Frauen, die auferstanden sind

Ich kann nicht wirklich viel anfangen, mit diesem Fest, das wir jetzt feiern. Auferstehung. Was soll ich darunter verstehen? Gestern habe ich zufällig gehört, wie jemand Auferstehung als Metapher für die Hoffnung, dass sich alles jederzeit änder kann, verstanden hat. Das hat mir gefallen. Und es erinnert mich an den bemerkenswerten Bildband „200 Frauen“, in dem die porträtierten Frauen allesamt zeigen, wie sie selbst persönliches Leid auf beeindruckende und außerordentlich inspirierende Weise verwandelt haben. Ein Buch, das wirklich ungeheuer ermutigend ist. Ich durfte es für Fixpoetry besprechen: 200 Arten, der Welt Miete zu zahlen.

Hier gibt es zusätzliche Bilder der Frauen.

Advertisements

ART/SCIENCE FESTIVAL 2018

Während sich der Vortragssaal der Kunsthalle zögerlich füllt, werden Vorbereitungen getroffen. Soundcheck, Absprache von Reihenfolgen und Moderation. Es geht lebendig zu in der Kunsthalle, die dieses Jahr Gastgeber des ART/SCIENCE Festival ist.

Angelika Epple spielt in ihrer Begrüßungsansprache auf Paul Ricoeur an, der behauptet hat, die Frage wer spricht zu beantworten, heißt die Geschichte eines Lebens zu erzählen. Diese Vorstellung einer „narrativen Identität“ zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass Disparates zusammengefügt werden kann.

Geht es um die Identität von Kulturen tritt eher die Frage von Ein- und Ausschluss in den Vordergrund.

Jutta Hüleswig-Johnen hat anlässlich der aktuellen Ausstellung „Der böse Expressionismus“ die Kunstrichtung des um 1900 entstandenen Expressionismus auf Identität befragt. Neben der historischen Situation während derer diese Kunstrichtung in Form der Künstlervereinigung „Die Brücke“ sich etablierte, zeichnet Hülsewig-Johnen den Lebensweg von Paula Moderson-Becker und Else Lasker-Schüler nach. Um am Ende ihres Vortrags zum Schluss zu kommen, dass ein Selbstverständnis als Künstler nicht zuletzt bedeutet, Grenzen in Frage zu stellen und zu überschreiten.

Ulrike Winkelmann, Liane Bednarz, Andreas Zick, Jagoda Marinic und Paula Diehl

In der folgenden Podiumsdiskussion, diskutieren Liane Bednarz (Juristin), Paula Diehl (Politische Theorie), Andreas Zick (Gewaltforschung) und Jagoda Marinic (Schriftstellerin), die Frage wieviel und welche Identität wir brauchen. Moderiert wird das kontrovers geführte Gespräch von Ulrike Winkelmann.

Auf die Frage, ob es einen statisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Identität und rechtem Gedankengut gibt, antwortet Zick, dass diese These zu kurz greift. Identität verbindet sich mit weiteren Phänomenen, mit dem Widerstand gegen das „Fremde“, mit der Angst vor Verlust und Wandel. Auf diese Weise gelingt es, Identität zu einem politischen Kampfthema zu machen. Identität wird dann zu einer Abwehr von Abwertung, und ist somit, ganz anders als in der Kunst, das Etablieren einer Grenze, das Aufmachen eines Gegensatzes: wir und die anderen. Wobei das diffuse „Eigene“, das selten definiert werden kann, verteidigt werden muss, ein Phänomen das auch Liane Bednarz bei ihrer Beschäftigung mit rechten Gruppen, immer wieder begegnet ist.

Jagoda Marinic berichtet als Tochter „jugoslawischer Gastarbeiter“ von ganz anderen Erfahrungen. Deutschland sei sehr viel offener geworden, ein positiver Wandel, der nicht zuletzt durch die zweite und dritte Generation der eingewanderten Menschen begünstigt worden ist, und der ihrer Meinung nach in der aufgeblasenen Debatte über die „neue Rechte“ untergeht.

Paula Diehl sieht Identität schließlich als Summe von Erfahrungen, die ein Mensch macht, und somit als ständig im Wandel begriffen.

Die Frage müsse also lauten, wie, warum und wofür nationale Identität konstruiert wird. Denn Gesellschaften konstituieren sich immer wieder neu. Wie also können wir eine neue, einwandernde Menschen einschließende und integrierende, Identität begründen und ausbauen?

Grundlegend notwendig dafür wäre eine Möglichkeit für das Gefühl von Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit zu schaffen. Vielleicht gelingt es dann, dass Menschen aus anderen Kulturen schnell „einheimisch“ werden.

Nach einer kurzen „Kunst-Intervention“, eine Gruppe junger Kunststudenten erscheint mit weißen Handschuhen, die in Farbe getaucht werden, auf der Bühne, ein weißes Blatt wird herumgereicht und unausweichlich hinterlässt jeder darauf Spuren. Schließlich sammeln sich die Ausführenden vor einem Spiegel. Dort werden die Blätter zerrissen, man geht in unterschiedliche Richtungen auseinander.

