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Dieser Zwang, etwas schreiben zu müssen. Diese Freude, etwas zu schreiben. Alles hat zwei Seiten und keine ist wahr. Mich selbst zitieren. Zitieren und zittern und immerzu den Erwartungen gehorchen und hinterherlaufen und darunter durch kriechen.

Mich daran erinnern, dass man auch einfach mit der Sprache spielen kann, mit ihren Lauten und Klängen, mit Einfällen und Unmöglichkeiten. Dass nicht immerzu alles einen Sinn ergeben muss.

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Alles ergibt restlos keinen Sinn, lese ich in einem Gedicht. Ich stimme zu, ich stimme nicht zu. Vielleicht ist das der Sinn, dass alles restlos keinen Sinn ergibt, das Leben nicht, und auch nicht der Tod. Das Leiden ebenso wenig wie die Gesundheit. Die Liebe nicht. Und nicht der Hass. Während ich schreibe, fällt vor dem Fenster hinter meinem Rücken Schneeregen, Autos fahren in einiger Entfernung, aber hörbar. Ab und zu ein Martinshorn. Meine Füße und Ohren werden heiß, weil sie draußen so kalt geworden sind. Das alles genügt sich selbst. Warum also sehnen wir uns ständig nach einem Sinn?

LÜGE

Die Ohnmacht der Erinnerung, der wir die Lüge entgegensetzen können. Dürfen? Was ist eine Lüge? Warum hat sie diesen schlechten Ruf?

Ich vergesse alles, nur mich nicht. Oder ich vergesse mich und alles andere tritt sehr deutlich zu Tage.

Als hätten die Dinge (Tatsachen?) Umrisse, die man nur in der Undeutlichkeit oder der Lüge erkennen kann.

Also noch einmal: was ist Lüge?

Vielleicht nur die Verwandlung von Wahrheit in etwas, das auszuhalten ist. Manchmal eine Pflicht. Manchmal eine Lösung. Manchmal eine Lust.

Eine der Wirklichkeit verpflichtete Lüge, die die Wahrheit verbiegt. Die gute Lüge.

Die andere, die strategische, die manipulative und die ohne Not vorsätzliche Lüge, die gibt es auch. Aber über sie gilt es kein Wort zu verlieren. Man erkennt sie, und wendet sich ab. Wenn man jung ist, hat man noch den Willen und die Kraft, sie zu bekämpfen.

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Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

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Wie immer ist das Wort auf der Suche nach einem Satz der ihm gewachsen sein könnte, der ihm vielleicht sogar zuwüchse. Leichthändig aus einem stets unvollkommenen Nichts aufs Papier fällt. Vollgesogen mit triftigen Gründen, die sich abnutzen bei Gebrauch. Jedoch nie restlos.

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Gegen Zweifel und Ich-Verlust hilft nur Schreiben. Schreiben, um weitermachen zu können, um zu verschwinden im Schreiben, um dann zurückkehren zu können, zum veränderten Schreiben, dem Schreiben, das der Schrift Fragen stellt. Dem Aufgezeichneten verschrieben sein, und ihm aus exakt diesem Grund misstrauen.

Das habe ich einmal (damals als ich noch schreiben konnte) anlässlich meines Besprechungsversuchs von Hélène Cixous „Meine Homere ist tot…“ geschrieben. Jetzt klingt es wie etwas, das mich wieder auf den Weg bringen könnte. Eher als das Schweigen. Das nicht Schreiben. Ein Vorschlag, den ich nicht einmal wirklich in Betracht ziehen kann. Es ist, als würde man mir vorgeschlagen doch einfach mit dem Atmen aufzuhören, wenn es Schwierigkeiten macht.

Sprachlosigkeit oder Fehler?

Im Grunde kann ich mir das alles gar nicht bis ins Letzte bewusst machen, was gerade passiert, nein, was schon ganz lange passiert, worüber nur gerade viel geredet wird. Sexismus, Diskriminierung, Antisemitismus. Und wie beschämend wenig dagegen getan wird. Und dann kann man noch nicht einmal darauf hoffen, von der Polizei beschützt zu werden, umso weniger je „verkehrter“ die Hautfarbe oder der Name ist. Weil die (auch nicht erst seit gestern) unterwandert ist, und man nicht wissen kann, wer da zu denen gehört, die wirklich noch Demokratie und Vielfalt und Recht vertreten, und wie lange sie sich noch halten können. Sprechen kann man aber auch nicht darüber, weil sich dann ständig jemand, den man vielleicht mitmeinte, vielleicht aber auch tatsächlich übersehen hat, ausgeschlossen, verletzt und diskriminiert fühlt, und man unversehens selbst auf der Seite der Angeklagten steht. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch keine angemessene Sprache gefunden haben, wie ein Artikel in der SZ von heute nahelegt, vielleicht ist aber auch dieses ungesund hohe Erregungsniveau verantwortlich, das fruchtbare Auseinandersetzungen immer unmöglicher macht.

Ich mag in diesem Zusammenhang sehr, was Sharon Dodua Otoo bereits in ihrer Rede zu den diesjährigen Bachmanntagen gesagt hat, und was sie in der Süddeutschen Zeitung noch einmal betont:

„Mein Wunsch wäre“, wird sie dort zitiert, „dass wir achtsam mit Sprache umgehen, wohlwollend auf Fehler hinweisen, und dass die anderen wohlwollend sagen: Oh, Verzeihung. Das wusste ich nicht. Das ist ein kollektiver Prozess, der dauern und voller Widersprüche sein wird, aber wie sollen wir es anders machen?“

Test

Das Unverständnis nimmt das schwindelerregende Vergehen der Zeit bei der Hand. Sie behaupten zu tanzen. In Wirklichkeit stolpern und stürzen sie bloß. Macht eine Behauptung dieses Straucheln zum Tanz? Vielleicht.

Versuchen Sie dies: Nehmen Sie sich selbst bei der Hand. Und lassen Sie sich dann stehen.