Aufwachen

Die Erinnerung an meine über das Papier schwebende Hand. Das Gesicht des Dichters, alt und gleichzeitig jung, unendlich desillusioniert und gleichzeitig kämpferisch. Die Angst, die Macht, die Kapitulation. Und dass es welche gibt, die die Kraft haben, dagegen anzuschreiben und andere, die sich (wie ich) mit Gefühlen und Nabelschau zufrieden geben. Geben müssen? In meiner Jugend war ich ein politisch interessierter Mensch. Gestern ist in meinem Bundesland gewählt worden und obwohl ich pflichtschuldig zur Urne gegangen bin, hat mich das Ergebnis nicht interessiert. Ich muss (und möchte!) heraus aus dieser Gleichgültigkeit, dieser bequemen, viel zu bequemen Haltung des: es nützt ja doch alles nicht. Alles ist an die Wand gefahren und nicht mehr zu retten. Ich bin so müde. Unendlich müde. Müde von all der Sinnlosigkeit. Müde von dem Leid. Der Ohnmacht. Aber dann lese ich „Gleichnis in allen Sprachen“ und will wieder aufwachen, will stark sein und sogar kämpfen, für den Frieden, für das Wort. Es ist überhaupt nicht wichtig, dass ich nicht die richtigen Worte finde, die richtigen Worte der anderen zu lesen und zu preisen ist ebenso schön. Weniger schön, sogar schrecklich, ist es, sich Sorgen zu machen zu müssen, um Menschen, die uns so klare Worte schenken.

(58)

Ich wollte unbedingt ein Hündchen. Das Hündchen war dasjenige Wesen, das Jahre später überlebte. Eine seltsame Krankheit, die ich seit Jahren kultiviere sind diese Zeitsprünge. Ich erzähle etwas, das Jahrzehnte zurückliegt, und kann nicht anders, als sofort zu dem Punkt zu kommen, der alles zerstört. Also jegliche Spannung, die vielleicht aufgebaut werden könnte. Obwohl; ich und Spannung? Ich, ein Hündchen und Spannung? Vielleicht lieber sammeln. Da war Katrins Hund. Der große sehr gutmütige Rottweiler, mit dem sie gemeinsam mit Sandra und ihrem Collie in einer kleinen, wirklich sehr kleinen Wohnung mitten in der Innenstadt wohnte. Eines Tages waren ihre schönen schwarzen Haare ganz kurz und blond. Das war traurig. Aber sie hatte es auch aus einem traurigen Grund getan. Im Grunde wusste ich nicht viel davon. Und der Hund hatte jedenfalls nichts damit zu tun. So weit ich weiß. Das Hündchen lebte damals noch. War aber nie dabei. Er erfüllte vielmehr eine wichtige Aufgabe. Er sorgte dafür, dass meine Mutter nicht ganz allein war, nachdem ich irgendwie auch bei Sandra und Katrin und den Hunden eingezogen war. Ich kam manchmal nach Hause, um meine Wäsche zu wechseln, den Kühlschrank zu plündern. Aber mit dem Hündchen und meiner Mutter redete ich dabei nicht. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass ich mich nicht um sie kümmerte, dass sie mich nicht kümmerten. Sie waren mir egal. Vielleicht sogar lästig.

Das sollte sich wenig später fundamental ändern. Aber das ist auch so eine Eigenart von mir, dass ich die Dinge erst wertschätze, wenn sie unwiderbringlich verloren sind. Ich, so wird aus den bislang geschriebenen Zeilen hinreichend klar, bin insofern eine ganz durchschnittliche Jugendliche gewesen.

Das Hündchen vermutlich auch. Er war ein Pudel. Er war ein Pudelrüde. Nicht gerade des Pudels Kern, aber doch ein reinrassiger Pudel. Von einer Züchterin gekauft. Warum meine Mutter meinen Hundewunsch nicht einfach mit einem Besuch im Tierheim erfüllte, sondern einen Welpen aus einer Zuchtstation besorgte, haben wir später nie thematisiert. Ich war vielleicht 8 oder 9 Jahre alt, als ich den Hund bekam. Und sehr begeistert über sein sehr seidiges, sehr glattes Babyfell, seine tappsigen Bewegungen. Ich hatte wirklich keinen Grund, mich zu beschweren. Und das tat ich auch nicht. Es gibt ein Foto von mir und dem Hündchen mit seinem hellblauen mit glitzernden Steinen besetzten Hundehalsband an dem die dünne blaue Lederleine hing, irgendwo vor dem Haus, in dem wir wohnten. Ich erinnere mich, dass Kirmes war. Unsere Wohnung lag an einer Straße, die direkt zur Kirmes führte. Zu Kirmeszeiten pilgerten unzählbare viele Leute dort vorbei. Und viele blieben stehen, um das Hündchen zu bewundern, um auszurufen: wie süß. Guck mal, der ist ja noch ganz klein. Solche Sachen. Aus irgendeinem Grund machte mich das stolz. Als wäre ich verantwortlich dafür, dass das Hündchen so süß und klein war. Dabei hatte es nur eine Fellfarbe, die sich absolut mit meiner Haarfarbe deckte. Vielleicht war das der Grund, warum meine Mutter bei der Züchterin zugeschlagen hatte. Sie war im Tierheim gewesen, hatte einen Rundgang gemacht und enttäuscht festgestellt, dass es kein einziges Tier gab, dass ein so seidig schwarzes Fell hatte, dass es zu den Haaren ihrer Tochter passte. Sie war sehr enttäuscht. Was wiederum gut war, so konnte sie sich vorstellen, wie es sich für mich anfühlen würde, wenn auch zu diesem Geburtstag wieder Puppen und Puppenkleider, und was man kleinen Mädchen in den 70er Jahren so schenkte auf dem Gabentisch liegen würden, aber kein Hündchen.

