Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

Reihenfolgen

Mein kleiner Mann steht im Garten und frisst einen Besen. Ich würde gerne darüber schreiben. Aber erst muss man etwas empfinden, erst dann fließen die Worte. Überschwemmen den Verstand und haben etwas zu sagen, das lebt, egal, ob es gehört wird oder nicht.

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Du denkst, man kann es lernen. Aber in Wirklichkeit kann man nichts lernen, nur die Hemmungen vergessen, die Ausflüchte als solche entlarven, die Widerstände überwinden, und einfach schreiben.

 

Eine Art Jahresrückblick

Natürlich bin ich ungerecht. Meine Erinnerung ist selektiv. Das sind Gemeinplätze. Völlig überflüssig zu erwähnen.

Es war ein aufregendes Jahr. Ein Jahr, in dem wirklich viel in Bewegung geraten ist. Eines, in dem viele Dinge definitiv zu Ende gegangen sind. Ein Jahr voller Schmerzen. Seelischer und körperlicher. Und voller Heilung, seelischer und körperlicher.

Was mir ungerecht mir selbst gegenüber vorkommt, ist diese Überzeugung, unter der ich immer wieder leide, dass ich mich einfach nicht verändere. Dass ich so was von auf der Stelle trete. Und dann merke ich, eigentlich leide ich gerade jetzt darunter, dass ich mich verändert habe. Nur eben nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Im Lesesaal diese Sätze gefunden: http://www.lesesaal.ch/2016/09/30/xxiv/

Genau das vermisse ich gerade sehr, das Schreiben ohne roten Faden, das Schreiben, das es ermöglicht, dass Gedanken sich klären, während des Schreibens.

Vor Jahren habe ich einmal geschrieben, dass man mir erzählte, ich habe als Kind stundenlang Selbstgespräche geführt. Es gibt ein Foto von mir mit einen roten Plastiktelefon und es hat angeblich eine Kassette gegeben, Aufnahmen eines Telefongesprächs, das ich mit einem ausgedachten Partner geführt habe. Diese Kassette ist ebenso verschwunden, wie meine Redseeligkeit.

Sprache

Wie wir uns verraten und verkaufen. Und uns unversehens wiederfinden in der Tiefe eines schlichten Gedichts. Denn Dichtung ist Religion (Les Murray), ein Gebet und ein Aufgehobensein in dem, was größer ist als wir. In dem, was vor dem Wort da war, auch wenn geschrieben steht: Am Anfang war das Wort. Ich aber sage euch; vor dem Wort war das Chaos und die Fülle, das Licht und die Dunkelheit, das Unüberwindliche im Unsagbaren. Und alles, was danach kam, war ein Schritt zurück.

Das Weben falscher Muster. Darin manchmal, wenn es einem von uns gelingt, alles loszulassen, ein Muster von unbegreiflicher Schönheit. Einen Moment lang, bevor wir es erneut mit Worten zerstören.

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Ich breche mir die Sprache. Wenn ich Klammern setze, ist das dann der Wunsch nach einer Umarmung? Das mich das Verstehen berührt und ich nicht so ausgeliefert bleibe im verstandesmäßig nicht zu erfassenden Begreifen?

Wir sind der Riss in der Natur

Aufgerissen, eingerissen, angegrissen.

Aber der Riss bleibt. Also Teilung, Trennung. Von etwas, das eigentlich zusammen gehört? Aber keiner hört die Rufe? Seltsame Sprache. Die Zusammenhänge eröffnet, wo keine sind. Keine sein sollten?

Nein, Schreiben ist nicht natürlich. Schreiben ist eine Kulturtechnik. Nichts desto trotz notwendig. Für viele von uns. Um uns miteinander und mit uns selbst zu verständigen. Dinge abschreiben, abarbeiten zu können, eine friedliche Möglichkeit, mit der Welt umzugehen, eine relativ sichere Art mit dem Zweifel umzugehen, das Undurchsichtige wenigstens zu benennen und so zum Gegenstand zu machen. Etwas, das uns gegenüber tritt, mit dem man sich auseinander setzen kann. Das Schreiben ist nicht natürlich. Aber notwendig.

Und die Risse?