I

Woher kommt dieser Hang, diese Zuwendung, fast schon Suche nach Melancholie? All die schwermütigen Schriftsteller, die ich so gerne lese. Der wunderbare Espedal. Und jetzt Merethe Lindstrom. Aber schon lange davor Dostojewski, Les Murrays Schwarze Hunde. Die Anatomie der Melancholie von Burton liegt seit der Lesung, die unter diesem Motto stattfand (wann ist das gewesen? 2015 oder sogar schon davor, 2014?) ungelesen zwar, aber ständig griffbereit, auf dem Schreibtisch.

Die Dunkelheit, die immer wieder alles verschlingt. Sprichwörtlich. Oder wortwörtlich? In den Schatten stellt. Ich kenne das nicht, und kenne es doch. Es ist nie wirklich schlimm. Und nie wirklich weg. Selbst wenn ich glücklich bin, hat die Traurigkeit, die Dunkelheit, die Melancholie ihren Platz in mir. In meiner Anatomie wird die Traurigkeit erst sterben, wenn auch alles andere tot ist. Aber das ist nicht bedauernswert. Es ist eine Grundlage für die Empfänglichkeit von Schönheit, die ich nicht missen möchte.

 

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(16)

Das  Verborgene, das sich hinter sieben Bergen in einen gläsernen Sarg legt. Und wartet.

(2)

Erwartungen haben, ohne darauf zu warten, dass sie sich erfüllen. Das wäre dann die Freiheit der Hoffnung. Ich folge mir zu diesem Punkt. Aber meistens gehe ich auf dem Weg verloren.

Die an mich glauben. Und die anderen, die in diesem Glauben herumkritzeln. Unsere Unsicherheit, die uns, gezeigt, oder nicht gezeigt, miteinander verbindet.

Wir verteidigen unsere Rede, als wären das wir.

Großvater

Ich sitze in der Straßenbahn und überlege, wie eine Geschichte über meinen Großvater anfangen könnte. Diesen Mann, der der Partei (sag es: NSDAP) beigetreten ist, um das Haus für seine Familie zu retten (so geht die Erzählung). Und ich habe nicht gefragt, ob die einfache Parteimitgliedschaft vor Enteignung schütze, weiß nicht einmal, ob er selbst seine Parteizugehörigkeit so begründet hat, oder ob diese Begründung etwas ist, das später dazu gekommen ist. Dabei hätte ich mit ihm darüber reden können. Offene Gespräche konnte ich immer mit ihm führen. Als ich in der Pubertät war, gab es kaum jemanden, der mir so vorurteilsfrei und aufmerksam zuhörte wie er. Dieser Mann, der meine kranke und sterbende Großmutter immer wieder tagelang allein ließ. Derselbe, der die alten Kinderfotos so liebevoll und zärtlich beschriftet hat, dass mir beinahe die Tränen kommen, als mein Onkel sie mir zeigte. (lange nach dem Tod des Großvaters). Ein Patriarch, der für seinen Sohn vor Gericht gezogen ist, weil den ein Nachbar geschlagen hatte. Diese widersprüchliche Fiktion, mit der ich groß geworden, in den Urlaub gefahren und immer wieder lange Gespräche geführt habe, an deren Inhalt ich mich nicht erinnere, aber daran, dass ich stets das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden, in all meiner Widersprüchlichkeit.

(19)

Ich schrieb mich ein in die Gesichter der Nachwelt (vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun). Die Erde ist ein Kreis, und es geht immerzu darum, zu verlieren. Jeder Verlust, ein Schritt auf das große Nichts zu, das es zu erreichen gilt.

(18)

Der Aberglaube, der mich einschränkt. Und wie ich mir selbst genüge. Scheinbar.

Ja. Nein. Vielleicht. Die fehlende Ruhe. Vertrauen. Sicherheit auch.

Immerzu will ich mehr sein, als ich bin. Also weniger. Und mein Geist füllt sich mit Leere. Bis er platzt.

Dann verliere ich den Überblick und gebe auf.

(16)

Dass ich mir niemals zutraute, etwas anderes zu zeichnen als Bilder und Fotos abzumalen, sagt sicher mehr über mich, als ich selbst verstehe. Ich habe ohnehin wenig Ahnung von mir. Am ehesten davon was ich besser und was ich weniger gut nachahmen kann.

Die Geheimnisse der Welt hinter der Welt, oder mich einfach nur lebendig fühlen, das war nichts für mich. Das überstieg meinen Horizont. Das war der Drachen, der niemals abhob, egal wie schnell ich rannte, wie fest ich am Seil zog. Dem bunt verzierten Seil.