Zu viel

Es sind hauptsächlich zwei Dinge, die mich derzeit diesen Blog hier in Frage stellen lassen: zum einen gibt es so viel, viel zu viel von allem. Zu viele Blogs, zu viele Bücher, zu viele Kritiken und zu viele Diskussionen darüber. Ich finde mich nicht mehr zurecht, mir wird das alles zu viel. Und ich habe das Gefühl, ich sollte besser schweigen als dem Vielen ein noch mehr hinzuzufügen.

Was zum zweiten Punkt führt: ich glaube nicht, dass ich etwas zu sagen habe. Nichts wirklich relevantes. Mein Schreiben hier ist seit einiger Zeit ein um mich selbst kreisen. Kann sein, dass das notwendig ist. Dennoch langweilt es mich. Und ich denke nicht, dass ich diese Langeweile auch noch teilen sollte.

Vielleicht werde ich von Zeit zu Zeit auf Entdeckungen hinweisen, die ich gemacht habe. Vielleicht bleibt es hier aber auch so lange still, bis ich das Gefühl habe, wieder etwas zu sagen zu haben, dass sich für andere zu lesen lohnt.

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01. März

Wo denkst du hin?

In den Tod viel zu junger Menschen.

Wie wir immer wieder versuchen, sie festzuhalten, mit der Schrift.

 

Sie haben ein Feuerwerk gezündet.

Ich habe die Bilder gesehen.

Sie waren gemeinsam traurig und hilflos.

Und ich erlaubte mir keine Fragen,

weil wer tot ist, nicht mehr sprechen kann.

 

 

Die Tür

Ich bin grausam. Wenigstens mitleidslos. Wie Schneewittchens Mutter wäre ich in der Lage dem Jäger zu befehlen, mein Kind mit sich zu nehmen und nur mit seinem Herzen in der Hand zurückzukehren. Zum Glück habe ich Söhne. Zum Glück bin ich nicht mehr in dem Alter, in dem man an unvergängliche Schönheit glaubt.
Das mit der Grausamkeit, der Mitleidslosigkeit, ist viel älter, beinahe so alt wie ich und es ist eine Geschichte, die in Märchen selten erzählt wird, eine von einem Kind, das grausam zur eigenen Mutter ist. Das Kind als Täter. Die Mutter das Opfer. Das Kind war ich. Mein Vater lag im Sterben. Ich hatte Angst vor dem Tod, oder sagen wir es so, ich fürchtete den Geruch des Sterbezimmers, die gedämpften völlig veränderten Stimmen in seiner Nähe. Die Anwesenheit meines Vaters verwandelte alles in eine lebendige Abwesenheit. Das war unheimlich. Und je mehr darüber gesprochen wurde, mit Blicken, mit Gesten, mit Bewegungen , um so unheimlicher wurde es. Es war wie in einem Magnetfeld, das alle Bewegungen entschleunigte, das die Lautstärke drosselte, ein Magnetfeld, das die Lebendigkeit herausfilterte und vor der Tür abstellte, eine Seite der Tür war seine Abwesenheit. Die andere war jenseits von ihm. Jenseits von ihm war das Leben. Das war das Problem. Deshalb musste das Leben draußen warten.
Ich war fünf Jahre alt. Ich nahm mein Leben mit in dieses Sterbezimmer. Ich war zu jung, um mein Leben von mir zu trennen und vor der Tür warten zu lassen und die anderen im Raum waren zu alt, um das zu verstehen. Aber schlimmer war, wie mein Leben in blinder Panik durch das Zimmer lief und sich an allen Ecken blutig stieß. Schlimmer war, dass nichts und niemand mein Leben beruhigen konnte.
Niemand und nichts, außer dem Tod. Und als der Tod gekommen war, hatte der Jäger getan, was ich ihm aufgetragen hatte. Er brachte mir das Herz meines Vaters als Versprechen, nie wieder in dieses Sterbezimmer zurückkehren zu müssen. Er brachte mir dieses Versprechen mit einem Telefonanruf bei dem ich nur die Stimme meiner Mutter hörte. Die Stimme meiner Mutter, die in der stets gleichen Tonlage nach unterschiedlich lang bemessenen Pausen, verkündete: „Klaus ist tot.“ Was für mich klang wie: mein Leben ist frei, es muss nicht länger ausgesperrt und eingehegt werden. Natürlich liebte ich meinen Vater, den Mann dessen riesigen Pullover ich beim Wandern als Kleid trug, den Mann mit dem mich meine Mutter während unermüdlich wiederholter Prozessionen traute, weil ich schwor niemals einen anderen zu heiraten, als ihn. Aber diesen Mann gab es schon lange nicht mehr, auf dem Platz an dem er liegen sollte, lag jetzt ich und die Vorhänge verhöhnten mich, dass ich diesen Platz doch niemals würde ausfüllen können. Ach ihr, rief ich, das will ich doch auch nicht. Er ist tot, murmelte ich und die Vorhänge lachten. Also stand ich auf, den abgegriffenen Teddy unter den linken Arm geklemmt und fragte meine Mutter: „Wie geht es Papa?“ Ich stand vor ihr und sie stand vor mir. Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen. Sie sah tatsächlich aus wie immer, sie wandte mir ihr Gesicht zu, aber sie sah mich nicht an. Manchmal fragte ich mich, woran sie mich erkannte, so lange hatte sie mich nicht mehr angesehen. Ich musste mich sehr verändert haben, seit sie mich das letzte Mal angesehen hatte. Damals war ich ein Teil der gewünschten Familie. Jetzt würde sie mich völlig neu einordnen müssen. Jetzt gab es das Puzzle nicht mehr, nur noch das übrig gebliebene Teil, mich.
Der Boden unter meinen Füßen war kalt, das graue Telefon auf der Fensterbank schwieg. Es roch nach Kaffee und meine Mutter antwortete mit derselben Stimme, mit der sie die Nachricht am Telefon verbreitet hatte: „Papa ist tot.“ Mein Herz schlug einmal härter als sonst und ließ sich dann lange Zeit bevor es weiterschlug, der Teddy fiel nicht aus meinem Arm, die Welt drehte sich nicht in eine andere Richtung. Meine Mutter nahm mich nicht in den Arm. Ich weinte nicht. Ich weiß nicht, was danach geschah. Vielleicht sind wir beide in unterschiedliche Richtungen aus der Tür gegangen, ohne einander zu berühren, obwohl die Tür eng war.

