Blätter verlieren

Ich lese einen Essay von Joan Didion, Ulrike Draessner oder Olga Martynova und verneige mich vor den profunden Kenntnissen, die mir dort entgegenblitzen. Ich verneige mich insbesondere vor der Geduld, Gemeinsamkeiten zu erkennen und das Disparate im vermeintlich Gleichen aufzudecken.

Immer wieder versuche ich, mich mit mangelnder Bildung und mangelnden Kenntnissen herauszureden, wohlwissend, mit fehlt in allererster Linie die Geduld. Denn was an Wissen und Hintergrund notwendig wäre, lässt sich nachlesen. Wenn man nur beharrlich an einem Thema, einer Frage herumkaut, anstatt sie vorschnell auszuspucken, weil der Geschmack des Neuen vergangen ist.

Wie viel leichter ist es, ständig neue Ansätze zu versuchen, zu veröffentlichen und sich an der Zahl der Zugriffe zu berauschen, als würden sie etwas aussagen über den Gehalt des Geschriebenen.

Vielleicht ist der Herbst eine gute Zeit, alte Gewohnheiten abzuwerfen, wie die Bäume ihre Blätter, um etwas Neuem Platz zu machen, das freilich Zeit braucht, bis es – vielleicht – im Frühling, erblüht.

Das erste Blatt, das ich in diesem Sinne abgeworfen habe, weil es fade und farblos geworden war, ist mein Facebook Konto. Es fühlt sich richtig an und vielleicht werde ich die Geduld aufbringen bis zum Frühling zu warten, um zu sehen, welches neue Blatt an dieser Stelle austreiben wird.

 

46 Gedanken zu “Blätter verlieren

  1. du sprichst ein thema an das mich persönlich seit geraumer zeit beschäftiigt! die fehlende geduld…
    so geht es mir auch – ich hab so viele ideen, vorhaben, angefangenes und es gelingt mir selten etwas fertig zu bekommen! aber vielleicht ist ja auch hier „das problem erkennen ist der erste weg das problem zu lösen“….

    danke fürs anregen wieder einmal darüber nachzudenken….

  2. ich verstehe dich sehr gut. immer dieses klick, klack, hin und her, dieses nervöse herum flitzen wie im rausch. halbwahrheiten hinterher jagend, immer nur denn letzten zipfel schnappend, da nie zeit mal für das ganze programm. …..das sollte besser gehen, wahrlich. heute war ein guter start, im bett bis zwölf gelesen, gelesen, gelesen….ein buch, wie schön.

    1. was denn für eins, darauf kommts ja auch ein bißchen an, sonst ists ja wie bei Facebook, wo man sich ja die Leute aussuchen kann mit denen man was zu tun haben möchte oder nicht, das schlimmste finde ich das nicht

      1. Natürlich sucht man sich die Bücher aus, die man liest, Franz, wie denn sonst? Ich will Facebook ja auch gar nicht schlecht machen, für mich ist es nur zur Zeit etwas, das mir eher schadet, als dass ich davon profitieren könnte.

      2. natürlich ist lesen im netz nicht das schlimmste. aber es verändert lesegewohnheiten. im bett liest sich übrigens so manches besser auch der „untergeher“ eines thomas berhard, der mir zum schluß sogar ausnehmende gut gefiel, da sich mir eine völlig neue sprachwelt eröffnete.
        eventuell ist es ja so ähnlich wie mit dem fernsehen, dies soll ja nach herrn reich ranicki „kluge leute klüger und dumme dümmer“ machen.

    2. Genau das ist es. Diese Halbwahrheiten, weil man glaubt für das Ganze keine Zeit zu haben. Manchmal habe ich das Gefühl, diese Überfülle an Informationen verblödet mich. Vermutlich wird es der nächsten Generation, die mit diesem Informationsüberschuss aufwachsen schon viel besser damit gehen, für mich ist es Überforderung.
      Und ein Buch wird dieses Medium für mich nie ersetzen können. Wenn man mich fragen würde, worauf ich verzichten kann, den Computer oder die Bücher, ich würde keine Sekunde zögern mit der Antwort. Obwohl ich das schon auch mag, das Bloggen und die Möglichkeit mich sehr sehr schnell und ohne großen Aufwand über alles mögliche zu informieren.

