Vom Sinn eines Tagebuchs

„Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute –
Die Zeit verwandelt uns nicht.
Sie entfaltet uns nur.
Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, dass man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, dass man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest. Es lässt sich nichts dagegen machen. Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.“

(Max Frisch – Tagebuch 1946 – 1949)

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Ich ohne die Welt

Draußen war es grau. Drinnen waren diese Erinnerungen. Sie waren nicht willkommen. Sie waren auf dem Weg zu verschwinden, d.h. sie waren treue Begleiter. Lebenslang.
Zu den Erinnerungen trat dieser Satz. Nicht um sie auszulöschen, nicht einmal um sie zurückzudrängen. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, damit sie sich wohl fühlten vielleicht. Der Satz kam aus einem Buch. Ich hatte ihn arglos gelesen, wie die meisten Sätze, die ich sofort vergaß. Besonders die, die ich mir merken wollte, weil ich mir etwas davon versprach, worüber ich später nachdenken wollte.
Dieser Satz blieb. Er handelte von der Vorstellung, tot zu sein. Davon, dass tot zu sein nicht bedeutet: die Welt ohne mich, sondern: ich ohne die Welt (und der Satz stand in einem Buch, das Olga Martynova geschrieben hat. Ein poetisches Buch, in dem trotzdem Taschentelefone und Emails und Weblogs vorkommen und das ich schon aufgrund dieser Tatsache erstaunlich fand)
Der Satz, den die Martynova losgeworden war, indem sie ihm einem „schlafwandlerisch und nie ganz nachvollziehbar“ redenden Maler angedichtet hatte, war nun also bei mir eingezogen und fühlte sich offenbar sehr wohl bei meinen gastfreundlichen Erinnerungen. Es fühlte sich so wohl, dass es hemmungslos Fragen stellte. Mir Fragen stellte. Die Erinnerungen sahen darüber hinweg. Weil sie über alles erhaben waren.
Wie das gehen sollte, die Welt ohne mich in meiner Vorstellung. Die Welt ohne meine Vorstellung. Die Erinnerung bedrängten solche Fragen nicht. Mich schon.
Dann kam der Alltag, der ging einfach weiter, ganz ohne meine Vorstellung und nachts kam der Traum. Ich hatte von Flohmärkten geträumt und vom Tod. Der Tod ein Tauschgeschäft, das auf einem Flohmarkt abgewickelt wird. Und das Leben ist vielleicht etwas ganz ähnliches.

Leeres Gefäß

Ölgemälde „Die Quelle“ – Ursprung zum Projekt DAS KLEID- Elisabeth Masé

Es gab jene, die fürchteten mein Haar.

Es war rot, wie dieser Faden, mit denen sie ihre Geschichte

dem Stoff übergaben, es machte mich unverwechselbar.

Ich verlor den Kopf, wurde ein leeres Gefäß.

Man zog mich an.

Ich aber zog mich zurück in die Geschichten,

die mein Gesicht haben und kein Geschlecht.

Die wir einander schweigend erzählen.

Mit jedem Blick.

Wir

Das Kleid. Soziale Skulptur von Elisabeth Masé

Wir.

Das sind die Fäden.

Im Netz einer fremden Macht.

Wir sind die Nadel,

die den Stoff durchsticht,

einfällt, hinzufügt.

Wir sind der Saum der Geschichte.

Die Stickerei eines Traumes der Versöhnung.

Die Grenze, die überschritten wird.

Die Wende, die bleibt.

Die Narbe, die leuchtet.

Die Nadel, die Dornröschen sticht,

der Tropfen Blut, der in den Schnee fällt

und ein Bild entstehen lässt.

Bora Cosic

„Uns ist es überlassen, Gedichte zu schreiben, denn das ist die Beschäftigung von Unreifen, Unaktiven, Sensiblen und Melancholikern, die von Arbeiten, die die Welt nach vorne treiben, weit entfernt sind.“

(Bora Cosic)

Joseph Brodsky

„…und schamanenhaft dreh ich mich im Raum,
wickle seine Leere wie Fäden leis
auf die Spule um mich herum,
daß die Seele etwas erfährt, was Gott allein weiß.“

Joseph Brodsky 1980

Espedal „Biografie“

Was Espedal teilweise macht in Biografie (was auch Enquist macht in Blanche und Marie…) ist eine Überlagerung der Geschichten, Mutter, Tochter, Geliebte, die Bilder und Geschichten fließen ineinander.

Über seine verstorbene Frau schreibt er:

„Wo ist sie geblieben. Ich stehe in der Tür und sehe sie wie immer dort liegen, zwischen den Büchern und den Kissen, im Bett, im Schlafzimmer. Sie wirkt stiller, ruhiger, vielleicht – es ist immer noch möglich, das zu denken – schläft sie, sie schläft still heute Nacht, sie schläft ruhig heute Nacht, vielleicht schläft sie traumlos heute Nacht, eine sorgenfreie Nacht, eine kinderlose Nacht, eine Nacht ohne Träume davon, zu verschwinden, ein anderes Leben zu leben, ein reicheres, wilderes und kompromissloseres Leben. Aus dem Schlaf kann sie immer zurückkommen, aber sie schläft nicht, der Schlaf hat sie verlassen, und sie kommt nicht zurück, endlich ist sie davongekommen, sie vermisst uns nicht einmal.“

Ein unerhörter Gedanke (und dabei so nahe liegend, wenn er erst einmal dort steht), der Gedanke, dass die Toten entkommen sind, und uns nicht einmal vermissen.