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o. Titel

Vielleicht weil ich zu viel zu erzählen hätte, lieber ein Bild. Wer dennoch etwas lesen möchte, dem sei wärmstens der Artikel im Freitag von Alexandru Bulucz über Dincer Gücyeter empfohlen. Bin mächtig stolz, oder vielleicht passt glücklich besser, so einen wunderbaren Menschen und Dichter als Verleger zu haben.

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Was macht das Gedicht mit dem Alltag? Wie verändert sich der Tag, wenn ich ihn nicht mit den Schlagzeilen aus der Zeitung, den Nachrichten aus dem Radio, sondern mit der stillen Zwiesprache mit einem Gedicht beginnen lasse?

Während die Schlagzeilen mich erschrecken, bestenfalls „nur“ informieren, lädt mich das Gedicht zu einem Gespräch ein, zu einer Auseinandersetzung. Es stellt sich mir vor und wartet, bis ich eintrete. Anders als die Nachrichten genügt es ihm nicht, dass ich es konsumiere, es spricht mich direkt an, ist ein Bekenntnis, bittet um Verständnis, ist neugierig auf all die möglichen Lesearten, lädt mich ein zu einer Reise. Oder fordert mich heraus.

Tadeusz Dabrowski – Gedicht ohne Geheimnis

Schleusentechniker in der Weichselniederung sein,

auf einem unbedeutenden Kanalabschnitt,

mitten in der flachen Landschaft. Jeden Tag

mit dem Rad zu einem Betonhäuschen fahren,

kleiner als ein Zeitungskiosk. Durch das quadratische

Fenster die Auf- und Untergänge der Sonne

beobachten. Keine Ahnung von Kunst haben, wissen,

wo Hechte lauern und wo Aale. An

nebligen Morgen Tee mit Spiritus

trinken und dabei im Radio, das nur einen Sender

empfängt, hören, dass auf der Welt über

zehn Millionen Arten von Pflanzen und

Tieren leben, und es nicht glauben können, oder,

dass es Länder gibt, wo Menschen an Hunger

sterben, darüber ins Grübeln geraten, vergessen,

die Schleuse zu schließen. Einige Wiesen überschwemmen.

Und keinerlei Konsequenzen dafür tragen.

[weil es gerade so aktuell ist. Mein Lieblingsgedicht von ihm über seinen Vater reiche ich bei Gelegenheit nach]

Ein Gedicht

Wir haben die Buchstaben

nur ein wenig verstellt

für Sie

Die Formlosigkeit herausgefordert

und die engen Bezüge gelockert

ein wenig Ehrgeiz herausgenommen

und Neugier hinzugefügt

Schon sah man

ein Gedicht

Ameisenstraßen in Form eines Fragezeichens

Es ging mir gut im Schatten eurer Weisheit. Die meiste Zeit hielt mich mein Unverständnis warm. Ich durfte nur nicht zu genau hinsehen und eifrig weghören, wenn man mich fragte, wer ich bin. Früher lautete die Frage: was willst du einmal werden und ich konnte antworten: irgendetwas zwischen einem Aprikosenbaum und einer Ameise. Heute soll ich angeben, wo genau ich auf der Strecke zwischen den beiden bin. Das ist ebenso ermüdend wie unmöglich. Also halte ich mich hin. Präsentiere eine sorgfältig polierte Oberfläche und hoffe, dass erneut ein Schatten auf mich fällt.

Atemzüge

Da ziehst du mit dem Atem
Der Wellen durch die Dämmerung treibt
Die Luft, die dich ernst nimmt
So lange bis du zu tanzen beginnst
Und das ist immerhin ein Anfang
Den man genau so gut
Unter schweren Buchdeckeln trocknen kann
Um ihn dann zu vergessen
Erst Jahre später
Wird jemand das Buch aufschlagen
Und du sagst
Das war damals
Als ich den Atemzügen gelauscht habe
Als wären sie ein Reiseziel
Diese Momente
Aus denen das Glück besteht.