 

Ausbruch

Du gehst mir so dermaßen auf die Nerven. Wie du neben mir herschleichst mit diesem Hundeblick. Und warum grinst du so dämlich? Ich kann es mir schon denken, ist ja nicht schwer hinter deine hohle Stirn zu gucken. Das blendende Weiß, die klare Luft und der strahlende Himmel haben es dir angetan. Genieß es nur, solange du noch kannst. Vielleicht kommt etwas Leben in dein Marionettengesicht – jeder Kasper hat mehr Ausdruck in seinem Holzgesicht als du – wenn dir klar wird, dass wir unsere letzten Schritte machen, dass wir auf dem besten Weg sind, geradewegs ins Unheil zu rennen.


Der beseelte Ernst, mit dem du mich jetzt ansiehst, ist auch nicht besser als dein Grinsen.
„Ist diese Stille nicht wunderbar?“
Warum quatscht du dann rein in diese wunderbare Stille?

Meine Mutter meint, du bist genau der Richtige. Soll sie doch mit dir erfrieren. Ihr verklärter und dein dusseliger Blick, eure Köpfe einander zugewandt. Mit steifgefrorenen Gliedern würden wir euch Tage später finden, von der Kälte konserviert. Die gefrorenen Schneepartikel um deine Schläfen würden den Altersunterschied verwischen. Ihr wärt das perfekte Liebespaar.

Du trägst tatsächlich die Mütze, die meine Mutter dir gestrickt hat. Fehlt nur noch, dass du anfängst zu singen. Oder Wunderkerzen aus der Tasche ziehst.

