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Du denkst, man kann es lernen. Aber in Wirklichkeit kann man nichts lernen, nur die Hemmungen vergessen, die Ausflüchte als solche entlarven, die Widerstände überwinden, und einfach schreiben.

 

Misstrauen

Louise Bourgeois sagt, Kunst macht man nicht aus einer Absicht, oder weil man es will, weil man es vielleicht kann. Man macht die Kunstwerke, weil man muss. Weil es schlicht keine Alternative (und kein Nachdenken) gibt, außer genau das zu tun.

Ich empfinde diesen Zwang nicht. Oder er ist sehr tief vergraben unter meiner Angst, unter meinem Misstrauen mir selbst gegenüber.

Erinnerung

 

Manchmal hat sie das Gefühl, verrückt zu werden. Sie wirft Rettungsanker ans Ufer, die niemand aufzufangen bereit ist. Und so muss sie ertrinken im Meer ihrer Erinnerungen, die keiner mit ihr teilt. Die sie verschlingen.

Heimat

Der Geist ließ die Fähigkeit des Körpers, feinste Geräuschunterschiede wahrzunehmen, ungenutzt. Und so blieb sein Wissen vom Ort oberflächlich. […] Existentielle Einsamkeit und ein Gefühl der Belanglosigkeit des eigenen Lebens – beides Kennzeichen moderner Kulturen – wurzeln zum Teil, scheint mir, in unserer Abkehr vom Glauben an die Heilsamkeit einer Bindung zum Ort. Ein beständig erneuerter Sinn für die unergründliche Komplexität von Zusammenhängen in der Natur, Mustern, die stets gegenwärtig und erkennbar sind und den Betrachter mit einschließen, wirkt dem Gefühl, man sei in der Welt allein, oder habe in ihr keine Bedeutung, entgegen. Das Bestreben, einen Ort genau zu kennen, ist letzthin Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, einem festen Platz im Leben.

Der Entschluss, einen bestimmten Ort kennen zu lernen, wird meiner Erfahrung nach durchgehend belohnt. Und jeder Naturort, meine ich, ist kennenlernbar. Und irgendwann in diesem Prozess beginnt man zu spüren, dass man selbst gekannt wird, so dass man weiß, wenn man nicht an dem Ort ist, fehlt man ihm. Und diese Gegenseitigkeit, zu kennen und gekannt zu sein, verstärkt das Gefühl, dass man in der Welt gebraucht wird.

Vielleicht lautet die oberste Regel für alles, wonach wir streben, aufmerksam zu sein. Eine weitere lautet vielleicht, Geduld zu haben. Und eine dritte, auf das Wissen des Körpers zu achten […]

Dieser Augenblick ist eine Einladung, und die Einladung des Bären, teilzuhaben, gilt jedem, der vorüber kommt, ohne Ansehen der Person.

(Barry Lopez  aus the invitation übersetzt in Auszügen abgedruckt in der Neuen Rundschau 04/2016

Ein wenig Leben – Hanya Yanagihara

Als ich angefangen habe zu bloggen, vor langer, langer Zeit, und auf einer anderen Plattform, war da einfach die Aufregung, gelesen zu werden, Texte von mir zu zeigen. Später dann, mit der Mützenfalterin, war es meine Begeisterung für Künstler, Kunstwerke, für Literatur und Sprache, die ich teilen wollte, in den letzten Jahren zunehmend meine eigene Hilflosigkeit und Traurigkeit. Das fühlte sich nie wirklich gut an und nach und nach kam dann alles zum Erliegen, ohne dass ich wirklich gewusst hätte warum, ohne dass ich diesen Dreischritt, der jetzt hier niedergeschrieben steht, verstanden oder gesehen hätte.

Dann habe ich vor einiger Zeit wenige mysteriöse Sätze über „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara auf dem Blog Lesesaal gelesen, und gestern habe ich das Buch selbst zu Ende gelesen. Ein Buch, das, so deutet es Iris in ihrem Blog ganz richtig an, sprachlos macht, und mich so begeistert hat, wie schon lange nichts mehr. Es ist mir tatsächlich so ergangen, wie es in vielen Rezensionen zu diesem Buch steht, ich bin voll und ganz eingesogen worden von der Welt des Buches. Ich habe nicht begriffen, dass „Ein wenig Leben“ übertreibt (obwohl es im Nachhinein sehr offensichtlich ist), dass es auch ein Experiment ist, über das Nichterzählen zu erzählen, über die Sprachlosigkeit und über das Schweigen der Männer, die häufig einfach keine Worte finden für das, was sie empfinden. Ich habe mich nur gewundert, wie ich mich so gefangen nehmen lassen konnte, wie ich so eingetaucht bin in das Buch, und tatsächlich regelrecht von ihm verschlungen wurde.

Aber es hat mich auch mit einer fast vergessenen Begeisterung versorgt und mit der Lust, davon zu erzählen.