  3. Das finde ich sehr schön geschrieben und mir geht es auch oft so. Vieles, womit man sich beschäftigt, bleibt sehr an der Oberfläche und auch das Bloggen hat sehr viel Oberflächliches und Angefangenes. Aber trotzdem liest man dann wieder Dinge, die inspirieren und anregen, oder die einfach gut geschrieben sind…

    1. Schön geschrieben und mit viel Hintergrundwissen angereichert sind ja in erster Linie deine Artikel, die ich auch immer wieder gerne lese. Das Schwierige ist eben die Auswahl und dabei nicht die Übersicht zu verlieren.

      1. Danke1 Aber wenn ich mal was mit etwas Hintergrundwissen schreibe, nicht nur solche Impressionen aus dem Alltag, dann ist es auch wirklich Arbeit. Und eigentlich bin ich nie zufrieden…

    1. Ich wollte nicht zu einem Boykott aufrufen. Ich habe gar nichts gegen Facebook. Eine Zeitlang hat mir das dort großen Spaß gemacht. Aber die Zeiten ändern sich. Und ich passe mich bloß an. Ich glaube nicht, dass das Respekt verdient.

  4. die schrille lautheit der vorderen und hinteren sitze dröhnt undichter denn je. heute fahren wir los, womöglich vorgestern sind wir schon da.
    facebook ist keine kardinalszahl, es ist abgefressenes, unsättigbares grasland.

    dein frühjahrswerkstück, liebe frau muetzenENTfalterin, wird eine feinfähige handarbeit werden, ich weiß es!
    ich gratuliere zur bewussten „vorerst“ gegenentscheidung, auch wenn sie nicht von dauer sein sollte. liebe grüße

  5. Warum Sind eigentlich immer ein und derselben Meinung?
    Warum sagt nicht mal einer, als mich hat das Buch von Frau M enttäuscht, oder,
    ich kenne Frau Draesner gar nicht, oder, ich lese gerade ein Handbuch für Physik, oder ich lerne meinem kleinem Stofftier gerade wie er sich zu benehmen hat?
    Ich meine, so viel anders als bei Facebook sind die Kommentare nun auch nicht oder?

    1. Vermutlich, weil man sich eher mit den Dingen näher beschäftigt, die man selbst so empfindet. Wenn ich einen Artikel dumm finde, oder ganz anders denke, gehe ich häufig darüber hinweg. Das ist schade, aber nachvollziehbar.
      Und, wie schon gesagt, es ging nichts gegen Facebook und die Art, wie man dort miteinander umgeht. Letztendlich liegt es immer an einem selbst.
      Allerdings hat es hier schon kontroverse Diskussionen gegeben, und das hat mir viel Spaß gemacht. [Aber soetwas hat es bei Facebook auch gegeben.]

  6. Keine Ahnung wie die Kommentare bei IndieFacebook sind, aber hier hast du einen Franz: Mein Küchen R2D2 pfeift französisch und das ist irgendwie komisch, weil der Kühlschrank auf hebräisch summt.

    1. Wenn ich einen Essay von Susan Sontag lese, ist das natürlich etwas Anderes, aber wenn die mir das Gefühl vermittelt, dass Sie viel schlauer ist, mag ich Sie nicht mehr, das Gefühl vermittelt Sie mir aber nicht, gute Literatur vermittelt einem nicht das Gefühl dass sie besser ist als, ja als was eigentlich.

      1. Was Susan oder die anderen zu Papier bringen, schreiben sie aus ihrer Wahrheit heraus. Die Gefühle beim Lesen sind wohl bei Jedem verschieden. Es hat immer mit uns selbst zu tun, was wir rauslesen und hören.

      1. Ich weiß allerdings nicht wovon hier die Rede ist. Facebook ist doch nichts was man loslassen muss, das ist wie eine Einkaufstüte, früher waren die umsonst, heute kosten sie 20 Cent, aber was darin ist, kann man selbst bestimmen und wenn man nicht mehr hingeht (in den Supermarkt oder zu Facebook) geht man nicht mehr hin.
        Wenn meine alte Kneipe dicht macht, trauer ich der ein wenig nach, dort hatte man sich getroffen, gesoffen, weiß genau wenig wirklich intensive Gespräche führt, wobei ich mich Frage, wo die denn Bitte stattfinden sollen?
        Der ganze Computer ist voller Sachen die kein Mensch braucht, man braucht auch keine Blogs, keine Spieler, man braucht nicht einmal ein Textverarbeitungsprogramm, aber man nutzt sie eben und macht Vati und Mutti daraus, sehr merkwürdig.

