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Kerstin Eckstein
Kerstin Eckstein

Was, wenn die Sätze denken? Eigenständig und mit dieser Art von Unabhängigkeit, um die ich mich so lange schon erfolglos bemühe? Wenn die Sätze sowohl klug als auch unbeschwert sind? Und weitere Sätze mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit nach sich ziehen, ungeachtet dessen, was derjenige, der sie schreibt, preisgeben möchte. Wenn sie ihm rücksichtslos die eigene Eitelkeit austreiben?

Und wenn niemand diese Sätze liest, verlieren sie dann ihre Gültigkeit? Oder ermöglichen sie überhaupt erst den Gedanken an Gleichgültigkeit? Was wenn die Sätze selbstbewusst denken und alles in Frage stellen, ohne sich um Antworten zu bemühen? Diese Art von Antworten, die beruhigen sollen und besänftigen.

Entsteht dann große Literatur?

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30. Dezember

Der Nebel, der Schnee. Und in den Träumen, die Sehnsucht.

Die Frau mit dem regenbogenbunten Kragen an der Kaputze, und daneben eine junge Schönheit. Wie Frida Kahlo ohne Schmerzen.

26. Dezember

Regen peitscht ans Fenster. Ich lese Knausgard und danach Eribon. Ich will verstehen, so als wäre Verstehen etwas, das aus losen Fäden, aus abgebrochenen Linien, ein Bild entstehen lässt. Und lerne stattdessen immer wieder, dass Verstehen in der entgegengesetzten Richtung funktioniert. Nämlich in der Zerlegung vermeintlich fester Bilder, sicherer Gedankengebäude, in ihre Einzelteile, lose Fäden, unterbrochene Linien.

Péter Nadás

Seit Tagen schon versuche eine Besprechung zu Péter Nadás großartigem Buch „Aufleuchtende Details“ zu schreiben. Mir ist klar, dass es unmöglich ist, dem Buch gerecht zu werden, dennoch will ich es so gut wie nur möglich versuchen. Dabei bin ich auf ein sehr schönes Interview gestoßen, dass Arno Widmann mit Nadás geführt hat. Falls es jemand von euch nachlesen möchte.

Bartolomé Esteban Murillo

The Young Beggar, c.1650 (oil on canvas) by Murillo, Bartolome Esteban (1618-82) 

Ich war lange weg hier, aber jetzt habe ich wundervolle Bilder gefunden, die ich dann doch teilen möchte. Seine „Buben beim Würfelspiel“ haben mich sofort in den Bann gezogen. Insbesondere dieser Ausschnitt:

Ausschnitt aus Murillos: „Buben beim Würfelspiel“

Bartolomé Esteban Murillo, 1617 als vierzehntes Kind eines Barbiers und einer Goldschmied Tochter geboren, und 1682 angeblich beim Sturz von der Leiter während der Arbeit an einem Deckenbild gestorben, war der bedeutendste Barockmaler Spaniens. Sein 400. Geburtstag war Ausgangspunkt für eine Reihe wunderbarer Ausstellungen in seiner Geburtsstadt Sevilla.

Murillos Eltern starben als er selbst noch ein kleiner Junge war. Daraufhin übernahm seine Schwester Ana die Erziehung von Bartolomé. Bereits mit 13 Jahren begann er eine Lehre bei dem Maler Juan del Castillo, der wiederum eng mit Alonso Cano befreundet war. Diese beiden Maler übten einen wesentlichen Einfluss auf Murillo aus. Von ihnen lernte er das Zeichnen, die Komposition der Bilder.

1642 lernte Murillo in Madrid den Maler Velásquez, sowie den Stil flämischer und italienischer Meister wie Tizian, Caravaggio, Rubens und van Dyck kennen.

Als Murillo in Sevilla zu malen begann, war das Sigl de Oro der Stadt vorbei. Die Stadt befand sich längst im wirtschaftlichen Niedergang. Hungersnöte und die Pest halbierten die Einwohnerzahl Sevillas. Die Armut wuchs. Soziale Spannungen bestimmten den Alltag der Stadt.

