Aufwachen

Die Erinnerung an meine über das Papier schwebende Hand. Das Gesicht des Dichters, alt und gleichzeitig jung, unendlich desillusioniert und gleichzeitig kämpferisch. Die Angst, die Macht, die Kapitulation. Und dass es welche gibt, die die Kraft haben, dagegen anzuschreiben und andere, die sich (wie ich) mit Gefühlen und Nabelschau zufrieden geben. Geben müssen? In meiner Jugend war ich ein politisch interessierter Mensch. Gestern ist in meinem Bundesland gewählt worden und obwohl ich pflichtschuldig zur Urne gegangen bin, hat mich das Ergebnis nicht interessiert. Ich muss (und möchte!) heraus aus dieser Gleichgültigkeit, dieser bequemen, viel zu bequemen Haltung des: es nützt ja doch alles nicht. Alles ist an die Wand gefahren und nicht mehr zu retten. Ich bin so müde. Unendlich müde. Müde von all der Sinnlosigkeit. Müde von dem Leid. Der Ohnmacht. Aber dann lese ich „Gleichnis in allen Sprachen“ und will wieder aufwachen, will stark sein und sogar kämpfen, für den Frieden, für das Wort. Es ist überhaupt nicht wichtig, dass ich nicht die richtigen Worte finde, die richtigen Worte der anderen zu lesen und zu preisen ist ebenso schön. Weniger schön, sogar schrecklich, ist es, sich Sorgen zu machen zu müssen, um Menschen, die uns so klare Worte schenken.

Pflegeprotokolle

„Ich weiß nicht, ob Soziale Arbeit und Pflege tatsächlich aufwertbar sind, ohne das sich alle Menschen aktiv mit ihrer eigenen Sterblichkeit und ihrer eigenen Fragilität beschäftigen. Dass Leute den Gedanken zulassen: <Auch ich könnte arbeitslos werden, und ich könnte dann mein Haus verlieren> Das ist nicht immer nur der Loser von nebenan, der nichts auf die Kette kriegt, es kann jedem passieren“ (Pflegeprotokolle, S. 54, Frédéric Valin)

Ein aufschlussreiches und wichtiges Buch. Hoffentlich lesen es die richtigen! Da sind so gute Ideen und Gedanken drin.

maggie Nelson – Die Argonauten

„Der Großteil dessen, was ich schreibe, fühlt sich für mich wie eine schlechte Idee an, weshalb es mir schwerfällt zu unterscheiden, welche Ideen sich schlecht anfühlen, weil sie einen Wert besitzen, und welche sich schlecht anfühlen, weil sie wertlos sind.“

Das ist der Grund, warum ich lese. Dinge ganz prägnant ausgedrückt zu finden, die mir so vertraut sind, dass ich selbst sie nicht formulieren kann.

(64)

All dem Gerede von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit setzt Werner Herzog einen bestehend einleuchtenden Gedanken entgegen. In Jan Wilms siebten Begegnungen in der Autofiktion lässt er Werner Herzog sagen: „Gegenwart ist eine Fiktion, die wir uns selber aufbauen, und die Fiktion ist evident […] Wenn ich den Fuß anhebe, um einen Schritt zu machen, dann ist der angehobene Fuß schon Vergangenheit und das Niedersetzen des Fußes vor mir bereits Zukunft. Wenn ich den Fuß schon fast angehoben habe und gerade erst heruntersetzen will, dann ist keine Gegenwart da. Die Gegenwart, technisch gesehen, kann es nicht geben, das heißt, wir schaffen sie uns als eine merkwürdige Fiktion, und das heißt auch, dass sich die Zeitabläufe in bestimmten Ereignissen und in der Dichte von Geschehen auf einmal verändern können.“ Die Lösung aus diesen scheinbaren Widersprüchen liegt in der Vorstellung (oder ist es eine Einsicht?), dass Zeit nicht chronologisch verläuft, unser Lebenslauf keine gerade Strecke zwischen Geburt und Tod ist, sondern kreisrund in Spiralen verläuft, in denen sich Vergangenheit und Zukunft immer wieder kurzschließen und so manchmal einen Strudel aus Gegenwart erzeugen.

(63)

Während die Losigkeit bei Rembrandts Altersbildern von großer Freiheit und dadurch ermöglichter Wahrhaftigkeit zeugt, ist sie bei den Worten, die mir spontan einfallen ausschließlich negativ besetzt: Einfallslosigkeit, Verständnislosigkeit, Mitleidlosigkeit, Haltlosigkeit. Das angehängte „losigkeit“ zeigt ein Fehlen an. Allerdings wird es niemals hinter die Begriffe gesetzt, die man wirklich los werden will. Oder, wenn doch, wie z.B. bei Machtlosigkeit, nicht als etwas, das überwunden werden konnte, sondern nur als das Fehlen von etwas, das notwendig wäre, um eine Änderung herbei zu führen.

