automatische Geister

Der Tag erhebt sich über die Schreibenden. Die Schreibenden aber verstummen. Versinken in Gerüchten. Im Richten. Das Angereicherte verdirbt. Die Sonne verzieht sich in den Finsterwald. Es kommt die Stunde der Geister. Die Geister geistern herum. Versuchen Kontakt aufzunehmen. Aber die Menschen sind von allen guten Geistern verlassen und die Menschlein zu klein. Was bleibt den Geistern übrig? Böse zu werden, oder zu verschwinden. Das ist nicht viel. Das ist nicht nichts. Und die Geister werden schon etwas daraus machen. Schließlich sind sie wie die Gedanken so frei und geistern einfach herum. Als ihre eigenen Herren und Damen. Ketten mit denen sie rasseln gehören ganz entschieden und unzweifelhaft in die Menschenwelt. In die Welt der geistlosen Menschen. Die – fällt der Begriff Geist – an Alkohol denken. Und fällt der Begriff „Begriff“ daran, dass sie alles im Griff haben. Klammergriff. Würgegriff.

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Dass das Schreiben so schwierig, so voraussetzungsvoll geworden ist, seit sich das Zittern immer weniger bändigen lässt. Dass ich meine Träume zensiere, sobald ich wach bin, indem ich alles vergesse und nur unbedeutende Details behalte, bei denen ich mir sicher bin (mir vormachen kann), sie hätten absolut nichts mit mir zu tun.

Die Räume und Türen und Fenster. Was man braucht und was man zu brauchen glaubt. Wie viel man zurücklassen muss für einen Neuanfang, und ob es wirklich einen so großen Unterschied macht, ob die Dinge freiwillig zurück gelassen werden, oder ob das Leben, die Zeit, der Lauf der Dinge, sie mir entreißen. Ein Jegliches hat seine Zeit ist eben nicht nur ein Spruch, sondern die Essenz des Lebens. In guten wie in schlechten Tagen.

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Die Spinnweben an der Decke. Die Bücherkisten. Die Gespräche vor dem Fenster. Das Lachen. Das Zittern. Das Fehlen von Aufrichtigkeit. Die Anstrengung, alles richtig zu machen. Das Wasser. Der Kaffee. Der längst vertrocknete Blumenstrauß. Die Sinnlosigkeit des Lebens. Der Trost, der darin liegt, es schreibend festzuhalten.

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Du sollst dir kein Bildnis machen und du kannst dir keinen Begriff machen. Vielleicht sind es diese Negationen, in denen wir einander begegnen können.

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Immer das Gleiche, denke ich und der Hund bellt innere Monologe. Es ist viel schlimmer wenn die Stimmen im Kopf schweigen, wenn eine alles von ihnen erwartet und nichts von sich selbst.

Schlimmer als was?

Antworte nicht.

Und die Märchen. Mit denen wir nicht fertig werden. Die wir immer weiter spinnen.

Märchen als autopoeitische Spinnenbeine.

Du sollst dir kein Bildnis machen und nicht zögern.

Ich stelle mir Aufgaben um nicht aufzugeben.

Gelungene Übersetzung der Kälte in Poesie

Mit Kälte hatten wir es in den letzten Monaten ausgiebig zu tun, der Frühling fiel weitesgehend aus, und anlässlich der sich immer länger hinziehenden Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen für jeden Einzelnen, wuchs nach und nach auch die ohnehin vorhandene soziale Kälte. Solidarität wurde von immer größeren Teilen der Gesellschaft als Zumutung empfunden. Angesichts dieser Entwicklung scheint es naheliegend „Kälte“ als Thema einer Ausgabe der Wortschau auszuschreiben.

Dass Kälte über ein meteorologisch und emotionales Phänomen hinaus große ästhetische Varianz entfalten kann, illustriert die seit April vorliegende 37. Ausgabe dieser bemerkenswerten Literaturzeitschrift.

22 Autorinnen, 10 Autoren und eine Künstlerin nähern sich auf über 70 Seiten der Kälte und finden ganz eigene Worte „gegen den kalten abstand“ (Bess Dreyer), oder stellen „schneewiegen neben die zeit“ (Elke Bludau).

Der Zeilenschnee der Wortschau erstreckt sich vom Haiku über experimentelle Lyrik bis zum simultanen kosmopolitischen Tagebuch „Seitenwechsel“.

Es schneit bemerkenswerte Wortschöpfungen wie „Knochensplitterkörperkern“ (Liv Thalstum), bevor die Leserin vor der Entgleisung ein „kurzer Gruß vom Ende der Eiszeit“ erreicht, oder „Buntstifte […] den Schnee ausmalen“ (Ann Kathrin Ast).

Das von der Künstlerin des Heftes, Angelika Eggert, stimmungsvoll illustrierte Heft, versammelt eine gelungene Mischung der Stile und Generationen.

Man betritt die Kältekammer mit der Hauptautorin dieser Ausgabe, Franziska Beyer-Lallauret, die die Leser:innen mit märchenhaft mystischen Zeilen voll geheimnisvoller Schönheit gefangennimmt. Die flankierende Illustration von Angelika Eggert, schwarz-weiß Kombinationen aus Monotypie und Holzschnitt, fangen die schwebende und gleichzeitig untergründige Stimmung der Gedichte ein und erweitern sie gleichzeitig.

