Hebräische Sprache

Hebräische Sprache nach Charles Reznikoff

Auch ich habe nur zwei Zeiten:

Die Erinnerungszeit und die Sehnsuchtszeit.

Die Erinnerungszeit: So vieles ist vergangen.

Die Sehnsuchtszeit: So vieles wird nicht geschehen.

Ich versuche, das in Deiner schönen Sprache aufzuschreiben,

doch heraus kommt nur Gekrakel.

Kommt heraus und geht nicht zurück.

[Jacek Gutorow, übersetzt von Esther Kinsky]

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Während ich heute eine schöne Postkarte von einer Bekannten im Postkasten fand, und kurz danach eine wunderbare Besprechung von Sansibar auf dem Blog von Kerstin Fischer, spricht Ulli von mutigem Träumen, das nicht weniger kann, als die Welt auf eine friedliche Art zu verändern. Ich weiß, dass das kein esoterischer Quatsch ist. Ich habe es selbst erlebt. Mehrmals. Im Kleinen und in etwas größeren Zusammenhängen.

Das erste Mal habe ich wirklich erfahren, wie meine eigenen Gedanken und Vorstellungen das miteinander zwischen mir und anderen Menschen beeinflussen, als mein ältester Sohn in die Pubertät kam. Ich fühlte mich ständig verletzt und zurückgewiesen, wusste gar nicht mehr, wie ich mit ihm umgehen sollte. Bis ich mir die Zeit nahm, einmal zu hinterfragen, was ich eigentlich von ihm erwartete und was das mit mir zu tun hat. Diese relativ kurze Meditation hat genügt, um auf einmal wieder Frieden einkehren zu lassen zwischen uns. Ich weiß, dass das unglaubwürdig klingt, aber ich weiß auch, dass es genauso gewesen ist. Häufig ist es ja genau diese eine Sache, von der Ulli und ihr Zitat von Kästner sprechen, wir erwarten, dass alle Welt sich ändert und handelt, nur wir selbst stehen still. Dabei beginnt hier und jetzt bei uns selbst die Veränderung. Und es ist nicht einmal voraussetzungsvoll und schwer, wir müssen nur einmal kurz innehalten, und versuchen ehrlich zu uns selbst zu sein. Und vielleicht ist es genau das, was uns davon abhält zu handeln. Dieses unterschwellig längst vorhandene Wissen, dass wir es sind, die verantwortlich sind. Nicht für alles und für die großen Zusammenhänge, aber doch für die Schwingungen darin, für die mikroskopisch kleinen Bereiche, die schließlich alles in die eine oder andere Richtung ändern können. Vielleicht haben wir uns zu lange in der Ohnmacht eingerichtet, in der Sicherheit des „das war schon immer so“ und „ich kann doch ohnehin nichts ändern“. Und in dieser Passivität haben wir schließlich unsere Wünsche aus den Augen verloren. Mein größter Wunsch in Bezug auf den Wandel in der Welt ist, dass wir zu mehr Miteinander finden, dass wir uns besinnen, dass es nur in der Gemeinschaft gelingen kann, etwas zu ändern, zu verbessern, lebenswerter zu machen.

Eine bessere Welt wäre eine, in der wir neugierig sind auf die anderen, in der wir ständig bereit sind, unsere Vorurteile zu revidieren, in der wir aufeinander zu gehen und in der das Miteinander, überhaupt das Menschliche mehr zählt, als das Kapital, das Geld. In der Pflegekräfte und Verkäuferinnen, Müllfahrer und Kindergärtnerinnen mehr verdienen als der Unternehmensberater, der dafür sorgt, dass Tausende von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, in der wir uns fragen, von welchem System wir reden, wenn wir „systemrelevant“ sagen, in der wir überhaupt nicht mehr solche Wortungetüme schaffen und gebrauchen. In der sich jede und jeder von uns entfalten kann, um die anderen zum Staunen zu bringen.

