Zeug*innenschaft statt Rechenschaft

Seltsam, dass keine der Besprechungen von Stellings „Schäfchen im Trockenen“ darauf eingeht, dass dieser einzige isolierte einsame Eintrag im Tagebuch der Mutter : Wieder zu viel gegessen – natürlich dafür steht, dass Frauen das so lernen, alles in sich hineinzufressen. Vielleicht ist das ja zu offensichtlich, um erwähnt werden zu müssen. Aber vielleicht überlesen das die Rezensentinnen auch gerne. Zu platt, nicht intellektuell genug, da schreibt man dann doch lieber woraus sich der Name der Protagonistin ableitet, weil man dann ein wenig mit Hintergrundwissen (auch nur gegoogelt) glänzen kann, dass Parrhesia Redefreiheit meint, auch wenn man dadurch, dass man erwähnt, Stelling habe das im Interview „verraten“ klar macht, dass man das Buch eher nicht gelesen hat, denn tatsächlich muss Anke Stelling das in keinem Interview erklären, es steht ja schwarz auf weiß im Buch:

„Aufhören, mich dem Betrieb zu empfehlen. Jetzt hat sie doch ihren Preis, die olle Resi, also muss niemand mehr bemerken, dass ihr Name nicht auf Theresia, sondern auf Parrhesia zurückgeht.“

Aber gut, das steht auf Seite 259, man hätte das Buch also zu Ende lesen müssen.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch dann endlich doch gelesen habe. Weil es ganz viele Fragen aufwirft, die mich ganz persönlich angehen.

Ich frage mich zum Beispiel; was weiß man, wenn man Kinder bekommt (müssen ja nicht gleich vier sein)? Gibt es wirklich aufrichtige Antworten darauf, warum man sich Kinder wünscht? Legt man Rechenschaft ab über seinen Kinderwunsch? Und wenn ja, wem gegenüber? Vor sich selbst? Vor den Kindern? Der Gesellschaft? Und warum?

Und das sind keine rhetorischen Fragen, das interessiert mich wirklich. Also gerne her mit eigenen Geschichten und Kommentaren. Vielleicht können wir die schöne Anregung, zusammen zu schreiben, von Andreas Wolf neulich, ein bisschen mit Leben füllen. Und ganz nebenbei etwas über uns und unsere Gesellschaft herausfinden.

Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.

 

Tausend Mutterbilder

Dass ich so viel, zumal positive, Resonanz erhalten würde, auf dieses Projekt über Mütter zu reden, über Mutterschaft und Mutterrolle und all die Bilder, die wir selbst und die Gesellschaft uns über Mütter machen, damit hatte ich nicht gerechnet. Das freut mich ungeheuer. Die ersten Texte sind bereits eingetroffen, Hinweise und Ideen und viele Äußerungen der Bereitschaft. Gleichzeitig hat sich beim privaten Lesen eine kleine vorläufige Struktur herausgebildet, und ich habe mich jetzt entschieden, dass ich einen eigenen Blog zu diesem Thema erstelle: Tausend Mutterbilder. Dort sollen nach und nach tausend Beiträge enstehen, die das Mutterbild ergänzen, einander widersprechen, neue Perspektiven eröffnen und es ermöglichen von möglichst vielen Seiten auf dieses sehr emotionale und vielschichtige Thema zu blicken. Es ist ganz ausdrücklich ein Work in progress, so dass auch in zwölf Monaten oder zwei Jahren noch Beiträge willkommen sein werden, die Struktur des Blogs wird sich vermutlich von Zeit zu Zeit ändern, weil ich nur die grobe Richtung kenne, im übrigen bestimmt ihr, wo es lang geht. In diesem Sinne freue ich mich, euch auf Tausend Mutterbilder begrüßen zu dürfen.

Mutterbilder

Im Grunde ist das Thema nicht neu. Vor zwei Jahren habe ich mich in Form der „Mutterbilder“ damit beschäftigt, und hervorgegangen war diese Auseinandersetzung aus der wiederum ein Jahr zuvor stattgefundenen Diskussion um Kompromisslosigkeit in der Kunst.

