Vergänglichkeit

Die Zeit führt sich selbst im Kreis herum. Es könnte ein Tanz werden. Oder ein Stolpern. Noch ist alles offen.

Die Vergänglichkeit, die sich anfühlt wie ein hauchzarter Riss der Haut. Die Zeit, das ist meine Haut, die reisst, jedes Mal, wenn ich mir erneut der Vergänglichkeit bewusst werde.

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Verstehen

„… Linné nimmt seine autoritäre

Erziehung selbst in die Hand“

(Markus R. Weber – Vor Augen)

So ein Satz springt mich an, begeistert mich. Ohne, dass ich verstehe, was er bedeutet und warum er mich begeistert.

Warum forsche ich dann nicht nach, frage: wie ist das gemacht? Was ist die Aussage, woher rührt die Wirkung? Bequemlichkeit? Angst zu scheitern? Fehlendes Zutrauen in meine geistigen Kapazitäten? All das ist möglich.

Alter

Bei Menschen über 50 Jahren, besonders bei relativ mageren Frauen, schleicht sich das Greisenhafte in die Gesichtszüge. Eine Ahnung davon, wie das Gesicht aussehen wird, wenn die Betreffende sehr alt sein wird.

„Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne…“

Lange ist es hier sehr ruhig gewesen. Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte, eher weil viel zu viel auf mich einströmte und ich mir nicht erlaubte, mir die Zeit zu nehmen, etwas davon schreibend zu verarbeiten und einzuordnen.

Fulminanter Auftakt der Symphoniekonzerte in der Oetkerhalle am Freitag. Herzstück war die Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass und Orchester von Bernd Alois Zimmermann. Von dem ich, musikalisch wenig gebildet, zuvor tatsächlich noch nie gehört hatte. Zum Glück war ich privat in diesem Konzert, und bin nicht gezwungen darüber zeitungstauglich zu berichten. Dazu war es viel zu überwältigend. Und ich darf erst einmal beim puren Eindruck verweilen. Irgendwann vielleicht, werde ich einmal über die Hintergründe schreiben und über das, was dieses großartige avangardistische Stück uns heute noch, gerade heute, zu sagen hat, lohnend wäre die Auseinandersetzung damit allemal. Eine gute Art der Überforderung.

Regers Tondichtungen nach A. Böcklin waren schön, bereiteten mich aber in keinster Weise auf das vor, was dann mit Zimmermann zur Aufführung kam. Eine verzweifelte Apokalypse. Teilweise kaum auszuhalten, wie intensiv das Orchester unter Leitung des großartigen Alexander Kalajdzic, das Toben und die verzweifelte Suche nach Sinn eines Menschen, dem jeglicher Halt verwehrt zu sein scheint, performte. Als Zuhörerin bin ich ganz nah an einem Menschen, der sich Widerstand wünscht, wenn er an Grenzen geht, weil das wenigstens eine Art Halt wäre, aber alles gibt nach, lässt sich geradezu bereitwillig niederreißen. Was bleibt ist ein letzter verzweifelter Aufschrei nach Erlösung. Und ein unbeschreiblich intensives Erlebnis für die Zuhörer, die zu großen Teilen in einen langanhaltenden tobenden Applaus einstimmten.

Brahms dritte Symphonie, wegen der ich eigentlich gekommen war, war dann notwendig, um die Gemüter, zumindest meines und das meiner Nachbarn, wieder zu beruhigen. Auch das war ein so überwältigend schönes Erlebnis, dass ich mich Menschen, deren Namen ich nicht kenne, durch diese gemeinsame Erfahrung nah fühlen durfte.

(14)

Unsere Spiele und Lächerlichkeiten. Und meine alles zerstörende Unsicherheit.

Man müsste sich Fragen stellen, ohne den Antworten hinterher zu laufen. Vielmehr warten bis sie sich von selbst einfinden. Ihnen den Weg bereiten, ohne sie zu drängen. Es aushalten, dass es keine einfachen Lösungen gibt, keine Patentrezepte, dass es eine Zeit dauert und unbequem ist, schwierig und man dennoch weitermachen muss. Beharrlich und mit Geduld.

 

14.09.2018

Vielleicht, haben wir gedacht, ist die Armut und das An-den-Rand-gedrängt sein, ohne gefährliches Potential, wenn es vor riesigen Flachbildschirmen stattfindet.

Alles deutet darauf hin, dass wir uns geirrt haben.

Misserfolg

Der Bürgermeister zitiert Bibelsprüche. Halb richtig und halb falsch. Aber er redet ohnehin so schnell, dass kaum etwas von dem, was er sagt, haften bleibt.

Nach seiner Rede werden der Raum und die Gäste sich erneut selbst überlassen. Ich sowieso. Inzwischen ist es 16.00 h. Um 15.30 h war meine Lesung angekündigt. Eine Lesung, für die ich mir im Vorfeld völlig überflüssigerweise Gedanken darum gemacht habe, wie ich meine Texte auf die ausgestellte Kunst abstimmen könnte. Dazu bin ich über 30 km mit dem Rad gefahren, nur um vor Ort festzustellen, dass ich zwar den Ausstellungsort besichtigen konnte, aber kein einziges der Kunstwerke, um die es gehen würde. Die Frau, mit der ich mich dort traf, hatte es offensichtlich nicht für erforderlich gehalten, mir das bei unserem vorausgegangenen Telefonat mitzuteilen. So wie es dann um 16.10 h niemand für erforderlich hielt, mich vorzustellen. „Jetzt gibt es eine Lesung. Hier kann man sitzen, die anderen können sich die Kunstwerke ansehen und mit den Künstlern ins   Gespräch kommen. Das war ziemlich originalgetreu der Ankündigungstext. Die Handvoll Menschen, die dann zur Lesung blieben, waren offenbar weniger an meinen Texten als an einer Sitzmöglichkeit interessiert. Ich versuchte es mit einem Monolog einer wütenden Frau, mit dem Dialog zwischen Rapunzel und Hans im Glück, aber ich drang nicht zum Publikum durch. Es gab kein Publikum, nur Leute, die noch eine Weile sitzen wollten, bis sie wieder herumschlendern würden. Nur weil ich vielleicht einen Menschen, der trotz allem und allem Anschein zum Trotz zuhören wollte, übersehen haben könnte, und weil der Text „Aus dem Gesicht geschnitten“ für mich nicht nur eine Hommage an Louise Bourgeois, sondern auch eine Geschichte darüber ist, warum wir Kunst machen und welche Macht Kunst entwickeln kann, habe ich auch diese Zeilen noch gelesen, bevor ich gedemütigt und ärgerlich aufgegeben habe.

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Ich wache auf und salutiere vor der Angst. Die Schmerzen segeln fast behutsam durch den Körper.

Hände und Köpfe, die geschüttelt werden. Die fortwährende Beschäftigung mit sich selbst. Das ganze Leben ausgerichtet als Wettbewerb.