Zeit

Ich fürchte die Zeit. Ihren Stempel aus unumkehrbar und unwiederbringlich verloren, zu spät, nie wieder. Aber dann denke ich an das siebte Geißlein, das sich in der Standuhr versteckt, und so sein Leben gerettet hat. Ich verstehe, sogar die Zeit hat zwei Seiten. Ist verbunden mit allem, ist grenzenlos und begrenzt. Auch die Zeit ist Bewegung. Während mein Denken noch immer vom Stillstand ausgeht.

Brief

Ich schrieb mir selbst einen Brief, der unmöglich zu entziffern war. Bleib bei mir, schrieb ich, lauf nicht ständig vor mir weg. Ich erinnere mich an dich, wie wir schwerelos hin- und herschaukelten, im dunklen Bauch deiner Mutter und doch hast du schon damals angefangen, mich zu vergessen. Ich sah dich älter werden, ich sah, wie du dich immer weiter vom Ursprung entferntest, auf der Suche nach mir. Ich war immer auf der anderen Seite. Suchtest du mich in der Tiefe, schwebte ich über dir. Suchtest du mich mit Ernst, war ich bereit mich zu offenbaren im Spiel. Ich war immer auf der anderen Seite. Ganz nah. Und unsichtbar. Jetzt schreibe ich mir einen Brief und hoffe, du bringst mir das Lesen bei. Denn ich bin müde. Müde nach Hoffnung zu suchen. Müde von all dem gestern, das sich mit Entschiedenheit vor mein Heute stellt.

 

Vögel, die auf Strommasten sitzen

Vögel, die auf Strommasten sitzen. Und sie, die nur noch mit den Toten verkehrt. Und, vielleicht, ab und zu, mit den Vögeln. Für die sie Meisenknödel aufhängt, Sonnenblumenkerne auf ihrer Fensterbank verteilt. Vielleicht wartet sie aber auch nur auf den Tod dieser Vögel, oder hält sie für Reinkarnationen längst Verstorbener.

Sieben

Ich werde nie darüber hinweg kommen. Ich bin mir selbst die sieben Berge, hinter denen ich mich verstecke. Aber die Erinnerung findet mich, um mir in ständig wechselnden Verkleidungen aufzulauern, und mich zu vergiften. Bleibt die Frage, wer die sieben Zwerge sind, die mich immerhin ein paar Mal retten und ins Leben zurückholen. Bleibt die Frage, wann mir der Apfelschnitz im Halse stecken bleibt, oder ob ich schon im gläsernen Sarg liege. Bleibt die Frage, ob ich den Prinz, der mich retten und heiraten will, nicht sofort vor den Kopf stoße. Bleibt die Frage, wie man das aushält, ein Leben ohne klar erkennbaren Sinn.

Heimat

Es ist schon lange her, vier Jahre, dass dieser Text auf den Gleisbauarbeiten erschienen ist, aber als ich ihn heute gelesen habe, hat er einiges in mir in Bewegung gesetzt.

Denn es geht u.a. auch um Heimat, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. „Heimat“, schrieb Uwe Johnson, „ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß.“ „Der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, ist immer die Vergangenheit“, schreibt Melusine. Also ist Heimat der Ort, der unwiederbringlich hinter uns liegt. Das ist scharf beobachtet, gut auf den Punkt gebracht. Aber es muss auch eine Heimat geben in der Gegenwart. Im besten Fall ein Ort, in dem alles ineinander fließt; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft, eine Hoffnung, die antreibt schwierige Dinge in die Hand zu nehmen, das, was noch verbesserungswürdig erscheint, tatkräftig zu verbessern, Utopien zu entwickeln, an denen man scheitern und sich wieder aufrichten kann. Eine Heimat, die die Vergänglichkeit akzeptiert, und aus dieser Einsicht die Kraft bezieht, den Moment und die Gegenwart zu leben und zu lieben, die gleichzeitig Vorausschau schenkt für die Zukunft. Nicht nur für die eigene, sondern bestenfalls für die einer Welt, von der man nicht aufhört zu glauben, dass sie sich bessern kann, ein friedlicherer, lebenswerterer Ort werden kann. Eine Heimat, die so einen Knotenpunkt bereitstellen und aufrecht erhalten kann, wo ist die?

Mein Platz am Küchentisch, wenn alle das Haus verlassen haben? Wenn ich ein paar Stunden lang allein bin, mit meinen Gedanken, den Büchern und dem Papier. Aber auch mit der Gewissheit, dass die anderen zurückkehren werden, im Laufe des Tages. Mit der Freude darüber, dass wir ein Netz bilden, dessen Maschen mal enger mal loser gewoben sind, aber dem wir vertrauen können, dass es nicht reißt?

