Neunter Tag

Seltsam, wie es mir beim Lesen des zweiten Teils, dem „Buch der Erinnerung“, immer schwerer fällt, eigene Gedanken zu dem Gelesenen niederzuschreiben.

Geschichten erzählen als lebensverlängernde bzw. lebensrettende Maßnahme. Die Geschichten aus 1001 Nacht, aber auch der Titel von Joan Didions Essaysammlung: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Die Bedeutung des Erzählens, und wie wenig man sie im normalen Ablauf des Alltags erkennt. „Denn das ist die Funktion des Erzählens“, schreibt Auster, „jemandem eine bestimmte Sache vor Augen halten, indem man ihm eine andere zeigt.“ Verständnis ermöglichen für die, die nicht für sich selbst sprechen können, für die, denen wir niemals begegnen werden (vielleicht auch gar nicht begegnen wollen), eine Offenheit schaffen, indem jeder in der Sicherheit seines Zimmers bleiben darf, während das Buch, die Erzählung, die Fenster weit öffnet und Wirklichkeit eindringen lässt.

Achter Tag

Betrachtungen über die Einsamkeit. Jona als Paradebeispiel für Einsamkeit. Einer, der sich der Gemeinschaft verweigert,indem er schweigt. Seinen von Gott erteilten Auftrag nicht ausführt, weil seine Rede Wirkungen hätte, die ihn zum falschen Propheten machen würde. Seine Besinnung in der Dunkelheit des Walbauches. Seine Rettung und Läuterung.

Der gescheiterte Versuch, Collodis Pinocchio auszuleihen, weil der Standort nicht eindeutig war und die Zeit zur Suche fehlte.

Selbst als die Kinder schon 5 und 6 Jahre, oder sogar älter waren, fürchteten sie sich vor Geschichten, in denen große Fische vorkamen, vor der Geschichte von Jona und auch vor der von Pinocchio.

Die einzige Art, auf die ich mit dem Schmerz der Erinnerung (als unweigerlich Vergangenem) umgehen kann, ist darauf zu beharren, dass all diese Erinnerungen da sind, lebendig, als Teil von uns, von dem, was aus uns geworden ist.

Auster dazu:

Erinnerung also nicht als die Vergangenheit in uns, sondern als Beweis für unser Leben in der Gegenwart. Wer wirklich in seiner Umgebung anwesend sein will, darf nicht an sich selbst, sondern muß an das denken, was er sieht. Um da zu sein, muß er sich vergessen. Und aus diesem Vergessen kommt das Erinnerungsvermögen. Auf diese Weise kann man sein Leben so leben, daß nichts davon verlorengeht.“

Die Vergangenheit vergessen, um präsent zu sein, obwohl sie immerzu ein Teil ist, ein Teil des Lebendigen, die Perspektive bestimmt, das was wir sehen, wie wir es sehen. Aber was mir wirklich gefällt, ist dieser Gedanke, dass erst aus dem Vergessen Erinnerung entsteht. Erst wenn ich mich vergesse, von mir absehe, kann ich die Einsamkeit der Erinnerungslosigkeit überwinden.

Siebter Tag

Wie der Schädel den Körper einschließt, alles eingrenzt, oder die Grenzen aufhebt, die Macht der Vorstellung, die Freiheit, Leichtigkeit der Intention. „Erinnerung als ein Zimmer, als ein Körper, als ein Schädel, als ein Schädel, der das Zimmer umschließt, in dem der Körper sitzt.“

Wie die Erinnerung einschränkt und beschränkt. Einen Raum schafft. Aber auch die Tür verschließt.

