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[…] Darin liegt etwas Ungerechtes – wie überhaupt das Diktat des Betrachters mit seinen aus der Luft gegriffenen Ansprüchen ungerecht ist. Das russische Wort für Betrachter, smotrjastschi, hat eine zweite, weniger geläufige Bedeutung: In der Gefängnis- und Lagersprache, deren sich ein wesentlicher Teil der Russischsprecher regelmäßig bedient, ist der smotrjastschi ein inoffizieller Aufseher – einer, der die ungeschriebenen Regeln festlegt und dafür sorgt, dass sie eingehalten werden.

Ungefähr so könnte man auch die Beziehung zwischen Betrachter und Fotografie, Leser und Text, Zuschauer und Film beschreiben. Sie alle sind Zwischeninstanzen der Macht, Kartenkontrolleure in den Museumssälen des operativen Gedächtnisses. Sie bestimmen sowohl über die Regeln als auch über die Art ihrer Umsetzung. Und das, obwohl der Betrachter, sagen wir es offen, ein ungerechter Richter ist. Sein Gesetz und sein Auswahlprinzip sind nicht göttlicher, sondern menschlicher, oder schlimmer noch: krimineller Art. Seine Sache ist die Aneignung fremden Gutes, sein Geschmacksurteil setzt das Recht des Starken unter Machtlosen, des Lebenden unter Toten durch.“ (Maria Stepanova – Nach dem Gedächtnis übersetzt von Olga Radetzkaja)

Wenn man ein Buch liest, das in erster Linie von Erinnerung handelt, sich mit diesem Phänomen auseinandersetzt, ist es wenig erstaunlich, sich immer wieder selbst zu erinnern, ich gerate dann gefühlsmäßig in eine Mischung aus Erinnern und Bereuen: so ist es gewesen. Und so hätte es sein sollen.

Offene Türen. Der Versuch der Geräuschlosigkeit. Und dieses Gefühl: Dass immer alles verkehrt ist.

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Als ich morgens in die Küche komme, sitzt der einbeinige König mit Tove Ditlevsen am Tisch. Sie diskutieren über Methadon , über Abhängigkeit, Selbstvertrauen und Musik. Mich bemerken sie gar nicht. Warum auch? Selbst ich sehe mich nicht. Die Tulpen verwelken auf eine elegant andächtige Art und ich würde mir gerne den Weg weisen, dabei traue ich mir nicht über den Weg, den ich nie als meinen erkenne.

Kinder kriegen Reproduktion reloaded

„Kinder kriegen“, so eindeutig der Titel dieser Anthologie erscheinen mag, ist nicht nur ein außergewöhnlich relevantes Buch, sondern zeugt zugleich im besten Sinne von Gleichberechtigung. Denn in Reproduktion Reloaded geht es zwar um das „Kinder kriegen“, aber mindestens ebenso um die Tatsache, dass dieses Phänomen Männer ebenso angeht wie Frauen. Die Herausgeberinnen Barbara Peveling und Nikola Richter haben einen vielstimmigen Chor unterschiedlichster Stimmen versammelt. Beiträge, die allesamt Fragen aufwerfen, die uns als Gesellschaft angehen.

Einig sind sich die Texte höchstens darin, dass Kinder zu bekommen, die vermeintlich natürlichste Sache der Welt, etwas ist, dass nicht ausschließlich die Paargemeinschaft betrifft. Tatsächlich sind Kinderwunsch und das Leben mit Kindern immer wieder weitreichende Entscheidungen, umso weitreichender weil sie nicht nur den Körper der Frau betriffen, sondern auch zahlreiche gesellschaftliche Erwartungen und Rollenzuschreibungen. Weil ein Kinderwunsch auch bestehen kann, wo kein Frauenkörper eine Rolle spielt, und weil nicht jeder Frauenkörper automatisch mit einem Kinderwunsch gekoppelt ist. Es ist alles andere als einfach, sich die Veränderungen bewusst zu machen, die damit einhergehen plötzlich als Eltern zu leben, und die Frage der Reproduktion ist niemals eine rein individuelle, sondern immer gleichzeitig gesellschaftlich relevant. Und so einzigartig die Texte, die zumeist biografisch und bewundernswert aufrichtig von der eigenen Verortung und Verwicklung in diesem Themenkomplex erzählen, auch sind, ist ihnen gemein, dass sie neben aller Individualität auch von gesellschaftlichen Einflüssen erzählen, und von der Vielfalt der gesellschaftlichen Relevanz.

