Projektionsflächen der Wahrheit

„Das, was er schrieb, wurde entweder eine Projektionsfläche, die etwas verbarg, oder machte es möglich, die Wahrheit zu sagen.“ (Per Olov Enquist)

Da wo bei anderen Geschichten sind, ordentlich nach Jahren sortierte Begebenheiten, zu dem jeder ein weiteres Detail hinzufügen kann, ist bei mir ein grauer Brei, eine undurchdringliche Masse. Als hätte es mich nicht gegeben. Höchstens eine Stellvertreterin von mir, die auf den Fotos abgebildet ist. Nie ein Foto von Kindergeburtstagen. Als wären allein die Geburtstage der Erwachsenen gefeiert worden. Mit viel Alkohol. Und Tränen.

Vielleicht sind es die Tränen. Die geweinten und die ungeweinten Tränen, die aus den klaren Erinnerungsbildern über die die anderen verfügen, bei mir grauen Brei gemacht haben.

Erinnerungen, Transformationen

Wir sind das Porzellan

das halb fahrlässig zerbricht

In der Küche teilen sich die

Frauen den Abwasch

Während die Männer im

Wohnzimmer rauchen und Schnaps trinken

Kindheitserinnerungen. Unvollständig. Und eher aus Vorurteilen als wirklichen Bildern bestehend. Vielleicht auch aus Wut. Die jetzt langsam kommt. Fast ein halbes Jahrhundert später. Weil Wut besser ist als Verbitterung. Weil Wut manchmal notwendig ist, um Dinge zu verändern, um die Kraft zu finden, sie anders zu betrachten, zu begreifen, dass das, was ist und was war, nicht auf immer so bleiben muss.

Grenzen – mal wieder

Ein Selbstbewusstsein für die eigene Begrenztheit. Aber innerhalb dieses Selbstbewusstseins, unterschiedliche Möglichkeiten zu entscheiden. Und ganz viele Fragen:

Was hat das eigentlich zu bedeuten, dass ich kaum noch raus will, mit dem, was ich schreibe? Dass ich diesen Drang, es zu zeigen nicht mehr habe? Ist das verletzte Eitelkeit? Wenn ich etwas zeige, ist die Aufmerksamkeit bestenfalls mittelmäßig. Oder habe ich einfach das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, was andere nicht viel besser sagen können? Oder fehlt mir der Mut, mich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren, und alles andere auszublenden? Die Hingabe zum Schreiben? Die Freundlichkeit gegenüber mir selbst, die mir ermöglichen würde, das, was ich schreibe, einfach so sein zu lassen, wie es ist, ohne permanent zu vergleichen?

Schreiben

Loslassen. Unsicherheiten aushalten. Unverständnis eingestehen – transparent, statt allwissend spezialisiert schreiben, und trotzdem das Beste geben. Dann aber eben dazu stehen, das es hier endet. Das Beste, die Erkenntnis, die Expertise.

Uncreative Writing

Seit einiger Zeit lese ich Uncreative Writing von Kenneth Goldsmith, und gestern habe ich dann auch mal einen Versuch in dieser, erstaunlich spannenden, Art zu schreiben gemacht:

Timeline FB 20-05-2020

Die blutige Gudrun

will mit dir in die Buchhandlung

Weißt du was hat sich ein kleines gebrauchtes Auto gekauft

Berufstätige Eltern tragen derzeit eine besonders große Last

Heute ist Ehrentag – Weltbienentag

Erste Hornisse des Jahres fliegt zum Küchenfenster herein

Die Welt von morgen

Wir sind eine Generation ohne Bindung und ohne Tiefe

Reinrot. Gelb. Puderrosa.

Solche Dinge sind grässlich, und ich verstehe völlig,

wenn niemand so etwas tun will.

Sie führt uns ihre Sterblichkeit vor Augen.

Mögen Ihnen die himmlischen Heerscharen wohlgesonnen

sein und auf dass sie Sie wohl behüten, wenn die Welt

um sie herum im Sturm losbricht. Ich mag Sie nicht so sehr.

Und jetzt ist es mal gut.

Universelle Muttersprache oder Babeltreck

Eine wahre Übersetzung, schreibt John Berger, verlangt nach einer Rückkehr ins Vorsprachliche. Und weiter: „Eine gesprochene Sprache hat einen Körper, sie ist ein lebendiges Geschöpf, dessen Physiognomie aus Worten besteht und dessen Organe linguistisch miteinander verbunden sind. Und das Zuhause dieses Geschöpfs ist zugleich das Ausgesprochen wie das Unausgesprochene.“ […] „In einer Muttersprache sind alle anderen Muttersprachen enthalten. Oder um es anders auszudrücken – eine Muttersprache ist universell.“

Mit ist dazu sofort Uljana Wolfs Gedichtband „Meine schönste Lengevitch“ eingefallen, in dem sie sich ebenfalls – wie immer auf zugleich poetische und originelle Weise – mit Sprache, Übersetzung und Muttersprache, aber auch Sprachvermischung, beschäftigt. Im letzten „Babeltreck“ betitelten Kapitel erzählt sie u.a.: „die kinder mit ihren wilden lauten, mit dem ersten blusteren lallen, sind in der lage, alle denklichen laute aller sprachen zu erzeugen, blase steigt auf, welche sie dann vergessen, blase schwebt bedeutungsschwanger überm mittag, wenn sie ihre muttersprache lernen, platzt“

Ein paar Seiten weiter geht es um die Struktur, die sie sich borgt: „um zu schreiben, zu entscheiden. wo sprachen (themen) in kernnähe sich miteinander vereinen und gemeinsam nach außen führen,um dort das wort (symptom) zu erzeugen, da entstehen bei der verschmelzung beider sprachen (themen) deutlich entgrenzende oder aufschäumende (irrationale) anhaftungen […]“

Hinaus

Bislang ist es uns nicht gelungen, dich aus dir heraus zu schreiben. Wir arbeiten daran. Mit nicht nachlassender Beharrlichkeit. Deine Treue zu dir kann unmöglich so unerschütterlich sein, wie du dir selbst weis zu machen versuchst. Wenn du dich in dich kehrst, was findest du dann? Ist dieser unsortierte Haufen aus Angst und Verzweiflung es wirklich wert, ihm die Treue zu halten? Über mehrere Jahre und jede Hoffnung hinaus?