Schließlich starben wir als ungeborene Worte

Wir baden aus

was du vergessen hast

wir baden dein vergessen aus

wir baden dein versagen in unserem vergessen

wir baden das klagen in unseren tränen

wir untersagen das baden im vergessen

wir errichten listen

wir pflanzen bäume an

wir rotten räume aus

wir kultivieren die angst

wir baden die wehrlosen in ohnmacht

wir schneiden die haare und kürzen den weg

wir sind zeugen des werkes

wir bezeugen das werkzeug

das sind wir

wir rühren die trommel

aber keinen finger

Therapie

Immer wenn ich versuche

die Fragen meines Therapeuten

zu beantworten

ertappe ich mich beim Lügen

ich rede schneller

weil Lügen kurze Beine haben

kurz bevor ich völlig atemlos bin

endet die Sitzung

erschöpft sitze ich

vor einem plötzlich leeren Bildschirm

allein mit meiner Ratlosigkeit

mit den nicht zu streichenden schwarzen Stellen

mit den gestrichenen Wahrheiten

(31)

Die Tafel ist reich gedeckt

mit ungünstigen Vergangenheiten

die sich ins Jetzt rekeln

Ebenso wie dein Gesicht

werfen sie Falten

die das Antlitz der Gegenwart bestimmen

(16)

Was macht das Gedicht mit dem Alltag? Wie verändert sich der Tag, wenn ich ihn nicht mit den Schlagzeilen aus der Zeitung, den Nachrichten aus dem Radio, sondern mit der stillen Zwiesprache mit einem Gedicht beginnen lasse?

Während die Schlagzeilen mich erschrecken, bestenfalls „nur“ informieren, lädt mich das Gedicht zu einem Gespräch ein, zu einer Auseinandersetzung. Es stellt sich mir vor und wartet, bis ich eintrete. Anders als die Nachrichten genügt es ihm nicht, dass ich es konsumiere, es spricht mich direkt an, ist ein Bekenntnis, bittet um Verständnis, ist neugierig auf all die möglichen Lesearten, lädt mich ein zu einer Reise. Oder fordert mich heraus.

Tadeusz Dabrowski – Gedicht ohne Geheimnis

Schleusentechniker in der Weichselniederung sein,

auf einem unbedeutenden Kanalabschnitt,

mitten in der flachen Landschaft. Jeden Tag

mit dem Rad zu einem Betonhäuschen fahren,

kleiner als ein Zeitungskiosk. Durch das quadratische

Fenster die Auf- und Untergänge der Sonne

beobachten. Keine Ahnung von Kunst haben, wissen,

wo Hechte lauern und wo Aale. An

nebligen Morgen Tee mit Spiritus

trinken und dabei im Radio, das nur einen Sender

empfängt, hören, dass auf der Welt über

zehn Millionen Arten von Pflanzen und

Tieren leben, und es nicht glauben können, oder,

dass es Länder gibt, wo Menschen an Hunger

sterben, darüber ins Grübeln geraten, vergessen,

die Schleuse zu schließen. Einige Wiesen überschwemmen.

Und keinerlei Konsequenzen dafür tragen.

[weil es gerade so aktuell ist. Mein Lieblingsgedicht von ihm über seinen Vater reiche ich bei Gelegenheit nach]