VI

Den Dingen auf den Grund gehen. Aber dann ist dort nur Traurigkeit, oder ein weiteres Mal die Angst vor dem Scheitern. Keine Erkenntnis. Keine Anschlussmöglichkeit für weitere Sätze.

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V

Diese Verwechslung von dem, was man selbst ist und fühlt, mit den Handlungen, Blicken, Stimmungen des anderen, wenn man liebt. Das sehr fragile Gleichgewicht zwischen Verschmelzen und Abgrenzung. Wie viel Kraft das schon im Normalfall kostet, und wie ungleich schwerer es sein muss, wenn der andere krank ist. Auf eine derart andauernde und gleichzeitig unberechenbare Art und Weise.

III

Vielleicht führt das zu weit. Und auf diese Weise zu nichts.

Die Traurigkeit verkörpern, ihr eine Stimme geben.

„Dass dein Zorn ein Loch sprengt“, steht da. Und dann nichts mehr. Was für ein Zorn? Zorn worauf? Und wo hinein wird das Loch gesprengt?

Vielleicht weil Zorn immer noch etwas ist, das ich bei mir nicht erkenne, das ich mir nicht zugestehe.

Obwohl ich gerade kürzlich erst erlebt habe, wie gut es tut, wie klärend und reinigend es sein kann, wütend zu werden.

Und dann lese ich noch einmal, und plötzlich ist klar, dass das Loch der Widerspruch ist; zwischen Wunsch und Realität, dem, was ist, und dem, was sein sollte.

 

Nach dem ersten besinnungslosen Sturm der Verliebtheit, werden die Narben sichtbar. Es ist nicht voraussehbar, ob sie einander heilen, oder weiter aufreißen werden. Nichts ist absehbar. Genau das ist zuerst ein Abenteuer und dann, wenn sich die Hormone beruhigt haben, eine Unsicherheit, die droht, dir den Boden unter den Füßen weg zu ziehen.

 

II

Fast jeden Tag berichten die Medien davon, wie Erwachsene Kinder verletzen. 4jährige, die auf einem Auge erblinden, weil ein Vater betrunken blindwütig um sich geschlagen hat. Diese Wunde wird immer ganz offensichtlich sein. Sein Leben beeinflussen. Eine Weiche, die weder er selbst, noch die Natur gestellt hat, die dennoch seinen Weg bestimmen wird.

Wir alle tragen mehr oder weniger Wunden aus der Kindheit mit uns herum, einige haben sich verwachsen, andere sind zu versteckt, um zu begreifen, in welchem Zusammenhang sie damit stehen, wie wir heute leiden, zweifeln, an manchen Stellen trotz aller Bemühungen, einfach nicht über uns hinaus wachsen können.

 

Ich war über 40 Jahre alt, als ich das erste Mal ansatzweise begriffen habe, wie sehr mich der frühe Tod meines Vaters, ich war gerade 5 Jahre alt, als er starb, geprägt hat. Besonders meine Trauer, die nicht gesehen, nicht begleitet worden ist. Als wäre die Trauer, die mich als Kind überfordert hat, mit der ich allein gelassen wurde, zu einem Virus geworden, der fortan immerzu in meinem Körper und meinen Gedanken wohnt und wütet. Niemals lebensbedrohlich, aber immer anwesend. Als Hüter vor zu viel Unbeschwertheit und Lebenslust.

I

Woher kommt dieser Hang, diese Zuwendung, fast schon Suche nach Melancholie? All die schwermütigen Schriftsteller, die ich so gerne lese. Der wunderbare Espedal. Und jetzt Merethe Lindstrom. Aber schon lange davor Dostojewski, Les Murrays Schwarze Hunde. Die Anatomie der Melancholie von Burton liegt seit der Lesung, die unter diesem Motto stattfand (wann ist das gewesen? 2015 oder sogar schon davor, 2014?) ungelesen zwar, aber ständig griffbereit, auf dem Schreibtisch.

Die Dunkelheit, die immer wieder alles verschlingt. Sprichwörtlich. Oder wortwörtlich? In den Schatten stellt. Ich kenne das nicht, und kenne es doch. Es ist nie wirklich schlimm. Und nie wirklich weg. Selbst wenn ich glücklich bin, hat die Traurigkeit, die Dunkelheit, die Melancholie ihren Platz in mir. In meiner Anatomie wird die Traurigkeit erst sterben, wenn auch alles andere tot ist. Aber das ist nicht bedauernswert. Es ist eine Grundlage für die Empfänglichkeit von Schönheit, die ich nicht missen möchte.

 

(36)

Die Wege, die verloren gehen. Egal, ob wir sie betreten oder nicht. Alle Wege, alle Schritte, tragen bereits diesen Verlust in sich. Und das die Zukunft immer das Alter ist. Verfall, Krankheit, Tod. Was die Wahrheit ist, und gleichzeitig ein grundverkehrter Gedanke.

(34)

Im ersten Band von „Min Kamp“ schreibt Knausgard, dass es für das Herz einfach sei, erst schlage es, und dann höre es eben zu schlagen auf. Als sei es einfach ein Menschenleben lang unaufhörlich zu schlagen, ohne Pause. Als sei es einfach, der Knotenpunkt von allem zu sein, das, wovon alles abhängt. Überhaupt das Herz; das gebrochene Herz, die Herzchen, die wir malen. Überfrachtet mit Bedeutungen.

Während draußen der Wind am Haus reißt, und ganze Sätze des Geschriebenen löscht.

Wie sollen wir schreiben? Nur über das, was wir bis in den letzten Winkel erforscht haben? Oder über Dinge, von denen wir letztendlich nichts verstehen? Voller Wut, oder voller Liebe? Verbindend, oder indem wir Löcher ins Netz reißen? Absichtslos, oder um der Welt immer wieder zu erklären, was sie nicht verstehen will?

 

Nie ist es genug. Immer entweder zu viel oder zu wenig. Diese alles stürzende Sache mit der Sterblichkeit. Dabei könnte man es als Erlösung sehen. Als Spiel, das man ohnehin nicht gewinnen kann.