Romeo

Die Zeit schloss mich ein. Wie die Dornen und der Schlaf Dornröschen in ihrem Schloss. Unter dem Fenster fremdes Lachen, dabei sollte Romeo dort stehen. Jeder hat einen Romeo verdient und jeder hat verdient, dass einer seine Geschichte aufschreibt, so wie Shakespeare es getan hätte.

Wir aber schaukeln auf und ab auf den Lianen unserer Vernunft. Kommt Schlaf, kommt Rat. Bleibt er aus, versumpft alles in Niedergeschlagenheit. Wir haben unsere Kinder geschlagen. Heute reden wir von Baustellen. Dass wir etwas aufgebaut haben, damit unsere Kinder es besser haben, wenn sie später ihre eigenen Kinder schlagen. Erst auf dem Sterbebett, während der letzten Atemzüge, erkennen wir, es hätte genügt, wir selbst zu sein. Zu uns zu stehen, wäre mehr gewesen. So waren wir Eingeschlossene der Zeit, unfähig einmal auszutreten aus all dem Haben und Sollen, um einfach zu sein. Wie der kleine Junge am Fenster, der still und selbstvergessen, nur für sich, einfach nur tanzt.

Für S.

Sich selbst an die letzte Stelle zu setzen, habe sie gründlich, von der Pike auf, gelernt, sagt sie. Und dass es nicht notwendig sei, ihr ein Gesicht zu geben, nur Hände, mit denen sie zupacken kann, streicheln, trösten, auffangen. Alle, die ganze Welt. Nur nicht sich selbst.

Vorbei

Sie ging hin und her, auf und ab, sie stolperte, sie strauchelte, je häufiger, umso mehr sie sich bemühte, alles richtig zu machen. Ihre Schritte waren nicht gut genug, und stehen bleiben durfte sie nicht. Es wird vorbei gehen, redete sie sich ein. Aber es ging nicht vorbei, es stolperte, stockte und fiel vorbei. Es wand sich vorbei, und die Scham hatte ohnehin kein Ende.

 

Mutterbilder

Mutterbilder

Der im Sommer entstandene Tausend Mutterbilder Blog stagniert. Das liegt an mir und an der fehlenden Resonanz.

Was nicht heißen soll, dass ich nicht sehr sehr dankbar und erfreut bin über all die wundervollen Beiträge, die bisher eingegangen sind. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die Bilder, Gedanken, Gedichte und Geschichten beigesteuert haben!

Nichts desto trotz hatte ich mir das alles anders vorgestellt. Weniger arbeitsintensiv. Und mit einer größeren Beteiligung. Seit Wochen schon habe ich keine Beiträge mehr bekommen. Vielleicht lege ich jetzt eine Pause ein und warte ein, zwei Monate ab, wie sich alles entwickelt. Meine Motivation und die Bereitschaft von Töchtern und Söhnen, Vätern und Müttern, über dieses Thema zu reden, zu zeichnen, zu singen…

Schuldträger

Kaum stand es da, dieses Zitat von Thomas Melle, dass es keine Schuldigen gibt, nur die Schuld, kam es mir falsch vor, das so unkommentiert dort stehen zu lassen. Denn natürlich gibt es nicht nur die Schuld, sondern wenigstens Verantwortung und wer die nicht übernimmt, macht sich u.U. zum Schuldigen.

Und dann kam eine Mail von der wunderbaren Bess, mit einer tiefreichenden Erweiterung dieses Themas. Sie schrieb:

 

Aber so wie es Wasserträger gibt, gibt es Schuldträger.

Und Schuldträgerinnen. Ich bin eine von ihnen.

 

(Und wenn man sie einmal beherrscht,

die Kunst, ein Joch auf sich zu nehmen,

greift man gern zu und nimmt auch noch anderer

Schuld auf die Schultern.)

Bess

 

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Zwei Dinge geschehen gleichzeitig beim Lesen von Thomas Melles „Die Welt im Rücken„. Einmal ungläubiges Mitleid, wie sich einer aufgrund von fehlgeleiteten Botenstoffen, Neurotransmittern, Hormonen, einer Krankheit eben, immer wieder so unfassbar (und zunehmend folgenreicher) in die Scheiße reiten kann, aber damit einhergehend eben auch, dass ich (wenigstens für die Dauer der Lektüre) Gewalttäter, Randalierer, Verrückte eben, nicht länger einfach so verurteilen kann (den Mann mit dem irren, unglaublich aggressiven Blick in der U-Bahn z.B.). Dieses gut und schlecht, richtig und falsch, bekommt Risse. Wieder dieses Diktat, alles zu verstehen, sich einzufühlen, zu beobachten, statt zu (ver) urteilen. Und gleichzeitig weiß ich, dass mit diesem ganzen Verständnis, diesem unerfüllbaren Anspruch allen gerecht zu werden, kein Schreiben möglich ist. Jedenfalls nicht das Schreiben, das ich eigentlich will.

Radikal und verständnisvoll, das gibt es nicht zusammen. Zumindest für bestimmte Bereiche schließt sich das aus. Andererseits gibt es natürlich auch nichts wirklich wertvolles ohne Einfühlung. Nur muss daraus eine Haltung erwachsen, nicht Beliebigkeit. Und vor allem nicht dieser billige als Schutzmechanismus hervorgestoßene Satz: Das könnte ich nicht.

James Salter lesen und etwas über Besprechungen erfahren

Alles, was ist, von James Salter gelesen. Zunächst konnte ich die Begeisterung, die das Erscheinen des Buches damals begleitet hatte, nicht recht verstehen. Mich irritierte die Beiläufigkeit, mit der Katastrophen aufgezählt wurden, auch diese im wahrsten Sinne des Wortes gleichgültige Perspektive hat mich irritiert. Dennoch konnte ich mich dem Buch nicht entziehen, da war etwas, das es besonders machte. Und jetzt,  nachdem ich es zu Ende gelesen habe, habe ich eine Rezension auf Zeit online gelesen, die meine Irritation aufklärt. Das ist die Erfahrung einer wirklich gelungenen Rezension, die das Werk einordnet, die erklärt, welche Form gewählt wurde und warum. Also nicht nur ein gutes Buch gelesen, sondern auch ein Stück weit wirklich begriffen, was Besprechungen leisten können. Leisten sollten.

Depression und Fahrrad

Ein Gehirn mit Depressionen, das war wie ein Fahrrad mit einem kaputten Tretlager. Man konnte strampeln, wie man wollte, aber man kam doch nicht vom Fleck.

Frieder aß ziemlich hastig und viel. Er war immer als Erster fertig. Dann schob er den Teller von sich weg und sagte: „Ich bin satt. I am sad.“

(Auerhaus – Bov Bjerg)

Ich bin in der Beziehung ein wenig borniert. Wenn Bücher allzu einhellig, allzu euphorisch besprochen werden, mache ich gewöhnlich eher einen Bogen um sie. Um dann immer wieder, wenn ich über Umwege doch noch zum Lesen gekommen bin, festzustellen, dass einhelliges Jubeln nicht automatisch bedeuten muss, dass das, was bejubelt wird, mittelmäßig ist.

Auerhaus habe ich jedenfalls sehr genossen. Sicher auch, weil der Jahrgang stimmt, weil die Menschen, die in diesem Buch, traurig und verzweifelt, verrückt und phlegmatisch sind, das in genau der Zeit sind, in der auch ich das alles gewesen bin. Aber darüber hinaus ist es ein schönes Buch über Freundschaft und Jungsein, Scheitern und Tod.