Ich ohne die Welt

Draußen war es grau. Drinnen waren diese Erinnerungen. Sie waren nicht willkommen. Sie waren auf dem Weg zu verschwinden, d.h. sie waren treue Begleiter. Lebenslang.
Zu den Erinnerungen trat dieser Satz. Nicht um sie auszulöschen, nicht einmal um sie zurückzudrängen. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, damit sie sich wohl fühlten vielleicht. Der Satz kam aus einem Buch. Ich hatte ihn arglos gelesen, wie die meisten Sätze, die ich sofort vergaß. Besonders die, die ich mir merken wollte, weil ich mir etwas davon versprach, worüber ich später nachdenken wollte.
Dieser Satz blieb. Er handelte von der Vorstellung, tot zu sein. Davon, dass tot zu sein nicht bedeutet: die Welt ohne mich, sondern: ich ohne die Welt (und der Satz stand in einem Buch, das Olga Martynova geschrieben hat. Ein poetisches Buch, in dem trotzdem Taschentelefone und Emails und Weblogs vorkommen und das ich schon aufgrund dieser Tatsache erstaunlich fand)
Der Satz, den die Martynova losgeworden war, indem sie ihm einem „schlafwandlerisch und nie ganz nachvollziehbar“ redenden Maler angedichtet hatte, war nun also bei mir eingezogen und fühlte sich offenbar sehr wohl bei meinen gastfreundlichen Erinnerungen. Es fühlte sich so wohl, dass es hemmungslos Fragen stellte. Mir Fragen stellte. Die Erinnerungen sahen darüber hinweg. Weil sie über alles erhaben waren.
Wie das gehen sollte, die Welt ohne mich in meiner Vorstellung. Die Welt ohne meine Vorstellung. Die Erinnerung bedrängten solche Fragen nicht. Mich schon.
Dann kam der Alltag, der ging einfach weiter, ganz ohne meine Vorstellung und nachts kam der Traum. Ich hatte von Flohmärkten geträumt und vom Tod. Der Tod ein Tauschgeschäft, das auf einem Flohmarkt abgewickelt wird. Und das Leben ist vielleicht etwas ganz ähnliches.

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Grenzen

Vielleicht ist das der Anfang, die Basis, die Grundlage der Auferstehung (des Wiederaufstiegs ins Leben aus den Niederungen der Depression), die Grenzen, die wir um uns selbst, unseren Blick auf die Welt und unser Leben gezogen haben, in Frage zu stellen.

Es ist alles ganz einfach. Aber offenbar scheint es immer noch einfacher, das zu übersehen und alles schwieriger zu machen, als es eigentlich ist.

All das sind keine grundlegend neuen Erkenntnisse, aber es bekommt eine andere Dimension, wenn man es nicht nur oberflächlich verstanden hat, sonder anfängt es wirklich zu begreifen. Die Sache mit der Form, mit der Beweglichkeit und dem Loslassen. Langsam begreife ich jetzt auch, was Anne Carson mit der Frage gemeint hat, die allem zugrunde liegen muss. Diese leitende Idee, die den Blick lenkt und dafür sorgt, dass solange winzige Puzzleteile zueinander finden, bis sich ein Bild ergibt.

Vielleicht sind es nicht zuletzt Grenzen, die dafür sorgen, dass Fäden reißen, Netze kaputt gehen, auf einmal Einsamkeit und Konkurrenz empfunden wird, wo doch im Grunde und natürlicherweise Verbindungen bestehen, geknüpft werden, uns und das Miteinander tragen.

 

Netze

Missverständnisse, Erwartungen, Enttäuschungen. Das Netz, das aus vielen losen Fäden durch Zuwendung geknüpft wird.

Louise Bourgeois Spinne und dass wir (Frauen, Mütter, Künstlerinnen) vielleicht die Spinnen sind, die immer wieder versuchen, anzuknüpfen, die Löcher zu flicken, die abgerissenen losen Enden wieder zusammen zu führen. Oder ein anderes Bild: dass das Leben ein Puzzle ist, bei dem jedes Teil, jeder Splitter seinen Platz hat. Nur manchmal finden wir den Ort, an dem wir es einfügen müssen, einfach nicht. Dann bleibt diese Lücke, unsere Verzweiflung. Und dennoch ist alles da.

