. Läuternd.

Berührt sie. Flüsternd.

Und sie schweigt.

Treibt hinaus

Kein Glanz,

nur ein offener Horizont.

Zimmer

Und dann liegt man in benachbarten Zimmern, getrennt von der Zeit, verbunden durch Liebe, die manchmal keine Nähe verträgt, keine Worte findet, und auch das Schweigen tut weh. Das Fenster ist geöffnet. Es sind die letzten Tage im Mai. Und ich würde gerne jeden Tag ein Jahr zurück reisen, immer jünger werden, immer unerfahrener. Schließlich wieder ein Kind sein, merken, es ist nicht das Paradies, in das ich zurückkehre, und endlich verschwinden im dämmrig roten Licht eines Mutterleibs.

Die Nähe der Sätze

„gibt es überhaupt, Milena, auf der Welt so viel Geduld, wie für mich nötig ist? Sag es mir Dienstag.“ (Kafka, Briefe an Milena)

Ich habe den Dienstag immer gemocht
Der Dienstag ist grün
Er ist einsam
Vielleicht träumt er manchmal von der Geduld
Er redet nicht
Er hat ein schlechtes Gewissen, oder ein gutes
Das bleibt sich gleich
Ein Gewissen hat er
Also macht er es sich nicht leicht

Der Dienstag ist eine Frau
Er schläft schlecht
Wenn er dennoch schläft,
quälen ihn einsichtige Träume
Ich werde mich an einem Dienstag in eine Frau verlieben
An einem Dienstag verliert sie die Geduld mit mir
Dann stellen wir unsere Sätze so nah nebeneinander,
dass kein Platz mehr ist zwischen ihnen
für uns.