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Die Sätze werden immer kürzer, obwohl die Tage doch langsam merklich länger werden. Ich schreibe nicht wenig, werde aber immer skrupulöser wenn es ums Herzeigen des Geschriebenen geht.

Mein Verleger, der ja in erster Linie ein ganz wunderbarer Mensch und dann ein sehr mutiger Dichter ist, hat den Peter Huchel Preis gewonnen. Und ich habe das Gefühl, er hat ihn für uns alle gewonnen. Die Jury hat damit einen Weg eingeschlagen, weg von den formal unendlich anspruchsvollen Gedichten, von Gedichten, bei denen Literaturwissenschaftler:innen außer sich geraten, andere Leser:innen sich aber leider bestätigt sehen in ihrer Ahnung, dass Gedichte doch eher nichts für sie sind. Denn Dinçer Güçyeter schreibt in enger Verbindung zum Kind, das er gewesen ist, er schreibt so wie er lebt und denkt, allen und allem zugewandt, mit einem riesengroßen offenen Herzen und ohne Dünkel, aber eben auch ohne zu viel Respekt vor Feuilleton und Literaturbetrieb etc. pp. Er schreibt, weil er zuhört. Und wer ihn liest, findet sich oder wenigstens sehr viel Wärme und Radikalität, also Ermutigung und Verständnis.

Sansibar oder andere Märchen

irgendwie ist das Leben gerade, insbesondere das Leben dieses Gedichtbandes, genau das Gegenteil von „gebrochenen Versprechen“, eher so eine Art wahrgewordenes Märchen. Jedenfalls ist Sansibar heute tatsächlich und immer noch ein bisschen unglaublicherweise für mich, ganz offiziell in jedem Buchhandel zu bestellen, und beim Verlag natürlich sowieso, und ich bin super glücklich und stolz, dass er ein so schönes Zuhause gefunden hat.

Péter Nadás

Seit Tagen schon versuche eine Besprechung zu Péter Nadás großartigem Buch „Aufleuchtende Details“ zu schreiben. Mir ist klar, dass es unmöglich ist, dem Buch gerecht zu werden, dennoch will ich es so gut wie nur möglich versuchen. Dabei bin ich auf ein sehr schönes Interview gestoßen, dass Arno Widmann mit Nadás geführt hat. Falls es jemand von euch nachlesen möchte.

Espedal „Biografie“

Was Espedal teilweise macht in Biografie (was auch Enquist macht in Blanche und Marie…) ist eine Überlagerung der Geschichten, Mutter, Tochter, Geliebte, die Bilder und Geschichten fließen ineinander.

Über seine verstorbene Frau schreibt er:

„Wo ist sie geblieben. Ich stehe in der Tür und sehe sie wie immer dort liegen, zwischen den Büchern und den Kissen, im Bett, im Schlafzimmer. Sie wirkt stiller, ruhiger, vielleicht – es ist immer noch möglich, das zu denken – schläft sie, sie schläft still heute Nacht, sie schläft ruhig heute Nacht, vielleicht schläft sie traumlos heute Nacht, eine sorgenfreie Nacht, eine kinderlose Nacht, eine Nacht ohne Träume davon, zu verschwinden, ein anderes Leben zu leben, ein reicheres, wilderes und kompromissloseres Leben. Aus dem Schlaf kann sie immer zurückkommen, aber sie schläft nicht, der Schlaf hat sie verlassen, und sie kommt nicht zurück, endlich ist sie davongekommen, sie vermisst uns nicht einmal.“

Ein unerhörter Gedanke (und dabei so nahe liegend, wenn er erst einmal dort steht), der Gedanke, dass die Toten entkommen sind, und uns nicht einmal vermissen.

Ilse Aichinger

Ilse Aichinger, die Meisterin des Paradoxen. Wohl keine hat es so gut verstanden, das Paradoxe produktiv zu machen. Dem Schweigen so nahe zu kommen mit dem Schreiben. Einem Schreiben, das immer sehr genau hinsah und verändern wollte. Ermutigen. Zum Widerstand. Zum Eigensinn.

Ich lese gerade die gesammelten Interviews mit ihr, Interviews über einen Zeitraum von über 50 Jahren. Und alles, fast alles, was sie gesagt hat, tröstet mich nicht nur, es ermutigt mich auch.

Bis der Schnee Gewicht hat

In nahezu allen Bereichen meines Lebens war ich ein Spätzünder. Der Schularzt bestätigte mir eine verzögerte Entwicklung (der Zähne), mein Abitur gelang mir erst auf dem zweiten Bildungsweg, als ich mein Diplom bekam, war ich über dreißig. Mutter wurde ich noch später. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass ich fast 50 Jahre alt werden musste, um das erste Buch zu veröffentlichen. Möglicherweise hat es aber auch einfach so lange gedauert, bis meine Worte genug Gewicht hatten…