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o. Titel

Vielleicht weil ich zu viel zu erzählen hätte, lieber ein Bild. Wer dennoch etwas lesen möchte, dem sei wärmstens der Artikel im Freitag von Alexandru Bulucz über Dincer Gücyeter empfohlen. Bin mächtig stolz, oder vielleicht passt glücklich besser, so einen wunderbaren Menschen und Dichter als Verleger zu haben.

Heji Shin – Baby

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Heji Shin, 1976 in Seoul geborene und heute in New York lebende Künstlerin hat Nikola Dietrich für mich entdeckt, in dem wunderbaren Band „I love women in Art“. Bereits beim flüchtigen Durchblättern des schönen Bandes bin ich sofort an ihrerm „Baby 7, von 2016 hängen geblieben.

Es ist ein sehr intimes Bild. Es ist ein rohes Bild, man sieht Blut und völlig Erschöpfung, man sieht die Zerbrechlichkeit des Babies und die Gewalt und Grausamkeit der Geburt. Vor allem aber sehe ich den Moment des Übergangs vom noch nicht auf der Welt sein zum auf die Welt kommen.

Was die Fotos so verstörend und gleichzeitig bezaubernd, oder sollte ich schreiben: wichtig, elementar macht, ist die Tatsache, dass sie in aller Deutlichkeit zeigen, wie sehr Sterblichkeit und Leid von Anfang an unser Leben begleiten, wenn nicht bestimmen. Ihre Baby Serie zeigt Fotos, die genau diesen Zwischenzustand zwischen nicht mehr und noch nicht aufzeigen, diesen Übergang von einer Sphäre zur nächsten, ein Übergang über den wir selten reden, weil wir es nicht können, oder weil es so schwer ist, dass wir es nicht einmal versuchen. Die Transformation vom noch nicht auf der Welt sein und diejenige vom die Welt verlassen. Denn diese zweite Ebene spielt für mich wesentlich hinein in die zutiefst berührenden, fesselnden und abstoßenden Fotos von Heji Shin. Es sind Fotos, die Grenzen aufbrechen, Tabus. Die Gesprächsräume öffnen, gerade weil sie wissen, dass der Andrang in diese Räume bestenfalls zögerlich erfolgen wird.

Die Bilder von blutigen Babies, so sagt sie in einem Interview, das auf Fräulein Magazin nachzulesen ist, waren in ihrem Kopf, ohne dass sie sich an einen besonderen Impuls dafür erinnern konnte. Fortan sprach sie schwangere Mütter an, unbekannte Frauen mit dickem Bauch, mitten auf der Straße. Wenig erstaunlich hatte sie weder bei diesen Versuchen Erfolg, noch als sie später in Geburtsvorbereitungskursen, Schwangerenyoga und all diesen Orten, an denen sich speziell Schwangere aufgrund ihrer Schwangerschaft und der bevorstehenden Geburt aufhalten. Mehr Glück hatte sie dann schließlich als sie Kontakt zu einigen Hebammen aufnahm, die sie für ihr Projekt gewinnen konnte, und die wiederum einige der Mütter überzeugen konnten.

Shin betont, dass die Fotos nur einen Aussschnitt zeigen, nicht Abbild einer irgendwie gearteten allgemeingültigen Wirklichkeit sind. Sie sind Entscheidungen der Künstlerin und sie sind aus dem Zusammenhang gerissene besondere Momente. Dennoch sind sie außerordentlich wahrhaftig.

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„Dali ging in seiner Verfolgung der Suggestion des Unbewußten so weit, daß er seine Staffelei am Fuß des Bettes aufstellt, damit er sich vor dem Einschlafen auf das unvollendete Bild konzentrieren konnte, um seine Träume in die Richtung seiner Entwicklung zu lenken. Zu anderen Zeiten „wartete ich stundenlang auf solche Eingebungen. Dann verharrte ich ohne zu malen in großer Spannung…“; oder er versuchte mit allen Mitteln, Wahnsinn zu simulieren.“

Aus einem Buch des Taschen Verlags über Salvador Dalí herausgesucht, weil ein Kollege mich kürzlich an ihn erinnerte. Bzw. die Art, wie seine Gedichte traumhaft surreal Worte aneinander fügen, wie weit er sich scheinbar von jeglicher Realität löst, von jedem Impuls und Anlass, vielleicht sogar von jeder Art von Sinn, um dann, sobald man sich etwas länger, offener damit beschäftigt, eine erstaunliche und irgendwie tiefere Perspektive zu eröffnen.

