Espedal „Biografie“

Was Espedal teilweise macht in Biografie (was auch Enquist macht in Blanche und Marie…) ist eine Überlagerung der Geschichten, Mutter, Tochter, Geliebte, die Bilder und Geschichten fließen ineinander.

Über seine verstorbene Frau schreibt er:

„Wo ist sie geblieben. Ich stehe in der Tür und sehe sie wie immer dort liegen, zwischen den Büchern und den Kissen, im Bett, im Schlafzimmer. Sie wirkt stiller, ruhiger, vielleicht – es ist immer noch möglich, das zu denken – schläft sie, sie schläft still heute Nacht, sie schläft ruhig heute Nacht, vielleicht schläft sie traumlos heute Nacht, eine sorgenfreie Nacht, eine kinderlose Nacht, eine Nacht ohne Träume davon, zu verschwinden, ein anderes Leben zu leben, ein reicheres, wilderes und kompromissloseres Leben. Aus dem Schlaf kann sie immer zurückkommen, aber sie schläft nicht, der Schlaf hat sie verlassen, und sie kommt nicht zurück, endlich ist sie davongekommen, sie vermisst uns nicht einmal.“

Ein unerhörter Gedanke (und dabei so nahe liegend, wenn er erst einmal dort steht), der Gedanke, dass die Toten entkommen sind, und uns nicht einmal vermissen.

Beschränkung und Überfluss

Form ist Beschränkung. Schreiben Überfluss.

Beides ist notwendig.

Und darum hat Knausgard vielleicht doch nicht Recht, es ist nicht so, dass das Handwerk das Übergeordnete ist, das was die höchste Priorität hat. Sondern die Aufrichtigkeit, bzw. die Balance zwischen Form und Überfließen, zwischen der Flut der Worte und dem engen Steg der das Unsagbare für andere vielleicht nicht nur verständlich, sondern sogar begreifbar macht.

Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

Kunst

“Kunst ist nicht Reinheit, sie ist Reinigung. Kunst ist nicht Freiheit, sie ist Befreiung (…) sie ist nicht Unschuld, sondern Unschuldigwerden. Vielleicht sind deshalb Ausstellungen von Kinderzeichnungen, so schön sie sein mögen, nicht eigentlich Kunstausstellungen. Und deshalb wäre es, wenn die Kinder malen wie Picasso, vielleicht gerechter, Picasso zu preisen als die Kinder. Das Kind ist unschuldig, Picasso ist unschuldig geworden.“

(Clarice Lispector)

Mutterbilder

Mutterbilder

Der im Sommer entstandene Tausend Mutterbilder Blog stagniert. Das liegt an mir und an der fehlenden Resonanz.

Was nicht heißen soll, dass ich nicht sehr sehr dankbar und erfreut bin über all die wundervollen Beiträge, die bisher eingegangen sind. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die Bilder, Gedanken, Gedichte und Geschichten beigesteuert haben!

Nichts desto trotz hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Weniger arbeitsintensiv. Und mit einer größeren Beteiligung. Seit Wochen schon habe ich keine Beiträge mehr bekommen. Vielleicht lege ich jetzt eine Pause ein und warte ein, zwei Monate ab, wie sich alles entwickelt. Meine Motivation und die Bereitschaft von Töchtern und Söhnen, Vätern und Müttern, über dieses Thema zu reden, zu zeichnen, zu singen…

Schuldträger

Kaum stand es da, dieses Zitat von Thomas Melle, dass es keine Schuldigen gibt, nur die Schuld, kam es mir falsch vor, das so unkommentiert dort stehen zu lassen. Denn natürlich gibt es nicht nur die Schuld, sondern wenigstens Verantwortung und wer die nicht übernimmt, macht sich u.U. zum Schuldigen.

Und dann kam eine Mail von der wunderbaren Bess, mit einer tiefreichenden Erweiterung dieses Themas. Sie schrieb:

 

Aber so wie es Wasserträger gibt, gibt es Schuldträger.

Und Schuldträgerinnen. Ich bin eine von ihnen.

 

(Und wenn man sie einmal beherrscht,

die Kunst, ein Joch auf sich zu nehmen,

greift man gern zu und nimmt auch noch anderer

Schuld auf die Schultern.)

Bess

 

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Zwei Dinge geschehen gleichzeitig beim Lesen von Thomas Melles „Die Welt im Rücken„. Einmal ungläubiges Mitleid, wie sich einer aufgrund von fehlgeleiteten Botenstoffen, Neurotransmittern, Hormonen, einer Krankheit eben, immer wieder so unfassbar (und zunehmend folgenreicher) in die Scheiße reiten kann, aber damit einhergehend eben auch, dass ich (wenigstens für die Dauer der Lektüre) Gewalttäter, Randalierer, Verrückte eben, nicht länger einfach so verurteilen kann (den Mann mit dem irren, unglaublich aggressiven Blick in der U-Bahn z.B.). Dieses gut und schlecht, richtig und falsch, bekommt Risse. Wieder dieses Diktat, alles zu verstehen, sich einzufühlen, zu beobachten, statt zu (ver) urteilen. Und gleichzeitig weiß ich, dass mit diesem ganzen Verständnis, diesem unerfüllbaren Anspruch allen gerecht zu werden, kein Schreiben möglich ist. Jedenfalls nicht das Schreiben, das ich eigentlich will.

Radikal und verständnisvoll, das gibt es nicht zusammen. Zumindest für bestimmte Bereiche schließt sich das aus. Andererseits gibt es natürlich auch nichts wirklich wertvolles ohne Einfühlung. Nur muss daraus eine Haltung erwachsen, nicht Beliebigkeit. Und vor allem nicht dieser billige als Schutzmechanismus hervorgestoßene Satz: Das könnte ich nicht.