Happy End

Etwas trifft ein, trifft zu. Während es eintrifft, beginnt es bereits zu verschwinden. Zunächst hast du keine Ahnung davon und lässt es geschehen. Du bist unglücklich, wenn du unglücklich bist und glücklich, wenn du glücklich bist. Alles im Moment. Später denkst du darüber nach, planst voraus, versuchst deine Gefühle zu beherrschen, willst das Glück mit Gewalt festhalten und dem Leid mit allen Mitteln aus dem Weg gehen. Irgendwann kannst du deine Gefühle weder wahrnehmen noch unterscheiden. Da ist nur ein dumpfer Schmerz, ein Ungefühl. Und all die Erinnerungen wie Nadelstiche.

Vielleicht gelingt es dir nach und nach loszulassen und zuzulassen, ein jegliches zu seiner Zeit. Du machst dich bereit, zu sterben. Und willst nichts hinterlassen, außer einer unverwüstbaren Liebe für alles, was lebt.

Das ist keine Gerechtigkeit und keine Sanftmut, keine Vernunft und Voraussicht. Kein Märchen und kein Happy End.

Altern

Der Vater meines Vaters hatte eine irritierende Angewohnheit, und sie ist zu meiner geworden. Er pflegte die abgebrannten Streichhölzer zurück in die Schachtel zu legen, zu den unverbrauchten dazu.

Ich kann keine Streichholzschachtel öffnen, ohne zu denken, dass diese dumme Angewohnheit ein exaktes Abbild des Alterns ist.“

(Tomas Espedal, Biografie Tagebuch Briefe, S. 120)

Alter

Alter ist: die Dinge verlieren ihre Bedeutung. In jeder Falte verbirgt sich ein Verlust. Ich bin traurig und einsam. Aber das hat nichts mit der Wahrheit zu tun, oder mit den Umständen. Alles liegt nur an meinen beständig schlechter werdenden Augen, die sich weigern zu sehen.

Verletzungen

Es ist ja so, dass jeder von uns seine eigenen Verletzungen erfahren muss. Dass es eine Lehre gibt, die wir begreifen müssen, eine Aufgabe, die erfüllt werden muss. Und das gelingt mal schmerzhafter und ein anders Mal leichter, aber helfen kann uns niemand dabei. Nur beistehen und uns ermutigen, eine Deutung zu finden, die es uns ermöglicht, uns selbst anzunehmen. Uns, und diese Aufgabe, die uns gestellt wird.

Der Hunger der Zeit

Manchmal tauchen Erinnerungen auf, die sie jahrzehntelang vergessen hatte. Als wolle irgendetwas in ihr (aber was, wie nennt man diesen Bereich? Denn er muss einen Namen haben, um sich verständlich machen zu können. Auf keinen Fall ist es der Intellekt. Mehr kann sie nicht sagen) ihr Geschichten erzählen, ihr etwas vormachen. Oder sie erinnern? Die Zeit verschlingt uns. Die Zeit macht gar nichts. Die Zeit ist die Form, der wir uns ständig anpassen müssen. Ihre Kinder, wenn sie alle paar Wochen einmal zu Besuch kommen, können nichts mit ihr anfangen. Sie scheint weit entfernt, gefangen in ihren Geschichten von der Vergangenheit. Nahezu alle Sätze beginnt sie mit: weißt du noch? Wisst ihr noch?

Ihre Kleider hängen unförmig an ihrem immer dünner werdenden Körper herunter. Manchmal machen sich die Kinder Sorgen um sie. 10, 15 Schritte lang, bis sie in entgegengesetzte Richtungen davon gehen, zurück in ihr eigenes Leben. In eine Gegenwart, zu der sie keinen Zutritt hat. Die sie aus keinem verständlichen Gründen nicht betreten kann. Sie ist müde. Nie hungrig. Außer nach diesen Geschichten. Es war einmal. Weißt du noch.