Noch ein Zitat:

„Die Kraft des Gedächtnisses ist wunderbar“, bemerkte der heilige Augustinus: “ Es ist ein gewaltiges, unermeßliches Heiligtum. Er kann seine Tiefen ermessen? Und doch ist es eine Fähigkeit meiner Seele. Gewiß ist es ein Teil meines Wesens, doch vermag ich mich nicht zur Gänze zu verstehen. Somit ist also der Verstand zu enge, sich selbst vollständig zu enthalten. Wo aber befindet sich jener Teil von ihm, den er nicht in sich selbst umschließt? Ist er irgendwo außerhalb seiner selbst und nicht in sich selbst? Wie kann er dann ein Teil davon sein, wenn er nicht darin enthalten ist?“

Sechster Tag

Die Details der Beerdigung. Alles ist wieder da. Von diesen Stunden habe ich seltsamerweise eine lückenlose Erinnerung. Als wäre ich in dem Moment erwacht und hätte begriffen, dass der Albtraum real war, die einzige Realität, die ich hatte.

Der zweite Teil: das Buch der Erinnerung. Das Herantasten. Das Umkreisen des Themas. Wie ein Raubtier. Das Bild eines Raubtiers, der geschmeidige Gang, die Bereitschaft jeden Moment anzugreifen, ist da, obwohl auch das Gefühl von Unsicherheit aus dem Gelesenen hervortritt. Was natürlich mit mir zu tun hat. Darum mag ich solche Bücher, die gleichzeitig in Frage stellen, was sie schreiben. Die sich herantasten. Unsicher. Und auf diese Art angreifen. Wie Demokratie von Joan Didion, wie Das Buch von Blanche und Marie von Per Olov Enquist, wie Die Erfindung der Einsamkeit.

„Angesichts außerordentlicher Wirklichkeit nimmt das Bewußtsein den Platz der Phantasie ein.“ (Wallace Stevens)

Ich versuche den Satz zu verstehen; die Fantasie braucht den geschützten Raum der Normalität, oder die Wirklichkeit in der das Bewusstsein den Platz der Fantasie einnimmt, ist derart außerordentlich, dass sie die Möglichkeiten der Fantasie überschreitet und nur mit Hilfe des Bewusstseins (was immer das ist) bewältigt werden kann. Indem es sich trübt, indem es alles ausblendet, was nicht unmittelbar zur Lösung des Problems, zur Bewältigung eben dieser außerordentlichen Wirklichkeit beiträgt. Weiter reicht mein Verständnis nicht. Meine Fantasie auch nicht.

 

 

Fünfter Tag

Diese genaue Analyse der Lebensumstände, diese sehr detaillierte Nacherzählung der Biografie seines Vaters, macht mir deutlich, wie wenig ich von meinen Eltern weiß, ein paar Eckpunkte, drei, vier Geschichten, die immer wieder erzählt worden sind, Fotoalben ohne Beschriftung und Erläuterungen.

Wie wichtig ist es, zu begreifen, woher man kommt, was die eigenen Eltern geprägt hat? Wie sehr ist man Glied in einer Kette und wie sehr man selbst?

Ich weiß noch wie einige Jahre nach dem Tod meiner Mutter, nach einer Zeitspanne, in der ich fast überhaupt keinen Kontakt mehr hatte zu den Resten meiner Familie, eine Cousine anrief. Es war der erste Weihnachtsfeiertag, sie saßen alle zusammen und nun lud sie mich ein, vorbeizukommen. Ein wenig widerwillig folgte ich der Einladung und kehrte später überwältigt nach Hause zurück. Überwältigt von all diesen „Weißt-du-noch“- Sätzen, vom Teilen von Erinnerungen. Ich glaube an diesem Abend habe ich ein wenig verstanden, was Einsamkeit ist.

Vierter Tag

Ich erkenne mich wieder in diesem Bild. Vielleicht ist es ein Bild des modernen Menschen an sich; durch Vervielfältigung zum Verschwinden gebracht. Und gleichzeitig eingegrenzt, getrieben von den Erwartungen jeden einzelnen Bildes, das dasjenige, das man gerade „Ich“ nennt, bedingt.