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Mariannengraben von Jasmin Schreiber. Sehr angetan von der zarten eindringlichen Schilderung der Trauer. Enttäuscht über das für meinen Geschmack zu schnell einsetzende skurrile Geschehen. Gar nicht einmal die Begegnung mit dem alten Mann, aber die fast slappstickartigen Begebenheiten. Aber schön und tröstend, dass Tim, der verstorbene Bruder, immer dabei bleibt, kommentierend einbezogen, anwesend. Denn das ist vielleicht der größte Irrtum, dass die Toten plötzlich nicht mehr zum Leben dazu gehören. Nicht mehr da sind.

Tadeusz Dabrowski – Gedicht ohne Geheimnis

Schleusentechniker in der Weichselniederung sein,

auf einem unbedeutenden Kanalabschnitt,

mitten in der flachen Landschaft. Jeden Tag

mit dem Rad zu einem Betonhäuschen fahren,

kleiner als ein Zeitungskiosk. Durch das quadratische

Fenster die Auf- und Untergänge der Sonne

beobachten. Keine Ahnung von Kunst haben, wissen,

wo Hechte lauern und wo Aale. An

nebligen Morgen Tee mit Spiritus

trinken und dabei im Radio, das nur einen Sender

empfängt, hören, dass auf der Welt über

zehn Millionen Arten von Pflanzen und

Tieren leben, und es nicht glauben können, oder,

dass es Länder gibt, wo Menschen an Hunger

sterben, darüber ins Grübeln geraten, vergessen,

die Schleuse zu schließen. Einige Wiesen überschwemmen.

Und keinerlei Konsequenzen dafür tragen.

[weil es gerade so aktuell ist. Mein Lieblingsgedicht von ihm über seinen Vater reiche ich bei Gelegenheit nach]

Mutterschaft – immer wieder

In der neuen Edit ein großartiger Chor der Mütter. Fragmente, Überlegungen, die mich dazu bringen, selbst noch einmal über Mutterschaft nachzudenken. Wie wenig sich verändert hat zwischen dieser Generation Mütter, die jetzt sprechen und mir, und wie wenig. Die Müdigkeit, das Vergessen. Wie das wieder kehrt, im Laufe der Mutterschaft. Nur aus anderen Gründen. Aus Gründen hinter die ich nicht komme, während die anderen sich ausgewachsen haben.
Und dann dieses alles erstickende Gefühl des Versagens als Mutter. Habe ich je etwas wirklich gut gemacht? So, dass die Kinder sich mit einem guten Gefühl, vielleicht sogar mit so etwas wie Dankbarkeit, jedenfalls Freude daran erinnern werden? Stellen sich Väter solche Fragen eigentlich auch?

Frau sein

Ich scheine nur noch biografische Bücher zu lesen. Oder meinetwegen Autofiktionen. Angefangen hat es vielleicht mit Helene Cixous Homère. Und jetzt in letzter Zeit: David Wagners vergesslicher Riese, Maggie Nelsons Rote Stellen, Frank Witzels Inniger Schiffbruch, und – gerade ausgelesen – Mely Kiyaks Frausein.

Und nach diesem Buch dämmert mir ein wenig, warum ausgerechnet diese Bücher zu mir kommen, es geht um die Erkenntnis, die Kiyaks Buch eindrücklich vermittelt: Überhaupt ist Frau sein ein eindrucksvolles Dokument, wie wirklich bedeutende Literatur von einer schmerzhaft aufrichtigen Selbstbefragung lebt. Von dem Wagnis, den sicheren Boden aus Gewissheiten und Übereinkünften radikal subjektiv zu befragen. Um herauszufinden, wer man wirklich ist, jenseits von Erwartungen und Zuschreibungen. Der schwere, voraussetzungsvolle Weg zur einer befreiten und tiefen Wahrnehmung seiner selbst. Als Frau.

