Ilse Aichinger

Ilse Aichinger, die Meisterin des Paradoxen. Wohl keine hat es so gut verstanden, das Paradoxe produktiv zu machen. Dem Schweigen so nahe zu kommen mit dem Schreiben. Einem Schreiben, das immer sehr genau hinsah und verändern wollte. Ermutigen. Zum Widerstand. Zum Eigensinn.

Ich lese gerade die gesammelten Interviews mit ihr, Interviews über einen Zeitraum von über 50 Jahren. Und alles, fast alles, was sie gesagt hat, tröstet mich nicht nur, es ermutigt mich auch.

Bis der Schnee Gewicht hat

In nahezu allen Bereichen meines Lebens war ich ein Spätzünder. Der Schularzt bestätigte mir eine verzögerte Entwicklung (der Zähne), mein Abitur gelang mir erst auf dem zweiten Bildungsweg, als ich mein Diplom bekam, war ich über dreißig. Mutter wurde ich noch später. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass ich fast 50 Jahre alt werden musste, um das erste Buch zu veröffentlichen. Möglicherweise hat es aber auch einfach so lange gedauert, bis meine Worte genug Gewicht hatten…

Louise Bourgeois

Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe. Deshalb ist der Kreis, geometrisch gesprochen eine Eins. alles kommt zu dir vom Gegenüber. Man muss in der Lage sein, das Gegenüber zu erreichen. Wenn nicht, ist man allein.

Ilse Aichinger

Ein jeder bewohnt mehrere Zimmer in einem geräumigen Haus, versteckt seine einfältigen Gedanken und sucht nach wie vor Trost bei den Bäumen.

Eine aber entscheidet sich für die Küche der Großmutter, wo sie Worte solange verwirft, bis nur noch das Notwendigste auf dem Papier steht.

Die Not und wie sie jeden Tag verwandelt. Die Hingabe, die die Eitelkeit besiegt.

Sie spricht so klar, dass es vielen wie ein Rätsel erscheint. Ihr Verschwinden birgt die größte Präsenz.

Ellis Island

Unframed - Ellis Island by JR
Unframed – Ellis Island by JR 

„mein feld ist die welt.“ was unter nägeln brennt. nämlich kein

dreck, nur eine unze von dem fleck, dem man entsprungen. nicht

auf der rosenseite. meine unruh, meine krume. der nächste in

der reihe: zwei wochen blut im schuh. das einzige paar, und hat

ihn übers wasser getragen. zeigt her, zeigt her, sehet den wach-

männern zu. „poor physique is not a diagnosis.“ poorness is. uns

geläufig. die neue welt bestellen darf allein, wer zahlen kann. mit

den zehen voran.

[Uljana Wolf: Falsche Freunde]

Ilse Aichinger

„Wenn ich jetzt ehrlich sein wollte, müßte ich stumm sein. Daß wir sind, auch abgesehen von uns selbst. Daß alles was wir dazutun mit der Zeit lächerlich wird, wenn es nicht die Ergebung in das ist, woran wir nichts können.

Das ist vielleicht das härteste Gebot der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.“

(Ilse Aichinger)

Anne Carson, Wasser

Wasser in seinen unterschiedlichen Aggregatzuständen, und die Frage, ob es diese Aggregatzustände beim Menschen auch gibt.

Ein Stamm, eine Volksgruppe, die ihre Anlagen aus bislang nicht nachvollziehbaren Gründen, verbrannten, immer wieder, mit einer gewissen Regelmäßigkeit, wird – aus genau diesen Gründen – für religiös gehalten, schreibt Carson, und ich kann nicht umhin das auch, gerade im aktuellen Kontext, als zutiefst sarkastischen Kommentar zum Zeitgeschehen, oder vielmehr zur „Anthropologie“ zu lesen.

 

Anthropologie des Wassers wäre demnach auch so etwas wie der Versuch herauszufinden, was Wasser und Mensch gemeinsam haben, wo der Mensch wie Wasser ist, und wo das Wasser menschlich erscheint. Wiederum wie in diesem Satz über die Hoffnung der Pilger.

Was erhofft sich das Wasser?

Weiterhin frei von jeder Hoffnung zu sein?