Anna Mayr – „Die Elenden“

Anna Mayrs „Die Elenden“ habe ich mit wachsender Wut gelesen.

Normalerweise beginnen die Rezensionen zu ihrem Buch mit dem Hinweis, dass Mayr weiß wovon sie spricht, wenn sie von einem Leben mit Hartz IV schreibt. Davon, dass sie ein Kind von Langzeitarbeitslosen ist und sich „hoch“ gearbeitet hat. Tatsächlich ist ihr Buch aber viel eher eine Streitschrift, als eine persönliche Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft, wie sie Didier Eribon, Annie Ernaux, oder jüngst auch im deutschen Sprachraum Christian Baron vorgestellt haben. Mayr geht es darum das System durchsichtig zu machen, das Arbeitslose gleichzeitig verachtet und für den eigenen Fortbestand unentbehrlich braucht. Was Mayr anstrebt, ist einen anderen Blick auf die Menschen, die politisch und sozial als Bodensatz der Gesellschaft angesehen werden, zu ermöglichen. Es ist das gleiche Phänomen, von dem auch Mely Keyak in ihren Buch „Frau Sein“ spricht, der Arbeitlose und die Fremde werden weder gehört noch gesehen, sie sind das fremdbestimmte Andere, über das gesprochen wird, ihre eigene Stimme kommt nicht vor. Das bedeutet Ausgrenzung, Leben am Rand.

Die Menschen, die als Arbeitslose gebrandmarkt werden, erscheinen als „Kollateralschaden“ einer Marktlogik, in der es um Wachstum und Gewinne geht. Und die abschreckende Beispiele braucht. Eine ausgegrenzte Gruppe von Menschen, die so heterogen sind, dass „sie nie eine Form von Zusammenhalt herstellen können“, so Mayr, weil die Arbeitslosen „ausschließlich in dieser Abgrenzung [existieren] – nicht aber als Gruppe mit gemeinsamen Wünschen und einem geteilten politischen Willen.“ Wozu sicher auch die Scham beiträgt, der Mayr mit diesem Buch ein trotziges Verständnis, einen tiefen Einblick, entgegensetzt. „Die Elenden“ ist nicht zuletzt ein Bekenntnis zu den Arbeitslosen. Es gibt sie, und es gibt sie aus systemimmanenten Gründen, die in nicht in der Persönlichkeit der Betroffenen liegen. Etwas, das immer wieder vergessen wird, sofern es überhaupt im Denkmuster vorkommt. Denn Arbeitslose sind Menschen, die man nicht selbst zu Wort kommen lässt, die man nicht fragt, was sie brauchen, woran sie leiden, sie sind vielmehr eine Personengruppe, die immer wieder entmündigt und vorgeführt werden, aber ganz sicher nicht ernsthaft angehört. Sie werden, so Mayr „strukturell entmachtet“. Mayrs Vorhaben in diesem Buch ist nicht zuletzt „eine unpeinliche Stellungnahme für die Unterdrückten“. Das „was fehlt, ist eine Form des Verständnisses füreinander, die nicht auf Adaption beruht, sondern auf Empathie. Dazu gehört Verständnis in die Umstände, weshalb Mayr immer wieder kluge und detaillierte historische Hintergründe zur Verfügung stellt. Angefangen bei Luther und Calvin und der Geburt der protestantischen Arbeitsethik, entwickelt sie den Selbstzweck von Arbeit und die Überzeugung, dass nur wer arbeitet, vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sein darf. Arbeitslose werden so zur Projektionsfläche für alles, was man ablehnt, und wovor man Angst hat.

