Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

Kunst

“Kunst ist nicht Reinheit, sie ist Reinigung. Kunst ist nicht Freiheit, sie ist Befreiung (…) sie ist nicht Unschuld, sondern Unschuldigwerden. Vielleicht sind deshalb Ausstellungen von Kinderzeichnungen, so schön sie sein mögen, nicht eigentlich Kunstausstellungen. Und deshalb wäre es, wenn die Kinder malen wie Picasso, vielleicht gerechter, Picasso zu preisen als die Kinder. Das Kind ist unschuldig, Picasso ist unschuldig geworden.“

(Clarice Lispector)

Mutterbilder

Mutterbilder

Der im Sommer entstandene Tausend Mutterbilder Blog stagniert. Das liegt an mir und an der fehlenden Resonanz.

Was nicht heißen soll, dass ich nicht sehr sehr dankbar und erfreut bin über all die wundervollen Beiträge, die bisher eingegangen sind. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die Bilder, Gedanken, Gedichte und Geschichten beigesteuert haben!

Nichts desto trotz hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Weniger arbeitsintensiv. Und mit einer größeren Beteiligung. Seit Wochen schon habe ich keine Beiträge mehr bekommen. Vielleicht lege ich jetzt eine Pause ein und warte ein, zwei Monate ab, wie sich alles entwickelt. Meine Motivation und die Bereitschaft von Töchtern und Söhnen, Vätern und Müttern, über dieses Thema zu reden, zu zeichnen, zu singen…

Schuldträger

Kaum stand es da, dieses Zitat von Thomas Melle, dass es keine Schuldigen gibt, nur die Schuld, kam es mir falsch vor, das so unkommentiert dort stehen zu lassen. Denn natürlich gibt es nicht nur die Schuld, sondern wenigstens Verantwortung und wer die nicht übernimmt, macht sich u.U. zum Schuldigen.

Und dann kam eine Mail von der wunderbaren Bess, mit einer tiefreichenden Erweiterung dieses Themas. Sie schrieb:

 

Aber so wie es Wasserträger gibt, gibt es Schuldträger.

Und Schuldträgerinnen. Ich bin eine von ihnen.

 

(Und wenn man sie einmal beherrscht,

die Kunst, ein Joch auf sich zu nehmen,

greift man gern zu und nimmt auch noch anderer

Schuld auf die Schultern.)

Bess

 

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Zwei Dinge geschehen gleichzeitig beim Lesen von Thomas Melles „Die Welt im Rücken„. Einmal ungläubiges Mitleid, wie sich einer aufgrund von fehlgeleiteten Botenstoffen, Neurotransmittern, Hormonen, einer Krankheit eben, immer wieder so unfassbar (und zunehmend folgenreicher) in die Scheiße reiten kann, aber damit einhergehend eben auch, dass ich (wenigstens für die Dauer der Lektüre) Gewalttäter, Randalierer, Verrückte eben, nicht länger einfach so verurteilen kann (den Mann mit dem irren, unglaublich aggressiven Blick in der U-Bahn z.B.). Dieses gut und schlecht, richtig und falsch, bekommt Risse. Wieder dieses Diktat, alles zu verstehen, sich einzufühlen, zu beobachten, statt zu (ver) urteilen. Und gleichzeitig weiß ich, dass mit diesem ganzen Verständnis, diesem unerfüllbaren Anspruch allen gerecht zu werden, kein Schreiben möglich ist. Jedenfalls nicht das Schreiben, das ich eigentlich will.

Radikal und verständnisvoll, das gibt es nicht zusammen. Zumindest für bestimmte Bereiche schließt sich das aus. Andererseits gibt es natürlich auch nichts wirklich wertvolles ohne Einfühlung. Nur muss daraus eine Haltung erwachsen, nicht Beliebigkeit. Und vor allem nicht dieser billige als Schutzmechanismus hervorgestoßene Satz: Das könnte ich nicht.

Depression und Fahrrad

Ein Gehirn mit Depressionen, das war wie ein Fahrrad mit einem kaputten Tretlager. Man konnte strampeln, wie man wollte, aber man kam doch nicht vom Fleck.

Frieder aß ziemlich hastig und viel. Er war immer als Erster fertig. Dann schob er den Teller von sich weg und sagte: „Ich bin satt. I am sad.“

(Auerhaus – Bov Bjerg)

Ich bin in der Beziehung ein wenig borniert. Wenn Bücher allzu einhellig, allzu euphorisch besprochen werden, mache ich gewöhnlich eher einen Bogen um sie. Um dann immer wieder, wenn ich über Umwege doch noch zum Lesen gekommen bin, festzustellen, dass einhelliges Jubeln nicht automatisch bedeuten muss, dass das, was bejubelt wird, mittelmäßig ist.

Auerhaus habe ich jedenfalls sehr genossen. Sicher auch, weil der Jahrgang stimmt, weil die Menschen, die in diesem Buch, traurig und verzweifelt, verrückt und phlegmatisch sind, das in genau der Zeit sind, in der auch ich das alles gewesen bin. Aber darüber hinaus ist es ein schönes Buch über Freundschaft und Jungsein, Scheitern und Tod.

Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.