Falten

Falten, Entfalten. Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich letzten Sonntag, in dieser Ausstellung gelandet bin. Einer Ausstellung, die nicht zuletzt von der Schönheit und den erstaunlichen Möglichkeiten des Faltens, der Falten, die Tiefe verleihen, erzählte.

Vielleicht ein weiterer Schritt, auf dem Weg zu begreifen, warum Alter und Scheitern bei mir in einem Text zusammen gefunden haben.: Ich glaube, ich habe unbewusst so ein vertracktes Denkmuster, das mir einredet, ab einem gewissen Alter darf man keine Fehler mehr machen, loslaufen, hinfallen, aufstehen gilt nur bis zu einem gewissen Alter. Dabei steckt in Wirklichkeit in den Falten vielleicht auch das Fallen, das sich fallen lassen.

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Altern

Das beherrschte Suchen nach Hilfe. Möglichst zurückhaltend. Lautlos. Dieses Paradoxe, aus dem sich manche eine Decke weben können, die warm hält. Oder wenigstens eine Textur. Etwas, das Halt gibt. Vielleicht sogar eine Zeit lang der Verzweiflung standhält.

Seit einigen Monaten zeige ich niemandem mehr, was ich schreibe. Ich frage mich nicht warum. Oder ich suche jedenfalls nicht nach einer Antwort auf diese Frage.

Ich suche nach einer Möglichkeit, anständig, selbstbewusst, mit Würde, zu altern. Ich suche (immer noch!) nach Vorbildern. Ich bin müde von mir selbst und der Unmöglichkeit, mir mein Scheitern wirklich restlos einzugestehen. Ohne dieses Eingeständnis gibt es keine Entwicklung. Nur Stillstand. Und Bedauern. Weniger Erinnerungen als vielmehr Nostalgie. Keine Verzweiflung, nur diese alles vereitelnde Müdigkeit.

Die kleine Frau wird alt

Erst ist man schön, dann ist man jemand, bei dem man sich vorstellen kann, dass er früher einmal schön gewesen ist. Die kleine Frau wirft ihr nicht vorhandenes Haar in den Nacken und lacht. Sie lacht über all die (statistisch bis auf zwei Stellen hinter dem Komma genau berechenbaren) Unwahrscheinlichkeiten und ihr sicheres Eintreten (früher oder später). Sie lacht über die entgleisenden Gesichter, während sie die Weichen stellt. Wer bin ich, und wie hättest du mich gern, fragt sie den kleinen Mann, und legt ihm den Finger auf den Mund. Hier endet die Geschichte und der Traum beginnt.

Die Alten

Die Alten, die, die den Kindern sagen und beibringen, was richtig ist, und was falsch, gut und böse, wofür es sich zu kämpfen lohnt, all diese Dinge, die den weiteren Weg, das ganze Leben des Kindes bestimmen werden, sind schon so gut wie tot. Sie leben eigentlich nur noch, um diese Werte weiterzugeben. Und sobald das Kind das versteht, haben sie vielleicht noch ein paar Jahre, manchmal weniger, sehr selten mehr, bevor sie endgültig abtreten. Das ist unheimlich, denkt das Kind, das immer noch in der alten Frau steckt.

 

Happy End

Etwas trifft ein, trifft zu. Während es eintrifft, beginnt es bereits zu verschwinden. Zunächst hast du keine Ahnung davon und lässt es geschehen. Du bist unglücklich, wenn du unglücklich bist und glücklich, wenn du glücklich bist. Alles im Moment. Später denkst du darüber nach, planst voraus, versuchst deine Gefühle zu beherrschen, willst das Glück mit Gewalt festhalten und dem Leid mit allen Mitteln aus dem Weg gehen. Irgendwann kannst du deine Gefühle weder wahrnehmen noch unterscheiden. Da ist nur ein dumpfer Schmerz, ein Ungefühl. Und all die Erinnerungen wie Nadelstiche.

Vielleicht gelingt es dir nach und nach loszulassen und zuzulassen, ein jegliches zu seiner Zeit. Du machst dich bereit, zu sterben. Und willst nichts hinterlassen, außer einer unverwüstbaren Liebe für alles, was lebt.

Das ist keine Gerechtigkeit und keine Sanftmut, keine Vernunft und Voraussicht. Kein Märchen und kein Happy End.

Altern

Der Vater meines Vaters hatte eine irritierende Angewohnheit, und sie ist zu meiner geworden. Er pflegte die abgebrannten Streichhölzer zurück in die Schachtel zu legen, zu den unverbrauchten dazu.

Ich kann keine Streichholzschachtel öffnen, ohne zu denken, dass diese dumme Angewohnheit ein exaktes Abbild des Alterns ist.“

(Tomas Espedal, Biografie Tagebuch Briefe, S. 120)

Alter

Alter ist: die Dinge verlieren ihre Bedeutung. In jeder Falte verbirgt sich ein Verlust. Ich bin traurig und einsam. Aber das hat nichts mit der Wahrheit zu tun, oder mit den Umständen. Alles liegt nur an meinen beständig schlechter werdenden Augen, die sich weigern zu sehen.

Verletzungen

Es ist ja so, dass jeder von uns seine eigenen Verletzungen erfahren muss. Dass es eine Lehre gibt, die wir begreifen müssen, eine Aufgabe, die erfüllt werden muss. Und das gelingt mal schmerzhafter und ein anders Mal leichter, aber helfen kann uns niemand dabei. Nur beistehen und uns ermutigen, eine Deutung zu finden, die es uns ermöglicht, uns selbst anzunehmen. Uns, und diese Aufgabe, die uns gestellt wird.