Schließlich starben wir als ungeborene Worte

Wir baden aus

was du vergessen hast

wir baden dein vergessen aus

wir baden dein versagen in unserem vergessen

wir baden das klagen in unseren tränen

wir untersagen das baden im vergessen

wir errichten listen

wir pflanzen bäume an

wir rotten räume aus

wir kultivieren die angst

wir baden die wehrlosen in ohnmacht

wir schneiden die haare und kürzen den weg

wir sind zeugen des werkes

wir bezeugen das werkzeug

das sind wir

wir rühren die trommel

aber keinen finger

Wenn er nicht im Nest war, war der Vogel ein Mensch

Wenn er nicht im Nest war, war der Vogel ein Mensch

Dieser Satz lässt mich nicht los. Er begleitet mich. Taucht immer wieder auf. Ich begreife ihn ohne ihn verstehen zu können. Er ist eine Art Essenz. Vielleicht weniger von diesem Gedichtband „Vom Aufblühen in Vasen“ von Claudia Gabler, über den es noch so viel zu sagen und schreiben gäbe, was ich hier und jetzt nicht sagen und schreiben werde, was aber hoffentlich bald andere tun werden. Ich konzentriere mich auf diesen Satz, den ich nie in Frage stelle, obwohl ich allerhand Fragen um ihn herum gruppiere.

„Sinn und Unsinn dieser Fragen

lagen dicht beieinander“

So klingen die Verse in Gablers neuem, im Verlagshaus Berlin erschienen Gedichtband. Ich mag den Ton und vielleicht auch diese Nähe von Sinn und Unsinn, die Gabler hier zelebriert. Sowohl die Melodie als auch die natürlich empfundenen Verbindungen von Phänomenen, die wir streng zu trennen gewohnt sind, nehmen mich gefangen. Obwohl „gefangen“ ein ganz und gar falsches Wort ist, außer man versteht gefangen als von einer ungeahnten Freiheit eingefangen.

Gablers Sätze als Metamorphosen zwischen Vogel und Mensch sind keine Überführungen von Unsinn in Sinn (oder andersherum), auch nicht die Trennung des einen vom anderen; das hier gehört in den Sinn-Topf, das andere in den Behälter mit der Aufschrift Unsinn, sondern das Erschaffen einer Gemeinschaft, in der die Dinge (und Gedanken) sich trotz (oder wegen?) ihrer Unterschiedlichkeit nahe kommen und so ganz neue, unverhoffte Verbindungen eingehen, Gedankenräume öffnen und immer wieder dazu einladen, sich der Freiheit zu bedienen, die nur ergriffen werden muss:

„Einfach machen, nicht fragen

never ask

Kunst in Hotelzimmern ist immer

erlaubt

Der Vogel aus diesem Satz, der mich nicht loslässt, der Mensch und Vogel ist in einem einzigen Satz und Atemzug. Vielleicht fliegt er direkt ins Ergebenheitsparadies (Linda Vilhjámsdóttir). Der komische Vogel Mensch. Oder er umkreist es, unermüdlich bemüht um formvollendete Kreise bis er völlig erschöpft Zuflucht sucht im Nest. Wieder Vogel wird. Vogelfrei?

Oder seine Metamorphose beschreibt eine Fluglinie von Besitz zu Erschöpfung. Wenn ich das Motto mitnehme in die Lektüre. Ist das überhaupt in Ordnung, das eigene Lesen so fast schon beliebig zu gestalten? Oder ist alles andere Lesen überhaupt wertlos und überflüssig?

Welche grandiosen Sätze ich schreiben könnte über diesen Satz, wäre ich jemand anderes, wäre ich eine, die sich ihre Freiheit nimmt. Die Freiheit zu scheitern. Falsch zu liegen. Zu versagen. Die Freiheit, einfach so zu sagen, ohne einen Gedanken an all das. Bin ich aber nicht. Aber immerhin bin ich eine, die liest. Und sich ab und zu erinnert, was sie gelesen hat. Z.B. Anne Carson über ein Fragment von Sappho, und darin diese Stelle:

„und mich umfasst kalter Schweiß, und ein Zucken

ergreift mich ganz, und grüner noch als Gras

bin ich und tot – oder fast schon

scheine ich mir.

