Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.

 

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Tausend Mutterbilder

Dass ich so viel, zumal positive, Resonanz erhalten würde, auf dieses Projekt über Mütter zu reden, über Mutterschaft und Mutterrolle und all die Bilder, die wir selbst und die Gesellschaft uns über Mütter machen, damit hatte ich nicht gerechnet. Das freut mich ungeheuer. Die ersten Texte sind bereits eingetroffen, Hinweise und Ideen und viele Äußerungen der Bereitschaft. Gleichzeitig hat sich beim privaten Lesen eine kleine vorläufige Struktur herausgebildet, und ich habe mich jetzt entschieden, dass ich einen eigenen Blog zu diesem Thema erstelle: Tausend Mutterbilder. Dort sollen nach und nach tausend Beiträge enstehen, die das Mutterbild ergänzen, einander widersprechen, neue Perspektiven eröffnen und es ermöglichen von möglichst vielen Seiten auf dieses sehr emotionale und vielschichtige Thema zu blicken. Es ist ganz ausdrücklich ein Work in progress, so dass auch in zwölf Monaten oder zwei Jahren noch Beiträge willkommen sein werden, die Struktur des Blogs wird sich vermutlich von Zeit zu Zeit ändern, weil ich nur die grobe Richtung kenne, im übrigen bestimmt ihr, wo es lang geht. In diesem Sinne freue ich mich, euch auf Tausend Mutterbilder begrüßen zu dürfen.

Mutterbilder

Im Grunde ist das Thema nicht neu. Vor zwei Jahren habe ich mich in Form der „Mutterbilder“ damit beschäftigt, und hervorgegangen war diese Auseinandersetzung aus der wiederum ein Jahr zuvor stattgefundenen Diskussion um Kompromisslosigkeit in der Kunst.

Nicht neu und nie veraltet, ist das Mutterthema eines der unerschöpflichen Themen der Menschheit. Obwohl wir seit Jahrhunderten darüber reden, was eine Mutter ist, obwohl wir alle Mütter haben, bzw. gerade deshalb, ist dieses Thema nie beendet, ist in diesem Bereich niemals alles gesagt. Und wie zutreffend es ist, dass auch immer noch nicht alles gesagt werden darf in diesem Bereich, beweist die sehr emotional geführte Debatte unter dem Stichwort „regretting motherhood“, die letztes Jahr durch das Buch der israelischen Soziologin Orna Donath angestoßen wurde.

 

Es gibt so viele Aspekte des Mutterthemas. Und alle interessieren mich.

Der gesellschaftliche Druck, die Orientierungslosigkeit, weil alles zu einer individuellen Entscheidung geworden ist, ob man Mutter werden will und wann, ob man das Kind allein bekommt, oder von Anfang an gleichberechtigt mit dem Vater aufziehen will. Darüber habe ich im Zusammenhang mit einem der Mutterbilder geschrieben, die mir Susanne Haun damals freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Neben diesem gesellschaftlichen Aspekt, aber davon natürlich nicht unbeeinflusst, existiert die sehr wichtige und weitreichende Frage, wie sich das Verhältnis, aber auch das Verständnis und die Vorstellung von der eigenen Mutter ändert, sobald man selbst Mutter wird.

Wie viel Macht hat eine Mutter, wie prägt sie ihr Kind, wie hat unsere Mutter uns geprägt?

All das interessiert mich sehr.

Und daher wünsche ich mir Geschichten von euch, über eure Mütter, über euer eigenes Muttersein, über eure Entscheidung Mutter zu sein, oder eben nicht Mutter zu werden, fiktive Geschichten oder Tatsachenberichte. Gesellschaftspolitische Überlegungen. Zeichnungen, Collagen und Bilder. Briefe und Lieder. Alles ist willkommen.

Währenddessen lese ich den Stapel Bücher durch, den ich mir zu diesem Anlass ausgeliehen und angeschafft habe, vielleicht wird ein roter Faden sichtbar, mehrere Fäden, die Muster ergeben, so dass ich gruppenweise eure Beiträge präsentieren und anhand meiner eigenen Überlegungen kommentieren kann.

Ich freue mich über jeden einzelnen Beitrag unter: muetzenfalterin@web.de.

Schon im voraus herzlichen Dank für euer Interesse und für die, hoffentlich zahlreiche und vielfältige, Beteiligung.

Ich sollte vielleicht noch ergänzen, dass nichts hier im Blog ohne nochmalige Rücksprache erfolgt, und dass die Beiträge gerne auch anonym sein dürfen. Und weitersagen ist ausdrücklich erwünscht.