Überhaupt bin ich gerade umgeben von Bildern, die letzten Artikel, die ich geschrieben habe, waren solche über „Fensterausstellungen“, das einzige, was derzeit möglich ist, wenn man als Künstlerin im Analogen bleiben will. Außerdem bin ich mit einer Fotokünstlerin ins Gespräch gekommen, und nicht zuletzt kam vor einigen Tagen „I love Women in Art“ von Bianca Kennedy und Janine Mackenroth hier an. Beim Durchblättern bin ich sofort bei der aufsehenerregenden Arbeit von Heji Shin hängen geblieben, darüber vielleicht morgen mehr.

Ich glaube ja nicht an Zufälle, und die Sache mit den Bildern ist sehr leicht zu erklären, weil ich mich seit Monaten mit einem Bild beschäftige, über das ich etwas schreiben soll und möchte. Die Tatsache, dass es ein dermaßen beeindruckendes, aber gleichzeitig unerschöpfliches Werk ist, und dass das Projekt schön und wichtig ist, macht es mir vielleicht schwerer als nötig. Weil ich dann wieder so hinderliche Dinge denke, wie dass ich es sehr sehr gut machen muss, dass ich auf keinen Fall das Ganze durch meine minderwertige Arbeit vermasseln darf, dass es ohnehin ein Irrtum ist, dass ausgerechnet ich dazu eingeladen worden bin, dass die Initiatoren, sobald ich etwas eingeschickt habe, die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden. Und da kommt der Verweis, die Erinnerung an Dali sehr recht, weil es eine Möglichkeit darstellt, dieses dämliche Ego zu überlisten, und sich stattdessen auf die erstaunliche Kraft des Unbewussten zu besinnen.

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Ich will immer so viel, alles auf einmal, und dann – natürlich – gelingt nichts. Ich weiß das, und nicht erst seit gestern, trotzdem komme ich Tag für Tag weniger dagegen an. Gestern habe ich mir meine Einsamkeit eingestanden. Eins der letzten Tabus unserer Tage – obwohl ich auch solchen Formulierungen misstraue. Vermutlich gibt es viel mehr Tabus als wir wissen, sobald wir erkennen, da ist ein Tabu, ist es ja bereits auf dem Weg diesen Status zu verlieren. Auch wenn das länger als ein Menschenleben dauern kann. Das Verrückte bei mir ist ja, dass ich einsam bin, aber nicht sicher, ob ich darunter leide, oder ob ich nur darunter leide, dass ich auch in diesem Punkt einfach nicht der gesellschaftlichen Norm entspreche. Ich habe das meinen Kindern nie bieten können: große ausgelassene Familienfeste, weil der Teil der Familie zu der ich Kontakt habe sehr klein ist, und besonders ausgelassen sind die wenigsten von ihnen. Einmal habe ich eine größere Geburtstagsfeier veranstaltet, vielleicht 15 Menschen waren da, es war sogar sehr schön, das waren Leute, die ganz unterschiedlich waren, und doch haben sich alle gut miteinander unterhalten, aber gleich zu Anfang der Feier hat sich mein jüngster Sohn verletzt und mein Mann musste mit ihm in die Notaufnahme fahren. Es war dann nicht schlimm, die Wunde wurde verarztet und danach war er fröhlich wie immer, aber trotzdem war das die letzte größere Feier. Das liegt nicht daran, dass ich nicht gerne Gäste habe. Ich habe gerne Gäste. Aber offensichtlich habe ich keine Begabung, Freundschaften zu pflegen, so zu pflegen, dass sie unterschiedliche Lebensphasen und viele Jahre überleben. Also gehen sie ein die Freundschaften, ohne großen Krach meistens (das gab es auch, aber extrem selten), oder vegetieren so vor sich hin, man kennt sich schon ewig, also denkt man gegenseitig an die Geburtstage, wünscht sich frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr, und ab und zu versucht man sich noch einmal zu verabreden, um dann zu merken, eigentlich hat man sich längst nichts mehr zu sagen.