Worauf Mayr in all ihren klugen und differenzierten Betrachtungen nicht eingeht, ist die Tatsache, dass Care Arbeit vielleicht nicht gleichermaßen verachtet wird, wie arbeitslos zu sein, aber zumindest unsichtbar bleibt, obwohl sie ein derart grundlegender Stützpfeiler der Gesellschaft ist, dass alles zusammenbrechen würde, wenn Frauen sich von heute auf morgen weigern würden, diese Arbeit weiterhin selbstverständlich und unentgeltlich zu leisten. Denn Arbeit, so argumentiert bei allem kritischen Potenzial auch Anna Mayr, ist nur das, wofür Geld gezahlt wird.

Die angebliche Unterstützung für die Arbeitslosen, Menschen die durch das gekennzeichnet sind, was ihnen fehlt, nämlich Arbeit, kann in nichts anderen als paternalistischer Belehrung bestehen, weil ein anderer Umgang mit den systemunkompatiblen Verlieren gar nicht denkbar ist. Denn dafür müsste man von den unhinterfragbar selbstverständlichen bürgerlichen Ideen absehen, um das andere zu erkennen, statt es nur immerzu als minderwertig abzuurteilen und auszuschließen. Nirgendwo, bei keiner der Hilfsmaßnahmen, ist derjenige, der die Hilfe bekommt die Referenzgröße, was sich nicht zuletzt darin manifestiert, dass wir die Hartz IV Empfänger nicht als arm bezeichnen, sondern als „sozial schwach“.

Es ist schon die Sprache, die nicht von Armen spricht, sondern von sozial Schwachen, eine Begrifflichkeit, die die Verantwortung an den Einzelnen mit seiner sozialen Schwäche delegiert, um gar nicht erst die Idee aufkommen zu lassen, es könnte etwas am Gesellschaftssystem nicht stimmen, es könnte da Lücken und Fehler geben, die politisch angegangen werden müssten. Es könnte gar ein jahrzehntelanges politisches Versagen verantwortlich dafür sein, dass die Ungerechtigkeit nur verwaltet, aber nicht bekämpft wird.

Alles läuft darauf hinaus, dass man staatlicherseits überzeugt ist, dass die „Sozialhilfeempfänger“ sich gar nicht selbst helfen können, dass sie von fähigeren erfolgreicheren, weil über Arbeit verfügenden, Menschen angeleitet und auf den rechten Weg zurückgeführt werden müssen (wobei weder Umschulungen noch Ein Euro Jobs tatsächlich das Ziel einer Eingliederung verfolgen…) Die Armen werden so weit entmündigt, dass sich der Staat, vertreten durch das Job Center, sogar herausnimmt, zu entscheiden, welches Hobby ein armes Kind mithilfe des „Teilhabepakets“ ausüben darf: Fußball ja, Ballett nein.

Andererseits basiert das, was Mayr berichtet, wie sie die Fakten dokumentiert und wiedergibt, ein Stück weit auf einer Fürsorgepflicht des Staates (der aber nicht überwachen und strafen soll). Dabei geht es ihr um den wesentlichen Unterschied zwischen Pflichtschuldigkeit und Unterstützung.

Besonders empörend ist, wie Kinder von Hartz IV Empfängern systematisch benachteiligt werden: „Es gibt kein Höchsteinkommen für Kindergeld. Jedes Kind hat ein Anrecht darauf. Nur die Kinder von Arbeitslosen bekommen faktisch kein Kindergeld, weil es auf deren „Bezüge“ angerechnet wird: Kindern steht ein bestimmter Hartz-IV-Regelsatz zu, aber das Jobcenter überweist diesen Regelsatz nicht komplett, sondern zahlt nur die Differenz zwischen Regelsatz und Kindergeld.“