Geburt

Zum Tag meiner Geburt habe ich meine Mutter begleitet. Wir kämpften von unterschiedlichen Richtungen, während sich das Licht brach, schworen wir einander nicht aufzugeben. Die Hoffnung nicht zu verlieren, die Zuversicht. Ich versprach ihr: durch mich wirst du geboren. Sie versprach mir, ich werde dich niemals verlassen, du wirst kaum einen Unterschied fühlen. Und die Natur und die Menschen um uns herum waren unermüdlich bei ihren Bestrebungen, uns zu trennen. Du wirst ihn endlich ansehen können, sagten sie ihr, ihn im Arm halten, aber meine Mutter wusste, sie vertrieb uns beide aus dem Paradies, wir waren auf dem Weg von der Vorstellung in die Wirklichkeit. Unumkehrbar dieser Weg. Und so lag ich wenig später blutverschmiert auf ihrem Bauch, während sie schon in diesem Moment die Schmerzen vergessen hatte und zögerlich versuchte an sich zu glauben. Zu glauben, die Liebe mit der mein Anblick sie überschwemmte, würde schon genügen, um nicht alles verkehrt zu machen. Würde die Angst überwinden können und die Unsicherheit.

Meine Mutter

Meine Mutter, die, so wird mir jetzt klar, von Anfang an damit beschäftigt war, zu verschwinden, zu sterben, die sich immer nur auf das Vergehen der Tage konzentriert hat, wie ein Gefangener, der die Tage abstreicht. Die behauptete, uns zu lieben, für uns da zu sein. Und vielleicht glaubte sie wirklich auf das Sterben zu verzichten, zu warten, bis es irgendwann von selbst eintreten würde, und bis dahin die notwendigen Arbeiten mechanisch auszuführen, würde genügen. Zu kochen, zu waschen, unsere Nasen zu putzen, wäre Liebe genug.

 

Vielleicht hat sie Angst vor dem Sterben gehabt, vielleicht ein schlechtes Gewissen, den selbstauferlegten Zwang, immer für uns da zu sein. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis sie es wagte, bis sie manchmal, wenn ihr alles zu viel wurde, sagte: geht jetzt bitte. Lasst mich allein. Mit diesem schmerzverzerrten Gesicht, weil sie wusste, dass sie nichts schlechter erträgt, als allein zu sein.

Diese Mutter

Diese Mutter, die nicht von einem Tag auf den anderen, sondern von einer Minute zur nächsten, jegliches Interesse an ihren Kindern verliert.

Sie, für die es nichts Wichtigeres gab als die Kinder, die alles richtig machen wollte, sich selbst ständig vernachlässigte, zurücknahm, wurde auf einmal egoistisch. Sie war sich selbst so wichtig geworden, dass sie alles um sich herum vergaß.

Sie, die früher, die solange sie denken kann, nach Vorbildern suchte, nach Anleitungen dafür, wie man ein Leben führt, wie man unterschiedliche Rollen ausfüllt, gibt nichts mehr auf die Meinung anderer, interessiert sich nicht länger für richtig und falsch.

 

Und als ich sie ansprach, wie sie sich das alles erklärte, denn sie hatte nichts abgestritten, sie hatte die Änderungen durchaus selbst bemerkt, sagte sie nur, sie sei jetzt bereit zu sterben.

Dazwischen

 

Vielleicht war es die Gleichgültigkeit. (Sie als das letzte von fünf Kindern). Die Not und die Unmöglichkeit, sie zu wenden.

Möglich, dass es damit begonnen hat.

Später genügte es, das die Zeit verging. An ihr vorbei. Durch sie hindurch.

Als ich in ihr Leben trat, konnte sie den Ort vermutlich längst nicht mehr wechseln, war sie schon fest verankert in diesem Dazwischen.

Oder vielleicht war dieses Zwischenreich zwischen Himmel und Hölle, ihr einzig mögliches Zuhause.

 

Bekenntnisse

 

Habe ich Angst gehabt vor der (offensichtlichen) Schwäche meiner Mutter?

Vermutlich ja. Aber ich hätte es nie benennen können. So lange sie lebte, hätte ich es vermutlich geleugnet. Nicht im Sinne einer Lüge. Einfach aus Unkenntnis. Unkenntnis meiner Gefühle. Meiner selbst. Ich wusste nicht, wer ich bin, weil ich nicht wusste, woher ich kam. Ich verleugnete die Bedeutung von Herkunft. Meine eigene Bedeutung. Das ist meine Schwäche. Meine Angst. Mein Erbe.

