Denn das ist ja wohl das Schlimmste

Während der Schulzeit wohnte eine meiner Freundinnen in der Nähe einer JVA. Ein Wort, das uns erschauern ließ, ein Gebäude das Trostlosigkeit verbreitete.

Was ist ein Gefängnis? Diese Frage habe ich mir bis vor kurzem nie gestellt. Unsere Klischees und kindlichen Vorstellungen. Dagegen die Fotos und Foucault.

Zwei Bücher und ein Zitat, bestimmen mein Bild über Gefängnisse, das bedrückende Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ von Liao Yiwu, „Strafen und Überwachen“ von Michel Foucault und der Satz, den Eva-Lotte in Kalle Blomquist sagt; „denn das ist ja wohl das Schlimmste von allem, nicht rausgehen zu können, wenn man will.“ Und die Erinnerung an Berlin Alexanderplatz und Franz Biberkopf, der aus dem Tegel kommt und doch nicht aus dem Gefängnis entlassen wird. Die Zeit hatte alles verändert, diejenigen, die damals in den Gefängnissen saßen und die Freiheit fürchteten, weil man vielleicht nirgendwo so gut wie in einem Gefängnis erfahren kann, was Freiheit ist, dass eben nicht alles leere Worte sind und trotzdem ist das einzige, das wirklich zählt die Hoffnung und darum ist es so wichtig, sich davor zu schützen, diejenigen, die das damals begriffen hatten, waren längst tot, aber diese Tatsache nicht. Diese Art Wahrheit war nicht totzukriegen. Nicht mit den sich verändernden Jahreszahlen, nicht mit neuen Kleidern und anderen Staatsgrenzen. Das sind die Gedanken, die sich eine meiner Protagonistinen macht, während sie sich in Berlin in der Nähe der Strafanstalt Tegel aufhält.

Gitter und Hände, die sich durch Gitter strecken, oder vielmehr, bei ernsthafter Gefängnisfotografie, also keine Filmstils, nichts nachgestelltes, leere Gänge, leere Zellen. Undifferenziert kalt, leer, abgeschieden. Sie scheinen nichts wiederzugeben, außer der Architektur. Licht, Platz und Zeit sind knapp bei Aufnahmen im Gefängnis, hinzu kommt die ständige Anwesenheit des Wachpersonals, das Verbot die Häftlinge zu zeigen. „der verborgene Körper“ – als wäre es schon ein Stück unrechtmäßige Freiheit, wenn das Bild eines Gefangenen nach draußen dringt.

Der Körper, schreibt Michel Foucault, in Überwachen und Strafen, sei im 19. Jahrhundert weitgehend als Zielscheibe staatlicher Repression verschwunden. Die Marter analysiert Foucault als ritualisierte Strafliturgie, als Demonstration von Macht bei gleichzeitigem Ausgleich des durch die Straftat entstandenen Ungleichgewichts. Als könnte, indem der Täter die Tat am eigenen Körper erleidet, eine Wiedergutmachung erfolgen, etwas ausgelöscht werden, das gar nicht hätte geschehen dürfen. Die Strafe verliert ihren sinnlichen Charakter und wird abstrakt. Zur Feststellung der Schuld und der inszenierten Auslöschung des Täters kommt die Frage nach der Einordnung und den Motiven der Tat. Der Wandel im Strafsystem setzt ein, als die Annahme, ein Mensch, den man ständig vor Augen hat, wie er den Rest seines Lebens damit zubringen muss, wiedergutzumachen, was er verbrochen hat, sei nachhaltiger wirksam und lehrreich für das Volk, als dessen Tod. Die Inhaftierung selbst wurde nicht als Strafe gesehen. Das Gefängnis diente allein dazu, sich der Verbrecher zu versichern, nicht sie zu strafen. Die Idee der Auslöschung der Straftat wird ersetzt durch die Umerziehung des Täters, durch den Versuch den „homo oeconomicus“ wiederherzustellen, durch Inhaftierung mit verordneter und entlohnter Arbeit.

Im Panoptikum findet das Gefängnis schließlich sein architektonisches Prinzip der Überwachung, ein Prinzip, das auf die Gesellschaft übergreift. Die polizeiliche Überwachung macht alles sichtbar, während sie selbst unsichtbar bleibt.

Die Einfachheit der Freiheitsberaubung stützt das Selbstverständnis des Gefängnisses. Sieht man die Freiheit als allgemeines Gut an, das unter den Menschen gleich verteilt ist, betrifft die Freiheitsberaubung alle gleichermaßen und ist somit weniger egalitär als eine Geldbuße. Allerdings geht es dem Gefängnis nicht um die Separierung an sich, sondern um die Umerziehung durch Arbeit, um, wie Foucault schreibt: „(…) individuelle Unterwerfung und ihre Anpassung an den Produktionsapparat.“

Dabei stellt man bereits im 19. Jahrhundert fest, dass die Gefängnisse nichts zur Verminderung der Kriminalität beitragen. Die Haft fördert den Rückfall. Foucault zeigt, wie sich von einem Jahrhundert zum andern dieselben Vorschläge und Grundsätze wiederholen. Das Strafsystem produziert eine geschlossene, abgesonderte und für die Gemeinschaft nützliche Gesetzwidrigkeit.

Bleibt die Frage, was das für eine Gesellschaft ist, der Gesetzwidrigkeit nützt und die seit über hundert Jahren keine Alternative zum wirkungslosen Apparat des Gefängnisses findet.