Murillo aber malte zwar die Armut, jedoch kein Elend. In seinen Bildern dominierte die Hoffnung, statt der Verzweiflung. Murillo malte die „Wahrheit“. Er verheimlichte weder Armut, noch Sterben und Verfall, aber er verlieh all diesen Phänomenen Würde und Schönheit.

Murillo entwickelte eine eigene Bildsprache. Die Figuren auf seinen Gemälden scheinen mit dem Betrachter zu sprechen.

Schon zu Lebzeiten waren Murillos Bilder sehr begehrt, und waren weit über die Grenzen Spaniens hinaus bekannt. Er war wohlhabend und konnte gut vom Erlös seiner Bilder und den Aufträgen für Kirchen und Bruderschaften leben. Dennoch blieben auch ihm Schicksalsschläge nicht erspart. 1664 starb seine Frau, die meisten seiner neun Kindern raffte die Pest dahin.

Zum 400. Geburtstag des Malers finden in Sevilla zahlreiche Ausstellungen statt, die Murillo ehren. Sein Hauptwerk besteht aus christlichen Motiven, so sind viele seiner bedeutendsten Werke auf Kirchenwänden zu finden.

Bartolomé Esteban Murillo leugnet Schmutz, Elend und Alter nicht. Aber er rückt diese Schattenseiten ins Licht göttlicher Gnade. Oder der menschlichen Nächstenliebe. Insofern ist er vielleicht nicht der schlechteste Maler, um sich in der Vorweihnachtszeit zurück zu melden.

 

 

Ins Blaue

Die Übermacht der Tatsachen, die das „Ausdenken“ verhindern, schreibt Handke in „wunschloses Unglück“ über seine Mutter. Man beachte, dass er nicht Phantasie schreibt, sondern Ausdenken. Ein Begriff, in dem der Ausweg steckt, eine Möglichkeit aus der festgefahrenen Situation herauszukommen, eine Situation, die eigentlich erst durch die Verhinderung des Ausdenkens aussichtslos wird.

Und meine Mutter? Spätestens nach dem verfrühten Tod meines Vaters, diesem für sie unfaßbaren und unüberwindlichen Unglücks, sah sie sich sofort in einer aussichtslosen Lage. So aussichtslos, so erdrückend und allumfassend aussichtslos, dass sie zu trinken anfangen musste. Denn schließlich musste sie trotz allem irgendwie funktionieren. Da war ja noch das Kind. Nicht ihr Kind. Nicht sein Kind. Aber eines, das eine kurze unwiederholbare und unüberwindbare, Zeit lang alles nahezu perfekt gemacht hatte. Die grauen Haare, die das Kind nicht störten, der Traum von einer eigenen, richtigen, heilen Familie.

Dann die Briefe, die sie ihm während seines Kuraufenthalts schickte. „Es spricht die ersten Worte, läuft wacker an meiner Hand.“ Seine Beteuerungen, wie sehr er sie beide vermisse, dass er Fortschritte mache.

Lügen, an die sie glauben mussten, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Später als die Hoffnung endgültig verloren war, nur noch Funktionieren.

Und wenn nichts half, nicht die tröstenden Worte der Schwägerin, nicht die großen vertrauensvollen Augen des Kindes, war da der Alkohol. Die Flucht.

Ihr Ausweg ins Blaue.

Der Geschmack der Sprache

Gerade wenn die Politik eines Landes im Widerspruch zu einigen meiner moralischen Maßstäbe, meiner Glaubenssätze und politischer Haltung steht, kann es geschehen, dass man sich umso stärker auf die Sprache an sich zurück besinnt. Ihr sei das so widerfahren, schreibt Priya Basil in Lettre International 112, und fährt fort:

„Etwas anders hat meine Gefühle für das Englische verändert – das Deutsche. „In jeder Sprache sitzen andere Augen“, hat Herta Müller geschrieben. Deutsch war eine Lupe, welche die grammatischen Feinheiten vergrößert und einen phantastischen Mechanismus offenbart hat, den ich nie zu sehen gelernt hatte. Sie hat mir gezeigt, wie die Satzstruktur das Denken verändert, wie „vergenderte“ – geschlechtsmarkierte – Nomen das Erscheinungsbild der Dinge verändern. Infolgedessen hat sich der Geschmack meiner Muttersprache verändert – ist zugleich frischer und vertrauter geworden.“