Jeder Beitrag erzählt bei aller Individualität von dem Bewusstsein, dass Kinder zu bekommen einen Rattenschwanz an Erwägungen, Veränderungen, Vor- und Nachteilen nach sich zieht, den sich Eltern bewusst machen (müssen), bevor sie eine Entscheidung treffen.

Dabei geht es um den Einfluss, den das Alter auf die Elternrolle spielt. Um den gesellschaftlichen Druck, insbesondere auf Frauen. Aber auch um den jeweiligen Zeitgeist, der es Männern erlaubt, Worte zu finden oder eben nicht, wie der beeindruckende Text von Egon Koch demonstriert, der vor 40 Jahren keine Alternative dazu sah, seiner Partnerin die Entscheidung über eine Abtreibung zu überlassen: „Ja, es war ihr Bauch. Entscheidung ist wohl das falsche Wort. Wir waren ferngesteuert.“

Antje Schrupp setzt sich in ihrem Text mit dem unhinterfragtemPhänomen des „Schwangerwerden könnens“ auseinander. Strukturpolitisch fundiert erklärt sie wie weitreichend sich eine Tatsache auswirkt, die eine Fülle von Fragen aufwirft, über die wir uns als Gesellschaft kaum auseinandersetzen.

Fragen, die darüber hinausgehen und gleichzeitig damit zu tun haben, dass die Rollenerwartungen an Männer und Frauen diffuser und unübersichtlicher geworden sind. Was keinesfalls mehr Freiheit für die Eltern bedeutet. Nicht zuletzt weil wir als Gesellschaft von einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch weit entfernt sind.

Nichts wird in dieser Anthologie ausgespart, weder Leihmutterschaft noch Reproduktionsmedizin, oder das Tabu über tote Kinder zu reden, über Fehl- und Totgeburten. Darüber, wie es sich mit einem toten Kind lebt, und damit, dass die Mutter mit der lebendigen Leerstelle irgendwann sehr allein ist. Julia Faust hat dazu einen schmerzhaft wahren Text geschrieben. Dennoch: trotz all der Schwere, trotz der Fülle an längst noch nicht überwundenen Problemen, ist Kinder kriegen eine fesselnde Lektüre, man liest die Beiträge gerne, weil sie so lebensnah und vor allem aufrichtig sind. Und allesamt eine hohe literarische Qualität aufweisen.

Auf bedrückende Weise erhellend sind auch die Texte über Rassismus und Sexismus, der von innen oder außen die Familie angreift, geschrieben von Andrea Karimé und Ulrike Draesner, die ihre Geschichte vom Leben mit einem nichtgrünäugigen Kind in die Möglichkeit zu Offenheit und Verbundenheit münden lässt, wenn sie in Aussicht stellt, „[…] dass die Frage: Wo kommst du (eigentlich) her? ersetzt wird durch die Frage: Wo wollen wir hin? Wir, zusammen.“

Nicht nur in diesem Sinne ist es sehr stimmig, dass die Textsammlung mit einem kollektiven Text des Netzwerkes WRITING WITH CARE/ WRITING WITH RAGE abschließt, denn um Einigung oder Einigkeit kann und soll es in diesem Buch nicht gehen, sondern um Gesprächsbeiträge, die in ihrer Offenheit Widerspruch und/oder Ergänzung hervorrufen. Nicht um am Ende ein vollständiges Bild entstehen zu lassen, aber um die Grundlage für eine fundierte Auseinandersetzung bereit zu stellen.

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Was mir neben der Ambivalenz der Klienten und Folgerichtigkeit der kurzen Episoden bei der Serie „In Therapie“ so gut gefallen hat, war die nur sehr subtil sich langsam entwickelnde Einsicht für den Zuschauer, dass der Therapeut eben die Probleme hat, von denen seine Patienten erwarten, er möge sie lösen. Möglichst schnell, effektiv und ohne Eigenbeteiligung der Leidenden. Was für mich persönlich in meiner aktuellen Phase noch einmal besonders nachhallt, ist die Kompromisslosigkeit und Wut der zu Therapierenden. Mit welcher Vehemenz sie auf ihren Standpunkt und ihre Wahrheit bestehen, wie wenig sie bereit sind, Kompromisse einzugehen, oder zu gefallen.

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Nach der Lesung, die ich im Netz gesehen habe, noch einmal Benjamin Maack gelesen, und mich wiedergefunden: das schlechte Gewissen, dass wir nicht die Eltern sein können, die unsere Kinder verdient hätten. Diese endlose Scham, sie in das eigene Versagen mit hinein zu ziehen. Nicht zu genügen, wieder einmal versagt zu haben. Und davor die quälend lange Zeit, in der wir nur funktioniert haben, weil wir uns dieses Versagen nicht eingestehen konnten, weil es auf keinen Fall sein durfte, dass wir unsere Kinder dermaßen enttäuschten. Reiß dich zusammen sagten wir uns, bis wir endgültig nichts mehr fühlen konnten. Und nicht einmal mehr funktionieren.