Es wäre, darauf läuft Mayrs Argumentation klar hinaus, das Geld, das „die Elenden“ zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft machen würde, Geld, das vorhanden ist, aber in andere Kanäle gelenkt wird, in Verwaltung und Überwachung, in Sozialarbeiter und Vermittler von Arbeit, die es eigentlich nicht gibt, das ist schlimm genug, wenn es Erwachsene trifft, aber es ist und bleibt ein Skandal, wenn auf diese Weise Kinder von Anfang an von Chancengleichheit ausgeschlossen werden, wenn sie von Anfang an, abhängig sind, nicht nur von den Eltern sondern auch von der Stellung der Eltern, wenn sie nicht nach ihren Talenten gefördert und beurteilt werden, sondern nach der Arbeitslosigkeit ihrer Eltern. Mayrs Buch ist ein Beitrag, der dafür kämpft, dass die Gesellschaft endlich die Ungerechtigkeit anerkennt aufgrund der „Tausende Kinder zurückbleiben, die ohne soziales und kulturelles Kapital aufwachsen und ohne ein Umfeld, das ihnen die Hand reicht. Tausende potenzielle Genies, in Vorstädten, in Plattenbauten, in Flüchtlingsunterkünften, die ihre Möglichkeiten niemals entfalten werden. Denen wir allenfalls so viele Almosen geben, dass sie nicht kriminell werden und nicht ganz so krank.“

Aber das nimmt man (gerne) in Kauf, damit „Arbeitslosigkeit und der Gedanke an die Arbeitslosen Furcht beim Rest der Gesellschaft auslösen. Abstiegsängste. Abgrenzungsbedürfnisse. Und dass der Kapitalismus diese Furcht braucht, um zu funktionieren […]“

Mayr macht die nur vorgeblich alternativlose Einseitigkeit der Maßnahmen nicht nur deutlich, sie zeigt dass sie so sind, weil immer nur aus Sicht der vermeintlichen Gewinner auf das „Problem“ geschaut wird, weil es nur um die Sicht der Arbeitgeber geht, um die Finanzen, die Steuern, den Haushalt. Um Menschen, gerade um die vom System abgehängten, geht es nicht. Es ist ähnlich wie bei den Geflüchteten, der Unwille (und eben nicht das Unvermögen) Menschen einen Vertrauensvorschuss zu schenken, damit sie die Gesellschaft mit gestalten können, fehlt, stattdessen schüren Medien und Politik lieber die Angst vor gewissen Personengruppen. Vielleicht liegt es daran, dass ich Mayrs Buch lese, während die Lager in Moria brennen, aber ich kann nicht umhin in der Angst vor der Überforderung angesichts einer humanitären Notlage eine Fortsetzung der in den 90er Jahren etablierten Vorstellung vom „Sozialschmarotzer“ zu sehen. Und in allen Fällen speist sich politisches Handeln aus dem unbedingten Willen zum Machterhalt für den immer wieder humanitäre und soziale Grundsätze geopfert werden.

Mayr bleibt allerdings nicht bei ihrer fundierten Kritik stehen, sie zeigt auch Alternativen auf. Die sieht sie in erster Linie im Wechsel von affirmativen zu transformativen Maßnahmen. Wobei affirmative Maßnahmen im wesentlich den Status Quo erhalten, während transformative auf eine Veränderung einwirken würden. Auf jeden Fall ist dieses Buch eine Streitschrift dafür, die Denkstrukturen zu ändern, zu hinterfragen. Das Wertvolle der Streitschrift ist der Blickwinkel aus dem Ideen und Maßnahmen betrachtet werden. Die Schlussfolgerung, dass Ungleichheit eine Gesellschaft ungerechter und ängstlicher macht, zeigt sich längst jeden Tag auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken. „Angst schaltet unsere Empathie aus und versetzt uns in einen Flucht- und Kampfmodus […] Rassismus und Verschwörungstheorien [sind] gefährlicher, wenn sie auf Perspektivlosigkeit treffen.“ Das ganze Buch ist ein Plädoyer für die Wut als Ersatz für die Angst. Mayr hat den Mut, die Dinge zu benennen: „Bildung und Chancen sind nichts wert, wenn sie auf Armut treffen.“

Viel weniger langatmig und dafür mehr auf den Punkt hat Marina Büttner das Buch auf ihrem Blog besprochen, darum feile ich jetzt nicht länger an meiner Besprechung, sondern verweise auf diesen Beitrag, mit der eindringlichen Empfehlung das Buch selbst zu lesen.

