Jugend Schreibt

Ich war wirklich sehr aufgeregt. Aber dann war ich in diesem Raum, Raum 107, und alle Aufregung war verflogen. Der Workshop war trotzdem nicht besonders gut. Die Jugendlichen hätten lieber geschrieben, das konnte ich deutlich spüren, aber ich hatte nur einen kurzen Schreibimpuls zum Ankommen vorgesehen. Danach ergaben sich fast mühelos Gespräche. Alle Teilnehmer:innen waren sehr kooperativ. Dass alles dann doch schneller ging als geplant, dass ich keine 60 sondern nur knapp 45 Minuten brauchte, machte am Ende eines langen Tages während dessen es immer heißer wurde, auch nicht viel aus. Aber sie hätten lieber geschrieben. Und mir tut es leid, dass ich sie nicht schreiben gelassen habe. Denn sie schreiben alle ganz wunderbar und einzigartig, und ich bin sehr dankbar für die Sätze, die sie mir zum Thema „Wenn ich schreibe…“ geschenkt haben.

Die Sehnsucht anders zu sein

„Die Sehnsucht, anders zu sein, als du bist. Das ist der größte Schicksalsschlag, der einen Menschen treffen kann. Die Sehnsucht, anders zu sein, als man ist: eine schmerzlichere Sehnsucht könnte im Herzen nicht brennen. Denn das Leben läßt sich nur ertragen, wenn man sich mit dem abfindet, was man für sich selbst und für die Welt bedeutet. Man muß sich damit abfinden, daß man ist, wie man ist, und wissen, daß man für dieses weise Verhalten vom Leben kein Lob bekommt, daß einem keine Orden an die Brust gesteckt werden, wenn man weiß und erträgt, daß man eitel ist oder egoistisch oder glatzköpfig und schmerbäuchig – nein, das muß man wissen, daß man kein Lob, keine Belohnung erhält. Man muß es ertragen, das ist das ganze Geheimnis. Man muß seinen Charakter, sein Naturell ertragen, da weder Erfahrung noch Einsicht an den Mängeln, am Eigennutz und an der Habgier etwas ändern. Wir müssen ertragen, daß unsere Sehnsüchte in der Welt kein vollkommenes Echo haben. Wir müssen ertragen, daß die, die wir lieben, uns nicht lieben, oder nicht so, wie wir es hofften. Man muß Verrat und Treulosigkeit ertragen, und man muß, schwerste aller Aufgaben, es auch ertragen, wenn einem jemand charakterlich oder intelligenzmäßig überlegen ist.“

Sándor Márai : Die Glut

Und dazu gäbe es noch sehr viel zu sagen. Und dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Aufwachen

Die Erinnerung an meine über das Papier schwebende Hand. Das Gesicht des Dichters, alt und gleichzeitig jung, unendlich desillusioniert und gleichzeitig kämpferisch. Die Angst, die Macht, die Kapitulation. Und dass es welche gibt, die die Kraft haben, dagegen anzuschreiben und andere, die sich (wie ich) mit Gefühlen und Nabelschau zufrieden geben. Geben müssen? In meiner Jugend war ich ein politisch interessierter Mensch. Gestern ist in meinem Bundesland gewählt worden und obwohl ich pflichtschuldig zur Urne gegangen bin, hat mich das Ergebnis nicht interessiert. Ich muss (und möchte!) heraus aus dieser Gleichgültigkeit, dieser bequemen, viel zu bequemen Haltung des: es nützt ja doch alles nicht. Alles ist an die Wand gefahren und nicht mehr zu retten. Ich bin so müde. Unendlich müde. Müde von all der Sinnlosigkeit. Müde von dem Leid. Der Ohnmacht. Aber dann lese ich „Gleichnis in allen Sprachen“ und will wieder aufwachen, will stark sein und sogar kämpfen, für den Frieden, für das Wort. Es ist überhaupt nicht wichtig, dass ich nicht die richtigen Worte finde, die richtigen Worte der anderen zu lesen und zu preisen ist ebenso schön. Weniger schön, sogar schrecklich, ist es, sich Sorgen zu machen zu müssen, um Menschen, die uns so klare Worte schenken.

