Schmerz

Der Schmerz schlitzt mich auf, legt Feuer in die Wunden und schürt die Glut mit Haken. Wenn ich brenne, freut er sich am hellen Lodern und wenn ich Glück habe, wird er dann müde und gibt für einige Stunden Ruhe. Und gibt für einige Stunden auf.

Advertisements

Boxer

So war es wohl
Gott sah ab von jeglicher Notwendigkeit
Und erschuf mich und meinesgleichen
die wir getrieben vom Zweifel
damit fortfuhren im falschen Moment zu schweigen
zwischen den Zeilen zu lesen
was wir uns selbst zur Last legten
unser Ungenügen klar wie Wasser
zu klar um wütende Reden gegen sich selbst zu führen
zu durchsichtig für den erlösenden Schlag
Gefangen in erwartungsvoll tänzelnden Schritten

Angst

Ein neu gewebter Vorhang aus Schatten, hinter dem die Bilder jegliche Reihenfolge auslöschen und endlich nichts mehr bedeuten, weil sie nicht miteinander verbunden sind. Weil ein seltsames (unverständliches) Assoziationsgesetz sie trennt und auflöst, während dem Verstand nichts übrig bleibt, der narkotisierenden Schlaftablette zu folgen, (sich auslöschen zu lassen) damit er Morgen mit jäh erwachter, grunderneuerter Vernunft allem (und besonders sich selbst) entgegen treten kann.

Heute spüre ich sehr deutlich die Angst, wie ein ausschwärmender Ameisenhaufen breitet sie sich in mir aus, vom Kopf gesteuert fließt sie durch die Nervenbahnen, erfasst den Körper, bis nach und nach alles gelähmt ist, die Bewegungsfähigkeit, insbesondere aber die Fähigkeit zu denken zum Erliegen kommt. Stillstand. Dann hat die Angst ihr Ziel erreicht.

Häufig ohne dass ich sie zuvor recht wahrgenommen habe. Ich verwechsele sie häufig. Mit Einsamkeit, mit Traurigkeit, mit einem generellen Unvermögen meinerseits mein Leben zu meistern. An mich zu glauben. Als wäre ich nur das, was andere in mir sehen, oder nur das, was ich leiste. Und wenn das immer weniger wird, lösche ich nach und nach aus, wie eine Kerze, der der Sauerstoff entzogen wird.

Wenn die Angst wütet, ohne dass es mir gelingt sie wahrzunehmen, sie als Angst zu identifizieren, feuert sie verletzende und verunsichernde Gedanken ab, wie ein Schnellfeuergewehr. Sie verwundet mich, sie schwächt mich so sehr, dass ich mich nicht wehren kann. Die Angst löscht die Vorstellung von Mut aus.

Dabei möchte sie nur wahrgenommen werden, gespürt. Aber statt dessen räume ich auf, kaufe ein, fange tausend Texte und Projekte an, und wundere mich, warum ich mich weder konzentrieren noch beruhigen kann. Nur immer wieder murmeln: ich habe Angst. Ohne sie zu spüren.

Ursprung

Ist es jetzt sogar mein Körper, der mich zurückweist? Der mir klar zu machen versucht, dass man sich selbst überleben muss. Das gläubige (naive) zuversichtliche Kind, die euphorische (und gleichzeitig überforderte) Mutter. Der Widerstand, wenn ich versuche zwei Fäden zu verknoten. Nicht darüber hinweg gehen, sondern versuchen, herauszufinden, woher dieser Widerstand kommt. Warum er da ist, den Ursprung suchen.

Hineinfallen in diese Welt, in der mir Wörter und Sätze ins letzte Hemd fallen, das ich dem Himmel erwartungsvoll entgegenstrecke, ohne zu wissen, ob das, was da vom Himmel fällt, mir Löcher ins Hemd reißt (das immerhin das letzte ist), oder Goldstücke herabregnen, die mich endlich frei von Sorgen existieren lassen. Ich: ein Fragezeichen mit einem ängstlich ausgestrecktem Hemd. Denn ohne die Angst scheint es nicht zu gehen, und die Frage ist müßig, ob zuerst der Schmerz da gewesen ist, oder die Angst. Hat die Angst den Schmerz geboren, oder ist der Schmerz der Grund für die Angst? Ein Schmerz, der verschwinden würde, sich in das Nichts der nachtblauen Luft auflösen würde, wenn die Angst nicht mehr wäre? Diese Frage ist vielleicht das Hemd, das ich mit beiden Händen umklammert halte, obwohl nichts vom Himmel fällt. Absolut nichts. Aber solange ich mich am Hemd festhalte, wird der Abgrund, der Ursprung, mich nicht verschlingen. Aber will ich nicht genau das; verschlungen werden? Das Hemd ist die Lüge, die das, was mir Angst macht, mich aber gleichzeitig (als einziges!) retten und heilen könnte, bedeckt. Unter dem Hemd ist die nackte Wahrheit.

Meine GEschichte liegt klar vor mir. Ich bin nur ein Leben lang zu schwach und zu feige gewesen, es zu entziffern. Die Umwege, Erinnerungen, Ausflüchte. Dieses seltsame Gefühl, wenn die Zeiten, die Toten und die Lebenden, das, was gewesen ist und das, was sein wird, zusammenfließen. Wenn es gelingt das zuzulassen, dass man selbst ausgelöscht wird, und zu einem Bild wird. Oder zu einem Satz. Geschrieben mit roter Tinte auf dünnem Papier. Bis die Angst wieder zupackt, und mich wegreißt von diesem Paradies, hinein in die Zweifel und Paradoxien eines ganz normalen menschlichen Lebens. Vergänglich. Im Gegensatz zur Schrift.

Ron Mueck

Ron Mueck – A Girl, mixed media, 2006/2007, 110x 502 x 135 cm. Skulptur

 

 

I never made life-size figures because it never seemed to be interesting.  We meet life-size people every day.

Ron Mueck

Ich glaube, und das ist mir erst während der angenehm kontroversen Kommentare hier bewusst geworden, dass es diese Mischung aus Gegensätzen ist, die mich an Muecks Skulpturen fasziniert. Die liebevoll, sorgfältig, sehr genaue und damit auch irgendwie zärtliche Arbeitsweise einerseits, und die Rücksichtslosigkeit, in dem, was er darstellt, auf der anderen Seite. Denn was er darstellt, ist das nackte Leben, ungeschützt, vom Anfang bis zum Ende.