Automatisch Schreiben im Wartezimmer (25.10.)

Wenn der Tag aber eine Frau ist. Auferstanden aus Ruinen. Wer flüstert, der lügt. Aber beständig. Glauben ist, worauf die Welt aufbaut. Ein Kind, ein Raum, ein Blick. Und wie immer wieder alles ganz anders ist. (anders als was?) Im Hintergrund – geflüstert – die Nachrichten. Diejenigen, die danach richten, sich vergeblich wieder aufrichten. Was ist der Unterschied zwischen Vergeblichkeit und Vergänglichkeit? (im Hintergrund ein Springbrunnen, im Hintergrund: ein Wunsch).

Der kleine alte Mann mit den überaus wachen, neugierigen Augen mir gegenüber. Im Wartezimmer mit fremden (automatischen) Flüstergeräuschen und Zimmerspringbrunnen. Ein verkümmerter kleiner Baum vor dem Fenster. Geräusche der Straßenbahn.

Automatisches Schreiben

Mein geteiltes Leben bedarf der Zerrütung. Eines Morgens erwachte Gregor Samsa aus unruhigen Träumen usw. Wer suchet, der findet. Hinter dem Fenster die Nacht. Etwas anderes lacht. Hat die Macht. F.M. spielte mit meiner Mutter Schach, bevor er sämtliche Habseligkeiten aus dem Fenster des vierten Stocks warf. Wir warten. Und wenn er kommt, dann laufen wir. Zerrhansel. Verspiegelt. Die Nächte im Mondlicht usw. Wer hat kann weiter. Der Kaffee ist fertig. Was nicth leicht wird, bleibt schwer.
Auf der Straße geht ein Herr mit einer silbernen Melone, in der Hand hält er eine halbe Zitrone. Vom Duft angelockt, begleitet ihn ein Alligator in gebührlichem Abstand. D.h. Anstand. Was Rückschlüsse zulässt auf seinen Zustand. Der Alligator leidet an Schlaflosigkeit. Der Mann leidet an sich selbst. Die Zitrone ist nur noch die Hälfte dessen, was sie einmal gewesen ist.

Hinter den sieben Bergen liegt das Tal der Verzweiflung

Wir sind alt geworden. Verhalten spucken wir in die Hände. Es gibt keine Fortsetzungen mehr. Was jetzt liegenbleibt, bleibt für immer unerledigt.

Wir suchen nach nichts Neuem, halten keine Ausschau mehr. Begegnet uns ein fremdes Gesicht, wechseln wir die Straßenseite. Wenn Bekannte uns entgegenkommen, senken wir nur den Blick.

Zu Hause schließen wir die Fenster.

Nur unseren Träumen sind wir ausgeliefert. Wir versuchen wenig zu schlafen und schneller zu vergessen.

Wenn die Nacht uns zu sehr aufwühlt, beobachten wir die Schnecken an der Hauswand. Ihre regelmäßigen Bewegungen, die feuchte Spur, die sie hinterlassen.

Für Marguerite Duras

Ich bin Aurelia Steiner

Ich bin 18 Jahre alt

Ich bin tot.

Ich suche weiter

Ich kann nicht sagen was ich suche

Vielleicht ein Wort

Ein Wort für das Gefühl

Vielleicht die Freiheit

Wo auch immer sie liegt

Aufgeknüpft

Langsam sterbend am Galgen

Ich glaube nichts

Ich bin das was ich schreibe

Ich bin die Angst und die Furchtlosigkeit

Ich bin das Überschreiten der Grenzen

Ich bin die Überwindung des Selbst

Ich bin Aurelia Steiner

Ich bin 18 Jahre alt

Ich schreibe dass ich lebe

 

Ulrich Koch

 

In einem Interview mit der Zeit, sagte Ulrich Koch, der kürzlich den Hugo Ball Preis bekommen hat, aber schon lange sehr gute Gedichte schreibt, „ein gutes Gedicht muss auf unwiderstehlich sanfte Art und Weise traurig machen.“

Dieser Zweifel an allem, den Marguerite Duras als unabdingbar für das Schreiben betrachtet, findet sich in jedem Gedicht von Ulrich Koch, zusammen mit dem Blick auf Schönheit, Träume und Illusion.

 

Begriffen

Wir nehmen uns so ernst

wir denken, dass ist wie in den Arm nehmen

aber es ist nur wie Festhalten

(Lachen können wir nicht)

Wir schreiben das Wort Humor

wir schreiben Trauer

wir beweisen unsere Begriffe

Sie laufen uns davon

Wir fragen nach uns

die leeren Griffe in der Hand

kämpfen wir um Positionen

Die Begriffe schütteln sich

andere lächeln

(manche haben Humor)

dann machen sie sich

auf einen Gang ins Gebirge

setzen sich einen Hut auf

und geniessen die klare Aussicht

ganz ohne uns.

Klopfzeichen

 Meine Großmutter, zu der ich nie ein besonders gutes Verhältnis hatte, hielt Sèancen ab. Kein Besuch bei der Großmutter ging ohne Tränen und Gezeter von sich. Nachts darauf träumte ich stets von ihrer behaarten Warze, aus der Ungeheuer traten, die es auf mein Leben abgesehen hatten. 

Es hieß sie sei ein hervorragendes Medium zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten. Jedenfalls hatte sie nie viel für die Geräusche des Lebens übrig, so lange die Besuche bei ihr dauerten, hatten mein Bruder und ich uns ruhig zu verhalten. Man gab uns Stifte und Papier. Man gab uns Bücher und immer wieder die Ermahnung still zu sein.

Eine verordnete Stille, die sich in unsere, während dieser Zeit verfertigten Bilder legte.

Heute, zehn Tage nach der Beerdigung meines Bruders, der vor vierzehn Tagen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, sitze ich vor einem Stapel jener Kinderbilder, die mein Bruder nicht nur sorgfältig aufbewahrt , sondern darüber hinaus in Nachhinein, dokumentiert hat.

Dritter Oktober 1970 steht auf dem ersten Bild, das ich vom Stapel nehme, um es allein, getrennt von den anderen, von diesem Stapel, der mich erschreckt, zu betrachten. Seit ich vom Tod meines Bruders erfahren habe, habe ich keine einzige Träne vergossen.

Das Bild kommt mit wenigen Farben aus. Es wirkt eindringlich in der Unbeholfenheit etwas darzustellen, was außerhalb des Horizonts des Zeichners liegt. Ich erkenne ein Gesicht, eher eine Fratze, der Mund ist ein feiner Strich, der sich bei längerem Hinsehen in eine Schlange verwandelt, aus den Augen sprühen Funken, vielleicht Fliegen oder Käfer und aus den Ohren kommt Rauch, der sich mit dem Rauch meiner Zigarette vermischt. Ich öffne das Fenster, die Luft ist kalt, eine sternklare Nacht. Ich wünschte, ich müsste nicht allein hier sitzen, mit den Zeichnungen, mit den Erinnerungen, die mich, die uns gezeichnet haben.

Ich wünschte, wenigstens ein paar Tränen könnten mich begleiten, alles wäre besser als diese undurchdringliche Leere.

Ich lasse die Stille in mich eindringen, hat er auf das Blatt geschrieben.