 

Wenn Wurzeln Flügel tragen

Es ist viel wichtiger, Hilflosen zuzuhören, die man oft nur schwer zum Reden bringt.

Dieses Zitat ist von Ilse Aichinger. Und gestern habe ich einen Text gelesen, der genau das einlöst, in dem ein Hilfloser spricht. Der Sprecher heißt Paul und ist zwölf Jahre alt, und er hat einen so berührenden Text geschrieben, dass mir noch immer ein Kloß im Hals steckt, aber gleichzeitig macht mir Pauls Text Mut. Weil so viel Kraft und Mut, und vor allem Liebe in diesem Text steckt.

Pauls „Mein Leben ohne Vater“ ist einer der Beiträge für das ohnehin schöne Projekt „Wenn Wurzeln Flügel tragen„, und ich wünsche diesen Zeilen sehr sehr viele Leser. Ganz besonders natürlich einen bestimmten Leser.

Veränderungen

Immer noch, immer wieder, geht es um „nationale Interessen“, ohne dass jemals das Konzept der „Nation“ ernsthaft in Frage gestellt würde. Vielleicht ist es naiv, aber sollte Europa nicht als eine Gemeinschaft gedacht (und endlich auch gelebt) werden, deren Idee nicht nur über Nationen hinausgeht, sondern nationales Denken, nationale Identität obsolet macht, weil derart kleinstaatliches (auf vermeintliche Sicherheit und Machterhalt ausgerichtetes) Denken aufgehoben wird vom Willen als europäische Gemeinschaft Aufgaben bewältigen zu können, Lösungen zu finden, die jedes einzelne Land in seinen nationalen Grenzen überfordern würde?

Während sich alles ändert, grundlegend und mit Auswirkungen, die wir spätestens seit diesem Jahr zu deutlich spüren, um sie zu ignorieren, stellen sich nur wenige Medien und nur wenige der politisch Verantwortlichen der Tatsache, dass es eine grundlegende Veränderung der Lebenswirklichkeit für jeden Einzelnen von uns geben wird. Es ist diese Unsicherheit über die wir reden sollten. Denn sie zu verschweigen, erzeugt Angst, sie zu verleugnen wäre eine Lüge, die gravierende Folgen haben könnte, sich ihr nicht zu stelle führt zu Chaos und auf die Dauer zu Handlungsunfähigkeit.

Die Veränderung wird es geben. Aber wir können sie gestalten, wenn wir sie nicht länger verschweigen.

Anne Weber bei den Bielefelder Literaturtagen 2015

Ich referiere hier nicht das sehr besondere Buch, das Anne Weber geschrieben hat, ich mache hier keine Besprechung von Ahnen, einem sehr klugen und anregenden Buch. Ich will nur davon erzählen, wie Anne Weber sich knipsen lassen musste von der Presse, und wie viele Menschen gestern in der Stadtbibliothek in Bielefeld waren, um ihr zuzuhören. Während ich noch auf den Beginn der Lesung warte, spielt sich der Klavierspieler schon einmal warm und hinter mir summt jemand die Melodien mit, die da gespielt werden. Ich sehe mir die Gesichter an, erfreulicherweise dieses Mal auch viele junge Menschen, und frage mich, welche Fragen, welche Erwartungen, die Leute heute abend hier her geführt haben.

Und mich? Sicher die ungewöhnliche Auseinandersetzung nicht nur mit der Vergangenheit an sich, sondern damit, wie dieser Teil Geschichte, in dem unvorstellbar schreckliche Dinge geschehen sind, wie die Nazidiktatur alles überschattet, wie verletzbar sich die Autorin zeigt, und wie gründlich sie recherchiert, nachdenkt, ihre Gedanken Mal um Mal revidiert.

Nach der Vorstellung durch Harald Pilzer liest Anne Weber den Anfang ihres Zeitreisetagebuches. Ein Buch, das ohne Kapitelgliederung auskommt, und chronologisch weniger von dem Urgroßvater Florence Christian Rang erzählt, der im Buch den Namen „Sanderling“ bekommt, als vielmehr von der Auseinandersetzung seiner Urenkelin mit der Zeit, mit diesem „Riesengebirge“ aus Zeit, die sich zwischen das Leben des Urgroßvaters und die Gegenwart, aufgetürmt hat.