Aber alles soll gewagt werden, weil sogar eine Person in Armut…“

Über den letzten Satz nämlich schreibt Anne Carson: „Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ich wüsste, was dieser Vers aussagt, oder ich könnte absehen, wohin sich dieses Gedicht von hier ab bewegt, ich kann es nicht. Er lässt mich verwundert zurück.“ Seltsamerweise habe ich die Worte dramatischer in Erinnerung, drastischer in ihrem Bekenntnis zum Nicht-Verständnis. Meine Erinnerung hat eine Aussage aufbewahrt, die schildert wie gerade das Nicht verstehen Türen und Wege öffnet, wie das Bekenntnis zur Überforderung irgendetwas davon mit dem Verstand zu erfassen, direkt in eine geradezu euphorische Leseweise gründet. Und ich habe außerdem in Erinnerung, dass es nicht um die Person in Armut ging, sondern um „grüner noch als Gras“. Was bedeutet all das? Worum geht es mir überhaupt? Worauf will ich hinaus?

Carson entdeckt in Sapphos Gedicht eine geometrische Figur. Das verhilft ihr zu Linien entlang derer sie Entdeckungen machen kann, etwas aufdecken kann. Könnte also das Wechseln zwischen Mensch und Vogel- Dasein auch so eine Figur sein? Und wenn ja, welche? Oder ist diese Frage und die Art, wie ich sie stelle und besonders, warum ich sie überhaupt stelle, die geometrische Figur, um die es geht? Mein Erkenntnisinteresse als Asymtote an die Erkenntnisvorlagen anderer. Wollte ich nicht eigentlich eine eigene Annäherung versuchen? Und seit wann rede ich jetzt schon wieder nicht vom Gedicht, sondern von meinen Schwierigkeiten aufrichtig zu sein?

Wollte und sollte ich nicht lieber fragen, was das Nest ist, das nicht unwesentlich zur Veränderung eines Wesens beiträgt? Ist das, nehmen wir das Wesen der Besprechung, die Einordnung? Die Einordnung in literaturwissenschaftliche Bezüge und in das eigene Lesen, die eigene Lektüregeschichte? Wobei das eine sicher nie ganz zu trennen ist vom anderen. Und Aufrichtigkeit in erster Linie darin besteht, die Bezüge und Verbindungen, sofern man sie selbst durchschaut, offen zu legen.

Wenn er nicht im Nest war, war der Vogel ein Mensch

Außerhalb des Nestes ist der Vogel (der jetzt ein Mensch ist, aber jederzeit wieder zum Vogel werden kann) Opfer und Täter, Nahrungsbeschaffer für die Nachkommen und Rivale. Und manchmal sogar frei.

Oder geht es um den Menschen, der seiner Rollen und Aktivitäten entkleidet ein hilfloses Vögelchen im Nest ist? Ein Vogel, der nicht einmal fliegen (fliehen) kann. Ist dieser Satz der Refrain, der die übrigen Strophen leitet oder durchbricht? Der Flügelschlag oder der sichere Hort? Oder beides?

Vielleicht ist es das, was manche Sätze so schön macht. Dass sie Fragen aufwerfen (fliegen lassen), vor denen keine Antwort besteht.

Scheiternde Besprechungen von äußerst inspirierenden Lektüren

Es ist erst wenige Wochen her, da habe ich angekündigt, mit dem Rezensieren jetzt wirklich und endgültig aufzuhören. Weil es Fixpoetry nicht mehr gibt. Weil ich meinen eigenen Weg in einer ganzen Dekade nicht gefunden habe. Aber vielleicht ist gerade das, die Einsicht, den Weg noch nicht gefunden zu haben und der Verlust der Heimat für das was zu schreiben war, genau der richtige Ausgangspunkt, um etwas auszuprobieren, um sich das Scheitern endlich einmal zu erlauben, oder um sich frei zu machen von richtig und falsch, von vermeintlichen Ansprüchen und Erwartungen. Ich nenne die neue Rubrik hier und für mich Scheiternde Besprechungen von äußerst inspirierenden Lektüren. Wobei die Besprechungen nicht an den Lektüren scheitern, sondern an einer Begrenzung.