Pflegeprotokolle

„Ich weiß nicht, ob Soziale Arbeit und Pflege tatsächlich aufwertbar sind, ohne das sich alle Menschen aktiv mit ihrer eigenen Sterblichkeit und ihrer eigenen Fragilität beschäftigen. Dass Leute den Gedanken zulassen: <Auch ich könnte arbeitslos werden, und ich könnte dann mein Haus verlieren> Das ist nicht immer nur der Loser von nebenan, der nichts auf die Kette kriegt, es kann jedem passieren“ (Pflegeprotokolle, S. 54, Frédéric Valin)

Ein aufschlussreiches und wichtiges Buch. Hoffentlich lesen es die richtigen! Da sind so gute Ideen und Gedanken drin.

maggie Nelson – Die Argonauten

„Der Großteil dessen, was ich schreibe, fühlt sich für mich wie eine schlechte Idee an, weshalb es mir schwerfällt zu unterscheiden, welche Ideen sich schlecht anfühlen, weil sie einen Wert besitzen, und welche sich schlecht anfühlen, weil sie wertlos sind.“

Das ist der Grund, warum ich lese. Dinge ganz prägnant ausgedrückt zu finden, die mir so vertraut sind, dass ich selbst sie nicht formulieren kann.

(64)

All dem Gerede von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit setzt Werner Herzog einen bestehend einleuchtenden Gedanken entgegen. In Jan Wilms siebten Begegnungen in der Autofiktion lässt er Werner Herzog sagen: „Gegenwart ist eine Fiktion, die wir uns selber aufbauen, und die Fiktion ist evident […] Wenn ich den Fuß anhebe, um einen Schritt zu machen, dann ist der angehobene Fuß schon Vergangenheit und das Niedersetzen des Fußes vor mir bereits Zukunft. Wenn ich den Fuß schon fast angehoben habe und gerade erst heruntersetzen will, dann ist keine Gegenwart da. Die Gegenwart, technisch gesehen, kann es nicht geben, das heißt, wir schaffen sie uns als eine merkwürdige Fiktion, und das heißt auch, dass sich die Zeitabläufe in bestimmten Ereignissen und in der Dichte von Geschehen auf einmal verändern können.“ Die Lösung aus diesen scheinbaren Widersprüchen liegt in der Vorstellung (oder ist es eine Einsicht?), dass Zeit nicht chronologisch verläuft, unser Lebenslauf keine gerade Strecke zwischen Geburt und Tod ist, sondern kreisrund in Spiralen verläuft, in denen sich Vergangenheit und Zukunft immer wieder kurzschließen und so manchmal einen Strudel aus Gegenwart erzeugen.

(63)

Während die Losigkeit bei Rembrandts Altersbildern von großer Freiheit und dadurch ermöglichter Wahrhaftigkeit zeugt, ist sie bei den Worten, die mir spontan einfallen ausschließlich negativ besetzt: Einfallslosigkeit, Verständnislosigkeit, Mitleidlosigkeit, Haltlosigkeit. Das angehängte „losigkeit“ zeigt ein Fehlen an. Allerdings wird es niemals hinter die Begriffe gesetzt, die man wirklich los werden will. Oder, wenn doch, wie z.B. bei Machtlosigkeit, nicht als etwas, das überwunden werden konnte, sondern nur als das Fehlen von etwas, das notwendig wäre, um eine Änderung herbei zu führen.

Als ich Losigkeit nachschlage bietet mir der Sucheintrag als erstes endlich einen Begriff an, dem ich etwas Positives abgewinnen kann; „Regellosigkeit“, und schließt damit sogar den Kreis zu Rembrandt, der sich in seinem Alterswerk ja ebenfalls über die geltenden Regeln hinweg gesetzt hat, um Wahrhaftigkeit zu erreichen. Rembrandts „Losigkeit“, die im Niederländischen (jedenfalls von meinem Übersetzungsprogramm) mit Lockerheit übersetzt wird, war eine Reaktion, seine Reaktion, auf all das, was er verloren hatte. Er hat dem Verlust die Freiheit entgegen gesetzt. Wenn ich ohnehin alles verloren habe, hat er vielleicht gedacht, dann habe ich nichts mehr zu verlieren, und also die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will, so wie ich es will. Und wenn das kein Trost ist, denn weiß ich nicht, was Trost sein könnte.

Eine eigene Geschichte

Ich lese Sinéad Gleeson, ein Tipp von Pega, und bin verwundert und traurig, wie ernst jemand sich und seine Schmerzen nehmen kann. Ich habe längst nicht so schlimme, lebensbedrohliche Erfahrungen gemacht wie Gleeson, aber ich bin mir wohl auch nie so nah gewesen. Ich habe mich nie auch nur annähernd so ernst genommen. Stattdessen immer wieder den Schmerz verdrängt und Gereiztheit und Rückzug als Verteidigung verwendet. Sinéad Gleeson beweist mir mit ihrer Geschichte, dass es auch anders geht. Dass eine sich mit dem, was geschehen ist, auseinander setzen kann. Den Schmerzen und Verletzungen etwas entgegen setzen kann. Weit mehr als nur Sprache. Eine eigene Geschichte.