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Ich bestand die Prüfung, die gar keine war. Und so ging es weiter. Und voran und vorwärts. Das war die Zeitschrift der Sozialdemokratie, und mein Großvater ließ sie mich manchmal lesen. Sein Arbeitszimmer, obwohl er gar nicht arbeitete, war voller Regale, in denen Stern Zeitschriften lagerten, die ich durchblätterte, lange bevor ich lesen konnte. Im Wohnzimmer gab es ein großes Regal voller Bücher. Mein Großvater lieh mir ab und zu eines der Bücher, er schenkte mir Bücher über den Eichmann Prozess oder über das Godesberger Programm, etwas anderes als die Liebesromane und Tierbücher, mit denen ich sonst versorgt wurde. Und dann hängte er sich auf. Das hatte nichts damit zu tun. Nie hat etwas mit etwas anderem zu tun, und trotzdem hängt alles zusammen. Das kann einem den Verstand rauben, oder zu intellektuellen Höchstleistungen antreiben, eine Quelle der Hoffnung sein, oder der Verzweiflung. Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der mich bis an mein Lebensende knebel und unterjocht.

Es gibt Geräusche und den Schatten von Geräuschen. Es gibt Frohsinn, Heiterkeit und tiefen Kummer. Es gibt Aprikosenbäume.

Verschiedene Blickwinkel

Gerade Serpentinen zu Ende gelesen, ein Buch das noch lange nachklingt, da liegen zwei weitere wunderbare Bücher hier, die Berlin Triologie von Aras Ören und Ocean Vuongs „Nachthimmel mit Austrittswunden“.

Zu allem Überfluss ist gerade jetzt so viel zu tun, Arbeit hier, Projekte da. Deswegen empfehle ich heute einen sehr klugen und differenzierten Artikel von Simone Schabert auf Fixpoetry, in dem sie sich Gedanken dazu macht, wie Knausgard die Dinge sieht, und vor allem, welche Bedeutung das für die politische Kultur hat: „gesehen von Karl Ove Knausgard“

Ein Streifen Licht

Aussterben war schließlich das einfachste, was ich tun konnte. Mich von den schlichten, schlichtenden Worten zurückziehen ins Schweigen. Dort ist es dunkel und warm. Manchmal öffnet jemand die Tür einen Spalt breit und ich fürchte mich vor dem einfallenden Licht, den unbehausten Geräuschen. Manchmal fürchte ich mich, wenn niemand die Tür öffnet und nicht einmal unter der Tür ein winziger Streifen Licht sichtbar wird. Und das Schweigen sich mit einem Mal so eng um mich legt, dass ich nicht mehr atmen kann. Als wolle es mich fressen. Ein Spiel, das gefährlich ist, wenn man es allein spielt. Also versuche ich Umrisse zu erkennen. Dort die Wand, an der der Spiegel hängt, hier das Bett und da die Tür, die sich irgendwann wieder öffnen wird. Als könnte ich sie nicht selbst öffnen. Aber vielleicht kann ich das wirklich nicht.

Wenn ich mich ein wenig beruhigt habe, lege ich mich auf das Bett, starre an die Decke, oder schließe die Augen. Wichtig ist, Geduld zu haben und sich nicht zu rühren. Dann erscheint die Motte mit dem Krückstock. Manchmal trägt sie einen roten Hut. Meistens ist sie barhäuptig und immer sehr gebrechlich. Als sie das erste Mal erschien, habe ich mich gefürchtet. Aber sie hat mir erklärt, dass ich ohnehin ein sehr schreckhafter Mensch sei, gefangen in den engen Grenzen dessen, was ich mir vorzustellen erlaube. Eigentlich, meine die Motte, und schwang ihren Stock, bestünde ich vorwiegend aus Verboten. Verboten – Vorboten, sagte sie, und begann zu kichern. Ich verstand nicht, was sie meinte. Ihre Art zu reden war so ungewöhnlich. Sie beschrieb in auffällig gewundenen Worten, wie die Welt auch sein könnte. Manchmal nachdem sie mir, den Stock schwingend, einen ihrer Vorträge gehalten hatte, träumte ich von diesen Möglichkeitsräumen.

 

Grenzen/Aufrichtigkeit – vielleicht auch Grenzen der Aufrichtigkeit

Die körperliche Reaktion auf einen Text, und die Bedenken, die eigenen Zweifel usw., die etwas aussagen über die Gegenwart.

Was „formstrenges Denken“ ist. Woran man denkt, und welchen Gedanken man nachgeht. Und ob sich das lohnt. Ob es richtig ist. Weiter führt. Etwas öffnet. Formstreng gegenüber aufrichtig. Eine Frage der Haltung.

Bücher und Texte, die die Leserin angreifen, weil sie konsequent sind. Zu sich stehen. Weil sie hinabtauchen in einen Bereich, in dem alles mit allem verbunden ist?

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Schließlich konnte sie rein gar nichts mehr festhalten, schon gar nicht den Gedanken an ein gelobtes Land. So sehr zitterten ihre Hände, dass alles verschwamm und verschwand. Jede Reihenfolge geriet durcheinander, ohne etwas zu berühren, geschweige denn zu durchdringen.

I

Ich fühle mich schwach, schreibt sie. Ich wünsche mir Eindeutigkeit. Die Ablehnung, die daraus resultiert, hänge ich mir als Mantel um. Schon bald wird es kalt werden. Das glitzernde Eis glasklarer Gedichte.

Bestattete Geschichten

Früher dachte ich mir Geschichten aus. Die Bestatter wurden beschattet von meinen Geschichten. Ohne Hand und Fuß. Aber wortreich. Dann trennte ich den Saum der Geschichte auf. So wuchsen die Schatten. Bestatteten die Geschichten. Darunter mich.