Anschluss

Ich finde keinen Anschluss. Die Sätze stehen für sich allein. Wie ich damals, im Kindergarten.

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Bestattete Geschichten

Früher dachte ich mir Geschichten aus. Die Bestatter wurden beschattet von meinen Geschichten. Ohne Hand und Fuß. Aber wortreich. Dann trennte ich den Saum der Geschichte auf. So wuchsen die Schatten. Bestatteten die Geschichten. Darunter mich.

Haushoch ungewollt

Eines meiner grundlegendsten Probleme war immer schon Scham. Als Kind war ich zu groß, später (bis heute) wusste ich zu wenig. Was für andere selbstverständlich war, war für mich eine Entdeckung. Ich konnte vieles nicht einordnen, weil ich die Hintergründe nicht kannte. Im einen wie im anderen Fall fühlte ich mich unterlegen. Keine gute Position, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Und das ist nur der kleinste Teil der Geschichte. Oder jedenfalls derjenige, der am meisten verschweigt.

 

Was ist Literatur?

Marlene Streeruwitz definiert Literatur als „Schreibung“ statt als Beschreibung von Welt. Der Versuch einer Konstruktion (oder Revolution?). Sie schreibt: „Ein Modell der Welt in Sprache“. Und: „Die in der Sprache hergestellte Figur von Welt hat die Fähigkeit, sich zwischen den Blick auf die Welt zu schieben. […] Literatur ist damit der Kampf gegen die Endlichkeit im Bericht über die Not, leben zu müssen.“

Über Kanonbildung und Literaturpäpste sagt sie: „Das ist kein interessierter Blick. Das ist ein Blick der Interessenslagen.“

„Literatur ist immer schon Beschädigtheit, Unvollkommenheit, Verzweiflung. Unerträglichkeit […] Sie verschafft der Bedürftigkeit und dem Begehren Zeit.“

Sie schreibt dies in der Neuen Rundschau 2019/1: „Jenseits von Raum und Zeit. Phantastische Literatur im 21. Jahrhundert.“ Der gesamte Text ist hier.

I

Woher kommt dieser Hang, diese Zuwendung, fast schon Suche nach Melancholie? All die schwermütigen Schriftsteller, die ich so gerne lese. Der wunderbare Espedal. Und jetzt Merethe Lindstrom. Aber schon lange davor Dostojewski, Les Murrays Schwarze Hunde. Die Anatomie der Melancholie von Burton liegt seit der Lesung, die unter diesem Motto stattfand (wann ist das gewesen? 2015 oder sogar schon davor, 2014?) ungelesen zwar, aber ständig griffbereit, auf dem Schreibtisch.

Die Dunkelheit, die immer wieder alles verschlingt. Sprichwörtlich. Oder wortwörtlich? In den Schatten stellt. Ich kenne das nicht, und kenne es doch. Es ist nie wirklich schlimm. Und nie wirklich weg. Selbst wenn ich glücklich bin, hat die Traurigkeit, die Dunkelheit, die Melancholie ihren Platz in mir. In meiner Anatomie wird die Traurigkeit erst sterben, wenn auch alles andere tot ist. Aber das ist nicht bedauernswert. Es ist eine Grundlage für die Empfänglichkeit von Schönheit, die ich nicht missen möchte.

 

(2)

Erwartungen haben, ohne darauf zu warten, dass sie sich erfüllen. Das wäre dann die Freiheit der Hoffnung. Ich folge mir zu diesem Punkt. Aber meistens gehe ich auf dem Weg verloren.

Die an mich glauben. Und die anderen, die in diesem Glauben herumkritzeln. Unsere Unsicherheit, die uns, gezeigt, oder nicht gezeigt, miteinander verbindet.

Wir verteidigen unsere Rede, als wären das wir.