  7. Also ich lasse meine Einkaufstüten schon mal los, besonders wenn sie zu schwer werden und sich in die Hand schneiden. Aber auch so möchte ich den Plastikkram nicht den ganzen Tag an der Hand haben. Jetzt habe ich immer Stoffbeutelchen dabei, back to the 80 er.

    1. Was ich schwierig finde, ist angemessen auf Kommentare einzugehen. Da fehlt mir manchmal so ein humorvoller Ansatz, wie Du ihn hier vorführst. Ich glaube ich werde versuchen, mir daran ein Beispiel zu nehmen.

  8. Ich habe alle drei der angeführten Werke NICHT gelesen, ich gebe es hiermit zu! Es ging aber in dem Beitrag auch gar nicht darum, ob man die gelesen hat bzw. wie man die findet. Allerdings hat der Franz ja so ganz unrecht nicht, meist entsteht ja in den Blogs kein echter Diskurs, da abweichende Meinungen oder auch eben Statements, dass man diesen oder jenen Post inhaltlich oder formal nicht so gelungen findet, nicht artikuliert werden. Es ist ja auch schwierig, so etwas zu formulieren ohne zu verletzen.

    1. Wir sind ja eher recht neu und unerfahren, was das Bloggen betrifft. Diskurs heißt doch erst mal nur eine gedanklich-sprachliche Hinundher-Auseinandersetzung. Vielleicht täuschen wir uns ja, aber hier auf diesem Blog wurde doch auch immer wieder einmal (siehe den letzten Beitrag) kritischst geurteit. Natürlich sollte beim Bloggen, wie auch sonst im Leben, wenn man eine Meinung nicht teilen kann, nicht dumpf drauflos gepoltert werden. Denn wer hätte etwas davon? Kritische Fragen zu stellen, macht immer Sinn, wenn sie konstruktiv gemeint und gestellt sind. Ansonsten würden wir eher mal drauf husten.

    2. Yep, ich hatte in einem Blog mal gepostet das ich keine Freund von Osterfeuern bin, aber auch nichts gegen sie habe. Es gab schon ein wenig Entrüstung. Aber habe ich jetzt Angst, nein. Nur manchmal ist mir die Kritik nicht nicht die Mühe wert.
      Aber hier noch einmal in aller Deutlichkeit: Ich finde Facebook blöd und gefährlich!!
      Aber nicht die Menschen die es nutzen!

      1. Ihr alle drei formuliert Dinge, die ich ebenso empfinde. Natürlich will man Auseinandersetzung, aber sie muss konstruktiv sein, dann kann sie eigentlich nicht verletzen. Und solche Kritik äußert man nur, zumal schriftlich, wenn sie der Mühe wert erscheint.
        Ich blogge nicht erst seit gestern, aber so viele Kommentare, diese Art von Resonanz bin ich nicht gewohnt. Deswegen noch einmal Danke an euch alle und eine schöne Woche für euch.

  9. Das kenne ich auch, liebe Elke. Ganz genau so. Die Sehnsucht nach dem ewig Neuen, das mangelnde Durchhaltevermögen. Auch – oder gerade – hier im Netz. Denn im wahren Leben ist es um die Neuanfänge geschehen, zumindest für eine unüberschaubar lange Zeit noch.
    Das facebook Account loszuwerden, bedient den beschriebenen Mechanismus. Es ist schal geworden und die Geduld zu warten, ob es wieder einen frischeren Geschmack bekommt, fehlt. Schade. Denn du fehlst nun in meiner facebook Welt. Zwar pausiere ich dort gerade. Doch, wenn ich zurückkomme, werde ich dich vermissen.
    Na ja, es gibt ja noch den Blog 🙂
    Liebe Grüße und toi, toi, toi, für die „Entblätterung“!
    Anke