Im anschließenden Gespräch wird Anne Weber erzählen, dass es nicht zuletzt das nie vollendete Hauptwerk Rangs war, das sie angezogen und neugierig gemacht hat. Rang muss sich als Nachfahre Hiobs gesehen haben, als einer, den Gott versucht und straft und auf die Probe stellt, so dass er ihn beschimpft. „Abrechnung mit Gott“ sollte das Werk heißen. Und dieses gleichzeitig ernste wie größenwahnsinnige Anliegen rief genug Bewunderung in der Urenkelin hervor, um sich auf den Weg zu machen, diesen Urgroßvater besser kennen zu lernen.

Die Zeit beschreibt Weber als Weg, ein Gedanke, der sich mit dem Begriff „Zugang“ gut plausibel machen lässt, denke ich, wieder einmal überrascht davon, wie viel übersehene Weisheit in den Worten selbst liegt.

Es sind die hohen Ideale, die Rang/Sanderling verfolgt, diese unerfüllbaren Ideale, die ihn niederdrücken. Weber schreibt von einer „tiefen Verlorenheit“ Sanderlings. Ist das sensible Einfühlung, frage ich mich, oder ist es das, was Leslie Jamison „Inpathie“ nennt, das Überstülpen einer fremden Biografie, fremden Leidens, in das eigene Leben? Oder ist es die Auseinandersetzung zwischen Stolz und Abscheu, zwischen tiefstem Verständnis und abgrundtiefem Unverständnis, angesichts dieses Satzes auf den Weber bei ihren weiteren Recherchen stoßen wird, den Rang anlässlich der Besichtigung einer Irrenanstalt gegenüber dem diensthabenden Arzt äußert: „Warum vergiften Sie diese Menschen nicht?“

Im anschließenden Gespräch erzählt Weber zu Impuls und Verfahren ihres Buches befragt, ihre Ausgangsfrage sei gewesen, wie man einem Menschen begegnen kann, der in der Zeit verschwunden ist. Schnell wurde ihr klar, es geht nur über den Prozess (sie selbst nennt es Reise) der Annäherung. Also nicht zuletzt noch einmal ein neuer Ansatz zur Auseinandersetzung mit historischen Stoffen. Ein Thema, das mich spätestens seit dem wunderbaren Aufsatz von Felicitas Hoppe in der Neuen Rundschau von 2007 beschäftigt.

Weber erzählt von der Berg- und Talfahrt, die sie bei der Recherche nach der Biografie Sanderlings erfahren hat, von der Bewunderung über die Ernüchterung hin zu einem großen Respekt angesichts der Tatsache, dass Sanderling in seinem Buch „Bauhütte“ nach dem Ende des ersten Weltkrieges einen jeden Menschen bei seinem individuellen Gewissen anrief, die zerstörten Städte wieder aufzubauen.

Deutlich wird, dass sich insbesondere die Zeitspanne des dritten Reichs als etwas Unüberwindbares zwischen die Vergangenheit, in der Sanderling lebte und dem heute, von dem aus seine Urenkelin nach ihm sucht, gelegt hat. Diese alte, noch von diesen Greueltaten unberührte Vergangenheit, verliert angesichts dieser Epoche ihre „Unschuld“. Wenn sich der Urgroßvater abfällig über Irre äußert und sogar vorschlägt sie zu vergiften, ist es unmöglich diesen Satz nicht auf die Nazizeit zu beziehen, darin nicht einen Vorläufer für die massenweise Vernichtung von Menschen zu sehen.

No dar papaya

Ich habe die sehr klugen Essays von Leslie Jamison gelesen, die auf ihren Wunsch zulaufen; ich will, dass unsere Herzen offen sind, und dann habe ich die Rede von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen und nicht zuletzt den wunderbaren Artikel „No dar papaya“ von Pagophila. Und etwas begann sich zu bewegen, die Worte und Sätze, die ich gelesen hatte, begannen sich miteinander zu verbinden, ein Netz zu spinnen, mit mir selbst als Spinne und gefangener Beute zugleich darin.