Mutterschaft – immer wieder

In der neuen Edit ein großartiger Chor der Mütter. Fragmente, Überlegungen, die mich dazu bringen, selbst noch einmal über Mutterschaft nachzudenken. Wie wenig sich verändert hat zwischen dieser Generation Mütter, die jetzt sprechen und mir, und wie wenig. Die Müdigkeit, das Vergessen. Wie das wieder kehrt, im Laufe der Mutterschaft. Nur aus anderen Gründen. Aus Gründen hinter die ich nicht komme, während die anderen sich ausgewachsen haben.
Und dann dieses alles erstickende Gefühl des Versagens als Mutter. Habe ich je etwas wirklich gut gemacht? So, dass die Kinder sich mit einem guten Gefühl, vielleicht sogar mit so etwas wie Dankbarkeit, jedenfalls Freude daran erinnern werden? Stellen sich Väter solche Fragen eigentlich auch?

Frau sein

Ich scheine nur noch biografische Bücher zu lesen. Oder meinetwegen Autofiktionen. Angefangen hat es vielleicht mit Helene Cixous Homère. Und jetzt in letzter Zeit: David Wagners vergesslicher Riese, Maggie Nelsons Rote Stellen, Frank Witzels Inniger Schiffbruch, und – gerade ausgelesen – Mely Kiyaks Frausein.

Und nach diesem Buch dämmert mir ein wenig, warum ausgerechnet diese Bücher zu mir kommen, es geht um die Erkenntnis, die Kiyaks Buch eindrücklich vermittelt: Überhaupt ist Frau sein ein eindrucksvolles Dokument, wie wirklich bedeutende Literatur von einer schmerzhaft aufrichtigen Selbstbefragung lebt. Von dem Wagnis, den sicheren Boden aus Gewissheiten und Übereinkünften radikal subjektiv zu befragen. Um herauszufinden, wer man wirklich ist, jenseits von Erwartungen und Zuschreibungen. Der schwere, voraussetzungsvolle Weg zur einer befreiten und tiefen Wahrnehmung seiner selbst. Als Frau.

Sternstaub

Die Minuten stehlen sich davon. Sie verstreichen. Das Wort Sternstaub haben sie nie gehört. Sie glauben nur, was sie mühelos buchstabieren können. Als Legastheniker ist das nicht viel.

Verteidigung

Wenn sie sich verteidigen wollte, sagte sie: ich schlief krumm. Die Gedanken haben sich noch nicht gelegt.

Ich bin ein Grenzgebiet, das niemand betritt. Und an meine Träume kann ich mich nicht erinnern.

Ich fraß ihr finster verzweifelt aus der Hand.

Über Kürze

Das Schwere ist wohl, sich zu bescheiden, damit man nicht am Ende das Gefühl hat, man sei zu kurz gekommen.

Es ist so viel, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Also fängt man nicht an. Sondern klagt nur.

Entfernungen, Zöpfe

Ich sei im Moment nicht anwesend in mir, sagte meine Mutter dem Besucher an der Tür. Der seine Jugend unter die kussbereite Zunge legte, und ging. Seines Wegs, oder dahin. Vielleicht geriet er auf Abwegen zum Ziel. Während meine Haare wuchsen, obwohl ich in keinem Turm lebte. Höchstens vielleicht in einem Turm aus Selbstmitleid. Helfen in diesem Fall auch Haare? Lang und zu einem Zopf geflochten?

Ich bin immer so weit entfernt vom Verständnis, wie das Meer von mir. Das Unverständnis überschwemmt mich wie die Flut. Und lässt mich dann auf dem Trockenen zurück.

