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Vielleicht ist es das, was mich so anzieht an Essays; dass sie ihr Thema nicht erschöpfend abhandeln müssen, sondern innerhalb der eigenen Grenzen frei sind, persönliche Verbindungen zu ziehen, eine vorläufige Antwort zu geben, ohne behaupten zu müssen, sie sei allgemeingültig.

Der Roman als Form des Denkens

Im sechsten Teil seines Mammutprojektes schreibt Knausgard:

[…] denn für mich ist der Roman eine Form des Denkens, radikal anders als die Form des Denkens in Essays, Artikeln oder Abhandlungen, weil im Roman die Reflexion der Erkenntnis nicht als Mittel übergeordnet, sondern allen anderen Elementen gleichgestellt ist. Der Raum, in dem gedacht wird, ist ebenso wichtig wie der Gedanke. Schnee, der durch die Dunkelheit fällt, Autoscheinwerfer, die auf der anderen Seite des Flusses vorbeigleiten. Möglicherweise war das Wichtigste, was ich auf der Universität gelernt habe, dass man über einen Roman oder ein Gedicht praktisch alles sagen kann; und es kann durchaus wahrscheinlich und plausibel sein, aber niemals erschöpfend, und vielleicht auch nicht wesentlich, denn ein Roman oder ein Gedicht sind immer auch eine Kraft in sich, etwas ganz Eigenes. Und dass es nicht möglich ist, das, was das Gedicht uns sagen will, auf eine andere Weise als genau diese auszudrücken, lässt es zutiefst geheimnisvoll werden. Die Welt ist ebenso geheimnisvoll, aber das vergessen wir so gut wie immer, seit wir stets der Reflexion den vorrang geben, wenn wir sie betrachten.

Kämpfen, s. 193

Vom Sinn der Erinnerung

 

In ihrem Essay „Vom Sinn, ein Notizbuch zu besitzen“, schreibt Joan Didion: „Sich daran erinnern, wie es war, ich zu sein: Darin liegt der Sinn.“

Wenn darin also der Sinn besteht, ein Notizbuch zu haben und zu führen, tut sich eine neue Frage auf: Was macht es für einen Sinn, mich zu erinnern, wie ich gewesen bin?

Dient diese Erinnerung dazu die Vergänglichkeit zu begreifen, die Verluste, das Fortschreiten, das man sich so wenig vorstellen konnte, wie es Möglichkeiten gab, es zu verhindern? Mir die Unmöglichkeit, mich selbst zu vergessen, vorzuführen?

Ich ändere mich. Meine Eitelkeit bleibt. Die Möglichkeit mir im Jetzt eine Heimat zu schaffen aber auch.*

*Diesen Gedanke verdanke (im Gedanken steckt das Wort Danke, das fällt mir jetzt beim Schreiben zum ersten Mal auf!) ich der Auseinandersetzung mit mir und dem, was mich beschäftigt, aber auch den vielen wunderbaren Kommentaren, die ich hier bekomme. 

 

Kriegsbilder

Irgendwann im Wartezimmer ist mir der erste Artikel über Kriegsberichterstatter in die Hände gefallen, es ging um zwei Männer deren Leben ihr Beruf ruiniert hatte, beide litten unter posttraumatischen Belastungsstörungen aufgrund der Erlebnisse, die sie während ihrer Reportagen gemacht hatten, beide waren mehrfach lebensgefährlich verletzt worden. Wenig später las ich in einem Magazin die Geschichte einer Kriegsfotografin, die während ihrer Reportagen ein Auge verlor und nur mit Alkohol weitermachen konnte. Dann sah ich „Das Leiden anderer betrachten“ von Susan Sontag und las es.

Wozu gibt es Kriegsfotos? Warum setzen sich Menschen dieser Gefahr aus? Und: bewirken diese Fotos etwas? Das waren meine Fragen.