In allen Artikeln geht es auch um Feminismus. Ein Wort, dem ich lange aus dem Weg gegangen bin, weil ich dachte, es ginge mich nichts mehr an, das war die Sache der Generation vor mir, die haben das abgearbeitet, und weil ich andererseits glaubte, wer sich heute mit Feminismus beschäftigt, schleppt ein ungeheuer großes, schwer durchschaubares theoretisches Konstrukt mit sich herum. Ein intellektuelles Netz, das ich nicht kenne, in das ich mich nicht einarbeiten will. Also Rückzug, Verweigerung, sogar Negation. Der Feminismus hat sich erübrigt, wir brauchen das nicht mehr. Ich brauche das nicht mehr. Was natürlich Blödsinn ist, und verkehrt.

Denn Feminismus ist ja nicht zuletzt die Forderung, offene Herzen zu haben, dieser sehr einfache Nenner auf den ich es für mich gebracht habe, dass wir naturgemäß unterschiedlich sind, als Männer und Frauen, dass wir unterschiedlich aussehen und häufig genug unterschiedlich denken und handeln, und das ist gut so, denn Gleichberechtigung heißt nicht Gleichmachen, sondern dafür sorgen, dass unterschiedliches den gleichen Wert erfährt. Dass wir Empathie und Fürsorge ebenso hoch bewerten wie Hartnäckigkeit und eine gewisse Aggressivität beim Durchsetzen seiner Ziele. Dass wir aber gleichzeitig diese Eigenschaften nicht automatisch einem bestimmten Geschlecht zuordnen, sondern bestimmten Individuen, dass wir, um es auf den einfachsten Nenner zu bringen, begreifen, dass es nicht um entweder oder geht, sondern um sowohl als auch. Um Ergänzung, nicht um Übertreffen.

Viel hat sich geändert, aber wir sind längst noch nicht am Ziel. Darum sind solche Bücher, wie Jamison sie schreibt so wichtig. Darum ist es notwendig, dass Chimanmanda Ngozi Adichie mit ihrer Definition von Feminismus gehört wird: „Eine Feministin oder ein Feminist ist ein Mensch, der sagt, ja, es gibt heutzutage Probleme mit Geschlechterrollen, und das müssen wir korrigieren, und wir müssen es besser machen. Wir alle, Frauen und Männer, müssen es besser machen.“

Wir müssen den kleinen Mädchen, die vielleicht immer noch in uns stecken, erlauben, die grenzenlose Freiheit im ersehnten Plisseeröckchen ohne Kniestrümpfe zu erfahren, und auf das Recht bestehen, dass nicht jede Grenze, die wir nicht anerkennen, des väterlichen Schutzes bedarf, weil wir uns selbst beschützen können, wenn wir unsere Verletzlichkeit zeigen, oder ein vermeintlich leichtes Ziel darstellen.

Von Grenzen und Möglichkeiten

Flüchtlinge – die Zahlen, die Fakten, die Möglichkeiten und auf der anderen Seite die Berichterstattung, das Bild, das da entsteht. Dieses Angst schüren und Abgrenzen. Warum? Wer treibt das voran? Also, wer oder was treibt die Medien, das voran zu treiben? Warum ist es scheinbar so schwer, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Obwohl es ja viele Menschen tun, die jüngste Entscheidung der Bischhofskonferenz bezüglich des Kirchenasyls z.B.,  oder auch die Vielzahl der Stimmen, die sich unverzüglich gegen die unerträgliche Aktion der Bildzeitung gegen Griechenland erhoben haben (und die Europapolitik und derartige Reaktionen haben nur scheinbar nichts mit Flüchtlingsfragen zu tun, wie ich im weiteren Verlauf zeigen zu können hoffe).

Ansätze für eine mögliche Antwort auf meine Fragen, finde ich in einem Artikel von Wolf Reiser. Er schreibt: „Emotionen bestimmen den Diskurs statt Fakten. Vorbehalte statt Wissen.“

Wir wollen stets beides; in diesem Fall, in der Frage um Asylrecht und die Aufnahme und Behandlung von Flüchtlingen ist das: unser schlechtes Gewissen besänftigen und gleichzeitig unseren Reichtum für uns behalten. Flüchtlingen helfen, sie aber nicht in unserer Straße leben lassen. Sowohl als auch. Das muss doch gehen. Das soll die Politik mal machen. Aber die Politik folgt dem Beispiel der Wirtschaft und gliedert aus, die Betreuung von Kindern, die in ihren Familien nicht länger gut aufgehoben sind, die Betreuung von Flüchtlingen. Die Schwächsten der Gesellschaft werden einem Wirtschaftkreislauf preisgegeben, bei dem Zahlen, Kosten und Profite im Vordergrund stehen. Und wir nehmen das hin. Weil wir ja ohnehin nichts machen können, außer alle vier Jahre unser Kreuzchen zu machen (und selbst das tun wir immer seltener), außer auf die Straße zu gehen, und Parolen zu rufen.

