Sprachlosigkeit oder Fehler?

Im Grunde kann ich mir das alles gar nicht bis ins Letzte bewusst machen, was gerade passiert, nein, was schon ganz lange passiert, worüber nur gerade viel geredet wird. Sexismus, Diskriminierung, Antisemitismus. Und wie beschämend wenig dagegen getan wird. Und dann kann man noch nicht einmal darauf hoffen, von der Polizei beschützt zu werden, umso weniger je „verkehrter“ die Hautfarbe oder der Name ist. Weil die (auch nicht erst seit gestern) unterwandert ist, und man nicht wissen kann, wer da zu denen gehört, die wirklich noch Demokratie und Vielfalt und Recht vertreten, und wie lange sie sich noch halten können. Sprechen kann man aber auch nicht darüber, weil sich dann ständig jemand, den man vielleicht mitmeinte, vielleicht aber auch tatsächlich übersehen hat, ausgeschlossen, verletzt und diskriminiert fühlt, und man unversehens selbst auf der Seite der Angeklagten steht. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch keine angemessene Sprache gefunden haben, wie ein Artikel in der SZ von heute nahelegt, vielleicht ist aber auch dieses ungesund hohe Erregungsniveau verantwortlich, das fruchtbare Auseinandersetzungen immer unmöglicher macht.

Ich mag in diesem Zusammenhang sehr, was Sharon Dodua Otoo bereits in ihrer Rede zu den diesjährigen Bachmanntagen gesagt hat, und was sie in der Süddeutschen Zeitung noch einmal betont:

„Mein Wunsch wäre“, wird sie dort zitiert, „dass wir achtsam mit Sprache umgehen, wohlwollend auf Fehler hinweisen, und dass die anderen wohlwollend sagen: Oh, Verzeihung. Das wusste ich nicht. Das ist ein kollektiver Prozess, der dauern und voller Widersprüche sein wird, aber wie sollen wir es anders machen?“

Test

Das Unverständnis nimmt das schwindelerregende Vergehen der Zeit bei der Hand. Sie behaupten zu tanzen. In Wirklichkeit stolpern und stürzen sie bloß. Macht eine Behauptung dieses Straucheln zum Tanz? Vielleicht.

Versuchen Sie dies: Nehmen Sie sich selbst bei der Hand. Und lassen Sie sich dann stehen.

Ein Gedicht

Wir haben die Buchstaben

nur ein wenig verstellt

für Sie

Die Formlosigkeit herausgefordert

und die engen Bezüge gelockert

ein wenig Ehrgeiz herausgenommen

und Neugier hinzugefügt

Schon sah man

ein Gedicht

Krieg und Sprache

Krieg ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt, an dem planmäßig vorgehende Kollektive beteiligt sind. 

So Wikipedia

Ich habe das nachgesehen, weil für mein Gefühl viel zu häufig, und vor allem viel zu unüberlegt und leichtfertig, das Wort „Krieg“ bemüht wird. Wir führen Krieg gegen das Virus. In uns tobt ein Krieg. Die Verhandlungspartner strecken die Waffen usw. usf. Es gibt unzählige Beispiele. Und das in einem Land, das viele (zu wenige, aber doch viele) Menschen beherbergt, die den Krieg, den tatsächlichen, nicht metaphorischen Krieg, am eigenen Leib erlebt haben. Bomben, die Häuser zerstören, Familienmitglieder, die unter den Trümmern begraben werden, Hunger, Flucht, Gewalt. In Ausmaßen, die – zumindest ich – mir nicht vorstellen kann. Für mich ist es eine Frage des Respektes, das Vokabular abzurüsten. Eine Entscheidung, die zwangsläufig dazu führt, dass ich mir über meine Privilegien klar werde, in einem Land zu leben, das so lange nun schon keinen Krieg mehr erlebt hat. Nicht Tag für Tag gegen Rassismus kämpfen zu müssen, oder dafür, dass ich eine bestimmte Religion ausübe. Sondern frei zu sein, mir derartige Gedanken zu machen. Und dann möglichst friedliche und hoffentlich dennoch wirksame Konsequenzen daraus zu ziehen. Wut und Widerstand gehen nämlich auch auf friedliche Art und Weise. Es gibt Beispiele. Auf die sollten wir uns vielleicht häufiger besinnen.

Begriffe und Haltung

„Wenn wir Angst vor Wörtern haben, wie sollen wir den Mut finden zu eigenen Gedanken?“, schließt Angelika Overath heute in der FAZ ihre Überlegungen dazu, was Sprache, was bestimmte Begriffe mit Diskriminierung zu tun haben. Ein sehr komplexes Thema, zu dem ich schon lange etwas schreiben will, und das tun sollte, gerade weil ich überhaupt nicht weiß, was richtig und was falsch ist. Und weil ich glaube, dass das eine angemessene Haltung ist; Fehler zu machen, Unsicherheit zu spüren, und trotzdem zu sprechen, falsch zu liegen und sich zu entschuldigen, seine Meinung zu bilden und zu überdenken. Eine Haltung zu suchen, die aufmerksam bleibt, mitfühlend und mutig. Sich angreifbar machen, ohne sich gleich angegriffen zu fühlen.

