Vertan

Sobald ich verletzt bin, mich unverstanden fühle, werde ich überheblich, werte mein Gegenüber ab (zu dumm, zu roh, zu oberflächlich, um meine feine tiefe Seele verstehen zu können). Als würde die Einsamkeit erträglicher, wenn man sie aus schwindelerregender Höhe betrachtet.

Ich bin ein still gelegtes Bergwerk. In mir hat die Einsamkeit einen Namen. Ich bin ein großes Versäumnis, gefüllt mit vertaner Zeit.

Vögel, die auf Strommasten sitzen

Vögel, die auf Strommasten sitzen. Und sie, die nur noch mit den Toten verkehrt. Und, vielleicht, ab und zu, mit den Vögeln. Für die sie Meisenknödel aufhängt, Sonnenblumenkerne auf ihrer Fensterbank verteilt. Vielleicht wartet sie aber auch nur auf den Tod dieser Vögel, oder hält sie für Reinkarnationen längst Verstorbener.

Sieben

Ich werde nie darüber hinweg kommen. Ich bin mir selbst die sieben Berge, hinter denen ich mich verstecke. Aber die Erinnerung findet mich, um mir in ständig wechselnden Verkleidungen aufzulauern, und mich zu vergiften. Bleibt die Frage, wer die sieben Zwerge sind, die mich immerhin ein paar Mal retten und ins Leben zurückholen. Bleibt die Frage, wann mir der Apfelschnitz im Halse stecken bleibt, oder ob ich schon im gläsernen Sarg liege. Bleibt die Frage, ob ich den Prinz, der mich retten und heiraten will, nicht sofort vor den Kopf stoße. Bleibt die Frage, wie man das aushält, ein Leben ohne klar erkennbaren Sinn.

Heimat

Es ist schon lange her, vier Jahre, dass dieser Text auf den Gleisbauarbeiten erschienen ist, aber als ich ihn heute gelesen habe, hat er einiges in mir in Bewegung gesetzt.

Denn es geht u.a. auch um Heimat, ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. „Heimat“, schrieb Uwe Johnson, „ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß.“ „Der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, ist immer die Vergangenheit“, schreibt Melusine. Also ist Heimat der Ort, der unwiederbringlich hinter uns liegt. Das ist scharf beobachtet, gut auf den Punkt gebracht. Aber es muss auch eine Heimat geben in der Gegenwart. Im besten Fall ein Ort, in dem alles ineinander fließt; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft, eine Hoffnung, die antreibt schwierige Dinge in die Hand zu nehmen, das, was noch verbesserungswürdig erscheint, tatkräftig zu verbessern, Utopien zu entwickeln, an denen man scheitern und sich wieder aufrichten kann. Eine Heimat, die die Vergänglichkeit akzeptiert, und aus dieser Einsicht die Kraft bezieht, den Moment und die Gegenwart zu leben und zu lieben, die gleichzeitig Vorausschau schenkt für die Zukunft. Nicht nur für die eigene, sondern bestenfalls für die einer Welt, von der man nicht aufhört zu glauben, dass sie sich bessern kann, ein friedlicherer, lebenswerterer Ort werden kann. Eine Heimat, die so einen Knotenpunkt bereitstellen und aufrecht erhalten kann, wo ist die?

Mein Platz am Küchentisch, wenn alle das Haus verlassen haben? Wenn ich ein paar Stunden lang allein bin, mit meinen Gedanken, den Büchern und dem Papier. Aber auch mit der Gewissheit, dass die anderen zurückkehren werden, im Laufe des Tages. Mit der Freude darüber, dass wir ein Netz bilden, dessen Maschen mal enger mal loser gewoben sind, aber dem wir vertrauen können, dass es nicht reißt?

Das ist der Ort, wo meine Erinnerung sich auskennt, und in die Zukunft schaut. Wo Leben stattfindet. Lebendige Gegenwart.

Melodie

Alles, was sie sagte, hatte eine bestimmte Melodie. Ich war so süchtig nach dieser Melodie, dass ich mich nach Kräften bemühte, den Inhalt ihrer Sätze zu überhören. Sie warf mir vor, ihr nicht zuzuhören, was gleichzeitig wahr und weit von der Wahrheit entfernt war.

Erzähl mir von deiner Kindheit, sagte sie, und ich konnte nur daran denken, wie die Mondlandung der Apollo 11, mir den Mann im Mond gestohlen hatte, wie diese Bilder meine Kindheit so weit beschädigt hatten, dass ich mich gezwungen sah, erwachsen zu werden, oder jedenfalls in dieses sehr undurchsichtige Gebiet der Adoleszenz aufzubrechen. Ich nahm es meinen Eltern persönlich übel, dass sie mich nicht vor diesen Bildern geschützt hatten und redete wochenlang nicht mit ihnen

„Ich hatte keine Geschwister. Meine Eltern sind heute noch miteinander verheiratet“, sagte ich. Natürlich war sie enttäuscht. Vielleicht war sie überhaupt nur mit mir zusammen, um enttäuscht zu werden.

Die Kaffeemaschine gab in unregelmäßigen Abständen Knackgeräusche von sich. Schritte aus dem Treppenhaus näherten sich der Tür und verstummten wieder. Ein Hund bellte. Ein Kind schrie. Sie trank ihren Kaffee in sehr kleinen Schlucken. Ich wurde nervös. Sie schwieg beharrlich. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte diese Melodie wieder hören. „Ich möchte dich meinen Eltern vorstellen“, sagte ich, „lass uns am Wochenende zu ihnen fahren.“

Sie riss die Augen auf, starrte mich an. Dann brach sie in unbändiges Gelächter aus. Und als sie endlich wieder sprach, war die Melodie verschwunden.

Empfänger unbekannt

Ich werde gehen, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Vielleicht kann das nur ich. Oder es ist die normalste Sache der Welt. Alle machen es so. Nur ich, in meiner grenzenlosen Ignoranz und Blindheit, erkenne es nicht. Bemerke nichts davon. Sehe nur mich. Ohne etwas zu erkennen.

Mein Leben, das mir ständig sehnsüchtige Briefe schreibt, aber immer kommen sie ungelesen zurück. Empfänger unbekannt verzogen. Empfänger unbekannt.

Happy End

Etwas trifft ein, trifft zu. Während es eintrifft, beginnt es bereits zu verschwinden. Zunächst hast du keine Ahnung davon und lässt es geschehen. Du bist unglücklich, wenn du unglücklich bist und glücklich, wenn du glücklich bist. Alles im Moment. Später denkst du darüber nach, planst voraus, versuchst deine Gefühle zu beherrschen, willst das Glück mit Gewalt festhalten und dem Leid mit allen Mitteln aus dem Weg gehen. Irgendwann kannst du deine Gefühle weder wahrnehmen noch unterscheiden. Da ist nur ein dumpfer Schmerz, ein Ungefühl. Und all die Erinnerungen wie Nadelstiche.

Vielleicht gelingt es dir nach und nach loszulassen und zuzulassen, ein jegliches zu seiner Zeit. Du machst dich bereit, zu sterben. Und willst nichts hinterlassen, außer einer unverwüstbaren Liebe für alles, was lebt.

Das ist keine Gerechtigkeit und keine Sanftmut, keine Vernunft und Voraussicht. Kein Märchen und kein Happy End.

Aufgeben

Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu wehren. Wir wurden ruhiger und manchmal lachten wir, wenn wir mit unserem vereinzelten Leid gemeinsam an einem Tisch saßen und immer neue Methoden ausprobierten, um zu vergessen.