Isabelle Lehn – Frühlingserwachen – wieder keine Rezension

In der Volltext kürzlich einen schönen Artikel von Jan Wilm über Isabelle Lehn (und Eileen Myles, mit deren Buch ich allerdings sehr wenig anfangen konnte) gelesen, und neugierig geworden auf ein Buch, das Wilm zu diesen ziemlich wertvollen Überlegungen zum Scheitern bei Lehn gebracht hat: „Die entscheidende Dynamik des Romans ist eine Beckett´sche – das bessere Scheitern, no matter, try again, fail again, fail better. Es ist Isabelle nicht nur egal, dass sie scheitert. Ihr Scheitern ist eine Entscheidung fürs Scheitern – und die Entscheidung nimmt der Existenz-Kontingenz die schicksalhafte Kraft und macht aus Opfer Akteur.“

Das Buch wollte ich lesen. Und als ich es dann zu lesen anfing, die schöne, immer wieder erstaunliche Erkenntnis, dass auch andere das kennen: sich selbst müde sein.

Andererseits eine seltsame Erkenntnis, dass ich mich hier vor fast 20 Jahren wiederfinde, wie ich mich damit auseinanderzusetzen versuche, zu altern. Seit so langer Zeit schon. Und ich werde nicht fertig damit.

Aber darum geht es eigentlich nicht. Eher um solche Stellen:

„Ich bekomme auch graue Schamhaare. Es sieht wie angeschimmelt aus, es muss ein Irrtum sein, und ich fühle mich von meinem Körper betrogen. Es ist bloß Melanin, sage ich mir, und trotzdem fühlt es sich falsch an: der Gedanke, vielleicht doch noch ein Kind zu kriegen, irgendwann später, wenn das erste, was dieses Kind von der Welt sehen wird, das graue Schamhaar seiner schimmelnden Mutter ist.“

Ich meine, ja, das ist witzig. Und überspitzt, und trotzdem charakterisiert so eine Überlegung ja nicht nur die Figur, sondern ist etwas typisch weibliches. Weil, behaupte ich mal, ein Mann, selbst wenn er derjenige wäre, der die Kinder zur Welt bringen würde, sich niemals derartige Gedanken machen würde. Und wir Frauen müssten das doch auch nicht. Warum ist es dann trotzdem gar nicht abwegig, dass eine Frau so denkt?

Für eine Antwort kann man endlos lange wissenschaftliche Theorien heranziehen, oder sich ehrlich fragen. Sich einfach so, ohne wissenschaftliche oder sonstwie zitierfähige Quellen, dieser unbequemen Frage stellen. Humor macht es sicher weniger lamoryant. Weniger schmerzhaft nicht.

Bei Lehn klingt das so:

„Die Wahrheit über die Erfahrung als weiblicher Körper ist das damit verbundene Bewusstsein der Scham. […] Der Körper, der von mir erwartet wird, ist weder stumm noch zu laut, weder wütend noch traurig. […] Mein Körper, der an sich leidet und immerzu etwas vermisst.“

Erwartungen, Scham, Ungenügen, Mangelhaftigkeit. Als typisch weibliche Erfahrungen.

Und was eine Frau daraus machen kann.

Ehrlich zu sich selbst sein, und Kohärenz und Schönheit in das Scheitern bringen, ohne es (das Scheitern, das Versagen und nicht fertig werden) zu verbergen. Vielleicht ist es in allererster Linie das, worum es mir geht. Was mich befreien könnte. Mir so eine Grundehrlichkeit erarbeiten, die ja letztendlich auch Freiheit ist. Befreiung.