Ich weiß, dass dieses Bild in diesem Buch eine besondere Geschichte hat, eine Genese, die nur mit der besonderen Geschichte zu tun hat, mit der Ermordung des Vaters und dem Zusammenhalt der Brüder. Trotzdem ist es auch ein Stück weit universal, so wie es wohl immer ist bei richtig guter Literatur; dass sie die Balance findet zwischen persönlichen Bekenntnissen und universeller Gültigkeit.

Dritter Tag

Während die Apfelpfannkuchen in der Pfanne bruzzeln, komme ich endlich wieder dazu, in der Erfindung der Einsamkeit zu lesen. Einsamkeit, schrieb mir Blinky in einem Kommentar, sei etwas, mit dem wir uns zu wenig beschäftigen. Ich denke, sie hat Recht. Vielleicht auch deshalb dieses Buch. Immer wieder.

Die Wehmut, die mich beim lesen der sehr detaillierten Erinnerungen an diesen Vater überkommt. Weil meine Erinnerungen längst verblasst sind. Weil ich nicht schnell genug aufgeschrieben habe, wer meine Mutter war. Und wie. Meinen Vater kenne ich ohnehin fast nur aus Erzählungen. Ich war fünf als er starb.
Ihre Hände, ihre Gesten, ihre Stimme. An all das kann ich mich nur noch mit Mühe erinnern und was dann erscheint (als angebliche Erinnerung), sagt mehr über meine Erfindungen aus, als über sie. Nicht einmal, wie ich sie damals gesehen habe. Nur wie ich mir vorstelle, dass ich sie gesehen habe.

Eine der Schlüsselszenen im Buch, von dem auch das Cover meiner Ausgabe inspiriert ist, ist diese:

Aus einer Tüte mit ungeordneten Bildern: eine Trickphotographie, aufgenommen in einem Studio in Atlantic City irgendwann in den vierziger Jahren. Er sitzt gleich mehrmals um einen Tisch, jedesmal aus einem anderen Blickwinkel abgelichtet, so daß man es anfangs mit einer Gruppe verschiedener Männer zu tun haben glaubt. Da sie im Dustern und vollkommen reglos sitzen, machen sie den Eindruck, als seien sie zu einer Séance zusammengekommen. Und wenn man das Bild genauer betrachtet, erkennt man allmählich, daß alle diese Männer immer derselbe Mann sind. Die Séance wird zu einer echten Séance, so, als säße er dort nur, um sich selbst zu beschwören, sich selbst von den Toten zurückzuholen, als habe er sich durch seine Vervielfältigung versehentlich selbst zum Verschwinden gebracht. Er sitzt fünfmal dort, doch liegt es im Wesen der Trickphotographie, daß die verschiedenen Ausgaben seiner selbst keinen Blickkontakt miteinander haben können. Jede einzelne ist dazu verurteilt, immerzu ins Leere zu starren, als lasteten die Blicke der anderen auf ihm, doch ohne etwas zu sehen, ohne je etwas sehen zu können. Es ist ein Bild des Todes, das Porträt eines Unsichtbaren.

Zweiter Tag

Kann ein Einsamer (einer, der sich selbst den anderen lebenslänglich vorenthält) Spuren hinterlassen? Jemand, der nicht einmal sein Haus in Besitz nimmt, sondern nur wie ein Gast betritt und allenfalls notdürftig benutzt, stets bemüht keine Spuren zu hinterlassen. Was kann man wissen von so einem Menschen, der stets nur die Oberfläche gezeigt hat, der funktioniert hat, aber offensichtlich selten (wenn überhaupt) etwas ausgedrückt hat, dass tiefer lag und nur mit ihm selbst zu tun hatte. Kann man etwas wissen von seinem Leben, seiner Einsamkeit, oder sind das alles nur Erfindungen? Was sagen die Spuren wirklich aus, und wie viel davon ist Interpretation, ganz und gar abhängig von dem jeweiligen Spurenleser? Abwesenheit statt Präsenz. Heißt das, derjenige, der abwesend ist, immer und überall, so dass seine Abwesenheit schließlich seine eigentliche Präsenz wird, ist einsam, oder bedeutet es nicht vielmehr, dass er die ihn Umgebenden ihre eigene Einsamkeit spüren lässt, angesichts dieser Undurchdringlichkeit. Spuren bei anderen, weil einer scheinbar nichts spürt (und das scheinbar muss sein, weil ich mir keine vollkommene Gefühllosigkeit vorstellen kann, vielleicht will ich es auch nur nicht.) Ein Monolith, der sich selbst genügt. Aber warum ist er dann nicht allein geblieben? Und ist es nicht merkwürdig, dass ich jetzt so intensiv über einen vor Jahrzehnten verstorbenen Mann nachdenke, während vor meinem Fenster ein Kind ausdauernd, aber emotionslos den Namen seiner Freundin ruft? Dieser Mann, Paul Austers Vater, hatte auch einen Namen und wenn man ihn rief, reagierte er zuverlässig. Mit Abwesenheit.