Grenzen – mal wieder

Ein Selbstbewusstsein für die eigene Begrenztheit. Aber innerhalb dieses Selbstbewusstseins, unterschiedliche Möglichkeiten zu entscheiden. Und ganz viele Fragen:

Was hat das eigentlich zu bedeuten, dass ich kaum noch raus will, mit dem, was ich schreibe? Dass ich diesen Drang, es zu zeigen nicht mehr habe? Ist das verletzte Eitelkeit? Wenn ich etwas zeige, ist die Aufmerksamkeit bestenfalls mittelmäßig. Oder habe ich einfach das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, was andere nicht viel besser sagen können? Oder fehlt mir der Mut, mich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, und alles andere auszublenden? Die Hingabe zum Schreiben? Die Freundlichkeit gegenüber mir selbst, die mir ermöglichen würde, das, was ich schreibe, einfach so sein zu lassen, wie es ist, ohne permanent zu vergleichen?

Universelle Muttersprache oder Babeltreck

Eine wahre Übersetzung, schreibt John Berger, verlangt nach einer Rückkehr ins Vorsprachliche. Und weiter: „Eine gesprochene Sprache hat einen Körper, sie ist ein lebendiges Geschöpf, dessen Physiognomie aus Worten besteht und dessen Organe linguistisch miteinander verbunden sind. Und das Zuhause dieses Geschöpfs ist zugleich das Ausgesprochen wie das Unausgesprochene.“ […] „In einer Muttersprache sind alle anderen Muttersprachen enthalten. Oder um es anders auszudrücken – eine Muttersprache ist universell.“

Mit ist dazu sofort Uljana Wolfs Gedichtband „Meine schönste Lengevitch“ eingefallen, in dem sie sich ebenfalls – wie immer auf zugleich poetische und originelle Weise – mit Sprache, Übersetzung und Muttersprache, aber auch Sprachvermischung, beschäftigt. Im letzten „Babeltreck“ betitelten Kapitel erzählt sie u.a.: „die kinder mit ihren wilden lauten, mit dem ersten blusteren lallen, sind in der lage, alle denklichen laute aller sprachen zu erzeugen, blase steigt auf, welche sie dann vergessen, blase schwebt bedeutungsschwanger überm mittag, wenn sie ihre muttersprache lernen, platzt“

Ein paar Seiten weiter geht es um die Struktur, die sie sich borgt: „um zu schreiben, zu entscheiden. wo sprachen (themen) in kernnähe sich miteinander vereinen und gemeinsam nach außen führen,um dort das wort (symptom) zu erzeugen, da entstehen bei der verschmelzung beider sprachen (themen) deutlich entgrenzende oder aufschäumende (irrationale) anhaftungen […]“

Verachtung

Was ich – wenn es mir bewusst wird – an mir verachte, ist dieses mich-anbiedern. Immer noch dazugehören wollen. Es ist vollkommen okay, Menschen zu bewundern, weil sie Verknüpfungen herstellen, die ich noch nicht so herstellen konnte, weil sie Formen finden für Gedanken und Gefühle, die ich bisher unbenannt und formlos lediglich gespürt oder verdrängt habe. Etwas grundsätzlich anderes ist es die eigenen gekränkten Gefühle und Fragen zu zensieren, aus Angst damit erkennen zu geben, dass ich nicht dazu gehöre. Natürlich gehöre ich nicht dazu. Wie soll ich jemals irgendwo dazugehören, wenn ich mir nicht das Recht zugestehe, in erster Linie zu mir selbst zu gehören?

Zeug*innenschaft statt Rechenschaft

Seltsam, dass keine der Besprechungen von Stellings „Schäfchen im Trockenen“ darauf eingeht, dass dieser einzige isolierte einsame Eintrag im Tagebuch der Mutter : Wieder zu viel gegessen – natürlich dafür steht, dass Frauen das so lernen, alles in sich hineinzufressen. Vielleicht ist das ja zu offensichtlich, um erwähnt werden zu müssen. Aber vielleicht überlesen das die Rezensentinnen auch gerne. Zu platt, nicht intellektuell genug, da schreibt man dann doch lieber woraus sich der Name der Protagonistin ableitet, weil man dann ein wenig mit Hintergrundwissen (auch nur gegoogelt) glänzen kann, dass Parrhesia Redefreiheit meint, auch wenn man dadurch, dass man erwähnt, Stelling habe das im Interview „verraten“ klar macht, dass man das Buch eher nicht gelesen hat, denn tatsächlich muss Anke Stelling das in keinem Interview erklären, es steht ja schwarz auf weiß im Buch:

„Aufhören, mich dem Betrieb zu empfehlen. Jetzt hat sie doch ihren Preis, die olle Resi, also muss niemand mehr bemerken, dass ihr Name nicht auf Theresia, sondern auf Parrhesia zurückgeht.“

Aber gut, das steht auf Seite 259, man hätte das Buch also zu Ende lesen müssen.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch dann endlich doch gelesen habe. Weil es ganz viele Fragen aufwirft, die mich ganz persönlich angehen.

Ich frage mich zum Beispiel; was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?

Und das sind keine rhetorischen Fragen, das interessiert mich wirklich. Also gerne her mit eigenen Geschichten und Kommentaren. Vielleicht können wir die schöne Anregung, zusammen zu schreiben, von Andreas Wolf neulich, ein bisschen mit Leben füllen. Und ganz nebenbei etwas über uns und unsere Gesellschaft herausfinden.