Als ich Losigkeit nachschlage bietet mir der Sucheintrag als erstes endlich einen Begriff an, dem ich etwas Positives abgewinnen kann; „Regellosigkeit“, und schließt damit sogar den Kreis zu Rembrandt, der sich in seinem Alterswerk ja ebenfalls über die geltenden Regeln hinweg gesetzt hat, um Wahrhaftigkeit zu erreichen. Rembrandts „Losigkeit“, die im Niederländischen (jedenfalls von meinem Übersetzungsprogramm) mit Lockerheit übersetzt wird, war eine Reaktion, seine Reaktion, auf all das, was er verloren hatte. Er hat dem Verlust die Freiheit entgegen gesetzt. Wenn ich ohnehin alles verloren habe, hat er vielleicht gedacht, dann habe ich nichts mehr zu verlieren, und also die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will, so wie ich es will. Und wenn das kein Trost ist, denn weiß ich nicht, was Trost sein könnte.

Eine eigene Geschichte

Ich lese Sinéad Gleeson, ein Tipp von Pega, und bin verwundert und traurig, wie ernst jemand sich und seine Schmerzen nehmen kann. Ich habe längst nicht so schlimme, lebensbedrohliche Erfahrungen gemacht wie Gleeson, aber ich bin mir wohl auch nie so nah gewesen. Ich habe mich nie auch nur annähernd so ernst genommen. Stattdessen immer wieder den Schmerz verdrängt und Gereiztheit und Rückzug als Verteidigung verwendet. Sinéad Gleeson beweist mir mit ihrer Geschichte, dass es auch anders geht. Dass eine sich mit dem, was geschehen ist, auseinander setzen kann. Den Schmerzen und Verletzungen etwas entgegen setzen kann. Weit mehr als nur Sprache. Eine eigene Geschichte.

(26)

wind und knochen, feng und gu: die beiden bausteine, aus denen gedichte bestehen. das buch der lieder, schreibt der literaturkritiker liú xié im 6. jahrhundert, enthält sechs elemente, und das wichtigste von ihnen ist der wind. wenn ein text reich an farben aber ohne wind und knochen ist, die ihn in der luft halten, muss man ihn nur kurz schütteln, und seine schönheit wird auseinanderfallen. wenn eine schreibende dünn an ideen und fett an worten ist, fehlt es an knochen; wenn ihre ideen unvollständig sind und nicht vom boden hochkommen, fehlt es an wind. generationen chinesischer literaturwissenschaftlerinnen, schreibt elliot weinberger, haben versucht, herauszufinden, was wind und was knochen ist, aber das einzige, was liú xié ganz eindeutig dazu sagt ist das einzige, worauf alle sich einigen können, ist, dass die perfekte mischung aus knochen und wind, das perfekte gedicht, ein vogel ist.

(lea schneider, made in china)

(23)

[…] Darin liegt etwas Ungerechtes – wie überhaupt das Diktat des Betrachters mit seinen aus der Luft gegriffenen Ansprüchen ungerecht ist. Das russische Wort für Betrachter, smotrjastschi, hat eine zweite, weniger geläufige Bedeutung: In der Gefängnis- und Lagersprache, deren sich ein wesentlicher Teil der Russischsprecher regelmäßig bedient, ist der smotrjastschi ein inoffizieller Aufseher – einer, der die ungeschriebenen Regeln festlegt und dafür sorgt, dass sie eingehalten werden.

Ungefähr so könnte man auch die Beziehung zwischen Betrachter und Fotografie, Leser und Text, Zuschauer und Film beschreiben. Sie alle sind Zwischeninstanzen der Macht, Kartenkontrolleure in den Museumssälen des operativen Gedächtnisses. Sie bestimmen sowohl über die Regeln als auch über die Art ihrer Umsetzung. Und das, obwohl der Betrachter, sagen wir es offen, ein ungerechter Richter ist. Sein Gesetz und sein Auswahlprinzip sind nicht göttlicher, sondern menschlicher, oder schlimmer noch: krimineller Art. Seine Sache ist die Aneignung fremden Gutes, sein Geschmacksurteil setzt das Recht des Starken unter Machtlosen, des Lebenden unter Toten durch.“ (Maria Stepanova – Nach dem Gedächtnis übersetzt von Olga Radetzkaja)

Wenn man ein Buch liest, das in erster Linie von Erinnerung handelt, sich mit diesem Phänomen auseinandersetzt, ist es wenig erstaunlich, sich immer wieder selbst zu erinnern, ich gerate dann gefühlsmäßig in eine Mischung aus Erinnern und Bereuen: so ist es gewesen. Und so hätte es sein sollen.

Offene Türen. Der Versuch der Geräuschlosigkeit. Und dieses Gefühl: Dass immer alles verkehrt ist.