Vielleicht kann man nur die Reaktion der anderen auf diese Abwesenheit beschreiben. Vielleicht ist es das, was Paul Auster mit diesem Buch tut.

„Unmöglich, in die Einsamkeit eines anderen einzudringen, das wird mir jetzt klar“, schreibt er. „Falls wir einen Menschen, wenn auch nur in Maßen, überhaupt jemals richtig kennenlernen können, dann allenfalls insoweit, als er bereit ist, sich zu offenbaren. Jemand mag sagen: Mir ist kalt. Oder aber er sagt gar nichts, und wir sehen ihn zittern. In jedem Fall wissen wir, daß ihm kalt ist. Was aber, wenn einer nichts sagt und auch nicht zittert? Wo alles verhärtet ist, wo alles hermetisch und ausweichend ist, kann man nur noch beobachten. Doch ob man aus dem Beobachteten schlau wird, ist eine ganz andere Sache.

Ich möchte keinerlei Vermutungen anstellen.“

Wenig später noch der Satz, dass auch die Tatsachen nicht immer die Wahrheit erzählen.

Ein Mann sucht nach einem Vater, wo es nur einen Erzeuger gibt, sucht nach einem Menschen hinter dem Träger der Krawatten, deren Entsorgung ihm die Kehle zugeschnürt hat. Was er erzählt und erfindet, ist vielleicht nicht die Wahrheit, aber ich spüre eine Aufrichtigkeit, oder sollte ich sagen: eine aufrichtige Verzweiflung, in diesen Zeilen, die mich bei jedem Lesen erneut trifft.

Erster Tag

Es fängt beinahe unheimlich an. Ich habe einige unzusammenhängende Zeilen geschrieben, die dann doch ihr Thema fanden: Spuren. Später dann lese ich die ersten Seiten der Erfindung der Einsamkeit und stoße auf der zweiten Seite auf diesen Satz: „Was mich beunruhigte, war etwas anderes, etwas, das mit dem Tod oder meiner Reaktion darauf nichts zu tun hatte: die Erkenntnis, daß mein Vater keine Spuren hinterlassen hatte.“

Gleichzeitig kommt mir das Gedicht Die Liebe von Hilde Domin in den Sinn.

Was sind Spuren? Was bedeuten uns Spuren? Etwas, das zurückbleibt? Etwas, dem wir folgen können? Eine Hinterlassenschaft, oder ein Wegweiser, eine Orientierung, um sich nicht vollkommen in sich selbst zu verlieren, also so etwas wie eine Hand, die man dem anderen reicht, als Bitte um Hilfe, oder als freundliches Winken? Hat mein Vater Spuren hinterlassen? Spuren, die nach so vielen Jahrzehnten noch sichtbar sind?

Spuren, wie nah dieses Wort am Spüren liegt.

 

[übrigens: bei dem Link auf das Gedicht müsst ihr weiterblättern, es besteht aus mehreren Strophen, die jeweils auf einer eigenen Seite stehen]