Entstehung eines Kunstwerks

1950 fand eine mehrtägige Podiumsdiskussion unter der Leitung von Robert Motherwell statt. Louise Bourgeois war dabei und stellte u.a. folgende Fragen zur Entstehung eines Kunstwerks:

Definition des Begriffs „Entstehung“ – Entstehungsprozess. Ist es der Prozess des passiven Geborenwerdens oder ein Prozess des Gebärens?

Was bewirkt,dass ein Kunstwerk geboren wird? Was ist der ursprüngliche Impuls? Was treibt den Künstler zur Arbeit? Die Flucht vor der Depression (um eine Leere auszufüllen)? Die Wiedergabe von Vertrauen oder Vergnügen? Das Verstehen und die Lösung eines formalen Problems, die Neuordnung der Welt?

(Louise Bourgeois)

Gedanken

Ich soll Essays schreiben, erzählt die junge Frau ihrem Handy, meine eigenen Gedanken, sechs oder sieben Seiten am Tag, dann spricht sie türkisch weiter, und ich denke an den Streit im Haus gegenüber, den ich gestern gehört habe, und wie ein Mann im Rahmen des Dachfensters saß, die Beine schon außerhalb des Raumes, und ich dennoch keine Sekunde lang befürchtet habe, er könnte springen. Als müsste meine Liebe zum Leben automatisch auch ihn retten, nur weil ich ihn sehe.

 

Teil

Erst lebte er, dann starb er.

Erst sehnte er sich nach Beachtung, dann sehnte er sich nach Ruhe.

Erst war er weich und warm, dann wurde er alt und kalt.

Zwischen den Gegensätzen fand sein Leben statt.

Häufig versteckte er sich vor dem Leben. Manchmal fand es ihn dennoch. Und manchmal nicht.

Die Bäume wuchsen weiter, seine Kinder wurden dennoch geboren. Der Kreislauf begann von vorn. Und so sehr er sich auch weigerte, es hinzunehmen, anzuerkennen, zu sehen, – er war ein Teil davon.

Ein widerständiges Teil, ein fügsames Teil, ein spielendes, liebendes, verzweifeltes, sterbendes, unwichtiges, nicht weg zu denkendes Teil.

Grenzen

Vielleicht ist das der Anfang, die Basis, die Grundlage der Auferstehung (des Wiederaufstiegs ins Leben aus den Niederungen der Depression), die Grenzen, die wir um uns selbst, unseren Blick auf die Welt und unser Leben gezogen haben, in Frage zu stellen.

Es ist alles ganz einfach. Aber offenbar scheint es immer noch einfacher, das zu übersehen und alles schwieriger zu machen, als es eigentlich ist.

All das sind keine grundlegend neuen Erkenntnisse, aber es bekommt eine andere Dimension, wenn man es nicht nur oberflächlich verstanden hat, sonder anfängt es wirklich zu begreifen. Die Sache mit der Form, mit der Beweglichkeit und dem Loslassen. Langsam begreife ich jetzt auch, was Anne Carson mit der Frage gemeint hat, die allem zugrunde liegen muss. Diese leitende Idee, die den Blick lenkt und dafür sorgt, dass solange winzige Puzzleteile zueinander finden, bis sich ein Bild ergibt.

Vielleicht sind es nicht zuletzt Grenzen, die dafür sorgen, dass Fäden reißen, Netze kaputt gehen, auf einmal Einsamkeit und Konkurrenz empfunden wird, wo doch im Grunde und natürlicherweise Verbindungen bestehen, geknüpft werden, uns und das Miteinander tragen.

 

Reihenfolgen

Mein kleiner Mann steht im Garten und frisst einen Besen. Ich würde gerne darüber schreiben. Aber erst muss man etwas empfinden, erst dann fließen die Worte. Überschwemmen den Verstand und haben etwas zu sagen, das lebt, egal, ob es gehört wird oder nicht.