Virginia Wolff konnte in ihrem Essay Drei Guineen (1936/37) noch die Überzeugung vertreten, dass sich über „das Ansehen von Bildern“ eine gemeinsame Basis finden lasse, eine Grundlage, von der aus man ohne große „Verständigungsschwierigkeiten“ argumentieren kann. Kriegsfotografien hielt sie demnach für ein probates Mittel zum Einverständnis darüber zu kommen, dass Krieg „eine Abscheulichkeit, eine Barbarei [ist], Krieg muss verhindert werden.“

Kann man das heute noch glauben? Kann überhaupt noch jemand daran glauben, dass sich Kriege auf lange Sicht verhindern lassen?

Eine weitere Tatsache, auf die Wolff in ihrem Essay hinweist ist die Feststellung, dass die „Kriegsmaschine männlich“ ist. Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Inwiefern ist das von Bedeutung und wie hängt es mit der Frage der Fotografien zusammen?

Susan Sontag bezeichnet Kriegsfotografien als Rhetorik: „Sie insistieren. Sie vereinfachen. Sie agitieren. Sie erzeugen die Illusion des Konsensus.“ Zwischen Mann und Frau, Freund und Feind, Sieger und Besiegten.

Natürlich, denke ich, muss sichtbar gemacht werden, was in einem Krieg geschieht. Mir fällt ein anderes Buch ein, „Die Schreie der Verwundeten“ von Henning Ritter, in dem er u.a. von Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes berichtet. Mitleid kann es nur geben, wenn die „Schreie der Verwundeten“ wahrgenommen werden, das ist Dunants Überzeugung und sein Beweggrund, die Schlacht von Solferino besonders aus Sicht der Verwundeten und Leidenden zu schildern. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Berichtes, findet die erste Rot-Kreuz Konferenz statt.

Sontag geht von einer anderen Tatsache aus: „Wo es um das Betrachten des Leidens anderer geht“, schreibt sie, „sollten wir kein „wir“ als selbstverständlich voraussetzen. Statt also „aufzuklären“, sichtbar zu machen, was vormals verborgen blieb, bestärken die Bilder in erster Linie die Meinung und Haltung, die der Betrachter bereits vor der Ansicht der Fotos hatte. Jemand, der den Krieg verabscheut, sieht sich durch die Greuel und das Leiden auf den Fotografien bestätigt, jemand, der voller Hass auf eine anderer Nation oder Volksgruppe ist, nährt seinen Hass durch Bilder von Verwundeten des eigenen Volkes.

Worauf es ankommt, ist also die Interpretation der Fotos, mittels Bildunterschriften, die Täter und Opfer kenntlich machen. Oder, um einen Schritt zurückzugehen, die Entscheidung, welche Bilder, welche Grausamkeiten gezeigt werden.

Das ist die Seite derjenigen, die die Macht über die Bilder ausüben. Als Betrachter wiederum, gerät man schnell in die Rolle eines Voyeuers.

Und dann die „Beweismacht“ der Fotos. Im Gegensatz zu Gemälden galten Fotos und gelten immer noch, als Beweise. Was aber beweisen Fotos ohne die jeweiligen Überschriften, Untertitelungen? Wie gut kann sich die „Wahrheit“ des Fotos gegen die der Worte, die es einordnen, behaupten?

Inzwischen ist bekannt, dass viele der berühmt gewordenen Kriegsfotografien gestellt waren. Das bekannteste (wenn auch friedliche) Beispiel für die Aufregung der Betrachter, wenn sich herausstellt, dass ein Foto gestellt ist, ist Doisneaus Foto der Liebenden vor dem Hôtel de ville. Sontag schreibt dazu: „Besonders heftig ist unsere Bestürzung, wenn sich Fotos als arrangiert erweisen, die intime Höhepunkte festzuhalten scheinen, vor allem solche der Liebe und des Todes.“

Erst seit dem Vietnamkrieg, so Sontag, könne sich der Betrachter einigermaßen sicher sein, daß keines der bekannt gewordenen Fotos gestellt war.

