Verena Lueken „Alles zählt“ – Eine Enttäuschung

Seltsame Koinzidenz. Zu Weihnachten „Alles, was ist“ von James Salter geschenkt bekommen und kürzlich das Buch „Alles zählt“ von Verena Lueken zu lesen begonnen, nachdem mich Bert Strebes Besprechung auf Fixpoetry neugierig gemacht hatte.

Bezeichnenderweise spielt Lueken gleich zu Anfang ihres Buches ebenfalls auf Salter und eben dieses seiner Bücher an.

„Alles zählt“ scheint ein Buch zu sein, das für mich geschrieben wurde. Es behandelt meine Themen, Literatur, Schmerz, Tod.

 

„Ich werde dich tragen, auch wenn ich nicht mehr bin“.

 

Von ihrer Mutter erzählt die Protagonistin, sie sei nach mehreren Ausbombungen mit ihrem Sohn aufs Land verschickt worden, nach Vorarlberg. Ich meine mich zu erinnern, dass S. bei meinem Besuch in Frankfurt erzählt hat, dass seine Mutter mit den damals schon geborenen Geschwistern und schwanger mit ihm, ebenfalls nach Vorarlberg geschickt wurde.

Also nicht nur diese Themen, die mich schon lange umtreiben, sondern auch Zeitgeschichte.

 

Aber letztendlich muss ich feststellen, dass es in erster Linie besondere Sätze, mit Bedeutung aufgeladene Zitate sind, die mich ansprechen, nicht der Roman als Ganzes.

 

„Einige Monate, nachdem ihre Mutter gestorben war, überfiel sie das ganz entschiedene Gefühl, sie sei jetzt lange genug tot gewesen.“

 

„Rituale des Gehenlassens.“

 

„The things you can´t remember tell the things you can´t forget.”

 

Noch so ein treffender Satz über das Paradox, das unser Leben ausmacht.

 

Und die Möglichkeit den Grund des Schreibens darin zu suchen, dass einmal jemand zu dir sagt: you are kind. Für diese Möglichkeit danke ich Verena Lueken.

 

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: New York, Frankfurt, Myamar, wenn man die geographischen Standpunkte zu Grunde legt. Inhaltlich geht es um die Entdeckung der Krankheit gekoppelt mit vielen Kindheitserinnerungen und der Erzählung über die Mutter, der mittlere Teil erzählt nahezu ausschließlich vom Schmerz, davon, wie der Schmerz, oder vielleicht noch mehr der vergebliche Kampf gegen den Schmerz die Persönlichkeit zersetzt, verändert, auslöscht.

Und Lueken beschreibt es schlussendlich so, als sei die Angst sich zu verlieren größer als das Leiden am Schmerz, und am Ende sei uns nichts wichtiger, als dass jemand zu uns sagt: you are kind.

 

Die Enttäuschung kommt mit dem dritten Teil, mit der Reise der Genesenden nach Myamar, wo sie sich auf die Suche nach dem Masseur macht, der ihr bevor sie erneut krank wurde, gesagt hatte: you are kind.

 

Es ist alles angelegt, die Nebenmänner, das neue Leben, der Kindheitswald, und doch hat mich das Ende enttäuscht. Weil es so weit weg ist von mir und meinem Leben? Aber auch der Krebs, New York, eine Mutter, die über 90 Jahre alt geworden ist, auch das war weit weg von mir.

 

Diese fast körperlich erfahrbare Enttäuschung, dass das Buch keine Erkenntnis bereit gehalten hat, keinen Schock, keine Frage, sondern im altbewährt romanhaften ausklang, der Wald der Kindheit verbunden mit dem neuen unbestimmten Leben.

Und ich frage mich wirklich, was diese Enttäuschung bedeutet. Für mich.

 

 

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2 Gedanken zu “Verena Lueken „Alles zählt“ – Eine Enttäuschung

    1. Das ist ja genau der Punkt. Ich will eine Erklärung, eine Erkenntnis. Ich habe mir einfach etwas anderes erhofft von dem Buch als Lueken hat schreiben wollen. Was mich enttäuscht hat ist die Tatsache, dass sie sich zwar wunderbar mit den Zitaten und dem Gelesenen auseinandersetzt, aber dem keine eigene Dimension hinzufügt, das klingt alles an im mittleren Teil, wenn sie sehr drastisch beschreibt, wie die Schmerzen unerträglich werden, aber dieser Schritt dann zu sagen, zu entscheiden, bevor ich mich selbst verliere, das, was ich als meine Persönlichkeit betrachte, aufgebe, überlasse ich mich lieber den Schmerzen, dieser Prozess, der wird nicht beschrieben oder hinterfragt, sondern einfach behauptet und das wars dann auch. Das hat mich enttäuscht, das da ein Fass aufgemacht wird, das kurz darauf einfach stehen gelassen wird, um mir von Sehnsucht und Fremde und Fremdheit zu erzählen…

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