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Wie man sich verschreibt. Der Bescheidenheit verschreibt. Oder dem Funktionieren. Sehr viel seltener dem Schreiben. Und wenn, dann schreibt man über die Bescheidenheit und das Funktionieren. Weil das irgendwie man selbst ist. Außer man hätte den Mut, schreibend nach dem zu suchen, was fehlt. Alles in Frage zu stellen. Keine Antworten zu finden, oder sich mit keiner Antwort zufrieden zu geben. Und weiterzumachen. Gerade jetzt. Gerade deshalb. Weil es die Fragen sind, die Lücken und die Unsicherheiten, die Luft zum Atmen schaffen, die so etwas wie Freiheit und Leichtigkeit entstehen lassen, das Gefühl, es gäbe eine Wahl. Wir wären nicht nur verantwortlich, sondern auch frei.

Normal

Frau Soso schrieb kürzlich diese nachdenkenswerten Sätze. Ich habe dem auch gar nicht viel hinzuzufügen. Nur eine Sache vielleicht: gerade beklemmt es mich manchmal, dass man entweder einverstanden ist mit den vorgeschriebenen Maßnahmen, dass man eben zu vertrauen hat, auf die Heilkraft der Impfungen usw., oder dass man ein unverbesserlicher Ignorant und gefährlicher Abweichler oder Egoist oder wie auch immer ist, sobald man Kritik äußert. Ich wünschte mir, es wäre normal, oder würde endlich normal, dass beides Hand in Hand geht, dass wir uns einlassen auf notwendige Einschränkungen, die ja naturgemäß niemals perfekt sein können, und andererseits nicht aufhören, kritisch auf diese Maßnahmen zu schauen und darüber zu reden. Weil ebenso naturgemäß viele Dinge unter den Tisch fallen, nicht bedacht werden. Wir brauchen beides, Vertrauen und Kritik. Und vor allem Respekt. Damit wir einander zuhören und zusammen Schritt für Schritt bessere Lösungen finden.

/Davon abgesehen, muss ich jetzt einfach auch einmal erwähnen, dass ich ganz glücklich und auf sehr schöne Weise überrascht bin, wie viel Solidarität es im kreativen Bereich gibt, allerorten entstehen schöne gemeinsame Projekte, die wunderbare Kathrin Schadt hat mit ihrem schönen Poedu Projekt vielleicht den Anfang gemacht, oder mir die Augen geöffnet dafür, dass es Menschen gibt, die dem Stöhnen und Leiden etwas Kraftvolles und Mut machendes und auch noch Schönes entgegen setzen. Dann fallen mir Timo Brand und Petrus Akkordeon ein, die alle dazu eingeladen haben ein Amalia Pfannkuchen Gedicht zu schreiben, hier in Bielefeld hat Imke Bruzema die Raumstation eröffnet, auch ein ermutigendes Gemeinschaftsprojekt, und das sind nur ein paar wenige Beispiele, die mir jetzt spontan einfallen und mir Mut machen und helfen diese merkwürdige Zeit zu überstehen. Nicht zu vergessen die tollen Bücher, die schon erschienen sind, z.B. Frauen|Lyrik, eine überwältigend klug konzipierte Anthologie, die mit einem ebenso unterhaltsamen wie erkenntnisbringenden Gespräch vom Literaturhaus Berlin vorgestellt wurde, oder der erste Teil der Kopenhagen Triologie von Tove Dilevsen, und natürlich Kinder kriegen, das demnächst beim Nautilus Verlag erscheinen wird. Ich will damit nur sagen, es gibt Lichtblicke. Und gar nicht so wenig. Man muss nicht einmal besonders aufmerksam suchen, nur die Augen aufhalten und offen bleiben für das Gute im Leben.

Dag Solstad

Ein Buch, das mich über die Maßen erstaunt hat, weil es wirklich noch ein Mal eine ganz andere Art zu schreiben offenbarte, war 16.07.1941 von Dag Solstad. Einem norwegischen Autor, den ich bis zu dieser dank Ina Kronenbergers Übersetzungsleistung, nicht kannte. Eine echte Entdeckung. Eigentlich hatte ich das Buch für Fixpoetry besprechen wollen, nun ist es in unserem OWL Kulturportal entschieden.