August Sander

„Wie man Soziologie schreibt, ohne zu schreiben, sondern indem man Bilder gibt, Bilder von Gesichtern und nicht etwa von Trachten, das schafft der Blick des Photographen, sein Geist, seine Beobachtung, sein Wissen…“ (Alfred Döblin in seiner Einleitung zu August Sanders „Anlitz der Zeit“.

August Sander

Die Grenze zur Harmlosigkeit

Alles was stattfindet, findet ohnehin statt. Findet mich, findet die Zeit. Findeisen. Wer war das noch? Spuren von Lippenstift auf dem Bettbezug. Man sollte die Dinge nicht so verbissen sehen, sich nicht festbeißen (und dabei spüren, wie der Angstschweiß ausbricht und man selbst bleibt da, weit davon entfernt, man selbst zu sein, dafür sichtbar). Jede der überlieferten Lügen wird wahr, sobald man sie ausspricht, (die Schmerzen sind gerade ziemlich unerträglich, es lohnt nicht, darüber nachzudenken. Reden wir nicht davon). Das Regelwerk besagt welche Dinge sich eignen, ausgesprochen zu werden. Wo die Grenze der Harmlosigkeit verläuft. Welche Buchstaben heute noch auf dem Papier landen, als wäre das eine gelungene Heimkehr nach einer langen ungewissen Reise (ich las viel und verstand wenig, je mehr ich las, desto weniger verstand ich). Die Schrift bleibt immer wachsam mir gegenüber. Irgendetwas daran wie die Buchstaben geschwungen waren, besänftigte mich, ließ mich zur Ruhe kommen, oder vielmehr die Ruhe zu mir. Wir hängten Bilder an die Wände. Jeden Montag hatten die Züge Verspätung. Wir häuften Erwartungen an. Gleichgültig warteten wir ab, was die Zeit von ihnen zurücklassen würde. Die Zeit beseitigt die Dinge nie vollständig. Es sind immer die lieblos verachteten Reste, die wir sehen, am Wegesrand, wenn der Blick dem vorgeschriebenen Weg plötzlich nicht mehr mit dieser Deutlichkeit folgt.