Isabelle Lehn – Frühlingserwachen – wieder keine Rezension

In der Volltext kürzlich einen schönen Artikel von Jan Wilm über Isabelle Lehn (und Eileen Myles, mit deren Buch ich allerdings sehr wenig anfangen konnte) gelesen, und neugierig geworden auf ein Buch, das Wilm zu diesen ziemlich wertvollen Überlegungen zum Scheitern bei Lehn gebracht hat: „Die entscheidende Dynamik des Romans ist eine Beckett´sche – das bessere Scheitern, no matter, try again, fail again, fail better. Es ist Isabelle nicht nur egal, dass sie scheitert. Ihr Scheitern ist eine Entscheidung fürs Scheitern – und die Entscheidung nimmt der Existenz-Kontingenz die schicksalhafte Kraft und macht aus Opfer Akteur.“

Das Buch wollte ich lesen. Und als ich es dann zu lesen anfing, die schöne, immer wieder erstaunliche Erkenntnis, dass auch andere das kennen: sich selbst müde sein.

Andererseits eine seltsame Erkenntnis, dass ich mich hier vor fast 20 Jahren wiederfinde, wie ich mich damit auseinanderzusetzen versuche, zu altern. Seit so langer Zeit schon. Und ich werde nicht fertig damit.

Aber darum geht es eigentlich nicht. Eher um solche Stellen:

„Ich bekomme auch graue Schamhaare. Es sieht wie angeschimmelt aus, es muss ein Irrtum sein, und ich fühle mich von meinem Körper betrogen. Es ist bloß Melanin, sage ich mir, und trotzdem fühlt es sich falsch an: der Gedanke, vielleicht doch noch ein Kind zu kriegen, irgendwann später, wenn das erste, was dieses Kind von der Welt sehen wird, das graue Schamhaar seiner schimmelnden Mutter ist.“

Ich meine, ja, das ist witzig. Und überspitzt, und trotzdem charakterisiert so eine Überlegung ja nicht nur die Figur, sondern ist etwas typisch weibliches. Weil, behaupte ich mal, ein Mann, selbst wenn er derjenige wäre, der die Kinder zur Welt bringen würde, sich niemals derartige Gedanken machen würde. Und wir Frauen müssten das doch auch nicht. Warum ist es dann trotzdem gar nicht abwegig, dass eine Frau so denkt?

Für eine Antwort kann man endlos lange wissenschaftliche Theorien heranziehen, oder sich ehrlich fragen. Sich einfach so, ohne wissenschaftliche oder sonstwie zitierfähige Quellen, dieser unbequemen Frage stellen. Humor macht es sicher weniger lamoryant. Weniger schmerzhaft nicht.

Bei Lehn klingt das so:

„Die Wahrheit über die Erfahrung als weiblicher Körper ist das damit verbundene Bewusstsein der Scham. […] Der Körper, der von mir erwartet wird, ist weder stumm noch zu laut, weder wütend noch traurig. […] Mein Körper, der an sich leidet und immerzu etwas vermisst.“

Erwartungen, Scham, Ungenügen, Mangelhaftigkeit. Als typisch weibliche Erfahrungen.

Und was eine Frau daraus machen kann.

Ehrlich zu sich selbst sein, und Kohärenz und Schönheit in das Scheitern bringen, ohne es (das Scheitern, das Versagen und nicht fertig werden) zu verbergen. Vielleicht ist es in allererster Linie das, worum es mir geht. Was mich befreien könnte. Mir so eine Grundehrlichkeit erarbeiten, die ja letztendlich auch Freiheit ist. Befreiung.