(39)

Die Nektarine. Rot mit einer Wunde. Zu schnell gereift. Der Wind, der an den nicht vorhandenen Fensterläden rüttelt. Die heftigsten Wunden habe ich mir selbst zugefügt. Zeit, die verstreicht. Dass dieses Verb manchmal zu harmlos klingt. Zu behutsam. Fast zärtlich. Dabei ist es ein so gewaltsames Übergehen und Zurücklassen, gegen das ich mich nicht wehren kann. Das Zittern, das jeden Tag erneut gegen die Hoffnung antritt, eines Tages wieder halbwegs flüssig schreiben zu können. Das Zittern, das Tag für Tag den Sieg davon trägt. Die Hoffnung, die sich von der Niederlage immer wieder erholt. Unbeeindruckt hofft. Die Fliege, die sämtliche Liegenschaften des Tisches erkundet.

Wie mich das einschüchtert: Keine Worte zu haben. Nur zitternde Zeichen, die sich winden wie Aale.

automatische Geister

Der Tag erhebt sich über die Schreibenden. Die Schreibenden aber verstummen. Versinken in Gerüchten. Im Richten. Das Angereicherte verdirbt. Die Sonne verzieht sich in den Finsterwald. Es kommt die Stunde der Geister. Die Geister geistern herum. Versuchen Kontakt aufzunehmen. Aber die Menschen sind von allen guten Geistern verlassen und die Menschlein zu klein. Was bleibt den Geistern übrig? Böse zu werden, oder zu verschwinden. Das ist nicht viel. Das ist nicht nichts. Und die Geister werden schon etwas daraus machen. Schließlich sind sie wie die Gedanken so frei und geistern einfach herum. Als ihre eigenen Herren und Damen. Ketten mit denen sie rasseln gehören ganz entschieden und unzweifelhaft in die Menschenwelt. In die Welt der geistlosen Menschen. Die – fällt der Begriff Geist – an Alkohol denken. Und fällt der Begriff „Begriff“ daran, dass sie alles im Griff haben. Klammergriff. Würgegriff.

(38)

Dass das Schreiben so schwierig, so voraussetzungsvoll geworden ist, seit sich das Zittern immer weniger bändigen lässt. Dass ich meine Träume zensiere, sobald ich wach bin, indem ich alles vergesse und nur unbedeutende Details behalte, bei denen ich mir sicher bin (mir vormachen kann), sie hätten absolut nichts mit mir zu tun.

Die Räume und Türen und Fenster. Was man braucht und was man zu brauchen glaubt. Wie viel man zurücklassen muss für einen Neuanfang, und ob es wirklich einen so großen Unterschied macht, ob die Dinge freiwillig zurück gelassen werden, oder ob das Leben, die Zeit, der Lauf der Dinge, sie mir entreißen. Ein Jegliches hat seine Zeit ist eben nicht nur ein Spruch, sondern die Essenz des Lebens. In guten wie in schlechten Tagen.

(37)

Die Spinnweben an der Decke. Die Bücherkisten. Die Gespräche vor dem Fenster. Das Lachen. Das Zittern. Das Fehlen von Aufrichtigkeit. Die Anstrengung, alles richtig zu machen. Das Wasser. Der Kaffee. Der längst vertrocknete Blumenstrauß. Die Sinnlosigkeit des Lebens. Der Trost, der darin liegt, es schreibend festzuhalten.

Therapie

Immer wenn ich versuche

die Fragen meines Therapeuten

zu beantworten

ertappe ich mich beim Lügen

ich rede schneller

weil Lügen kurze Beine haben

kurz bevor ich völlig atemlos bin

endet die Sitzung

erschöpft sitze ich

vor einem plötzlich leeren Bildschirm

allein mit meiner Ratlosigkeit

mit den nicht zu streichenden schwarzen Stellen

mit den gestrichenen Wahrheiten