Und jetzt möchte ich etwas anfangen mit dieser Erkenntnis, dass ich so schlecht darin bin, Freunde zu behalten und vielleicht noch schlechter darin, neue Freundschaften zu schließen, aber es geht nicht. Ich erinnere mich an meine letzte Reha, wie überall um mich herum Grüppchen entstanden, wenigstens Kurzzeit Zweckfreundschaften, und ich wieder einmal merkte, dass ich irgendwie nirgendwo dazu gehöre, dass ich nicht kompatibel bin. Und wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich dann nicht einsam, sondern falsch, ich schäme mich, dass ich so anders bin. Und wirklich: am meisten schäme ich mich dafür als Mutter. Ich hatte immer diesen Traum von einem großen offenen Haus, in dem ständig Menschen ein und aus gehen, Zeit miteinander verbringen, Gespräche führen. Aber die kurze Zeit, während der unser Küchentisch wirklich voll war, fast jeden Tag, und ein reges Kommen und Gehen herrschte, verdanke ich meinen Kindern. Es waren ihre Freunde, die hier ein – und ausgingen.

Und vielleicht bin ich also gar nicht einsam, sondern habe nur die falschen Ansprüche an mich. Ich will so viel und dann gelingt nichts? Möglicherweise ist nichts verkehrt daran, so zu sein. Nur den falschen Ansprüchen hinterher zu rennen, die eigentlich gar nicht die eigenen sind.

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Was mir neben der Ambivalenz der Klienten und Folgerichtigkeit der kurzen Episoden bei der Serie „In Therapie“ so gut gefallen hat, war die nur sehr subtil sich langsam entwickelnde Einsicht für den Zuschauer, dass der Therapeut eben die Probleme hat, von denen seine Patienten erwarten, er möge sie lösen. Möglichst schnell, effektiv und ohne Eigenbeteiligung der Leidenden. Was für mich persönlich in meiner aktuellen Phase noch einmal besonders nachhallt, ist die Kompromisslosigkeit und Wut der zu Therapierenden. Mit welcher Vehemenz sie auf ihren Standpunkt und ihre Wahrheit bestehen, wie wenig sie bereit sind, Kompromisse einzugehen, oder zu gefallen.

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Was macht das Gedicht mit dem Alltag? Wie verändert sich der Tag, wenn ich ihn nicht mit den Schlagzeilen aus der Zeitung, den Nachrichten aus dem Radio, sondern mit der stillen Zwiesprache mit einem Gedicht beginnen lasse?

Während die Schlagzeilen mich erschrecken, bestenfalls „nur“ informieren, lädt mich das Gedicht zu einem Gespräch ein, zu einer Auseinandersetzung. Es stellt sich mir vor und wartet, bis ich eintrete. Anders als die Nachrichten genügt es ihm nicht, dass ich es konsumiere, es spricht mich direkt an, ist ein Bekenntnis, bittet um Verständnis, ist neugierig auf all die möglichen Lesearten, lädt mich ein zu einer Reise. Oder fordert mich heraus.

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Nach der Lesung, die ich im Netz gesehen habe, noch einmal Benjamin Maack gelesen, und mich wiedergefunden: das schlechte Gewissen, dass wir nicht die Eltern sein können, die unsere Kinder verdient hätten. Diese endlose Scham, sie in das eigene Versagen mit hinein zu ziehen. Nicht zu genügen, wieder einmal versagt zu haben. Und davor die quälend lange Zeit, in der wir nur funktioniert haben, weil wir uns dieses Versagen nicht eingestehen konnten, weil es auf keinen Fall sein durfte, dass wir unsere Kinder dermaßen enttäuschten. Reiß dich zusammen sagten wir uns, bis wir endgültig nichts mehr fühlen konnten. Und nicht einmal mehr funktionieren.