 

Das anschließend weitergeführte Gespräch dreht sich um Identität und Würde. Dabei wird Rekurs auf den hohen Anteil der AfD Wähler genommen, die sich, wenn auch nicht wirtschaftlich, so doch kulturell, abgehängt fühlen.

Alle Argumente, die „Fremdenfeindlichkeit“ begründen sollen, basieren auf einer behaupteten, und auch in dieser Diskussion kaum hinterfragten, Resourcenknappheit. Wenn alle glauben, dass nicht genug für alle da ist, ist es einfach mit Angst zu operieren. Leider wird die Diskussion nur recht kurz für das Publikum geöffnet. Dann sind die vorgesehenen zwei Stunden vorbei und das Gespräch muss anderswo weitergeführt werden. So viel aber ist sicher; es gibt noch viel zu reden, und wenn es so respektvoll und kontrovers geschieht, wie an diesem Abend, wird der Boden für Lösungen bereitet.

Alle Erklärungen sind Lügen

Alle Erklärungen sind Lügen. Beschwichtigungen, die uns beruhigen, einlullen sollen.

Als ich meine Diplomarbeit über das Sterben, über den Tod und die menschliche Konstruktion dieser Begriffe und Vorgänge schrieb, wusste ich jeden Tag weniger vom Tod, vergaß mit jeder Seite, die ich schrieb, dass ich sterblich bin.

Es war Soziologie. Es waren Zeitzeugnisse. Viele Notizen, und wenn ich Glück hatte, ab und zu ein paar Verbindungen, die sich aufdrängten.

Es waren Termine bei den Betreuern, der immer näher rückende Abgabetermin, mein Tischapparat in der Universität, und die Entscheidung für ein blassgelbes, oder eher beige-gelbes Deckblatt im Copyshop.

Später habe ich behauptet, der Tod habe mein Leben lang so eine große Rolle gespielt; mein kranker Vater, der starb als ich fünf war, der schleichende Selbstmord meiner Großmutter, der vollendet war, als ich gerade zehn Jahre alt geworden war, der plötzliche Unfalltod meiner Mutter zwölf Jahre später, mein Großvater, der sich zwei Jahre danach erhängte. Ich bildete mir selbst ein, dass ich all diese Todesfälle mit einer wissenschaftlichen Arbeit bewältigen wollte. Aber das ist Unsinn. Ich wollte sie vergessen, ich wollte sie wenigstens so weit von mir wegrücken, dass ich halbwegs normal, halbwegs unbeschwert leben konnte. Und irgendwie hat diese Lüge funktioniert. So gut, dass ich jetzt, zwei Jahrzehnte danach, erkennen kann, dass es eine Lüge war. Wie alle Erklärungen Lügen sind. Wie auch diese Behauptung eine Lüge ist. Und das einzige, was zählt ist der Unterschied zwischen den Lügen, die funktionieren, und den anderen, an die wir umso beständiger glauben, je weniger sie funktionieren.

Armut

Armut, das musste ich mir erst einmal klar machen, ist in diesem Fall keine Metapher, keine philosophische Frage, nach den wirklich bedeutsamen Werten im Leben, sondern eine knallharte, die Existenz bedrohende, oder zumindest bestimmende, Tatsache.

Die es unmöglich macht, neue Schuhe zu kaufen, wenn die alten kaputt sind, sich gesund zu ernähren, oder die Miete pünktlich zu zahlen.

Ganz zu schweigen von der sogenannten „Teilhabe am sozialen Leben“, sprich von Kino- oder gar Theaterbesuchen, Konzerten, oder wenigstens einem Nachmittag im Café.

Und obwohl ich nicht im Geld schwimme, merke ich, wie abstrakt diese Überlegungen für mich sind. Wie wenig ich mir eine derart belastende und Möglichkeiten, und damit Freiheiten, einschränkende Situation wirklich vorstellen kann.

Ist es wirklich die Hemmung, übergriffig zu handeln, wenn ich von etwas zu schreiben versuche, das mir so fremd ist, oder ist es vermeintlicher Selbstschutz, eine Art die Augen vor Zuständen zu verschließen, die mir Angst machen, die mich ein ums andere Mal daran hindern, eine Geschichte für dieses Projekt beizusteuern? Was weiß ich von dieser wirklich bedrängenden Art von Armut? Würde es etwas ändern, wenn ich mehr davon wüsste? Fühle ich mich verpflichtet, zu handeln, oder würde es für den Anfang genügen, genau hinzusehen?

Es tut mir leid, aber mehr als diese Fragen und Überlegungen kann ich im Moment nicht beisteuern.

Die Überlegungen beziehen sich auf die Idee von Sofasophia Geschichten von und für ausgegrenzte und arme Menschen zu schreiben, um den eventuellen Erlös genau ihnen zukommen zu lassen.