Nicht jammern“, schreibt Joan Didion auf eine Karteikarte. „Nicht klagen. Härter arbeiten. Mehr Zeit allein verbringen.“

Ich will mich nicht mit Didion vergleichen, deren glasklaren, sich selbst gegenüber rücksichtslosen Stil, ich bewundere, aber diese Imperative kommen mir sehr vertraut vor. Diese Imperative sind meine (immer wieder wirkungslosen) Versuche der Angst etwas entgegen zu setzen. Sie zu überwinden. Um schließlich so etwas zu erreichen, wie einen bescheidenen Glauben an mich selbst. Die Eitelkeit eintauschen zu können gegen ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zu mir.

 

Herkunft

 

Zu dem Zeitpunkt, von dem ich jetzt sprechen will, hatte ich ein kleines Beet, am Kellereingang zu dem Haus, in dem sich unsere Wohnung befand. Ein sehr kleines Stück Erde, das ich gemeinsam mit meinen Freundinnen bepflanzte. Ich erinnere mich besser an dieses Beet, an die Blumenzwiebeln, die wir dort in die Erde gesteckt hatten, als dran, wie alt ich damals gewesen sein mag. Irgendwo zwischen elf und dreizehn vermutlich. Oder gar, woher ich schließlich den Mut genommen habe, die Frage zu stellen. Vielleicht war es auch eher Verzweiflung, eine alternativlose Notwendigkeit, und kein Mut.

Diese Gesprächsfetzen, die ich bei den Telefonaten meiner Mutter aufgeschnappt hatte, die seltsamen (unerklärlichen) Erscheinen einer anderen Frau, Erscheinungen zwischen Ahnung und ganz normalen Wunschvorstellungen, wie sie Kinder haben, die sich nicht immer gut mit ihren Eltern verstehen.

Und ich hatte nicht einmal Eltern. Nur eine Mutter. Und diese Erscheinung einer anderen Frau, von der ich das Gefühl hatte, sie hat etwas mit mir zu tun. Etwas Wesentliches. Diese merkwürdigen Andeutungen am Telefon. Das alles zusammengehalten von dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Dass ich etwas wissen sollte, was ich nicht wusste.

Nachdem ich die Stellen gegossen hatte, an denen sich zögernd die ersten grünen Blätter aus der Erde ans Licht kämpften, behutsam und sorgfältig. Nachdem ich die Gießkanne weggeräumt hatte, eine blaue Kindergießkanne, die erst Jahrzehnte später zerbrach, sammelte ich auf jeder einzelnen Stufe im Treppenhaus Mut.

Wir wohnten im ersten Stock.

Mein Herz schlug unerträglich.

Als wollte es seinen Platz unter der Haut verlassen.

Ausbrechen.

Es war keine Entscheidung. Die Worte bildeten sich von selbst.

Zwangsläufig.

Ich weiß nicht mehr, wie sie es mir gesagt hat. Nur, dass sie nichts abgestritten, aber auch nichts erklärt, geschweige denn ausgeschmückt hatte. Wir weinten beide. Ich wusste immer noch nicht, wer meine Mutter war, nur welche Menschen mich nicht gezeugt und geboren hatten.

Das Beet war im folgenden Jahr fast vollständig mit Gras und Wildblumen bedeckt. Verwahrlost. Aufgegeben.

Viele Jahre später habe ich noch einmal versucht, mit meiner Mutter zu reden, etwas über diese andere Frau zu erfahren, die mich zur Welt gebracht hat. Es war nicht möglich. Ihren Namen und meinen ursprünglichen Namen, habe ich erfahren, weil ich ein Schriftstück über meine Adoption in den Unterlagen meiner Mutter gefunden habe. Später, im Studium, habe ich Referate gehalten über Adoption, Hausarbeiten darüber geschrieben, meine leiblichen Eltern gesucht habe ich nie.

Es war nicht so, dass ich keine Fragen hatte. Vielmehr fürchtete ich mich vor den Antworten. Ich stellte mir nie mehr (so wie damals als das Bild einer mit mir verbundenen Frau aufgetaucht war) vor, wie sie sein würde, wie sie aussehen würde, nur immer wieder, wie sie mir die Tür vor der Nase zuschlagen könnte, wie sie sich weigern könnte, mich kennen zu lernen. Ich war feige. Bin es immer noch. Heute lautet meine Ausrede, dass es zu spät ist. Vielleicht lebt sie gar nicht mehr.