Eine Art Jahresrückblick

Natürlich bin ich ungerecht. Meine Erinnerung ist selektiv. Das sind Gemeinplätze. Völlig überflüssig zu erwähnen.

Es war ein aufregendes Jahr. Ein Jahr, in dem wirklich viel in Bewegung geraten ist. Eines, in dem viele Dinge definitiv zu Ende gegangen sind. Ein Jahr voller Schmerzen. Seelischer und körperlicher. Und voller Heilung, seelischer und körperlicher.

Was mir ungerecht mir selbst gegenüber vorkommt, ist diese Überzeugung, unter der ich immer wieder leide, dass ich mich einfach nicht verändere. Dass ich so was von auf der Stelle trete. Und dann merke ich, eigentlich leide ich gerade jetzt darunter, dass ich mich verändert habe. Nur eben nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Im Lesesaal diese Sätze gefunden: http://www.lesesaal.ch/2016/09/30/xxiv/

Genau das vermisse ich gerade sehr, das Schreiben ohne roten Faden, das Schreiben, das es ermöglicht, dass Gedanken sich klären, während des Schreibens.

Vor Jahren habe ich einmal geschrieben, dass man mir erzählte, ich habe als Kind stundenlang Selbstgespräche geführt. Es gibt ein Foto von mir mit einen roten Plastiktelefon und es hat angeblich eine Kassette gegeben, Aufnahmen eines Telefongesprächs, das ich mit einem ausgedachten Partner geführt habe. Diese Kassette ist ebenso verschwunden, wie meine Redseeligkeit.

Sprache

Wie wir uns verraten und verkaufen. Und uns unversehens wiederfinden in der Tiefe eines schlichten Gedichts. Denn Dichtung ist Religion (Les Murray), ein Gebet und ein Aufgehobensein in dem, was größer ist als wir. In dem, was vor dem Wort da war, auch wenn geschrieben steht: Am Anfang war das Wort. Ich aber sage euch; vor dem Wort war das Chaos und die Fülle, das Licht und die Dunkelheit, das Unüberwindliche im Unsagbaren. Und alles, was danach kam, war ein Schritt zurück.

Das Weben falscher Muster. Darin manchmal, wenn es einem von uns gelingt, alles loszulassen, ein Muster von unbegreiflicher Schönheit. Einen Moment lang, bevor wir es erneut mit Worten zerstören.

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Ich breche mir die Sprache. Wenn ich Klammern setze, ist das dann der Wunsch nach einer Umarmung? Das mich das Verstehen berührt und ich nicht so ausgeliefert bleibe im verstandesmäßig nicht zu erfassenden Begreifen?

Wir sind der Riss in der Natur

Aufgerissen, eingerissen, angegrissen.

Aber der Riss bleibt. Also Teilung, Trennung. Von etwas, das eigentlich zusammen gehört? Aber keiner hört die Rufe? Seltsame Sprache. Die Zusammenhänge eröffnet, wo keine sind. Keine sein sollten?

Nein, Schreiben ist nicht natürlich. Schreiben ist eine Kulturtechnik. Nichts desto trotz notwendig. Für viele von uns. Um uns miteinander und mit uns selbst zu verständigen. Dinge abschreiben, abarbeiten zu können, eine friedliche Möglichkeit, mit der Welt umzugehen, eine relativ sichere Art mit dem Zweifel umzugehen, das Undurchsichtige wenigstens zu benennen und so zum Gegenstand zu machen. Etwas, das uns gegenüber tritt, mit dem man sich auseinander setzen kann. Das Schreiben ist nicht natürlich. Aber notwendig.

Und die Risse?

Zweifel

Es gibt ja einen Unterschied zwischen Zweifel und Unsicherheit. Dieser Unterschied ist durchaus bedeutend.

Verantwortung übernehmen bedeutet, den Zweifel zuzulassen, sich ihm zu stellen, zu begreifen, wenn ich mein Bestes tue, heißt das nicht automatisch, dass ich Recht habe, aber ich kann zu meinen Sätzen stehen, und sie revidieren, ohne mein Gesicht zu verlieren.

