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Sie ist ein kleines, ebenso dünnes wie dummes Geschöpf. Überzeugt davon, dass man die Menschen in bessere und schlechtere einteilen kann. Eine, die zu schnell aufgibt. Eine, die Angst hat, vor den eigenen Worten. Die ständig ich sagt, weil keiner du sagt, zu ihr.

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Wie man sich immer wieder verläuft, zwischen geboren werden und sterben, weil man nichts besseres zu tun hat, als anderen hinterher zu laufen, ohne zu merken, man läuft immerzu nur weg von sich selbst. Das hat immer neue Sätze und Bilder und Farben und Töne. Aber es tut immer gleich weh.

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Ich verbrannte meine Ahnungen auf dem Scheiterhaufen der Vernunft. Die Träume ragen reglos in den Tag. Dieser Tag, an dem ich mich weder auflöse, noch verschwinde.

Noch über mich hinauswachse.

Noch einmal Scheitern

Bei meinem ersten Eintrag nach langer Zeit, war es scheinbar insbesondere der Begriff „Scheitern“, der aufgegriffen und diskutiert wurde. Ich hatte dazu ein Zitat von Louise Bourgeois im Kopf, das ich aber seit Tagen nicht wiederfinde. Nun ist mir aber durch Zufall ein Zitat von Thomas Bernhard unter die Augen gekommen, das ich absolut passend finde:

Es gibt ja nur Gescheitertes. Indem wir wenigstens den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts, und wir müssen in jeder Sache und in allem und jedem immer wieder wenigstens den Willen zum Scheitern haben, wenn wir nicht schon sehr früh zugrundegehen wollen, was tatsächlich nicht die Absicht sein kann, mit welcher wir da sind.

Thomas Bernhard

Angst

Es ist gefährlich keine Angst zu haben.

Neulich auf dem Rückweg von B.O. auf der Autobahnabfahrt kam ein Wagen im Rückwärtsgang auf uns zu. Es dauerte beunruhigend lange, bis er auf M.´s anhaltendes Hupen reagierte, und vorwärts weiterfuhr. Trotzdem hatte ich keine Angst. Oder jedenfalls nur theoretisch. Ohne sie zu spüren.

Frauen, die auferstanden sind

Ich kann nicht wirklich viel anfangen, mit diesem Fest, das wir jetzt feiern. Auferstehung. Was soll ich darunter verstehen? Gestern habe ich zufällig gehört, wie jemand Auferstehung als Metapher für die Hoffnung, dass sich alles jederzeit änder kann, verstanden hat. Das hat mir gefallen. Und es erinnert mich an den bemerkenswerten Bildband „200 Frauen“, in dem die porträtierten Frauen allesamt zeigen, wie sie selbst persönliches Leid auf beeindruckende und außerordentlich inspirierende Weise verwandelt haben. Ein Buch, das wirklich ungeheuer ermutigend ist. Ich durfte es für Fixpoetry besprechen: 200 Arten, der Welt Miete zu zahlen.

Hier gibt es zusätzliche Bilder der Frauen.

ART/SCIENCE FESTIVAL 2018

Während sich der Vortragssaal der Kunsthalle zögerlich füllt, werden Vorbereitungen getroffen. Soundcheck, Absprache von Reihenfolgen und Moderation. Es geht lebendig zu in der Kunsthalle, die dieses Jahr Gastgeber des ART/SCIENCE Festival ist.

Angelika Epple spielt in ihrer Begrüßungsansprache auf Paul Ricoeur an, der behauptet hat, die Frage wer spricht zu beantworten, heißt die Geschichte eines Lebens zu erzählen. Diese Vorstellung einer „narrativen Identität“ zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass Disparates zusammengefügt werden kann.

Geht es um die Identität von Kulturen tritt eher die Frage von Ein- und Ausschluss in den Vordergrund.

Jutta Hüleswig-Johnen hat anlässlich der aktuellen Ausstellung „Der böse Expressionismus“ die Kunstrichtung des um 1900 entstandenen Expressionismus auf Identität befragt. Neben der historischen Situation während derer diese Kunstrichtung in Form der Künstlervereinigung „Die Brücke“ sich etablierte, zeichnet Hülsewig-Johnen den Lebensweg von Paula Moderson-Becker und Else Lasker-Schüler nach. Um am Ende ihres Vortrags zum Schluss zu kommen, dass ein Selbstverständnis als Künstler nicht zuletzt bedeutet, Grenzen in Frage zu stellen und zu überschreiten.

Ulrike Winkelmann, Liane Bednarz, Andreas Zick, Jagoda Marinic und Paula Diehl

In der folgenden Podiumsdiskussion, diskutieren Liane Bednarz (Juristin), Paula Diehl (Politische Theorie), Andreas Zick (Gewaltforschung) und Jagoda Marinic (Schriftstellerin), die Frage wieviel und welche Identität wir brauchen. Moderiert wird das kontrovers geführte Gespräch von Ulrike Winkelmann.

