Espedal „Biografie“

Was Espedal teilweise macht in Biografie (was auch Enquist macht in Blanche und Marie…) ist eine Überlagerung der Geschichten, Mutter, Tochter, Geliebte, die Bilder und Geschichten fließen ineinander.

Über seine verstorbene Frau schreibt er:

„Wo ist sie geblieben. Ich stehe in der Tür und sehe sie wie immer dort liegen, zwischen den Büchern und den Kissen, im Bett, im Schlafzimmer. Sie wirkt stiller, ruhiger, vielleicht – es ist immer noch möglich, das zu denken – schläft sie, sie schläft still heute Nacht, sie schläft ruhig heute Nacht, vielleicht schläft sie traumlos heute Nacht, eine sorgenfreie Nacht, eine kinderlose Nacht, eine Nacht ohne Träume davon, zu verschwinden, ein anderes Leben zu leben, ein reicheres, wilderes und kompromissloseres Leben. Aus dem Schlaf kann sie immer zurückkommen, aber sie schläft nicht, der Schlaf hat sie verlassen, und sie kommt nicht zurück, endlich ist sie davongekommen, sie vermisst uns nicht einmal.“

Ein unerhörter Gedanke (und dabei so nahe liegend, wenn er erst einmal dort steht), der Gedanke, dass die Toten entkommen sind, und uns nicht einmal vermissen.

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Ilse Aichinger

Ilse Aichinger, die Meisterin des Paradoxen. Wohl keine hat es so gut verstanden, das Paradoxe produktiv zu machen. Dem Schweigen so nahe zu kommen mit dem Schreiben. Einem Schreiben, das immer sehr genau hinsah und verändern wollte. Ermutigen. Zum Widerstand. Zum Eigensinn.

Ich lese gerade die gesammelten Interviews mit ihr, Interviews über einen Zeitraum von über 50 Jahren. Und alles, fast alles, was sie gesagt hat, tröstet mich nicht nur, es ermutigt mich auch.

Bis der Schnee Gewicht hat

In nahezu allen Bereichen meines Lebens war ich ein Spätzünder. Der Schularzt bestätigte mir eine verzögerte Entwicklung (der Zähne), mein Abitur gelang mir erst auf dem zweiten Bildungsweg, als ich mein Diplom bekam, war ich über dreißig. Mutter wurde ich noch später. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass ich fast 50 Jahre alt werden musste, um das erste Buch zu veröffentlichen. Möglicherweise hat es aber auch einfach so lange gedauert, bis meine Worte genug Gewicht hatten…

Louise Bourgeois

Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe. Deshalb ist der Kreis, geometrisch gesprochen eine Eins. alles kommt zu dir vom Gegenüber. Man muss in der Lage sein, das Gegenüber zu erreichen. Wenn nicht, ist man allein.

Ilse Aichinger

Ein jeder bewohnt mehrere Zimmer in einem geräumigen Haus, versteckt seine einfältigen Gedanken und sucht nach wie vor Trost bei den Bäumen.

Eine aber entscheidet sich für die Küche der Großmutter, wo sie Worte solange verwirft, bis nur noch das Notwendigste auf dem Papier steht.

Die Not und wie sie jeden Tag verwandelt. Die Hingabe, die die Eitelkeit besiegt.

Sie spricht so klar, dass es vielen wie ein Rätsel erscheint. Ihr Verschwinden birgt die größte Präsenz.

Ellis Island

Unframed - Ellis Island by JR
Unframed – Ellis Island by JR 

„mein feld ist die welt.“ was unter nägeln brennt. nämlich kein

dreck, nur eine unze von dem fleck, dem man entsprungen. nicht

auf der rosenseite. meine unruh, meine krume. der nächste in

der reihe: zwei wochen blut im schuh. das einzige paar, und hat

ihn übers wasser getragen. zeigt her, zeigt her, sehet den wach-

männern zu. „poor physique is not a diagnosis.“ poorness is. uns

geläufig. die neue welt bestellen darf allein, wer zahlen kann. mit

den zehen voran.

[Uljana Wolf: Falsche Freunde]

Ilse Aichinger

„Wenn ich jetzt ehrlich sein wollte, müßte ich stumm sein. Daß wir sind, auch abgesehen von uns selbst. Daß alles was wir dazutun mit der Zeit lächerlich wird, wenn es nicht die Ergebung in das ist, woran wir nichts können.

Das ist vielleicht das härteste Gebot der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.“

(Ilse Aichinger)