(26)

wind und knochen, feng und gu: die beiden bausteine, aus denen gedichte bestehen. das buch der lieder, schreibt der literaturkritiker liú xié im 6. jahrhundert, enthält sechs elemente, und das wichtigste von ihnen ist der wind. wenn ein text reich an farben aber ohne wind und knochen ist, die ihn in der luft halten, muss man ihn nur kurz schütteln, und seine schönheit wird auseinanderfallen. wenn eine schreibende dünn an ideen und fett an worten ist, fehlt es an knochen; wenn ihre ideen unvollständig sind und nicht vom boden hochkommen, fehlt es an wind. generationen chinesischer literaturwissenschaftlerinnen, schreibt elliot weinberger, haben versucht, herauszufinden, was wind und was knochen ist, aber das einzige, was liú xié ganz eindeutig dazu sagt ist das einzige, worauf alle sich einigen können, ist, dass die perfekte mischung aus knochen und wind, das perfekte gedicht, ein vogel ist.

(lea schneider, made in china)

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[…] Darin liegt etwas Ungerechtes – wie überhaupt das Diktat des Betrachters mit seinen aus der Luft gegriffenen Ansprüchen ungerecht ist. Das russische Wort für Betrachter, smotrjastschi, hat eine zweite, weniger geläufige Bedeutung: In der Gefängnis- und Lagersprache, deren sich ein wesentlicher Teil der Russischsprecher regelmäßig bedient, ist der smotrjastschi ein inoffizieller Aufseher – einer, der die ungeschriebenen Regeln festlegt und dafür sorgt, dass sie eingehalten werden.

Ungefähr so könnte man auch die Beziehung zwischen Betrachter und Fotografie, Leser und Text, Zuschauer und Film beschreiben. Sie alle sind Zwischeninstanzen der Macht, Kartenkontrolleure in den Museumssälen des operativen Gedächtnisses. Sie bestimmen sowohl über die Regeln als auch über die Art ihrer Umsetzung. Und das, obwohl der Betrachter, sagen wir es offen, ein ungerechter Richter ist. Sein Gesetz und sein Auswahlprinzip sind nicht göttlicher, sondern menschlicher, oder schlimmer noch: krimineller Art. Seine Sache ist die Aneignung fremden Gutes, sein Geschmacksurteil setzt das Recht des Starken unter Machtlosen, des Lebenden unter Toten durch.“ (Maria Stepanova – Nach dem Gedächtnis übersetzt von Olga Radetzkaja)

Wenn man ein Buch liest, das in erster Linie von Erinnerung handelt, sich mit diesem Phänomen auseinandersetzt, ist es wenig erstaunlich, sich immer wieder selbst zu erinnern, ich gerate dann gefühlsmäßig in eine Mischung aus Erinnern und Bereuen: so ist es gewesen. Und so hätte es sein sollen.

Offene Türen. Der Versuch der Geräuschlosigkeit. Und dieses Gefühl: Dass immer alles verkehrt ist.

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Was mir neben der Ambivalenz der Klienten und Folgerichtigkeit der kurzen Episoden bei der Serie „In Therapie“ so gut gefallen hat, war die nur sehr subtil sich langsam entwickelnde Einsicht für den Zuschauer, dass der Therapeut eben die Probleme hat, von denen seine Patienten erwarten, er möge sie lösen. Möglichst schnell, effektiv und ohne Eigenbeteiligung der Leidenden. Was für mich persönlich in meiner aktuellen Phase noch einmal besonders nachhallt, ist die Kompromisslosigkeit und Wut der zu Therapierenden. Mit welcher Vehemenz sie auf ihren Standpunkt und ihre Wahrheit bestehen, wie wenig sie bereit sind, Kompromisse einzugehen, oder zu gefallen.

(15)

Nach der Lesung, die ich im Netz gesehen habe, noch einmal Benjamin Maack gelesen, und mich wiedergefunden: das schlechte Gewissen, dass wir nicht die Eltern sein können, die unsere Kinder verdient hätten. Diese endlose Scham, sie in das eigene Versagen mit hinein zu ziehen. Nicht zu genügen, wieder einmal versagt zu haben. Und davor die quälend lange Zeit, in der wir nur funktioniert haben, weil wir uns dieses Versagen nicht eingestehen konnten, weil es auf keinen Fall sein durfte, dass wir unsere Kinder dermaßen enttäuschten. Reiß dich zusammen sagten wir uns, bis wir endgültig nichts mehr fühlen konnten. Und nicht einmal mehr funktionieren.

Hebräische Sprache

Hebräische Sprache nach Charles Reznikoff

Auch ich habe nur zwei Zeiten:

Die Erinnerungszeit und die Sehnsuchtszeit.

Die Erinnerungszeit: So vieles ist vergangen.

Die Sehnsuchtszeit: So vieles wird nicht geschehen.

Ich versuche, das in Deiner schönen Sprache aufzuschreiben,

doch heraus kommt nur Gekrakel.

Kommt heraus und geht nicht zurück.