Das ist der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, und in die Zukunft schaut. Wo Leben stattfindet. Lebendige Gegenwart.

Melodie

Alles, was sie sagte, hatte eine bestimmte Melodie. Ich war so süchtig nach dieser Melodie, dass ich mich nach Kräften bemühte, den Inhalt ihrer Sätze zu überhören. Sie warf mir vor, ihr nicht zuzuhören, was gleichzeitig wahr und weit von der Wahrheit entfernt war.

Erzähl mir von deiner Kindheit, sagte sie, und ich konnte nur daran denken, wie die Mondlandung der Apollo 11, mir den Mann im Mond gestohlen hatte, wie diese Bilder meine Kindheit so weit beschädigt hatten, dass ich mich gezwungen sah, erwachsen zu werden, oder jedenfalls in dieses sehr undurchsichtige Gebiet der Adoleszenz aufzubrechen. Ich nahm es meinen Eltern persönlich übel, dass sie mich nicht vor diesen Bildern geschützt hatten und redete wochenlang nicht mit ihnen

„Ich hatte keine Geschwister. Meine Eltern sind heute noch miteinander verheiratet“, sagte ich. Natürlich war sie enttäuscht. Vielleicht war sie überhaupt nur mit mir zusammen, um enttäuscht zu werden.

Die Kaffeemaschine gab in unregelmäßigen Abständen Knackgeräusche von sich. Schritte aus dem Treppenhaus näherten sich der Tür und verstummten wieder. Ein Hund bellte. Ein Kind schrie. Sie trank ihren Kaffee in sehr kleinen Schlucken. Ich wurde nervös. Sie schwieg beharrlich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte diese Melodie wieder hören. „Ich möchte dich meinen Eltern vorstellen“, sagte ich, „lass uns am Wochenende zu ihnen fahren.“

Sie riss die Augen auf, starrte mich an. Dann brach sie in unbändiges Gelächter aus. Und als sie endlich wieder sprach, war die Melodie verschwunden.

Aufgeben

Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu wehren. Wir wurden ruhiger und manchmal lachten wir, wenn wir mit unserem vereinzelten Leid gemeinsam an einem Tisch saßen und immer neue Methoden ausprobierten, um zu vergessen.

 

Sieben

Wir schieben uns der Zeit in den Rücken.

Wie die Orte uns verändern. Auch wenn das eine Lüge ist. Behauptung. Und was das bedeutet. All dieses „be“ als Vorsilbe und wie ich schließlich ganz verzweifelt bin, weil kein Wort das aussagte, was ich eigentlich fühlte. Weil ich mich bestenfalls in Zitaten längst gestorbener Männer und Frauen wiederfand. Die Dekadenz des Begreifens. Und wie ich dann doch wieder zur Flasche gegriffen habe. Nur um wenigstens eine kurze Zeit lang zu verschwinden, aufgehoben zu werden.

Als Kind wollte ich immer einer der sieben Zwerge sein, nie Schneewittchen, oder der Prinz. Die Zwerge veränderten sich nicht. Eine Zeitlang mussten sie ihre Teller und Betten mit Schneewittchen teilen, aber alles andere blieb wie es immer gewesen war. Sie arbeiteten im Bergwerk. Sie kamen nach Hausse, um zu essen und zu schlafen. Am nächsten Tag gingen sie erneut zur Arbeit. Statt über das Wetter redeten sie eine Weile über Schneewittchen, die sich erst umbringen und dann heiraten ließ, aber sie führten genau dasselbe Leben. Das schien mir viel erstrebenswerter als all die gewaltigen Veränderungen der anderen Märchengestalten. Und so musste meine Mutter mir immer wieder Schneewittchen vorlesen und ich malte danach die Zwerge. Die Zahl sieben war die erste Zahl, die ich schreiben konnte.

Thomas Bernard hat in irgendeinem Interview, vielleicht auch in einem seiner Bücher, gesagt, er sei an keinem Ort so glücklich, wie auf der Reise, unterwegs von einem Ort zum anderen. Das habe ich mir gemerkt. Weil es sich so anfühlte wie die Zwerge. Es hat nichts miteinander zu tun, außer dass es mir das gleiche Gefühl vermittelt. Das Gefühl, verstanden zu werden.

Wie immer von Leuten, die lange schon tot sind.

Später, das lebte meine Mutter schon nicht mehr, und ich hatte meine Vorliebe für die Zwerge im Märchen von Schneewittchen vergessen, fragte mich mein eigenes Kind, was das bedeutet: „einsam sein“.