Pflegeprotokolle

„Ich weiß nicht, ob Soziale Arbeit und Pflege tatsächlich aufwertbar sind, ohne das sich alle Menschen aktiv mit ihrer eigenen Sterblichkeit und ihrer eigenen Fragilität beschäftigen. Dass Leute den Gedanken zulassen: <Auch ich könnte arbeitslos werden, und ich könnte dann mein Haus verlieren> Das ist nicht immer nur der Loser von nebenan, der nichts auf die Kette kriegt, es kann jedem passieren“ (Pflegeprotokolle, S. 54, Frédéric Valin)

Ein aufschlussreiches und wichtiges Buch. Hoffentlich lesen es die richtigen! Da sind so gute Ideen und Gedanken drin.

(6)

Ich bin im Waschraum des Kindergartens. Allein mit einer Erzieherin. Der Waschraum ist dunkel und gekachelt. Ich bin dort, weil ich Seife gegessen habe.

Andererseits die Erinnerung, dass ich während der Grundschulzeit einmal Seife gegessen habe, weil man mir erzählt hatte, davon bekäme ich Fieber (ich bekam kein Fieber), und ich musste unbedingt einen Weg finden, die anstehende Klassenarbeit nicht mitschreiben zu müssen.

Die Erinnerungen passen nicht zusammen. Sie laufen auf eine Art parallel, die nie dazu führen wird, dass sie einander überschneiden (bei beiden Erinnerungen ist es das erste und letzte Mal, dass ich Seife esse). Es gibt keine Schnittstelle, um daraus eine Geschichte zu machen.

(4)

Adjektive wie „fleißig“ und „strebsam“ passen nicht wirklich zu ihr. Wenn sie „etwas mit Sprache“ macht, tut sie es aus einem Gefühl heraus. Auf pathetische Weise.

maggie Nelson – Die Argonauten

„Der Großteil dessen, was ich schreibe, fühlt sich für mich wie eine schlechte Idee an, weshalb es mir schwerfällt zu unterscheiden, welche Ideen sich schlecht anfühlen, weil sie einen Wert besitzen, und welche sich schlecht anfühlen, weil sie wertlos sind.“

Das ist der Grund, warum ich lese. Dinge ganz prägnant ausgedrückt zu finden, die mir so vertraut sind, dass ich selbst sie nicht formulieren kann.

(64)

All dem Gerede von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit setzt Werner Herzog einen bestehend einleuchtenden Gedanken entgegen. In Jan Wilms siebten Begegnungen in der Autofiktion lässt er Werner Herzog sagen: „Gegenwart ist eine Fiktion, die wir uns selber aufbauen, und die Fiktion ist evident […] Wenn ich den Fuß anhebe, um einen Schritt zu machen, dann ist der angehobene Fuß schon Vergangenheit und das Niedersetzen des Fußes vor mir bereits Zukunft. Wenn ich den Fuß schon fast angehoben habe und gerade erst heruntersetzen will, dann ist keine Gegenwart da. Die Gegenwart, technisch gesehen, kann es nicht geben, das heißt, wir schaffen sie uns als eine merkwürdige Fiktion, und das heißt auch, dass sich die Zeitabläufe in bestimmten Ereignissen und in der Dichte von Geschehen auf einmal verändern können.“ Die Lösung aus diesen scheinbaren Widersprüchen liegt in der Vorstellung (oder ist es eine Einsicht?), dass Zeit nicht chronologisch verläuft, unser Lebenslauf keine gerade Strecke zwischen Geburt und Tod ist, sondern kreisrund in Spiralen verläuft, in denen sich Vergangenheit und Zukunft immer wieder kurzschließen und so manchmal einen Strudel aus Gegenwart erzeugen.

(63)

Während die Losigkeit bei Rembrandts Altersbildern von großer Freiheit und dadurch ermöglichter Wahrhaftigkeit zeugt, ist sie bei den Worten, die mir spontan einfallen ausschließlich negativ besetzt: Einfallslosigkeit, Verständnislosigkeit, Mitleidlosigkeit, Haltlosigkeit. Das angehängte „losigkeit“ zeigt ein Fehlen an. Allerdings wird es niemals hinter die Begriffe gesetzt, die man wirklich los werden will. Oder, wenn doch, wie z.B. bei Machtlosigkeit, nicht als etwas, das überwunden werden konnte, sondern nur als das Fehlen von etwas, das notwendig wäre, um eine Änderung herbei zu führen.

Als ich Losigkeit nachschlage bietet mir der Sucheintrag als erstes endlich einen Begriff an, dem ich etwas Positives abgewinnen kann; „Regellosigkeit“, und schließt damit sogar den Kreis zu Rembrandt, der sich in seinem Alterswerk ja ebenfalls über die geltenden Regeln hinweg gesetzt hat, um Wahrhaftigkeit zu erreichen. Rembrandts „Losigkeit“, die im Niederländischen (jedenfalls von meinem Übersetzungsprogramm) mit Lockerheit übersetzt wird, war eine Reaktion, seine Reaktion, auf all das, was er verloren hatte. Er hat dem Verlust die Freiheit entgegen gesetzt. Wenn ich ohnehin alles verloren habe, hat er vielleicht gedacht, dann habe ich nichts mehr zu verlieren, und also die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will, so wie ich es will. Und wenn das kein Trost ist, denn weiß ich nicht, was Trost sein könnte.