    1. Liebe Anke,
      ich freue mich über deinen Kommentar. Und muss dir gleich widersprechen: das wahre Leben ist voller Neuanfänge. Jeden Tag. Bei mir. Ich weiß nicht einmal, ob Facebook schal geworden ist für mich. Es hat mich immer wieder auf falsche Fährten gelockt. Weg von mir selbst. Und ich hoffe doch wir bleiben irgendwie trotzdem in Kontakt. Vielleicht sogar irgendwann noch einmal real in WB oder sonstwo.
      Herzliche Grüße von der Mützenfalterin

  10. … es kommt wohl auf die Definition von Neuanfang an… Das es täglich möglich ist, neu anzufangen, ist genauso wahr wie falsch.
    … facebook lenkt ab, von sich selbst – ja. Aber tut ein Blog es nicht? Oder vielleicht sogar viel mehr, da die Auseinandersetzung noch intensiver ist – im positiven wie im negativen…?!
    Von einem ergiebigen Thread zu einem Eintrag fühlt man sich bereichert. Doch wie lange? Und: Ist dieses Gefühl tatsächlich wert, nahezu den ganzen Tag am Rechner zu verbringen – oder zumindest in ständigem Gedanken daran?!
    Also ich grübele derzeit sehr über jegliche Aktivitäten hier im Netz nach. Überall – ob im Sozialen Netzwerk oder im eigenen Blog – geht es letztendlich darum, Anerkennung zu erhalten oder wenigstens Bestätigung für das „kreative Selbst“.
    Welche Sehnsucht steckt hinter all diesem agieren wirklich? Und: Ist sie in diesem Maß überhaupt gesund? Warum dieses Dürsten nach Reaktionen von anderen Menschen, die man im wahren Leben nicht einmal kennt?

  11. Ja, stimmt, Neuanfang ist eine große Lüge, die sich trotzdem an manchen Tagen herrlich wahr anfühlt.
    Aber jetzt kommt mein Widerspruch. Facebook hat *mich* abgelenkt von mir selbst, mein Blog tut das nicht. z.B. dieser Artikel über Taryn Simon, oder über die Gefängnisse, diese Dinge habe ich gelesen, irgendetwas hat mein Interesse geweckt und normalerweise wäre ich zu bequem, zu faul gewesen, der Sache genauer nachzugehen. Weil ich aber diesen Blog habe, weil ich die Möglichkeit habe, hier meine Gedanken mit vielen Menschen zu teilen, mache ich mir die Mühe und beschäftige mich eine Weile mit dem Thema, schreibe etwas dazu, das bereichert mich. Es ist nicht in erster Linie der Kommentarstrang, der mich berreichtert, das ist für mich – obwohl ich bereits seit fast vier Jahren blogge – eine recht neuartige Entwicklung. Ich suche tatsächlich ein Medium, das meiner eingehenden Beschäftigung mit einer Sache ein Forum verschafft und das finde ich [und dabei spreche ich immer nur ganz subjektiv und in keiner Form verallgemeinernd von mir] hier im Netz, in den Blogs, in denjenige, die mich zutiefst verstören und berühren, wie das von Wolfgang Herrndorf, oder anderen, die mich immer wieder zum Nachdenken anregen, oder zur Auseinandersetzung reizen, die mir Dinge zeigen und nahbringen, die sonst unbemerkt an mir vorbeigezogen wären und ich revanchiere mich [versuche es], indem ich meinerseits versuche meine Gedanken in eine mehr oder weniger nachvollziehbare Form zu bringen und anzubieten. Und das wirkt tatsächlich sehr lange nach.
    Trotzdem sind die Fragen, die du stellst selbstverständlich berechtigt. Ich weiß nicht, warum man [ich] bloggt. Bestimmt liegt dem auch ein Mangel zugrunde. Ich denke darüber nach.
    Danke für Deine Anregung.

  12. Ganz neu kennengelernt, Dein Blog. Bin beeindruckt, wie bei so manchen, die so kompetent, interessant, neugierig, erforschend schreiben…fühle eine kleine ähnliche Wellenlänge, deshalb Aufnahme in meiner Blogroll.
    Gruß von Sonja

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