Auf die Frage, ob es einen statisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Identität und rechtem Gedankengut gibt, antwortet Zick, dass diese These zu kurz greift. Identität verbindet sich mit weiteren Phänomenen, mit dem Widerstand gegen das „Fremde“, mit der Angst vor Verlust und Wandel. Auf diese Weise gelingt es, Identität zu einem politischen Kampfthema zu machen. Identität wird dann zu einer Abwehr von Abwertung, und ist somit, ganz anders als in der Kunst, das Etablieren einer Grenze, das Aufmachen eines Gegensatzes: wir und die anderen. Wobei das diffuse „Eigene“, das selten definiert werden kann, verteidigt werden muss, ein Phänomen das auch Liane Bednarz bei ihrer Beschäftigung mit rechten Gruppen, immer wieder begegnet ist.

Jagoda Marinic berichtet als Tochter „jugoslawischer Gastarbeiter“ von ganz anderen Erfahrungen. Deutschland sei sehr viel offener geworden, ein positiver Wandel, der nicht zuletzt durch die zweite und dritte Generation der eingewanderten Menschen begünstigt worden ist, und der ihrer Meinung nach in der aufgeblasenen Debatte über die „neue Rechte“ untergeht.

Paula Diehl sieht Identität schließlich als Summe von Erfahrungen, die ein Mensch macht, und somit als ständig im Wandel begriffen.

Die Frage müsse also lauten, wie, warum und wofür nationale Identität konstruiert wird. Denn Gesellschaften konstituieren sich immer wieder neu. Wie also können wir eine neue, einwandernde Menschen einschließende und integrierende, Identität begründen und ausbauen?

Grundlegend notwendig dafür wäre eine Möglichkeit für das Gefühl von Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit zu schaffen. Vielleicht gelingt es dann, dass Menschen aus anderen Kulturen schnell „einheimisch“ werden.

Nach einer kurzen „Kunst-Intervention“, eine Gruppe junger Kunststudenten erscheint mit weißen Handschuhen, die in Farbe getaucht werden, auf der Bühne, ein weißes Blatt wird herumgereicht und unausweichlich hinterlässt jeder darauf Spuren. Schließlich sammeln sich die Ausführenden vor einem Spiegel. Dort werden die Blätter zerrissen, man geht in unterschiedliche Richtungen auseinander.

 

Das anschließend weitergeführte Gespräch dreht sich um Identität und Würde. Dabei wird Rekurs auf den hohen Anteil der AfD Wähler genommen, die sich, wenn auch nicht wirtschaftlich, so doch kulturell, abgehängt fühlen.

Alle Argumente, die „Fremdenfeindlichkeit“ begründen sollen, basieren auf einer behaupteten, und auch in dieser Diskussion kaum hinterfragten, Resourcenknappheit. Wenn alle glauben, dass nicht genug für alle da ist, ist es einfach mit Angst zu operieren. Leider wird die Diskussion nur recht kurz für das Publikum geöffnet. Dann sind die vorgesehenen zwei Stunden vorbei und das Gespräch muss anderswo weitergeführt werden. So viel aber ist sicher; es gibt noch viel zu reden, und wenn es so respektvoll und kontrovers geschieht, wie an diesem Abend, wird der Boden für Lösungen bereitet.

Alle Erklärungen sind Lügen

Alle Erklärungen sind Lügen. Beschwichtigungen, die uns beruhigen, einlullen sollen.

Als ich meine Diplomarbeit über das Sterben, über den Tod und die menschliche Konstruktion dieser Begriffe und Vorgänge schrieb, wusste ich jeden Tag weniger vom Tod, vergaß mit jeder Seite, die ich schrieb, dass ich sterblich bin.

Es war Soziologie. Es waren Zeitzeugnisse. Viele Notizen, und wenn ich Glück hatte, ab und zu ein paar Verbindungen, die sich aufdrängten.

Es waren Termine bei den Betreuern, der immer näher rückende Abgabetermin, mein Tischapparat in der Universität, und die Entscheidung für ein blassgelbes, oder eher beige-gelbes Deckblatt im Copyshop.

Später habe ich behauptet, der Tod habe mein Leben lang so eine große Rolle gespielt; mein kranker Vater, der starb als ich fünf war, der schleichende Selbstmord meiner Großmutter, der vollendet war, als ich gerade zehn Jahre alt geworden war, der plötzliche Unfalltod meiner Mutter zwölf Jahre später, mein Großvater, der sich zwei Jahre danach erhängte. Ich bildete mir selbst ein, dass ich all diese Todesfälle mit einer wissenschaftlichen Arbeit bewältigen wollte. Aber das ist Unsinn. Ich wollte sie vergessen, ich wollte sie wenigstens so weit von mir wegrücken, dass ich halbwegs normal, halbwegs unbeschwert leben konnte. Und irgendwie hat diese Lüge funktioniert. So gut, dass ich jetzt, zwei Jahrzehnte danach, erkennen kann, dass es eine Lüge war. Wie alle Erklärungen Lügen sind. Wie auch diese Behauptung eine Lüge ist. Und das einzige, was zählt ist der Unterschied zwischen den Lügen, die funktionieren, und den anderen, an die wir umso beständiger glauben, je weniger sie funktionieren.