Geheimnis

Anne Carson schreibt über die Rolle des Schweigens, der Reduktion und Auslassung beim Erzählen. Klischees als Fragen und die Katastrophe als Antwort. Wenn sie Francis Bacon zitiert, der zu einem Interviewer sagt: „Sehen Sie, das ist der Punkt, an dem sich über das Malen absolut nicht sprechen lässt. Es liegt im Prozess“, denke ich unwillkürlich an Olga Martynovas kluge Antwort auf die Frage, wie sie das macht, ihren Roman zu schreiben. Es ist als würden die Uneingeweihten hinter ein Geheimnis kommen wollen, es aufdecken wollen, von dem sie glauben, die Künstler würden es sorgfältig hüten. Dabei gibt es dieses Geheimnis nicht. Oder es liegt einfach darin, dass niemand davon sprechen kann. Dass etwas geschieht, wenn man nicht nur die richtigen Fragen stellt, sondern sich diesen Fragen stellt, mit allen Zweifeln und Unsicherheiten und der Beharrlichkeit dennoch Antworten zu finden. Und das was während dieser Auseinandersetzung geschieht, ist dann vielleicht Literatur, Kunst, etwas, das etwas bedeutet, was nicht genauer übersetzbar ist. Eine Verbindung herstellt zum Urtext mit dem wir alle verbunden sind, ohne es klar ausdrücken zu können.

 

Scham

Ja. Natürlich. Es wird dich zerreißen. Und schlimmer noch: dich allein. Ein einziges Mal wirst ausgerechnet du ausgewählt werden. Nur um zerrissen zu werden. Vor aller Augen. Allein.
So sprach ich zu mir. So redete ich auf mich ein. Immer noch wollte ich eine Dichterin sein. Genügte mir nicht das, woran ich täglich scheiterte? Ich. Meine Vergangenheit. Der zerfallene Körper. Das zerrüttete Gesicht. Ich würde mich nicht wiedererkennen, wenn ich mich nicht täglich zwingen würde, mich anzusehen. Auch wenn es kein Ansehen ist. Aber ich selbst habe einmal behauptet, dass alles wirkliche sich hinter dem Spiegel abspielt. Von wegen Spiel. Das hier ist bitterer Ernst. Das sind Gedanken. Und alles kommt über uns, aber wir wählen aus, um dann wieder sagen zu können: mit mir ist das Leid.
Ich wollte von Scham reden. Meine Art, es zu tun, ist es zu vermeiden. Scham? Was für ein seltsames Wort. Unangenehmer Klang. Ich könnte nachschlagen, die Suchmaschine damit füttern. Apropos füttern: wer hat eigentlich mich gefüttert mit der Scham? Eine Frage, die ich Sansibar in den Mund legen könnte und dort läge sie gut. In seiner weichen, feuchten, dunklen Mundhöhle. Der vage Moment der Möglichkeit: wird er die Frage verschlucken, auf ihr herumkauen oder spuckt er sie aus?
Und dann, wenn er sie ausgespuckt hat? Werde ich dann wissen, was Scham ist? Was das mit mir zu tun hat? Vielleicht könnte ich aufhören immerzu gesehen werden zu wollen, wenn ich mich einmal selbst ansehen würde. Vielleicht.

Das habe ich vor über vier Jahren geschrieben und ich bin nicht sehr viel weiter gekommen. Ich habe nachgeschlagen; Scham hatte im Altnordischen die Bedeutung von Schande, die Herkunft ist unklar. Mehr nicht. Als wäre Scham ein großes Geheimnis. Eines von diesen furchtbaren Geheimnissen, die man nicht teilen kann. Denen man nicht einmal mit der Schrift beikommen kann. Nur vielleicht mit dem Zweifel, damit, es immer wieder in Frage zu stellen, anzusehen, wie sich nicht die Scham ändert, aber mein Verhältnis zu ihr.