Fäden und Stricke

Ein Weg besteht aus einer unübersehbaren Ansammlung an Fallstricken (als Kind kann man einen verlorenen Tag aus vollstem Herzen betrauern, die Wut einfangen, zusammenknüllen und aus dem Fenster werfen – aber später, viel später erst, kehrt sie als untröstliche Wehmut in ein gealtertes Hirn zurück)… Ich verliere den Faden, weil ich nichts zu sagen habe, und unversehens wird aus dem Faden ein Strick, an dem sich mein Großvater erhängt hat. Es wurde nie viel geredet über diesen Vorfall, inzwischen sind alle, mit denen ich reden könnte, tot. Überlebt hat die Erinnerung, wie mein rüstiger, kugelrunder Opa mit mir zum verwaisten Güterbahnhof wandert, damit ich Unmengen von Eicheln für die Tiere im Winter sammeln kann.

Und an seine Angewohnheit, immer eine Kastanie in der Jackentasche zu tragen.

 

Die Erzählung unseres Lebens

In ihrer Leipziger Poetikvorlesung (nachzulesen in der Neuen Rundschau Heft 1 2017) schreibt Doris Dörrie:

„Wir alle schreiben ständig an der Erzählung unseres eigenen Lebens, unserer story. Ich fing mit drei Jahren an, mir die Story des verstoßenen Kindes zuzuschreiben, das einsam und verlassen in der Welt ist.

Mit den Fakten hat diese Story nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit dem eigenen Gefühl. Und ganz gleich, wie sehr meine Eltern sich Mühe gaben, mir dieses Gefühl zu nehmen, besondere Dinge mit mir unternahmen, damit ich mich nicht vernachlässigt fühlen sollte – sie kamen nicht mehr gegen meine Story an.

Ich bestand auf ihr, war verletzt und beleidigt, isoliert und einsam. Auf jedem Foto aus der Zeit schaue ich wie ein waidwundes Reh -, aber irgendwann begriff ich, dass ich jemand anders sein konnte, wenn ich nicht die Welt um mich herum betrachtete, sondern mich in den eigenen Kopf zurückzog. Ich konnte mich verwandeln!“

Splitter

Auf einmal kann sie sich nicht mehr erinnern. Weil es nicht länger weh tut, sich zu erinnern. Weil es auch nicht glücklich macht. Weil alles gleichgültig geworden ist. Nicht einmal abgrundtiefe Leere. Nur ein Vakuum. Darin einzelne Splitter. Puzzleteile.

Und niemand, der bereit ist, sie zusammen zu setzen.

Was erkennt man in einem Spiegelbild, das in tausend Splitter zerbrochen ist?

Narbenschmerz

Sehr früh geht das Kind aus dem Haus. Das Kind, das das Gymnasium besucht, das ihr in vielen Bereich intellektuell längst überlegen ist. Das Kind, das immer wieder einmal einen Ausflug zurück in die Kindheit versucht, um dann festzustellen, es holpert und stolpert, da stimmt so vieles nicht, dass es bald ganz von allein damit aufhören wird. Und sie ist dieses „zurück“, das Zurück in die Kindheit, zurück in das Zuhause, das das Kind, das jeder Mensch, in jedem Alter, immer noch braucht.

Eine Zeitlang war diese Loslösung, dieses Abschied nehmen, eine offene Wunde. Es tat weh und sie wusste genau, warum. Und dass es so sein musste, wusste sie auch. Irgendwann hat sich eine zarte neue Haut gebildet über der Wunde. Was jetzt weh tut, ist eine Art Narbenschmerz, der vermutlich weder vergeht noch verheilt.

Sie hebt noch einmal die Hand. Das Kind verschwindet im frischen vielversprechenden Morgen, und sie trottet müde ins Haus zurück.

 

 

Gedanken

Ich soll Essays schreiben, erzählt die junge Frau ihrem Handy, meine eigenen Gedanken, sechs oder sieben Seiten am Tag, dann spricht sie türkisch weiter, und ich denke an den Streit im Haus gegenüber, den ich gestern gehört habe, und wie ein Mann im Rahmen des Dachfensters saß, die Beine schon außerhalb des Raumes, und ich dennoch keine Sekunde lang befürchtet habe, er könnte springen. Als müsste meine Liebe zum Leben automatisch auch ihn retten, nur weil ich ihn sehe.

 

Teil

Erst lebte er, dann starb er.

Erst sehnte er sich nach Beachtung, dann sehnte er sich nach Ruhe.

Erst war er weich und warm, dann wurde er alt und kalt.

Zwischen den Gegensätzen fand sein Leben statt.

Häufig versteckte er sich vor dem Leben. Manchmal fand es ihn dennoch. Und manchmal nicht.

Die Bäume wuchsen weiter, seine Kinder wurden dennoch geboren. Der Kreislauf begann von vorn. Und so sehr er sich auch weigerte, es hinzunehmen, anzuerkennen, zu sehen, – er war ein Teil davon.

Ein widerständiges Teil, ein fügsames Teil, ein spielendes, liebendes, verzweifeltes, sterbendes, unwichtiges, nicht weg zu denkendes Teil.

Kunst

“Kunst ist nicht Reinheit, sie ist Reinigung. Kunst ist nicht Freiheit, sie ist Befreiung (…) sie ist nicht Unschuld, sondern Unschuldigwerden. Vielleicht sind deshalb Ausstellungen von Kinderzeichnungen, so schön sie sein mögen, nicht eigentlich Kunstausstellungen. Und deshalb wäre es, wenn die Kinder malen wie Picasso, vielleicht gerechter, Picasso zu preisen als die Kinder. Das Kind ist unschuldig, Picasso ist unschuldig geworden.“

(Clarice Lispector)

Erinnerung

 

Manchmal hat sie das Gefühl, verrückt zu werden. Sie wirft Rettungsanker ans Ufer, die niemand aufzufangen bereit ist. Und so muss sie ertrinken im Meer ihrer Erinnerungen, die keiner mit ihr teilt. Die sie verschlingen.