Und noch einmal Lehn:

„Dabei glaube ich an den Verstand. Ich glaube an den freien Willen, die Kraft der Gedanken, die Selbstheilungskräfte des Körpers durch Achtsamkeit, an die Gnade der späten Geburt, ich glaube an unverdiente Privilegierung und sogar daran, ein gutes Leben zu führen. Aber ich glaube auch an Stoffwechselstörungen. Ich glaube an Biochemie, Serotoninmangel und erhöhte Entzündungswerte, an Schlafmangel und Reizüberflutung, ich glaube an Erschöpfungszustände. Alkohol und Nikotin, an Penetration und die Sehnsucht nach Selbstaufgabe. Ich glaube an die Würde des Scheiterns, an die Komik des Leids, ich glaube an die Schamlosigkeit, an die Stärke der Schwäche, die Wirksamkeit von Psychopharmaka und an das Recht darauf, mir helfen zu lassen.“

Ich bin durchaus nicht immer einer Meinung mit der Isabelle Lehn aus Frühlingserwachen, aber ich mag diese Art zu schreiben, dieses teilweise essayistische. Die Verbindung von wissenschaftlichen Zitaten und Tagesnachrichten mit persönlichen Erfahrungen, Erlebnissen, Bekenntnissen.

Im Grunde genommen leide ich immer noch unter diesem Irrglauben, es gäbe richtig und falsch, und richtig bedeutet alles zu berücksichtigen und so allein durch Fleiß und Einsicht zur ultima ratio zu gelangen. Nicht durch Auseinandersetzung und Kompromisse.

Die Auseinandersetzung lese ich lieber als sie selbst zu praktizieren, vielleicht auch im Glauben, ich könnte es durch das Lesen der richtigen Bücher lernen. Ein Glaube, der mich schon sehr lange begleitet. Und den ich auch gar nicht aufgeben will.

Wie dem auch sei, in Lehns Frühlingserwachen sind mir die Stellen an denen die Protagonistin über ihren Körper spricht wichtig. Da ist auf einmal die Freundin, die ich eigentlich nie hatte. Die über diese Blutmassen spricht, die während der Menstruation aus einer herausfließen, über die Bauchkrämpfe und all die peinlichen Situationen, wenn Frau die Kleidung durchgeblutet hat, wenn man Nachts von einem Schwall Blut geweckt wird, den kein Tampon aufsaugen zu können scheint. Als meine Freundinnen und ich das erste Mal die Regel bekamen, sprach man höchstens verschlüsselt und verschämt von der „Tante aus Bad Rothenfelde, die zu Besuch war“. Und auch später fühlte ich mich immer allein mit dem Gefühl alle drei Wochen mindestens 5 Tage ziemlich eingeschränkt zu sein, in dem was ich tun konnte, immer ängstlich darauf bedacht, nicht irgendwo Blutflecken zu hinterlassen.

Glücklich meine Tage zu bekommen, war ich nur dann, wenn ich befürchtete, schwanger zu sein. Eine der schönsten Nebenwirkungen der dann einige Jahre später sehr gewollten Schwangerschaft war das Ausbleiben der Regel.

Die Frauen in meiner Umgebung, die überhaupt über so etwas sprachen, fanden es unbegreiflicherweise schön zu bluten. Sie fühlten sich gut oder sogar noch besser. Also musste das Problem eindeutig bei mir liegen. Ich hatte es nicht im Griff. Ich hatte eine falsche Einstellung zu meinem Körper.

Erst kürzlich erzählte mir eine Freundin, sie wolle gar nicht wissen, ob sie schon in der Menopause sei (aus irgendeinem verhütungstechnischen Grund blutet sie nie). Sie möchte sich lieber weiter als „richtige“ (sic!) Frau fühlen. Und jetzt habe ich dank Isabelle Lehn (und Liv Strömquist. Dazu bald mehr) wenigstens einige für mich außerordentlich befreiende Sätze, die mich glauben lassen, dass vielleicht gar nicht ich es bin, die falsch ist. Dass der Fehler an einer ganz anderen Stelle zu suchen ist.

Ich habe jetzt zugegebenerweise sehr viel mehr über mich als über Isabelle Lehns Buch geschrieben. Über das Buch selbst kann man hier und hier und hier nachlesen oder hören. Oder noch besser: gleich das Buch selbst lesen.