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Ich weiß nicht, wer ich bin. Vielleicht bin ich nicht mehr als der Gedanke eines verrückten alten Mannes. Und vielleicht ist das sehr viel.

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Dass die Kinder Probleme hatten, lag in ihrer Verantwortung. War nur ein Teil, der gerade sichtbarste Bruchteil, ihres allumfassenden Versagens.

Sie vergaß jetzt häufiger das Bügeleisen auszustellen, die Herdplatte abzustellen, die Tür zu schließen. Einen Satz zu beenden. Aber sie vergaß niemals, sich schuldig zu fühlen.

26. 08. 2018

Manchmal muss irgendetwas mich daran erinnern, wie unglaublich wertvoll mir Literatur ist. Sätze, die nicht einfach etwas behaupten, die nicht vorgeben, Wahrheiten und Fakten auszubreiten, sondern sich in den Dienst des Zweifels und der Ambivalenz stellen. Die damit Leerstellen öffnen, Abgründe. Aber auch die Möglichkeit, zu träumen, selbst zu denken. Weil nichts feststeht, außer der Bewegung. Durch Denken und Lesen.

Solche Sätze, wie sie in Tristan Marquardts „parzival lexikon“ nachzulesen sind:

„nur gleiche möglichkeiten führen zu anderen ergebnissen.“

oder:

„was ich erfinde, sagt der erzähler, ist, wie ich das,was ich vorfinde, erzähle, eine geschichte, wie passiert, was passiert.“

 

Lichtmuster

Die unterschiedlichen, über das ganze Haus verteilten, Lichtquellen. Die Unfähigkeit, Einzelheiten so zusammen zu fügen, dass sie einen Sinn ergeben, ein Muster. Eine von diesen überlebensnotwendigen Geschichten. Stattdessen einfach weitermachen. Wenig später das „einfach“ streichen und nur noch weitermachen.

Eine Altarkerze anzünden, aber längst keinen Wunsch mehr haben, den man mit der neu entzündeten Flamme verbinden könnte. Nur eine weitere Lichtquelle. In einem anderen Haus.

Gleichberechtigung

Mich berührt es, wenn ich von Männern höre und lese für die Emanzipation so fraglos zu sein scheint, so selbstverständlich, wie z.B. dieser Seemann, der erzählt, wie er darunter leidet, dass sein Kind monatelang ohne ihn aufwächst, während er auf See das Geld verdienen muss, der sagt, eigentlich wäre ich gerne Hausmann. Oder der Rapper, den ich neulich im Radio gehört habe, der daran verzweifelt, wie er seiner Tochter diese Ungerechtigkeit des „kleinen Unterschieds“ erklären soll. Wohingegen mich diese Schreibweise „Teilnehmer*innen“ nervt.

Atemzüge

Da ziehst du mit dem Atem
Der Wellen durch die Dämmerung treibt
Die Luft, die dich ernst nimmt
So lange bis du zu tanzen beginnst
Und das ist immerhin ein Anfang
Den man genau so gut
Unter schweren Buchdeckeln trocknen kann
Um ihn dann zu vergessen
Erst Jahre später
Wird jemand das Buch aufschlagen
Und du sagst
Das war damals
Als ich den Atemzügen gelauscht habe
Als wären sie ein Reiseziel
Diese Momente
Aus denen das Glück besteht.

Blau

Blau wie Vermutungen, wie diese Reisen ins Blaue, die in Wirklichkeit bis ins letzte Detail geplant werden. Die Anzüge der männlichen Babies sind blau, die der Mädchen blassrosa. Die Brausebärchen (blassrosa ebenso wie himmelblau) lösen sich auf in sprudelnde Erinnerungen. Früher war alles ein Abenteuer. Ein Versprechen. Früher war alles früher. Heute ist alles es war einmal.

Familienverhältnisse

Die Vorurteile, hatte man uns beigebracht, sind notwendig, um zu überleben. Sie beschützen dich, wenn du keine Familie mehr hast. Obwohl Familie und was man sich darunter vorstellt auch ein Vorurteil ist. Meine Mutter: ein Vorurteil. Mein Vater: der Zweifel. Oder umgekehrt? und ich, die nie wusste, was ich werden soll: ein Frage- oder ein Ausrufezeichen.

Und dann spielt die Nacht ihre Rolle. Als Schwester und Bruder. Als Zukunfts-und Vergangenheitsmaschine. Als Abgrund und Einbahnstraße in den Tod. Als Weitwinkelobjektiv und unspielbar veraltetes Videospiel.