Der Schuh

Der Mann hatte seinen Schuh verloren, und das Kind hatte sich gefreut.

Aus seiner Freude, etwas Wasser, einigen Kieselsteinen und Blättern, sowie seiner unschlagbaren (überbordend, sagte der Vater, unheilvoll die Mutter) Fantasie, hatte das Kind ein Aquarium aus dem verlustig gegangenen Schuh gemacht. Es hatte den Schuh verzaubert, wie es selbst sagte. Die Mutter nannte den Zauber „entsetzlicher Dreck“, der Vater „ein wenig übertrieben“, und der Mann, der im dunklen Anzug mit einem noch dunkleren Blick vor der Tür stand, nannte ihn „mein verlorener Schuh“.

 

Ins Blaue

Die Übermacht der Tatsachen, die das „Ausdenken“ verhindern, schreibt Handke in „wunschloses Unglück“ über seine Mutter. Man beachte, dass er nicht Phantasie schreibt, sondern Ausdenken. Ein Begriff, in dem der Ausweg steckt, eine Möglichkeit aus der festgefahrenen Situation herauszukommen, eine Situation, die eigentlich erst durch die Verhinderung des Ausdenkens aussichtslos wird.

Und meine Mutter? Spätestens nach dem verfrühten Tod meines Vaters, diesem für sie unfaßbaren und unüberwindlichen Unglücks, sah sie sich sofort in einer aussichtslosen Lage. So aussichtslos, so erdrückend und allumfassend aussichtslos, dass sie zu trinken anfangen musste. Denn schließlich musste sie trotz allem irgendwie funktionieren. Da war ja noch das Kind. Nicht ihr Kind. Nicht sein Kind. Aber eines, das eine kurze unwiederholbare und unüberwindbare, Zeit lang alles nahezu perfekt gemacht hatte. Die grauen Haare, die das Kind nicht störten, der Traum von einer eigenen, richtigen, heilen Familie.

Dann die Briefe, die sie ihm während seines Kuraufenthalts schickte. „Es spricht die ersten Worte, läuft wacker an meiner Hand.“ Seine Beteuerungen, wie sehr er sie beide vermisse, dass er Fortschritte mache.

Lügen, an die sie glauben mussten, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Später als die Hoffnung endgültig verloren war, nur noch Funktionieren.

Und wenn nichts half, nicht die tröstenden Worte der Schwägerin, nicht die großen vertrauensvollen Augen des Kindes, war da der Alkohol. Die Flucht.

Ihr Ausweg ins Blaue.

Der Geschmack der Sprache

Gerade wenn die Politik eines Landes im Widerspruch zu einigen meiner moralischen Maßstäbe, meiner Glaubenssätze und politischer Haltung steht, kann es geschehen, dass man sich umso stärker auf die Sprache an sich zurück besinnt. Ihr sei das so widerfahren, schreibt Priya Basil in Lettre International 112, und fährt fort:

„Etwas anders hat meine Gefühle für das Englische verändert – das Deutsche. „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, hat Herta Müller geschrieben. Deutsch war eine Lupe, welche die grammatischen Feinheiten vergrößert und einen phantastischen Mechanismus offenbart hat, den ich nie zu sehen gelernt hatte. Sie hat mir gezeigt, wie die Satzstruktur das Denken verändert, wie „vergenderte“ – geschlechtsmarkierte – Nomen das Erscheinungsbild der Dinge verändern. Infolgedessen hat sich der Geschmack meiner Muttersprache verändert – ist zugleich frischer und vertrauter geworden.“

Das Mädchen, das alle Geheimnisse kennt

In der Parallelstraße wohnt ein kleines Mädchen, das alle Geheimnisse der Welt kennt, und deshalb unglaublich einsam, traurig und müde ist. Jeden Tag versucht sie verzweifelt zu vergessen. Sie weiß nur dieses Eine nicht; dass das Vergessen ganz von allein geschieht, wenn sie erwachsen ist. Sie wird eine ernste erwachsene Frau sein, die immer noch einige Geheimnisse kennt. Mehr als die meisten Menschen. Sie wird eine unerklärliche Leidenschaft für Hütchenspieler haben. Aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie sie aussehen wird. Genau darin, liegt das Problem meines Schreibens.

Der Verzicht blüht an jeder Ecke

Der Verzicht blühte an jeder Ecke. Die Farben gingen aus und ein. Auf dem alten vernarbten Holztisch, den ich nach meiner Scheidung zugesprochen bekommen hatte, stand ein Blumenstrauß und sprach mich an.

Selbstverständlich verstand ich nicht, was er sagte. Ich war schließlich nicht verrückt, nur einsam. Aber es war nicht zu überhören, dass er sprach. Jeder Mensch ist wertvoll, so etwas in der Art, hörte ich schließlich doch nach sehr langem, sehr konzentrierten Lauschen heraus.