Eine ganz andere Frage ist die, was die Anwesenheit von Kriegsreportern in einem Krisengebiet bewirkt. Sontag berichtet von einem Foto, das 1968 von Eddie Adams aufgenommen wurde, bei dem der Chef der südvietnamesischen Polizei, General Loan einen Verdächtigen nur deshalb auf offener Straße erschießt, weil ein Fotograf anwesend war.

Inwiefern machen wir uns mitschuldig an solchen Taten, wenn wir Kriegsfotos, Kriegsberichte ansehen?

Andererseits rücken Fotos und Berichte vom Krieg das Geschehen näher, bewahren vor dem Vergessen.

Wer den Fortbestand der Erinnerung sichern will, der hat es unweigerlich mit der Aufgabe zu tun, die Erinnerung ständig zu erneuern, ständig neue Erinnerungen zu schaffen – vor allem mit Hilfe eindringlicher Fotos“, schreibt Susan Sontag.

Wie wirken die Bilder auf uns, abgesehen davon, dass sie uns zu Voyeueren machen, welche Gefühle rufen sie hervor? Abscheu? Mitleid? Ignoranz? Haben die Bilder eine Botschaft für uns?

Sontag stellt dazu folgende These auf: „Solange wir Mitgefühl empfinden, kommen wir uns nicht wie Komplizen dessen vor, wodurch das Leiden verursacht wurde. Unser Mitgefühl beteuert unsere Unschuld und unsere Ohnmacht.“ Das heißt diese Fotos beeinflussen unsere Wahrnehmung von Krisen. Je mehr Fotos, desto größer die Wahrnehmung. Andererseits ist es gerade die Überflutung mit Bildern, die uns abstumpfen lässt.

Ich finde keine eindeutigen Antworten auf die Fragen, auch nach der Lektüre von Sontags Essay nicht. Aber vielleicht ist es wichtiger, dass die Fotografien Fragen aufwerfen, als allzu einfache Antworten zu liefern.

Der schwarze Hund – Les Murray

Der schwarze Hund ist gestern eingetroffen.

Der Mann, der solche Gedichte schreibt, schreibt darin von seiner Depression, davon wie unvorstellbar grauenhaft das Leben wird unter der Herrschaft des schwarzen Hundes, wie schon Churchill seine Depression genannt hat. Aber auch, und das hat mich vielleicht am meisten betroffen, davon, wie destruktiv Sexualität sein kann, bzw. die Angst und die Scham mit der Sexualität überfrachtet wird. Dass dann ein Vater nicht über die Lippen bringt, dass seine Frau aufgrund einer erneuten Fehlgeburt verblutet, und der Krankenwagen nicht rechtzeitig eintrifft, dass daraufhin das Kind, das diese Frau geboren hat, vor den Fehlgeburten, sich schuldig fühlt am Tod der Mutter und lange Zeit mit der Überzeugung lebt, dass Sex tödlich ist.

Aber auch die sanfte Seite, die Möglichkeit sich dennoch auszusöhnen, mit den Vätern, den Müttern und sogar mit sich selbst. Die Einsicht wie viel Schmerz die Klarheit seiner Gedichte ihn gekostet hat und wie wertvoll sie sind, für die, die immer abseits stehen, aber auch für diejenigen, die diese ins Abseits drängen. Wenn sie sie lesen würden. Eines Tages. Vielleicht.