Wenn du wenigstens still sein könntest. Aber du willst reden. Man kann doch über alles reden. Ich will aber nicht. Ich will nicht mit dir reden. Ich will dir nichts erklären und mir nichts erklären lassen von dir.
So kann es nicht weitergehen, sagst du.
Da hast du endlich mal Recht.

Weihnachten in einer einsamen Berghütte. Nur wir zwei.
Und meine Mutter.

Vermutlich brauchst du Anschauungsmaterial über Mütter und Töchter. Du erzählst mir ja nicht mehr, was du schreibst, seit ich dir einmal gesagt habe, wie todlangweilig und ungereimt das war, was du mir vorgelesen hast. Du hast behauptet, dass ich nichts davon verstehe.
Ist das bei euch Dichtern eigentlich wie bei den Popstars? Wer gut aussieht und seine Show abziehen kann, braucht kein Talent? Muss wohl so sein, wie käme sonst jemand wie du auf die Idee zu dichten? Da fallen die falschen Töne nicht jedem sofort auf.

Meine Mutter meint immer, du musst vor Liebe blind sein. Aber ich will verdammt noch mal gesehen werden. Ich will keinen Blinden, sondern einen, der alles sieht, sogar das, was ich nicht zeige. Und der das aushält und dann sagt: du bist ein Miststück, aber ich liebe dich. Das kannst du nicht. Das könntest du nie.

Den Ring hast du schon vergessen. Du hast mir wieder einmal verziehen. Dabei habe ich deinen Ring nicht verloren, nicht einmal absichtlich. Ich bin nicht so schnell, wie du denkst. Alle meinen dich beneiden zu müssen, um deine Ruhe, deine Ausstrahlung. Dabei ist es wie mit meinen langen Beinen, nur außen eben, nur Oberfläche. Ich kann nicht weglaufen und in dir drin ist nichts. Das ist es, was du wirklich ausstrahlst. Nichts berührt dich, nichts bringt dich aus der Ruhe, weil du nichts verstehst.
Sag schon was, sag schon was, du versuchst deinen beschränkten Sprachschatz durch die Häufigkeit deiner Wiederholungen auszugleichen. Wie ein Papagei.

Das geht nicht in dein Dichterköpfchen, dass jemand einfach nicht mit dir reden will. Dabei kann man mit dir über alles reden. Du hast Verständnis. Für meine Mutter, die sich keinen Film ansehen kann, ohne zu Heulen, für den Hund, der den Teppich voll kotzt, für deinen Bruder, der sich gerade von seiner schwangeren Frau trennt.
Mit dir kann man reden. Kunststück, wo du doch nichts verstehst.

Schweigen kann man jedenfalls nicht mit dir. Wie mir das auf die Nerven geht, dass deine Blicke mich ständig durchbohren. Einen Fuß vor den anderen setzen im Schnee, einsinken, herausziehen, einsinken, dass kann man auch nicht mit dir.

Mit dir zusammen zu sein, ist einfach nicht schöner als allein zu sein.

Das Reh, das in panischer Angst über die Lichtung prescht, findest du niedlich. Vermutlich hast du den vorausgegangenen Schuss auch niedlich gefunden, wie Jäger überhaupt niedlich sind. Jäger und Haufen von toten Hasen und ein Reh in Todesangst und natürlich die kleine Blonde mit der Zahnlücke. Hast du das wirklich nicht gesehen, dass ihre Zähne so weit auseinander standen, dass du deinen Bleistift durch die Lücke hättest schieben können? Oder war es gerade das? Niedlich. Eine niedliche Zahnlücke.
Sollen sie glücklich werden mit dir und deinem debilen Dauergrinsen, deine niedlichen Schlampen. Der Schnee wird es für sie einfrieren und sie können sich einbilden, dass du lächelst, weil dein letzter Gedanke ihnen galt.

Ich jedenfalls gehe jetzt dahin, wo meine Gedanken längst sind. Zwei Füße, die ihren Weg zum Ursprung zurückverfolgen.
Du wirst deinen Weg schon finden. Und später kann ich immer noch meine Mutter schicken, um dich zu suchen.

