Entscheidungen

Das erste Mal, das dieses Wort wirklich plastisch vor mir erschienen ist, mir auf eine Art bewusst wurde, die mich seitdem begleitet, war eine Gruppensitzung in einer psychosomatischen Reha. Entscheidung: in diesem Wort stecke die Scheidung sagte die Gruppenleiterin. Die Trennung der einen Möglichkeit von der anderen. Und plötzlich erkannte ich, warum mir Entscheidungen immer so schwer fielen. Jede Entscheidung für etwas, ist zwangsläufig eine Entscheidung gegen etwas anderes. Ich konnte mich also nicht für etwas entscheiden, weil ich mich dafür notgedrungen gegen etwas anderes entscheiden musste. Es gibt nicht getroffene Entscheidungen, die wenig schwer wiegen, die einfach nur ein wenig Unordnung und lästige (für andere) Stapel in die Welt setzen; meine Entscheidungsschwierigkeiten, welches Buch ich denn jetzt lesen soll, möchte, kann. Ich lese eigentlich immer schon ca. 3 bis 4 Bücher parallel, und jetzt, angesichts von Studium und Projekten sind es schon mal 10 oder mehr Bücher. Das macht mich nervös, weil jeder Stapel mir sagt: das schaffst du nie. Jedenfalls nicht, wenn du nicht endlich Struktur und Ordnung hinein bringst. Ist es eine Entscheidung, mich dieser Aufforderung und angeblichen Notwendigkeit zu verweigern? Oder ist es eine nicht getroffene Entscheidung, wenn ich die Dinge so laufen lassen, wie sie eben gerade im Moment sind? Ist das wichtig? Vielleicht gibt es bei ganz vielen Weichen in unserem Leben gar keinen Unterschied zwischen bewusster Entscheidung und nicht getroffener Entscheidung. Vielleicht genügen die wenigen großen Entscheidungen, die wir wirklich treffen müssen; bleiben oder gehen, aushalten oder Auswege suchen, schweigen oder widersprechen? Und den Rest regelt das Leben von selbst gemäß unserer ihm bekannten Eigenart.

(11)

Dieser Zwang, etwas schreiben zu müssen. Diese Freude, etwas zu schreiben. Alles hat zwei Seiten und keine ist wahr. Mich selbst zitieren. Zitieren und zittern und immerzu den Erwartungen gehorchen und hinterherlaufen und darunter durch kriechen.

Mich daran erinnern, dass man auch einfach mit der Sprache spielen kann, mit ihren Lauten und Klängen, mit Einfällen und Unmöglichkeiten. Dass nicht immerzu alles einen Sinn ergeben muss.

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Alles ergibt restlos keinen Sinn, lese ich in einem Gedicht. Ich stimme zu, ich stimme nicht zu. Vielleicht ist das der Sinn, dass alles restlos keinen Sinn ergibt, das Leben nicht, und auch nicht der Tod. Das Leiden ebenso wenig wie die Gesundheit. Die Liebe nicht. Und nicht der Hass. Während ich schreibe, fällt vor dem Fenster hinter meinem Rücken Schneeregen, Autos fahren in einiger Entfernung, aber hörbar. Ab und zu ein Martinshorn. Meine Füße und Ohren werden heiß, weil sie draußen so kalt geworden sind. Das alles genügt sich selbst. Warum also sehnen wir uns ständig nach einem Sinn?

LÜGE

Die Ohnmacht der Erinnerung, der wir die Lüge entgegensetzen können. Dürfen? Was ist eine Lüge? Warum hat sie diesen schlechten Ruf?

Ich vergesse alles, nur mich nicht. Oder ich vergesse mich und alles andere tritt sehr deutlich zu Tage.

Als hätten die Dinge (Tatsachen?) Umrisse, die man nur in der Undeutlichkeit oder der Lüge erkennen kann.

Also noch einmal: was ist Lüge?

Vielleicht nur die Verwandlung von Wahrheit in etwas, das auszuhalten ist. Manchmal eine Pflicht. Manchmal eine Lösung. Manchmal eine Lust.

Eine der Wirklichkeit verpflichtete Lüge, die die Wahrheit verbiegt. Die gute Lüge.

Die andere, die strategische, die manipulative und die ohne Not vorsätzliche Lüge, die gibt es auch. Aber über sie gilt es kein Wort zu verlieren. Man erkennt sie, und wendet sich ab. Wenn man jung ist, hat man noch den Willen und die Kraft, sie zu bekämpfen.

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Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

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Wie immer ist das Wort auf der Suche nach einem Satz der ihm gewachsen sein könnte, der ihm vielleicht sogar zuwüchse. Leichthändig aus einem stets unvollkommenen Nichts aufs Papier fällt. Vollgesogen mit triftigen Gründen, die sich abnutzen bei Gebrauch. Jedoch nie restlos.