Der immer wieder aufs Neue bezaubernde Poedu Teil hingegen präsentiert die ganz besondere Weisheit und kluge Kreativität von Kindern. Seit seinen Anfängen begleitet die Wortschau das Projekt der in Berlin und Barcelona lebenden Autorin Kathrin Schadt, in dem Dichterinnen und Dichter Kindern wöchentlich eine Schreibaufgabe stellen.

Der „Seitenwechsel“ mit dem die Ausgabe der Wortschau abschließt, ist während der Corona Krise entstanden und lässt drei Autorinnen und drei Autoren aus unterschiedlichen Teilen der Welt an einem bestimmten Datum Tagebuchnotizen verfassen. In der Kälte Ausgabe ist es der 31. Dezember 2020, der Johanna Hansen zu Gedanken darüber veranlasst, wie aus anfangen und aufhören, auffangen und anhören wird. Sich wiederholende Gesten des Wartens treffen auf Geduld (David Oates) und die Frage, wie man sich in der Kälte warmhält.

Betrachtungen schieben sich ineinander, nehmen unbewusst Fäden auf, die sie weiterspinnen, um schließlich ein Netz entstehen zu lassen. Ein Gewebe, das Kathmandu, Barcelona, Düsseldorf, Passadena, Sydney, Oregon und Riga mühelos und gleichzeitig außerordentlich gewinnbringend verbindet. Was so entsteht ist ein großartiger philosophischer Teppich aus einzigartigen Gedanken, die so vielleicht nur durch Verbindung entstehen können.

Jeder und jedem einzelnen Beitragenden sowie der Künstlerin gelingt es, die Kälte des Alltags in Poesie zu verwandeln. Der Vorsatz der Wortschau der Kälte das Gespräch entgegenzusetzen, ist in der 37 Ausgabe dieser Zeitschrift aufs Schönste eingelöst. Ein Ansatz, der zeitlos ist und gleichzeitig aktuell.

Gewalt gegen Frauen

„Sobald Berichte über das Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt erscheinen, sagen die Schlagzeilen: Die Zahlen in Bezug auf Gewalt gegen Frauen sind „alarmierend hoch“. Sie sagen: Es hat ein „epidemisches Niveau“ erreicht. Sie sagen: Es handelt sich um eine „globale Pandemie“. Sie sagen: Es ist katastrophal. Sie sagen: Sieben von zehn Frauen erleben früher oder später körperliche und/oder sexuelle Gewalt. Sie sagen: Weltweit stellen Vergewaltigung und häusliche Gewalt für Frauen zwischen fünfzehn und vierundvierzig Jahren eine größere Bedrohung dar als Krebs, Autounfälle, Krieg und Malaria zusammen.“ (Priya Basil „Im Wir Und Jetzt“, 2021, Suhrkamp)

Und es wird gefühlt von Minute zu Minute schlimmer, die Abtreibungsgesetze in Polen, gerade jetzt der Austritt der Türkei aus der Frauenschutz Konvention.

Seit langer Zeit sammle ich immer wieder Berichte, Bücher, Sätze zur Lage der Frauen, alles hat mit einem Pecha Kucha zur Stimme der Frauen angefangen. Seitdem lässt mich das Thema nicht los, und lässt mich ebenso wenig anfangen zu schreiben. Das Material ist einfach zu vielfältig. Es gibt so unfassbar viele Schieflagen und beinahe ebenso viele katastrophale Lagen, wenn es um Frauen, um Frauenrechte und speziell um dieses Thema der körperlichen Gewalt geht.

Die Zahlen sind erschreckend, die Schicksale fast unerträglich. Und es scheint alles bereits gesagt. Vielleicht schreibe ich aber in aller erster Linie deshalb nichts darüber, weil ich spüre, dass es keinen weiteren Text braucht, sondern Handlungen. Was können wir tun, wie können wir einander unterstützen und schützen?

(26)

wind und knochen, feng und gu: die beiden bausteine, aus denen gedichte bestehen. das buch der lieder, schreibt der literaturkritiker liú xié im 6. jahrhundert, enthält sechs elemente, und das wichtigste von ihnen ist der wind. wenn ein text reich an farben aber ohne wind und knochen ist, die ihn in der luft halten, muss man ihn nur kurz schütteln, und seine schönheit wird auseinanderfallen. wenn eine schreibende dünn an ideen und fett an worten ist, fehlt es an knochen; wenn ihre ideen unvollständig sind und nicht vom boden hochkommen, fehlt es an wind. generationen chinesischer literaturwissenschaftlerinnen, schreibt elliot weinberger, haben versucht, herauszufinden, was wind und was knochen ist, aber das einzige, was liú xié ganz eindeutig dazu sagt ist das einzige, worauf alle sich einigen können, ist, dass die perfekte mischung aus knochen und wind, das perfekte gedicht, ein vogel ist.

(lea schneider, made in china)

(25)

Es gelang mir nicht, die Nachrichten zu entschlüsseln. Früher, bildete ich mir ein, war mir das mit Leichtigkeit gelungen. Sofort spürte ich den Impuls möglichst viele bunte Bilder möglichst sinnlos an- und übereinander zu kleben. Eine Oberfläche zu schaffen, eine kompakte und doch nachgiebige Grundlage aus Lautlosigkeit. Eine Sprachfläche, in der die Verständnislosigkeit so tief versinken könnte, bis alle Schlüssel gleich wertlos wären. Und wir getrieben von Ungeduld uns endlich schadstoffarm einrichten in unserer Bedeutungslosigkeit. Vielleicht hätten wir einander dann wieder etwas zu sagen.