Weil die Politiker von Überlastung reden, von Missbrauch, Ansturm, von Wollen aber nicht Können. Und ganz wichtig: immer wieder von Grenzen. Von den Grenzen der Belastbarkeit, der Finanzierbarkeit und natürlich (?) von Ländergrenzen. Die Grenzen setzen den Rahmen, verengen die Perspektive. Wenn man ständig nur die Grenzen im Blick hat, wird alles schnell bedrohlich, maßlos, zu viel. Die Möglichkeiten geraten aus dem Fokus, das Potential, das gerade auch nicht herbeigesehnte Situationen bergen, wird übersehen. Möglichkeiten, von denen alle profitieren könnten, im Miteinander, statt in einer (häufig überflüssigen) Abgrenzung.

Wie wäre es statt Rückzug (hinter Phrasen, Statistiken, die die Angst und Überforderung als berechtigt ausweisen sollen), mit Öffnung, mit dem Versuch eines möglichst vorurteilslosen Blicks? Oder schlicht mit der Anerkennung der Tatsachen: Dass wir längst den Punkt überschritten haben, an dem wir behaupten können, uns ginge das alles nichts an, an dem wir uns der Notwendigkeit darüber nachzudenken, was und wie wir teilen können, verschließen dürfen. Weil das zu Pegida führt. Zu Angst und immer neuen irrationalen Gründen, sich bedroht zu fühlen. Man muss sich das überhaupt einmal richtig klar machen: In einem Land, das seit nunmehr 70 Jahren vom Krieg verschont geblieben ist, dass über eine funktionierende Infrastruktur und ein gutes Bildungssystem verfügt, fühlen sich die Bürger bedroht, weil Menschen, die von Krieg, Verfolgung, oder auch „nur“ von Perspektivlosigkeit und Armut bedroht sind, hier Zuflucht suchen. Weil sie ebenso menschenwürdig und gut leben möchten wie wir.

Und das verbindet ja die Schwierigkeiten europäischer Politik und die nationalen Probleme angesichts der Flüchtlinge, dass dermaßen an den Grenzen festgehalten wird; hier wir, die wir uns qua Geburt das Recht erworben haben in einem befriedeten demokratischen Staat zu leben, und dort diejenigen, die erst einmal nachweisen müssen, warum auch sie glauben, hier leben zu dürfen. Hier wir sparsamen und fleißigen Deutschen und da die „gierigen Griechen“ (Bild), die immer noch mehr Geld von uns haben wollen, das nachher für die Errichtung von Stacheldrahtzäunen zur Abwehr von Flüchtlingen fehlt.

Vielleicht muss man anders ansetzen. Bei der Angst vor Veränderung. Einer Veränderung, die ja längst stattgefunden hat. Die sich jetzt nur beim besten Willen nicht länger übersehen lässt. Veränderung bedroht den Status Quo. Aber kann Veränderung nicht auch Anlass zur Hoffnung sein? Könnte sich nicht ganz viel schon allein dadurch ändern, dass wir erst einmal hinsehen, was wirklich ist, bevor wir ängstlich die Augen schließen? Und wenn die Angst dann trotzdem bleibt, darüber reden? Nachdenken, statt reflexartig eine neue Mauer hochzuziehen?

IV

Vielleicht besteht Kunst im Wesentlichen in der Entscheidung auf eindeutige Antworten, auf richtig und falsch, zu verzichten.

Wenn Anne Carson davon spricht, dass die Frage ist, was die Frage ist, wenn diejenigen, die die Odysee gelesen und verstanden haben, davon sprechen, dass es sich im wesentlichen um eine Reise zu sich selbst handelt, wie überhaupt jede große Literatur sich dieser Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt, liegt möglicherweise darin die Antwort (die wir ja trotz allem brauchen), wie gut eine das aushält, dass es keine Antworten gibt. Wie gut man das hinbekommt, das was ist, erst einmal sein zu lassen, ohne sofort nach Lösungen zu suchen.