(56)

Ich erledige mich mit einem Federstreich.

Das Geheimnis, von sich selbst zu sprechen und dabei einfach nur aufrichtig zu sein, liegt darin, sich ernst zu nehmen.

Der Kindheitsfreund von P., der eine Zeitlang unser 3. Kind gewesen ist, taucht wieder auf. Weit nach Mitternacht begegne ich den beiden in der Küche und es ist alles wie immer, nur dass alle Beteiligten 10 Jahre älter sind.

Es passiert nichts Großartiges. Ich werde nur immer älter und manchmal übermannt mich die Hoffnungslosigkeit. Sie umfasst nie die ganze Welt, obwohl es ausreichend Gründe gibt. Sondern beschränkt sich auf meinen Nabel.

(50)

Das morgendliche wach schreiben, das nur mit der Hand funktioniert, die aber ihrerseits nicht länger funktioniert. Die die Kaffeetasse hält, aber nicht den Stift. Deshalb erst am Computer, der Versuch zu schreiben. Das ist warum andere Worte auf das Papier, oder nicht einmal auf das Papier, sondern in ein Dokument finden. Alles verändert sich. Warum nicht auch das Schreiben? Ein Abschied, ein Trauern, und dann ein Neuanfang.

Neuerdings kann ich Nachts nicht einschlafen. Es wird 3.00 h, manchmal wird es auch 4.00 h früh, bis ich ein wenig Schlaf finde. So lange lese ich, oder höre dem Regen zu. Wenn kein Regen da ist, also in der überwiegenden Anzahl der Nächte, höre ich meinen Gedanken zu. Das ist nicht unbedingt leicht. Auch nicht angenehm. Aber ich werde immer besser darin, es auszuhalten.

Manchmal reise ich dabei in der Zeit vor und zurück bis mir schwindelig wird. Ich bin eine alte Frau sage ich mir in der Hoffnung, dass mich dieser Satz auf den Boden der Tatsachen zurückbringen wird. Aber er macht mich nur traurig. Die Ratlosigkeit in der ich mich schlaflos verliere, berührt er nicht.

Ich dachte immer alte Leute sind einverstanden damit, alt zu sein. Ich dachte, wenn ich überhaupt über alte Leute nachdachte, Alte sind einfach ganz und gar alte Leute. Dabei ist das Alter eine Überraschung. Jahrelang ist es immer wieder eine Überraschung, plötzlich alt zu sein.

(34)

Es ist kalt. Ich habe gerade ein Häppchen Zeit erbeutet, das ich mit Zähnen und Klauen verteidige, obwohl ich nichts damit anzufangen weiß, außer es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.

(19)

Die Zeit schillert und schimmelt. Die Zeit schwimmt mit kräftigen Zügen dem Horizont entgegen. Das sichere Ufer im Rücken holt sie Erinnerungen ein. Verwandelt sie in Schwimmzüge, in Entfernungen.

(16)

Dann kommt ein Gedicht daher mit einem unschuldigen Gesicht und verwebt alle Ahnung in Gewissheit.

Es gab eine Zeit da war noch alles gefangen im Ursprung. Dann verstrich Zeit. Dann strich sie aus. Legte mich in Falten zu der gebügelten Wäsche.

(64)

All dem Gerede von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit setzt Werner Herzog einen bestehend einleuchtenden Gedanken entgegen. In Jan Wilms siebten Begegnungen in der Autofiktion lässt er Werner Herzog sagen: „Gegenwart ist eine Fiktion, die wir uns selber aufbauen, und die Fiktion ist evident […] Wenn ich den Fuß anhebe, um einen Schritt zu machen, dann ist der angehobene Fuß schon Vergangenheit und das Niedersetzen des Fußes vor mir bereits Zukunft. Wenn ich den Fuß schon fast angehoben habe und gerade erst heruntersetzen will, dann ist keine Gegenwart da. Die Gegenwart, technisch gesehen, kann es nicht geben, das heißt, wir schaffen sie uns als eine merkwürdige Fiktion, und das heißt auch, dass sich die Zeitabläufe in bestimmten Ereignissen und in der Dichte von Geschehen auf einmal verändern können.“ Die Lösung aus diesen scheinbaren Widersprüchen liegt in der Vorstellung (oder ist es eine Einsicht?), dass Zeit nicht chronologisch verläuft, unser Lebenslauf keine gerade Strecke zwischen Geburt und Tod ist, sondern kreisrund in Spiralen verläuft, in denen sich Vergangenheit und Zukunft immer wieder kurzschließen und so manchmal einen Strudel aus Gegenwart erzeugen.

(53)

Es gibt mich nicht mehr. Ich arbeite ab.

Jahre vergehen.

Dann gibt es mich nicht mehr,

weil es nichts mehr abzuarbeiten gibt.

Die Haben – und Sollseiten des Lebens. Sorgfältig darauf achtend, dass es nicht zum Ausgleich kommt.

Ausschnitte von Träumen aneinander reihen, bis träumen nicht mehr möglich ist. Bis nichts mehr möglich ist.

Man muss sich Zeit nehmen, um den Dingen Zeit zu lassen. Ich lebe ein beschauliches Leben zwischen Hitze- und Kältewellen. Wenn ich dem Wasser entsteige, bin ich eine alte Frau. Eine letzte Etappe auf dem Weg beginnt. Ich mag Anfänge.

(38)

Dass das Schreiben so schwierig, so voraussetzungsvoll geworden ist, seit sich das Zittern immer weniger bändigen lässt. Dass ich meine Träume zensiere, sobald ich wach bin, indem ich alles vergesse und nur unbedeutende Details behalte, bei denen ich mir sicher bin (mir vormachen kann), sie hätten absolut nichts mit mir zu tun.

Die Räume und Türen und Fenster. Was man braucht und was man zu brauchen glaubt. Wie viel man zurücklassen muss für einen Neuanfang, und ob es wirklich einen so großen Unterschied macht, ob die Dinge freiwillig zurück gelassen werden, oder ob das Leben, die Zeit, der Lauf der Dinge, sie mir entreißen. Ein Jegliches hat seine Zeit ist eben nicht nur ein Spruch, sondern die Essenz des Lebens. In guten wie in schlechten Tagen.

(1)

Ich hatte mir vorgenommen, oder doch wenigstens vorgestellt, dass ich in diesem Jahr, jeden Tag etwas schreibe. Ob nun kurz oder lang. Ob gefühlig oder überlegt. Bislang ist nichts daraus geworden. Dabei geht sehr viel vor. In meinem Kopf und in meinem Leben. Aber häufig brauchen die Dinge Zeit. Müssen sich ablagern, beruhigen.

Ende letzter Woche habe ich ganz zufällig einen Gedichtband von Szilárd Borbély entdeckt und sofort gekauft, obwohl ich niemals zuvor etwas von diesem Dichter gehört hatte. Seit Tagen versinke ich in seinen Gedichten. Lange hat mich nichts mehr so berührt und gleichzeitig über alles andere hinweggehoben. Ich würde sehr gerne darüber schreiben, aber gerade bin ich ganz gefangen in sprachloser Bewunderung.