(1)

Ich hatte mir vorgenommen, oder doch wenigstens vorgestellt, dass ich in diesem Jahr, jeden Tag etwas schreibe. Ob nun kurz oder lang. Ob gefühlig oder überlegt. Bislang ist nichts daraus geworden. Dabei geht sehr viel vor. In meinem Kopf und in meinem Leben. Aber häufig brauchen die Dinge Zeit. Müssen sich ablagern, beruhigen.

Ende letzter Woche habe ich ganz zufällig einen Gedichtband von Szilárd Borbély entdeckt und sofort gekauft, obwohl ich niemals zuvor etwas von diesem Dichter gehört hatte. Seit Tagen versinke ich in seinen Gedichten. Lange hat mich nichts mehr so berührt und gleichzeitig über alles andere hinweggehoben. Ich würde sehr gerne darüber schreiben, aber gerade bin ich ganz gefangen in sprachloser Bewunderung.

(37)

Das Alter. Die Melancholie. Die Wiederholungen.

Und letztendlich geht es doch nur immer wieder darum, die Angst zu überwinden, und den eigenen Weg zu finden. Den Weg, und den Mut, ihn zu gehen. Immer wieder.

All die Zeit, die ich nicht habe, solange sie mich hat. Bedeutungslos: entweder die Zeit oder ich. Oder letztendlich – wir beide?

 

(36)

Briefe sterben aus. Diese langsame, nachdenkliche Form der Kommunikation verschwindet.

Es ist traurig, dass die Briefe aussterben. Aber noch trauriger ist, dass ich mich nur noch als Ansammlung verschwindender Fähigkeiten begreifen kann. Es gibt keine Gedanken mehr, die mich beflügeln. Alle Gedanken sind so schwer, dass sie mich lebendig begraben (bewegungsunfähig machen). Ich will schon lange auf nichts mehr hinaus, nur möglichst von allem weg.

Früher bin ich der Zeit davon gelaufen, jetzt hinke ich ihr immerzu hinterher.

Champagner Teil III

Der Ausgangspunkt der Verstrickung, (in Welt und Gedicht) ist immer wieder der Versuch, das Unmögliche, Ungedachte zu sagen, die Suche und Hoffnung nach „eine[r] neue[n] Konsequenz, die sowohl ein Bruch wie auch eine Verbindung ist? Sie kann jederzeit eintreten, sie kann ewig lang ausbleiben.“ (Rinck, S. 83)

Man weiß nicht, was kommen wird, wie man dorthin gelangt, und kann auch nicht zurück: „Wenn ich die Realisierung als Korrektur der Vorstellung betrachten will und die Vorstellung wiederum als Korrektur der Realisierung, brauche ich unbestimmte Räume, Räume ohne Hintergrund – und, man kann es nicht oft genug sagen – Zeit.“ Und einen produktiven Zweifel, einen, der mich mit Neugierde vorantreibt, und nicht aus Unsicherheit stehen bleiben lässt. Die Zeit nehme ich mir inzwischen, an der Umsetzung des zweiten Satzes arbeite ich mich seit Jahren ab.

Monika Rinck hingegen zitiert die Meisterin des Schweigens, Ilse Aichinger und die Erfinderin des gap gardenings als Begriff für Prosagedichte, Rosemarie Waldrop, um zu illustrieren, wie wir die behutsame Beredsamkeit des Schweigens kultivieren können. Und erschließt auf diese Weise die „poetische Feldarbeit“: „Doch wir sprechen nicht von Feldarbeit per se, wir sprechen von poetischer Feldarbeit. Prosa ließe sich, ein geeignetes Seitenformat vorausgesetzt, einmal rund um den Erdball schreiben. Die Dichtung bleibt in gewisser Weise am selben Ort, geht hinein und hinaus, türmt, stapelt, verdichtet, setzt sich Grenzen, bricht sie, kehrt zum einen zurück, singt, wiederholt, geht tiefer in den Gedanken, untergräbt den Gegenstand, baut ihn aus, flieht ihn, kommt wieder, aber tut das nicht auf linearem Weg. Die Versbewegung suggeriert ein Bleiben, eine Fixation, eine Sorge – was in keinem Fall als ein Lob der Immobiliät missvertanden werden soll. Es geht ja weiter. Das Fortschreiten ist tropisch.“ (S. 109)

Was mir besonders gefällt, oder ich sollte besser sagen, was mich in besonderem Maß anspricht, ist diese subtile, immer wieder hervorbrechende Gesellschaftskritik, die sich für das Warten und Reifen ausspricht, und gegen marktwirtschaftliches Nützlichkeitsdenken. Dazu passt natürlich hervorragend ein Beispiel poetischer Feldarbeit, die Monika Rinck anlässlich einiger Gemälde von Valentin Just durchgeführt hat.  Ein Gedicht zum „edlen, gut gemachten Lungern“ in seinen Bildern sozusagen.

(10)

Ich verschwand in einer Nische voll Zeit, wo ich das Ende erwartete. Das Ausbluten der Worte. Wie Abschied nehmen, dieses Stück Schmerz, das nur für dich bestimmt ist, und dich niemals verlassen wird.

Vergänglichkeit

Die Zeit führt sich selbst im Kreis herum. Es könnte ein Tanz werden. Oder ein Stolpern. Noch ist alles offen.

Die Vergänglichkeit, die sich anfühlt wie ein hauchzarter Riss der Haut. Die Zeit, das ist meine Haut, die reisst, jedes Mal, wenn ich mir erneut der Vergänglichkeit bewusst werde.

Atemzüge

Da ziehst du mit dem Atem
Der Wellen durch die Dämmerung treibt
Die Luft, die dich ernst nimmt
So lange bis du zu tanzen beginnst
Und das ist immerhin ein Anfang
Den man genau so gut
Unter schweren Buchdeckeln trocknen kann
Um ihn dann zu vergessen
Erst Jahre später
Wird jemand das Buch aufschlagen
Und du sagst
Das war damals
Als ich den Atemzügen gelauscht habe
Als wären sie ein Reiseziel
Diese Momente
Aus denen das Glück besteht.