Hast du manchmal Angst vor dem Tod?, hat die Schwester sie einmal gefragt, und sie hat sie, auf einmal sehr wach und aufmerksam, lange angesehen. Später hatte die Schwester ein schlechtes Gewissen, sie gerade mit einer derartigen Frage aus ihrer Lethargie, ihrer Weltabgewandtheit gerissen zu haben.

Glücklicherweise können es die wenigsten verstehen, dass sie sich unmöglich fürchten kann vor ihrem Tod. Denn sie ist schon so lange leblos, so lange vielmehr Teil des Todes, des Sterbens, als Teil der anderen Seite, der Lebendigkeit. Tod, das heißt für sie nur, dass die Erinnerungen aufhören werden, dass sie endlich verschwinden wird in diesen unüberbrückbaren Abgrund, der sie von den anderen trennt.

 

In der Bahn hört sie, wie ein Mann, er mag Mitte Dreißig, Anfang Vierzig sein, seinem Begleiter von einer Frau (seiner Großmutter?) erzählt. Ihr Problem sei, dass sie nicht wahrhaben wolle, dass sie 90 Jahre alt sei. Dass sie mit ihren 90 Jahren immer noch so tue, als wäre sie 70.

Vielleicht, denkt sie, hat die alte Dame die letzten 20 Jahre Differenz nicht gelebt (ist wie sie in den Erinnerungen gefangen gewesen), oder sie hat sie vergessen, weil sich die Tage so sehr glichen. So unterschiedslos eintönig, gleichförmig waren, dass sie immer wieder zurück fiel auf ihr 70. Lebensjahr, bis man sie erinnert, wie weit das zurückliegt, und dass es nun gilt, beherzt auf den Tod zuzuschreiten.

Ist es das, was der Mann meint? Dass eine 90jährige sich bereitmachen sollte, zu sterben, statt wie eine 70jährige am Leben zu hängen?

Generationen

Als ich jung war, vermutlich sogar bis zu dem Zeitpunkt, als ich eigene Kinder bekam, habe ich nicht gespürt inmitten der Generationen verortet zu sein. Es gab meine Eltern, meine Großeltern, die Kinder meiner Cousinen, sehr junge und sehr alte Menschen, aber das hatte nichts mit mir zu tun, ging mich und meine Lebenswelt nichts an.

Alter und Nation

Die Würde und Schönheit der älteren Frauen hier, durchgehend empfinde ich die türkischen Frauen (ab meiner Altersklasse und darüber) als schöner, vor allem als würdiger als Geschlechtsgenossinen meiner Nation. Als würden sie alle viel mehr in sich selbst ruhen, ihren Wert und ihren Platz kennen und ausfüllen, ohne fremden und vermutlich unerreichbaren Idealen hinterher zu rennen.

 

Diese wunderschöne Frau im überfüllten Rückfahrt Dolmus, mit dem kleinen Jungen auf dem Schoß. Diese Zustimmung zu sich selbst. Die Falten um ihre schönen Augen, wie Sonnenstrahlen, wenn Kinder die Sonne malen.

Alter

Die Zeit entfaltet uns[1], indem sie dafür sorgt, dass wir uns nicht wiedererkennen.

Dass jede im Moment noch so einleuchtende, zweifelsfreie und unumstößliche Antwort nur vorläufig ist. Veränderbar.

Entfaltung also als das Anerkennen der Widersprüche aus denen ein Leben, ein Mensch, eine Lebensgeschichte besteht. Diese Tatsache einzusehen, zu begreifen, ist vermutlich erst im Alter möglich. Das Leben ist von Anfang an so, aber solange man jung ist, widerfahren einem die Widersprüche, man fühlt sich hin- und hergeworfen, glaubt an die Notwendigkeit von Entscheidungen, an richtig und falsch. Man lebt in der Abstraktion, im schwarz und weiß. Die Grautöne, die Einsicht, dass alles zusammen gehört und früher oder später ineinander fließt, kommt später. Im Alter. Im Bewusstsein, sich nicht wieder zu erkennen.

[1] Max Frisch, Tagebücher: „Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.“