Und noch einmal Lehn:

„Dabei glaube ich an den Verstand. Ich glaube an den freien Willen, die Kraft der Gedanken, die Selbstheilungskräfte des Körpers durch Achtsamkeit, an die Gnade der späten Geburt, ich glaube an unverdiente Privilegierung und sogar daran, ein gutes Leben zu führen. Aber ich glaube auch an Stoffwechselstörungen. Ich glaube an Biochemie, Serotoninmangel und erhöhte Entzündungswerte, an Schlafmangel und Reizüberflutung, ich glaube an Erschöpfungszustände. Alkohol und Nikotin, an Penetration und die Sehnsucht nach Selbstaufgabe. Ich glaube an die Würde des Scheiterns, an die Komik des Leids, ich glaube an die Schamlosigkeit, an die Stärke der Schwäche, die Wirksamkeit von Psychopharmaka und an das Recht darauf, mir helfen zu lassen.“

Ich bin durchaus nicht immer einer Meinung mit der Isabelle Lehn aus Frühlingserwachen, aber ich mag diese Art zu schreiben, dieses teilweise essayistische. Die Verbindung von wissenschaftlichen Zitaten und Tagesnachrichten mit persönlichen Erfahrungen, Erlebnissen, Bekenntnissen.

Im Grunde genommen leide ich immer noch unter diesem Irrglauben, es gäbe richtig und falsch, und richtig bedeutet alles zu berücksichtigen und so allein durch Fleiß und Einsicht zur ultima ratio zu gelangen. Nicht durch Auseinandersetzung und Kompromisse.

Die Auseinandersetzung lese ich lieber als sie selbst zu praktizieren, vielleicht auch im Glauben, ich könnte es durch das Lesen der richtigen Bücher lernen. Ein Glaube, der mich schon sehr lange begleitet. Und den ich auch gar nicht aufgeben will.

Wie dem auch sei, in Lehns Frühlingserwachen sind mir die Stellen an denen die Protagonistin über ihren Körper spricht wichtig. Da ist auf einmal die Freundin, die ich eigentlich nie hatte. Die über diese Blutmassen spricht, die während der Menstruation aus einer herausfließen, über die Bauchkrämpfe und all die peinlichen Situationen, wenn Frau die Kleidung durchgeblutet hat, wenn man Nachts von einem Schwall Blut geweckt wird, den kein Tampon aufsaugen zu können scheint. Als meine Freundinnen und ich das erste Mal die Regel bekamen, sprach man höchstens verschlüsselt und verschämt von der „Tante aus Bad Rothenfelde, die zu Besuch war“. Und auch später fühlte ich mich immer allein mit dem Gefühl alle drei Wochen mindestens 5 Tage ziemlich eingeschränkt zu sein, in dem was ich tun konnte, immer ängstlich darauf bedacht, nicht irgendwo Blutflecken zu hinterlassen.

Glücklich meine Tage zu bekommen, war ich nur dann, wenn ich befürchtete, schwanger zu sein. Eine der schönsten Nebenwirkungen der dann einige Jahre später sehr gewollten Schwangerschaft war das Ausbleiben der Regel.

Die Frauen in meiner Umgebung, die überhaupt über so etwas sprachen, fanden es unbegreiflicherweise schön zu bluten. Sie fühlten sich gut oder sogar noch besser. Also musste das Problem eindeutig bei mir liegen. Ich hatte es nicht im Griff. Ich hatte eine falsche Einstellung zu meinem Körper.

Erst kürzlich erzählte mir eine Freundin, sie wolle gar nicht wissen, ob sie schon in der Menopause sei (aus irgendeinem verhütungstechnischen Grund blutet sie nie). Sie möchte sich lieber weiter als „richtige“ (sic!) Frau fühlen. Und jetzt habe ich dank Isabelle Lehn (und Liv Strömquist. Dazu bald mehr) wenigstens einige für mich außerordentlich befreiende Sätze, die mich glauben lassen, dass vielleicht gar nicht ich es bin, die falsch ist. Dass der Fehler an einer ganz anderen Stelle zu suchen ist.

Ich habe jetzt zugegebenerweise sehr viel mehr über mich als über Isabelle Lehns Buch geschrieben. Über das Buch selbst kann man hier und hier und hier nachlesen oder hören. Oder noch besser: gleich das Buch selbst lesen.