Nicht neu und nie veraltet, ist das Mutterthema eines der unerschöpflichen Themen der Menschheit. Obwohl wir seit Jahrhunderten darüber reden, was eine Mutter ist, obwohl wir alle Mütter haben, bzw. gerade deshalb, ist dieses Thema nie beendet, ist in diesem Bereich niemals alles gesagt. Und wie zutreffend es ist, dass auch immer noch nicht alles gesagt werden darf in diesem Bereich, beweist die sehr emotional geführte Debatte unter dem Stichwort „regretting motherhood“, die letztes Jahr durch das Buch der israelischen Soziologin Orna Donath angestoßen wurde.

 

Es gibt so viele Aspekte des Mutterthemas. Und alle interessieren mich.

Der gesellschaftliche Druck, die Orientierungslosigkeit, weil alles zu einer individuellen Entscheidung geworden ist, ob man Mutter werden will und wann, ob man das Kind allein bekommt, oder von Anfang an gleichberechtigt mit dem Vater aufziehen will. Darüber habe ich im Zusammenhang mit einem der Mutterbilder geschrieben, die mir Susanne Haun damals freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Neben diesem gesellschaftlichen Aspekt, aber davon natürlich nicht unbeeinflusst, existiert die sehr wichtige und weitreichende Frage, wie sich das Verhältnis, aber auch das Verständnis und die Vorstellung von der eigenen Mutter ändert, sobald man selbst Mutter wird.

Wie viel Macht hat eine Mutter, wie prägt sie ihr Kind, wie hat unsere Mutter uns geprägt?

All das interessiert mich sehr.

Und daher wünsche ich mir Geschichten von euch, über eure Mütter, über euer eigenes Muttersein, über eure Entscheidung Mutter zu sein, oder eben nicht Mutter zu werden, fiktive Geschichten oder Tatsachenberichte. Gesellschaftspolitische Überlegungen. Zeichnungen, Collagen und Bilder. Briefe und Lieder. Alles ist willkommen.

Währenddessen lese ich den Stapel Bücher durch, den ich mir zu diesem Anlass ausgeliehen und angeschafft habe, vielleicht wird ein roter Faden sichtbar, mehrere Fäden, die Muster ergeben, so dass ich gruppenweise eure Beiträge präsentieren und anhand meiner eigenen Überlegungen kommentieren kann.

Ich freue mich über jeden einzelnen Beitrag unter: muetzenfalterin@web.de.

Schon im voraus herzlichen Dank für euer Interesse und für die, hoffentlich zahlreiche und vielfältige, Beteiligung.

Ich sollte vielleicht noch ergänzen, dass nichts hier im Blog ohne nochmalige Rücksprache erfolgt, und dass die Beiträge gerne auch anonym sein dürfen. Und weitersagen ist ausdrücklich erwünscht.

Geburt

Zum Tag meiner Geburt habe ich meine Mutter begleitet. Wir kämpften von unterschiedlichen Richtungen, während sich das Licht brach, schworen wir einander nicht aufzugeben. Die Hoffnung nicht zu verlieren, die Zuversicht. Ich versprach ihr: durch mich wirst du geboren. Sie versprach mir, ich werde dich niemals verlassen, du wirst kaum einen Unterschied fühlen. Und die Natur und die Menschen um uns herum waren unermüdlich bei ihren Bestrebungen, uns zu trennen. Du wirst ihn endlich ansehen können, sagten sie ihr, ihn im Arm halten, aber meine Mutter wusste, sie vertrieb uns beide aus dem Paradies, wir waren auf dem Weg von der Vorstellung in die Wirklichkeit. Unumkehrbar dieser Weg. Und so lag ich wenig später blutverschmiert auf ihrem Bauch, während sie schon in diesem Moment die Schmerzen vergessen hatte und zögerlich versuchte an sich zu glauben. Zu glauben, die Liebe mit der mein Anblick sie überschwemmte, würde schon genügen, um nicht alles verkehrt zu machen. Würde die Angst überwinden können und die Unsicherheit.