[Dichtungsring 2007 – obwohl dieser Text schon so alt ist, liebe ich es immer wieder, ihn vorzulesen]

Friedhof

Grabmal
Grabmal

Der Ort, wo sich das Leben auflöst in das Wissen, die Gewißheit, das Gefühl von Abwesenheit. Und nicht einmal das ist wahr. Etwas anderes, völlig fremdes ist an die Stelle von Anfang und Ende getreten, von Tod und Leben, eine andere Art von Dauer und Wirklichkeit.

Abbruch

Was mir bevorsteht und wie. Zahlen und Reisen. Immer wieder die Erschütterung von leichtfertig aufgebauten Glaubensgewissheiten.

 

An meinem Geburtstag trifft neben Glückwünschen und Büchern eine Karte mit Trauerrand ein. Und ich frage mich, wie man weiterleben soll, wenn man sich nicht für unsterblich hält und wie, wenn man nicht an den Tod glauben würde, ihn in jeden Gedanken, in jede Rechnung einbeziehen würde. Unbewusst.

 

Um sich erschüttern zu lassen, wenn alles Dunkle auf einmal so klar zu Tage tritt. An die Oberfläche. Schwarz auf Weiß.

 

 

Schwarz liest sich auf einmal als schwach und dann bricht alles ab. Die Gedanken verweigern sich der Hand, die Buchstaben aus ihnen formt.

 

Meine Mutter

Und tatsächlich wird mir erst jetzt, über zwanzig Jahre später, bewusst, dass sie ganz allein gestorben ist. Im sterilen Krankenhaus, in einem Operationssaal, wie, wiederum fast zwanzig Jahre zuvor, mein Vater. Allein, ohne jemanden, der ihre Hand hielt, denn ich durfte nicht zu ihr. Mich hatte man auf den Flur verbannt, wo ich versuchte mit dem Schicksal zu feilschen: ich werde keine einzige Zigarette mehr rauchen, wenn sie überlebt. Aber ich schaffte es nicht, und sie starb.

Sie war schon tot, sagten die Ärzte, als sie hier ankam. Hirntot (dieses furchtbare Wort). Und wieder ließ man mich nicht zu ihr.

Wie lange mag das gedauert haben? Das Warten. Die Erklärung. Meine Verwirrung.

Habe ich geweint? Geschrieen? Getobt?

Ich weiß nichts mehr. Nur, dass eine Krankenschwester mir eine Zigarette gab, dass ich nur einen Pullover trug (es war ein kalter Abend im November), und plötzlich meine Tante da war, die mich mitnahm zu sich, zu meiner Cousine, in deren Ehebett ich schlief, tief beschämt, nach all dem überhaupt schlafen zu können.

Die Zeit danach ist ein hellblaues Loch. Sehr kalt. Sehr leer. Ich funktionierte noch, aber sämtliches Leben in mir war abgestellt. Ich trauerte nicht, ich dachte nicht. Ich litt daran, zu sein. Zu atmen. Ich war nicht fähig, Abschied zu nehmen, als man mich zu ihr in die Totenhalle führte. Niemand begleitete mich. Niemand hielt mich fest, um mir zu sagen: Das ist das letzte Mal, dass du sie siehst.

Was wusste ich von letzten Malen? Von Abschied und Verantwortung? Ich wusste nur: ich war allein. Und diese Leiche in diesem Sarg hatte keine Sommersprossen und auch sonst erstaunlich wenig mit meiner Mutter gemein. Meine Mutter war zu diesem Moment schon nichts anderes mehr, als eine Erinnerung. Erinnerung an Sommersprossen und Lebendigkeit.

Ohne sie zu berühren, ohne mir Zeit zu geben, verließ ich sie und behauptete: das ist nicht meine Mutter.

Friedhöfe

Friedhof in Las Palmas
Friedhof in Las Palmas

Was sucht man auf einem Friedhof? Die Verletzungen im Marmor (das ist nicht von mir, sondern von der wunderbaren Valeria Luiselli), einen lebendigen Menschen Einen Spiegel? Eine Erinnerung? Trost?