Armut

Armut, das musste ich mir erst einmal klar machen, ist in diesem Fall keine Metapher, keine philosophische Frage, nach den wirklich bedeutsamen Werten im Leben, sondern eine knallharte, die Existenz bedrohende, oder zumindest bestimmende, Tatsache.

Die es unmöglich macht, neue Schuhe zu kaufen, wenn die alten kaputt sind, sich gesund zu ernähren, oder die Miete pünktlich zu zahlen.

Ganz zu schweigen von der sogenannten „Teilhabe am sozialen Leben“, sprich von Kino- oder gar Theaterbesuchen, Konzerten, oder wenigstens einem Nachmittag im Café.

Und obwohl ich nicht im Geld schwimme, merke ich, wie abstrakt diese Überlegungen für mich sind. Wie wenig ich mir eine derart belastende und Möglichkeiten, und damit Freiheiten, einschränkende Situation wirklich vorstellen kann.

Ist es wirklich die Hemmung, übergriffig zu handeln, wenn ich von etwas zu schreiben versuche, das mir so fremd ist, oder ist es vermeintlicher Selbstschutz, eine Art die Augen vor Zuständen zu verschließen, die mir Angst machen, die mich ein ums andere Mal daran hindern, eine Geschichte für dieses Projekt beizusteuern? Was weiß ich von dieser wirklich bedrängenden Art von Armut? Würde es etwas ändern, wenn ich mehr davon wüsste? Fühle ich mich verpflichtet, zu handeln, oder würde es für den Anfang genügen, genau hinzusehen?

Es tut mir leid, aber mehr als diese Fragen und Überlegungen kann ich im Moment nicht beisteuern.

Die Überlegungen beziehen sich auf die Idee von Sofasophia Geschichten von und für ausgegrenzte und arme Menschen zu schreiben, um den eventuellen Erlös genau ihnen zukommen zu lassen.

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Der Geschmack der Sprache

Gerade wenn die Politik eines Landes im Widerspruch zu einigen meiner moralischen Maßstäbe, meiner Glaubenssätze und politischer Haltung steht, kann es geschehen, dass man sich umso stärker auf die Sprache an sich zurück besinnt. Ihr sei das so widerfahren, schreibt Priya Basil in Lettre International 112, und fährt fort:

„Etwas anders hat meine Gefühle für das Englische verändert – das Deutsche. „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, hat Herta Müller geschrieben. Deutsch war eine Lupe, welche die grammatischen Feinheiten vergrößert und einen phantastischen Mechanismus offenbart hat, den ich nie zu sehen gelernt hatte. Sie hat mir gezeigt, wie die Satzstruktur das Denken verändert, wie „vergenderte“ – geschlechtsmarkierte – Nomen das Erscheinungsbild der Dinge verändern. Infolgedessen hat sich der Geschmack meiner Muttersprache verändert – ist zugleich frischer und vertrauter geworden.“

Vom Sinn eines Tagebuchs

„Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute –
Die Zeit verwandelt uns nicht.
Sie entfaltet uns nur.
Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, dass man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, dass man ein Griesgram ist. Und ein Moralist, wenn man sich liest. Es lässt sich nichts dagegen machen. Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.“

(Max Frisch – Tagebuch 1946 – 1949)

Ich ohne die Welt

Draußen war es grau. Drinnen waren diese Erinnerungen. Sie waren nicht willkommen. Sie waren auf dem Weg zu verschwinden, d.h. sie waren treue Begleiter. Lebenslang.
Zu den Erinnerungen trat dieser Satz. Nicht um sie auszulöschen, nicht einmal um sie zurückzudrängen. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, damit sie sich wohl fühlten vielleicht. Der Satz kam aus einem Buch. Ich hatte ihn arglos gelesen, wie die meisten Sätze, die ich sofort vergaß. Besonders die, die ich mir merken wollte, weil ich mir etwas davon versprach, worüber ich später nachdenken wollte.
Dieser Satz blieb. Er handelte von der Vorstellung, tot zu sein. Davon, dass tot zu sein nicht bedeutet: die Welt ohne mich, sondern: ich ohne die Welt (und der Satz stand in einem Buch, das Olga Martynova geschrieben hat. Ein poetisches Buch, in dem trotzdem Taschentelefone und Emails und Weblogs vorkommen und das ich schon aufgrund dieser Tatsache erstaunlich fand)
Der Satz, den die Martynova losgeworden war, indem sie ihm einem „schlafwandlerisch und nie ganz nachvollziehbar“ redenden Maler angedichtet hatte, war nun also bei mir eingezogen und fühlte sich offenbar sehr wohl bei meinen gastfreundlichen Erinnerungen. Es fühlte sich so wohl, dass es hemmungslos Fragen stellte. Mir Fragen stellte. Die Erinnerungen sahen darüber hinweg. Weil sie über alles erhaben waren.
Wie das gehen sollte, die Welt ohne mich in meiner Vorstellung. Die Welt ohne meine Vorstellung. Die Erinnerung bedrängten solche Fragen nicht. Mich schon.
Dann kam der Alltag, der ging einfach weiter, ganz ohne meine Vorstellung und nachts kam der Traum. Ich hatte von Flohmärkten geträumt und vom Tod. Der Tod ein Tauschgeschäft, das auf einem Flohmarkt abgewickelt wird. Und das Leben ist vielleicht etwas ganz ähnliches.

Leeres Gefäß

Ölgemälde „Die Quelle“ – Ursprung zum Projekt DAS KLEID- Elisabeth Masé

Es gab jene, die fürchteten mein Haar.

Es war rot, wie dieser Faden, mit denen sie ihre Geschichte

dem Stoff übergaben, es machte mich unverwechselbar.

Ich verlor den Kopf, wurde ein leeres Gefäß.

Man zog mich an.

Ich aber zog mich zurück in die Geschichten,

die mein Gesicht haben und kein Geschlecht.

Die wir einander schweigend erzählen.

Mit jedem Blick.

Wir

Das Kleid. Soziale Skulptur von Elisabeth Masé

Wir.

Das sind die Fäden.

Im Netz einer fremden Macht.

Wir sind die Nadel,

die den Stoff durchsticht,

einfällt, hinzufügt.

Wir sind der Saum der Geschichte.

Die Stickerei eines Traumes der Versöhnung.

Die Grenze, die überschritten wird.

Die Wende, die bleibt.

Die Narbe, die leuchtet.

Die Nadel, die Dornröschen sticht,

der Tropfen Blut, der in den Schnee fällt

und ein Bild entstehen lässt.