Meine Mutter

Meine Mutter, die, so wird mir jetzt klar, von Anfang an damit beschäftigt war, zu verschwinden, zu sterben, die sich immer nur auf das Vergehen der Tage konzentriert hat, wie ein Gefangener, der die Tage abstreicht. Die behauptete, uns zu lieben, für uns da zu sein. Und vielleicht glaubte sie wirklich auf das Sterben zu verzichten, zu warten, bis es irgendwann von selbst eintreten würde, und bis dahin die notwendigen Arbeiten mechanisch auszuführen, würde genügen. Zu kochen, zu waschen, unsere Nasen zu putzen, wäre Liebe genug.

 

Vielleicht hat sie Angst vor dem Sterben gehabt, vielleicht ein schlechtes Gewissen, den selbstauferlegten Zwang, immer für uns da zu sein. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis sie es wagte, bis sie manchmal, wenn ihr alles zu viel wurde, sagte: geht jetzt bitte. Lasst mich allein. Mit diesem schmerzverzerrten Gesicht, weil sie wusste, dass sie nichts schlechter erträgt, als allein zu sein.

Diese Mutter

Diese Mutter, die nicht von einem Tag auf den anderen, sondern von einer Minute zur nächsten, jegliches Interesse an ihren Kindern verliert.

Sie, für die es nichts Wichtigeres gab als die Kinder, die alles richtig machen wollte, sich selbst ständig vernachlässigte, zurücknahm, wurde auf einmal egoistisch. Sie war sich selbst so wichtig geworden, dass sie alles um sich herum vergaß.

Sie, die früher, die solange sie denken kann, nach Vorbildern suchte, nach Anleitungen dafür, wie man ein Leben führt, wie man unterschiedliche Rollen ausfüllt, gibt nichts mehr auf die Meinung anderer, interessiert sich nicht länger für richtig und falsch.

 

Und als ich sie ansprach, wie sie sich das alles erklärte, denn sie hatte nichts abgestritten, sie hatte die Änderungen durchaus selbst bemerkt, sagte sie nur, sie sei jetzt bereit zu sterben.

Dazwischen

 

Vielleicht war es die Gleichgültigkeit. (Sie als das letzte von fünf Kindern). Die Not und die Unmöglichkeit, sie zu wenden.

Möglich, dass es damit begonnen hat.

Später genügte es, das die Zeit verging. An ihr vorbei. Durch sie hindurch.

Als ich in ihr Leben trat, konnte sie den Ort vermutlich längst nicht mehr wechseln, war sie schon fest verankert in diesem Dazwischen.

Oder vielleicht war dieses Zwischenreich zwischen Himmel und Hölle, ihr einzig mögliches Zuhause.

 

Bekenntnisse

 

Habe ich Angst gehabt vor der (offensichtlichen) Schwäche meiner Mutter?

Vermutlich ja. Aber ich hätte es nie benennen können. So lange sie lebte, hätte ich es vermutlich geleugnet. Nicht im Sinne einer Lüge. Einfach aus Unkenntnis. Unkenntnis meiner Gefühle. Meiner selbst. Ich wusste nicht, wer ich bin, weil ich nicht wusste, woher ich kam. Ich verleugnete die Bedeutung von Herkunft. Meine eigene Bedeutung. Das ist meine Schwäche. Meine Angst. Mein Erbe.

Nicht jammern“, schreibt Joan Didion auf eine Karteikarte. „Nicht klagen. Härter arbeiten. Mehr Zeit allein verbringen.“

Ich will mich nicht mit Didion vergleichen, deren glasklaren, sich selbst gegenüber rücksichtslosen Stil, ich bewundere, aber diese Imperative kommen mir sehr vertraut vor. Diese Imperative sind meine (immer wieder wirkungslosen) Versuche der Angst etwas entgegen zu setzen. Sie zu überwinden. Um schließlich so etwas zu erreichen, wie einen bescheidenen Glauben an mich selbst. Die Eitelkeit eintauschen zu können gegen ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zu mir.