Kunst

“Kunst ist nicht Reinheit, sie ist Reinigung. Kunst ist nicht Freiheit, sie ist Befreiung (…) sie ist nicht Unschuld, sondern Unschuldigwerden. Vielleicht sind deshalb Ausstellungen von Kinderzeichnungen, so schön sie sein mögen, nicht eigentlich Kunstausstellungen. Und deshalb wäre es, wenn die Kinder malen wie Picasso, vielleicht gerechter, Picasso zu preisen als die Kinder. Das Kind ist unschuldig, Picasso ist unschuldig geworden.“

(Clarice Lispector)

Erinnerung

 

Manchmal hat sie das Gefühl, verrückt zu werden. Sie wirft Rettungsanker ans Ufer, die niemand aufzufangen bereit ist. Und so muss sie ertrinken im Meer ihrer Erinnerungen, die keiner mit ihr teilt. Die sie verschlingen.

Heimat

Der Geist ließ die Fähigkeit des Körpers, feinste Geräuschunterschiede wahrzunehmen, ungenutzt. Und so blieb sein Wissen vom Ort oberflächlich. […] Existentielle Einsamkeit und ein Gefühl der Belanglosigkeit des eigenen Lebens – beides Kennzeichen moderner Kulturen – wurzeln zum Teil, scheint mir, in unserer Abkehr vom Glauben an die Heilsamkeit einer Bindung zum Ort. Ein beständig erneuerter Sinn für die unergründliche Komplexität von Zusammenhängen in der Natur, Mustern, die stets gegenwärtig und erkennbar sind und den Betrachter mit einschließen, wirkt dem Gefühl, man sei in der Welt allein, oder habe in ihr keine Bedeutung, entgegen. Das Bestreben, einen Ort genau zu kennen, ist letzthin Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, einem festen Platz im Leben.

Der Entschluss, einen bestimmten Ort kennen zu lernen, wird meiner Erfahrung nach durchgehend belohnt. Und jeder Naturort, meine ich, ist kennenlernbar. Und irgendwann in diesem Prozess beginnt man zu spüren, dass man selbst gekannt wird, so dass man weiß, wenn man nicht an dem Ort ist, fehlt man ihm. Und diese Gegenseitigkeit, zu kennen und gekannt zu sein, verstärkt das Gefühl, dass man in der Welt gebraucht wird.

Vielleicht lautet die oberste Regel für alles, wonach wir streben, aufmerksam zu sein. Eine weitere lautet vielleicht, Geduld zu haben. Und eine dritte, auf das Wissen des Körpers zu achten […]

Dieser Augenblick ist eine Einladung, und die Einladung des Bären, teilzuhaben, gilt jedem, der vorüber kommt, ohne Ansehen der Person.

(Barry Lopez  aus the invitation übersetzt in Auszügen abgedruckt in der Neuen Rundschau 04/2016

Romeo

Die Zeit schloss mich ein. Wie die Dornen und der Schlaf Dornröschen in ihrem Schloss. Unter dem Fenster fremdes Lachen, dabei sollte Romeo dort stehen. Jeder hat einen Romeo verdient und jeder hat verdient, dass einer seine Geschichte aufschreibt, so wie Shakespeare es getan hätte.

Wir aber schaukeln auf und ab auf den Lianen unserer Vernunft. Kommt Schlaf, kommt Rat. Bleibt er aus, versumpft alles in Niedergeschlagenheit. Wir haben unsere Kinder geschlagen. Heute reden wir von Baustellen. Dass wir etwas aufgebaut haben, damit unsere Kinder es besser haben, wenn sie später ihre eigenen Kinder schlagen. Erst auf dem Sterbebett, während der letzten Atemzüge, erkennen wir, es hätte genügt, wir selbst zu sein. Zu uns zu stehen, wäre mehr gewesen. So waren wir Eingeschlossene der Zeit, unfähig einmal auszutreten aus all dem Haben und Sollen, um einfach zu sein. Wie der kleine Junge am Fenster, der still und selbstvergessen, nur für sich, einfach nur tanzt.

Für S.

Sich selbst an die letzte Stelle zu setzen, habe sie gründlich, von der Pike auf, gelernt, sagt sie. Und dass es nicht notwendig sei, ihr ein Gesicht zu geben, nur Hände, mit denen sie zupacken kann, streicheln, trösten, auffangen. Alle, die ganze Welt. Nur nicht sich selbst.

Vorbei

Sie ging hin und her, auf und ab, sie stolperte, sie strauchelte, je häufiger, umso mehr sie sich bemühte, alles richtig zu machen. Ihre Schritte waren nicht gut genug, und stehen bleiben durfte sie nicht. Es wird vorbei gehen, redete sie sich ein. Aber es ging nicht vorbei, es stolperte, stockte und fiel vorbei. Es wand sich vorbei, und die Scham hatte ohnehin kein Ende.