(43)

Ich wiederhole mich. Gleichzeitig ist sicher, dass ich überhaupt nicht weiß, was dieses „ich“ und „mich“ ist, das ich da angeblich wiederhole. Sagen wir es so: es sind die Fehler, die Sollbruchstellen, über die ich in unzähligen Variationen stolpere, ohne jemals etwas dazu zu lernen. Die Liste der Verluste. Das klingt schöner als es sich anfühlt.

Die Wahrheit liegt in dem, was wir verschweigen.

Wie könnte ausgerechnet ich diejenige sein, die Worte dafür findet.

6 Gedanken zu “(43)

  1. Worte finden können wir letztlich wohl nur für uns und für genau jetzt, geht es mir jetzt durch den Kopf, und vermutlich sind sie nur genau so lange wahr, wie ich sie denke und fühle. Aufschreiben ist konservieren.

    Und es ist großes Glück, wenn sich ein anderer Mensch in meiner Konserve wiederfinden kann. So wir mein „Wahr“ womöglich das „Wahr“ eines andern Menschen. Vielleicht?

  2. Lawine. Erdrutsch. Dammbruch.

    „Die Wahrheit liegt in dem, was wir verschweigen.

    Wie könnte ausgerechnet ich diejenige sein, die Worte dafür findet.“

    Liebe Elke, eine Lawine an Gedanken löst dein Text aus. Deine Frage.
    Einige Gedanken von mir dazu, Randstückchen, Krümel. Das Große ist mir zu gewaltig und ich erkläre es für unlösbar.

    Ist es so, dass „die Wahrheit“ im Verschweigen liegt? Auch dies nur e i n e Facette in meinem Verhalten mit der Wahrheit in der Kommunikation mit anderen.

    Jede hat ihre eigene Wahrheit und nur die.
    Kennt man aber seine eigenen Wahrheiten, auf Stunden, Stimmungen, Wahrnehmungen bezogen?
    Sind nicht in mir selbst bereits mehrere Wahrheiten ein und desselben Ereignisses oder Gefühls?

    Sowie ich über die Wahrheiten anderer schreibe, sei es im Brief oder einer Autobiographie, sind es doch nur Kommentare. Oder?

    DIE WAHRHEIT ist ein riesig Ding. Unsere Aufnahmefähigkeit begrenzt.
    Kenne ich überhaupt mehr als kleinste Wahrheitsfacetten meines Lebens?

    Wenn ich meine „Wahrheit“, die wohl eher eine Wahrnehmung und Eingliederung ist, der einer anderen Person gegenüberstelle, die mit mir gemeinsam dies Detail erlebt hat, kann meine Sicht ins Wanken geraten. Es gibt keinen sachlichen Maßstab zwischen beidem.
    Vielleicht entschließe ich mich, die „Wahrheit“ des, der anderen anzunehmen oder auch nur Teile davon. Dann ginge ich meiner eigenen als Wahrheit befundenen Wahrnehmung und Einschätzung verlustig.
    Verluste.

    Vielleicht lässt sie sich gegen etwas „Besseres“ tauschen? Vielleicht nimmt sie einen Teil meiner Verletzung, meines Schmerzes. Meiner Freude?

    Gibt es Verluste, die Gewinn Sinn?
    Ja.

    Meine Schwester und ich – wenn wir unsere erlebte Vergangenheiten und Wahrheiten nebeneinander legen, kommt bei mir oft als erstes Widerstand (wieso stellt SIE meine Welt auf den Kopf?), Verblüffung, Erstaunen, Nachdenken. Die Frage, was mache ich mit dieser anderen Wahrheit? Was meines Lebens, meines Fühlens und Wissens über Situationen und Menschen bringt die neue Möglichkeit (denn das ist es zuerst nur, eine Möglichkeit) in der Folge noch ins Wanken? Welche Lebenslinie muss ich neu weiterschreiben? Kann ich das? Welche gehassten Menschen und Situationen, welche Lebensgefühle in mir verlieren an Boden? Und kann ich nachträglich alles neu aufbauen?
    Was bleibt mir? Ein Verzeihen? Ein Ent-schulden? Ein Mich-Schuldig-Fühlen?

    Ein immer wieder mich begleitendes Thema und Denken über viele Scherben, aber auch über viele Staubgefäße einer duftenden Blüte.

    Es gibt diesen Titel „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky.

    Das nur zur Titelgebung. Ich empfinde diesen Satzteil als Türöffner für Gedanken und Texte. Und vielleicht als Auslöser zur Neu-Stellung mancher meiner Wahrheiten.

    Bliebe noch zu erwähnen, wie glücklich – oder unbequem eine neue Erkenntnis zur kleinsten Wahrheit meines Lebens sein kann.

    Liebe Grüße
    Bess

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