Anne Carson lesen

In einem Gedicht auf der anderen Seite steht Demut (steht ihm zu) während die Worte liegen bleiben (unverbraucht).

Ein Atem, der davon träumt nichts zu verwandeln.

Eine kleine Brücke über die (unwidersprochenen) Widersprüche.

 

Ruhig beständig

wie die Zeit

fällt der Regen

 

Anne Carsons wahnsinnig gewordenes grünes Wohnzimmer, das dem Blick nicht mehr standhält, sich wiedererkennbar verändert. Weil ihm endlich egal geworden ist, wie die Blicke auf ihm ruhen.

 

 

Am Ufer steht eine Frau

Am Ufer steht eine Frau,

gebückt,

zusammengesunken, als hätten

ihre Knochen sich aneinander

geschmiegt, um besser der

Kälte zu trotzen, die von Jahr

zu Jahr heftiger angreift.

 

Jedes Jahr vier, fünf Möglichkeiten

weniger, sich aus den Zusammenhängen

zu winden, zu lachen

obwohl es weh tut.

 

Sie bewegt die Lippen,

zitternde Striche, die

Worte murmeln, die lauter sein

sollen, als die, die sie von selbst finden.

 

Der Wind reißt ihr die Laute

von den Lippen. Läuternd.

Berührt sie. Flüsternd.

Und sie schweigt.

Treibt hinaus

Kein Glanz,

nur ein offener Horizont.

Zimmer

Und dann liegt man in benachbarten Zimmern, getrennt von der Zeit, verbunden durch Liebe, die manchmal keine Nähe verträgt, keine Worte findet, und auch das Schweigen tut weh. Das Fenster ist geöffnet. Es sind die letzten Tage im Mai. Und ich würde gerne jeden Tag ein Jahr zurück reisen, immer jünger werden, immer unerfahrener. Schließlich wieder ein Kind sein, merken, es ist nicht das Paradies, in das ich zurückkehre, und endlich verschwinden im dämmrig roten Licht eines Mutterleibs.

Die Nähe der Sätze

„gibt es überhaupt, Milena, auf der Welt so viel Geduld, wie für mich nötig ist? Sag es mir Dienstag.“ (Kafka, Briefe an Milena)

Ich habe den Dienstag immer gemocht
Der Dienstag ist grün
Er ist einsam
Vielleicht träumt er manchmal von der Geduld
Er redet nicht
Er hat ein schlechtes Gewissen, oder ein gutes
Das bleibt sich gleich
Ein Gewissen hat er
Also macht er es sich nicht leicht

Der Dienstag ist eine Frau
Er schläft schlecht
Wenn er dennoch schläft,
quälen ihn einsichtige Träume
Ich werde mich an einem Dienstag in eine Frau verlieben
An einem Dienstag verliert sie die Geduld mit mir
Dann stellen wir unsere Sätze so nah nebeneinander,
dass kein Platz mehr ist zwischen ihnen
für uns.

Blau

Wir müssen jetzt alle kürzer treten und sparen
Uns überlegen mit wem wir etwas anfangen
Und wohin das führt
Vorsichtig lesen damit wir nicht allzu viel von allem verstehen
Und noch Raum bleibt
Für die Vorstellung
Die Vorstellung von der Nachstellung z.B.
Überhaupt sollten wir nicht alles so ernst nehmen
Sagen was wir niemals sagen wollten
Weil es so schön klingt
Im Traum wieder einmal den Schlüssel verlieren
Und der Tag liegt verschlossen vor uns
Und der Himmel ist wieder einmal zu blau
Um die Augen zu schliessen

April

Notizzettel meine gelbe Jacke
Und auf der Lehne vom Stuhl ein Stück Papier
Brotkrümel und Honigflecken
Vor dem Fenster lauert der Tag und will rein
Auf der Straße die Kinder mit ihren Rädern
Klingeln und singen und fallen hin
Sind wir denn auch jemals so verletzlich gewesen
Und unser Leben so voll
Ohne fragwürdige Antworten
Dafür jedes Wort immer wieder ganz neu
Und von weitem ein Aprilgewitter
Aber am Horizont zieht schon ein Regenbogen auf
Und geht wie die Zeit
Darüber hinweg