[Jacek Gutorow, übersetzt von Esther Kinsky]

(10)

Während ich heute eine schöne Postkarte von einer Bekannten im Postkasten fand, und kurz danach eine wunderbare Besprechung von Sansibar auf dem Blog von Kerstin Fischer, spricht Ulli von mutigem Träumen, das nicht weniger kann, als die Welt auf eine friedliche Art zu verändern. Ich weiß, dass das kein esoterischer Quatsch ist. Ich habe es selbst erlebt. Mehrmals. Im Kleinen und in etwas größeren Zusammenhängen.

Das erste Mal habe ich wirklich erfahren, wie meine eigenen Gedanken und Vorstellungen das miteinander zwischen mir und anderen Menschen beeinflussen, als mein ältester Sohn in die Pubertät kam. Ich fühlte mich ständig verletzt und zurückgewiesen, wusste gar nicht mehr, wie ich mit ihm umgehen sollte. Bis ich mir die Zeit nahm, einmal zu hinterfragen, was ich eigentlich von ihm erwartete und was das mit mir zu tun hat. Diese relativ kurze Meditation hat genügt, um auf einmal wieder Frieden einkehren zu lassen zwischen uns. Ich weiß, dass das unglaubwürdig klingt, aber ich weiß auch, dass es genauso gewesen ist. Häufig ist es ja genau diese eine Sache, von der Ulli und ihr Zitat von Kästner sprechen, wir erwarten, dass alle Welt sich ändert und handelt, nur wir selbst stehen still. Dabei beginnt hier und jetzt bei uns selbst die Veränderung. Und es ist nicht einmal voraussetzungsvoll und schwer, wir müssen nur einmal kurz innehalten, und versuchen ehrlich zu uns selbst zu sein. Und vielleicht ist es genau das, was uns davon abhält zu handeln. Dieses unterschwellig längst vorhandene Wissen, dass wir es sind, die verantwortlich sind. Nicht für alles und für die großen Zusammenhänge, aber doch für die Schwingungen darin, für die mikroskopisch kleinen Bereiche, die schließlich alles in die eine oder andere Richtung ändern können. Vielleicht haben wir uns zu lange in der Ohnmacht eingerichtet, in der Sicherheit des „das war schon immer so“ und „ich kann doch ohnehin nichts ändern“. Und in dieser Passivität haben wir schließlich unsere Wünsche aus den Augen verloren. Mein größter Wunsch in Bezug auf den Wandel in der Welt ist, dass wir zu mehr Miteinander finden, dass wir uns besinnen, dass es nur in der Gemeinschaft gelingen kann, etwas zu ändern, zu verbessern, lebenswerter zu machen.

Eine bessere Welt wäre eine, in der wir neugierig sind auf die anderen, in der wir ständig bereit sind, unsere Vorurteile zu revidieren, in der wir aufeinander zu gehen und in der das Miteinander, überhaupt das Menschliche mehr zählt, als das Kapital, das Geld. In der Pflegekräfte und Verkäuferinnen, Müllfahrer und Kindergärtnerinnen mehr verdienen als der Unternehmensberater, der dafür sorgt, dass Tausende von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, in der wir uns fragen, von welchem System wir reden, wenn wir „systemrelevant“ sagen, in der wir überhaupt nicht mehr solche Wortungetüme schaffen und gebrauchen. In der sich jede und jeder von uns entfalten kann, um die anderen zum Staunen zu bringen.

(4)

Mariannengraben von Jasmin Schreiber. Sehr angetan von der zarten eindringlichen Schilderung der Trauer. Enttäuscht über das für meinen Geschmack zu schnell einsetzende skurrile Geschehen. Gar nicht einmal die Begegnung mit dem alten Mann, aber die fast slappstickartigen Begebenheiten. Aber schön und tröstend, dass Tim, der verstorbene Bruder, immer dabei bleibt, kommentierend einbezogen, anwesend. Denn das ist vielleicht der größte Irrtum, dass die Toten plötzlich nicht mehr zum Leben dazu gehören. Nicht mehr da sind.

Tadeusz Dabrowski – Gedicht ohne Geheimnis

Schleusentechniker in der Weichselniederung sein,

auf einem unbedeutenden Kanalabschnitt,

mitten in der flachen Landschaft. Jeden Tag

mit dem Rad zu einem Betonhäuschen fahren,

kleiner als ein Zeitungskiosk. Durch das quadratische

Fenster die Auf- und Untergänge der Sonne

beobachten. Keine Ahnung von Kunst haben, wissen,

wo Hechte lauern und wo Aale. An

nebligen Morgen Tee mit Spiritus

trinken und dabei im Radio, das nur einen Sender

empfängt, hören, dass auf der Welt über

zehn Millionen Arten von Pflanzen und

Tieren leben, und es nicht glauben können, oder,

dass es Länder gibt, wo Menschen an Hunger

sterben, darüber ins Grübeln geraten, vergessen,

die Schleuse zu schließen. Einige Wiesen überschwemmen.

Und keinerlei Konsequenzen dafür tragen.

[weil es gerade so aktuell ist. Mein Lieblingsgedicht von ihm über seinen Vater reiche ich bei Gelegenheit nach]