Die Erfindung der Einsamkeit

Die Erstausgabe des Buches datiert auf 1982, meine Ausgabe ist von 1999 und das muss auch das Jahr gewesen sein, in dem ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber es kommt mir vor, als müssten weit mehr als dreizehn Jahre zwischen der ersten Lektüre von Paul Austers „Die Erfindung der Einsamkeit“ und heute liegen. Vielleicht weil es ein Buch ist, das mit dem Leser lebt, das vergisst und sich erinnert und immer gleichzeitig neu und vertraut ist. Das letzte Mal, daran kann ich mich noch gut erinnern, habe ich dieses Buch vor vier Jahren gelesen. Damals habe ich mir eine Unmenge von Stichpunkten gemacht, zu Gedanken, die ich weiter verfolgen wollte, zu Dingen, die ich recherchieren wollte.

Gestern habe ich den Essay von Simone Schröder „Manchmal wie ein großer schwarzer Kasten“ (in der EDIT 59) gelesen, und das, was sie von den Möbeln der Verstorbenen Freund-Großmutter erzählt, ihre ganz eigene Auseinandersetzung mit „Dingen, die niemand mehr braucht“, haben mich an Die Erfindung der Einsamkeit erinnert und eben nicht nur erinnert, sondern zum Bücherregal getrieben, wo ich das Buch zum Glück nach sehr kurzer Suche gefunden habe (etwas, das selten genug geschieht).

Jetzt liegt das Buch auf dem Küchentisch, der Himmel strahlt sommerblau und ich beginne ein neues Lesetagebuch, nachdem ich mit dem Mann ohne Eigenschaften wieder einmal gescheitert bin.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Wie werden sich Adam und Eva gefühlt haben, nachdem sie das Paradies verlassen mussten, nachdem sie aufgetaucht waren aus den stillen Gewässern der Unmündigkeit? Und sich unversehens im ausufernden Raum der restlichen Welt wiederfanden. Wenn die Grenzen aufgehoben sind, verschwindet der Raum im Unbestimmten. Um sich zurechtzufinden wird eine neue Ordnung notwendig.

Adam und Eva mussten lernen, sich zu konzentrieren, auszublenden, was nicht wichtig war für den Moment, für das Ziel, das sie sich gesetzt hatten. Sie mussten lernen nur das wahrzunehmen, was diesem Ziel diente. Eine neue Grenze wurde gezogen, diesmal zwischen Natur und Mensch, Tier und Mensch und schließlich zwischen den Menschen selbst. Neue Begriffe entstanden, um Abgrenzungen deutlich zu machen, um Räume zu definieren: Zeit, Wahrheit, Pflicht, Erfolg, Vernunft. Und andere, um sie erträglicher zu machen: Lüge, Gedanken, Traum, Scheitern, Glauben. Kleine Hilfswerkzeuge um aus dem unendlichen, gewaltigen Chaos etwas auszuwählen, es aus dem reißenden Strom zu schöpfen, nur so viel davon, wie in ein Gefäß passt, so viel wie der Raum fassen kann, ohne zu bersten, ohne auseinander zu brechen. Um darauf aufzubauen, anzubauen, behutsam zu erweitern, damit neue Räume entstehen können*, Lebensräume, Gedankenräume, Spielräume.

Und die Frage, wie man sich sein Leben einrichten soll, wie man sich einen eigenen Raum schafft und bewahrt. Wie muss der eigene Schreibraum beschaffen sein?

Ein Blick aus dem Fenster. Ein Schritt vor die Tür. Das muss ebenso gewährleistet sein, wie die Möglichkeit, die Tür wieder zu schließen, nichts und niemanden herein zu lassen. Die Möglichkeit allein zu sein mit sich und seinem beschränkten Blick auf die Welt draußen vor dieser Tür. In einem begrenzten Raum, in einem eigenen Zimmer. Im eigenen selbstgeschaffenen Paradies.

* Wie das Wort „überlegen“ darauf hindeutet, darauf verweist, dass man sich auf mehrere Schichten bezieht, die übereinander liegen, die das Fundament bilden, auf dem die eigenen Gedanken fußen, der Boden, auf dem sie stehen, der Ausgangspunkt, der die Richtung vorgibt, begrenzt und ermöglicht.