(39)

Die Nektarine. Rot mit einer Wunde. Zu schnell gereift. Der Wind, der an den nicht vorhandenen Fensterläden rüttelt. Die heftigsten Wunden habe ich mir selbst zugefügt. Zeit, die verstreicht. Dass dieses Verb manchmal zu harmlos klingt. Zu behutsam. Fast zärtlich. Dabei ist es ein so gewaltsames Übergehen und Zurücklassen, gegen das ich mich nicht wehren kann. Das Zittern, das jeden Tag erneut gegen die Hoffnung antritt, eines Tages wieder halbwegs flüssig schreiben zu können. Das Zittern, das Tag für Tag den Sieg davon trägt. Die Hoffnung, die sich von der Niederlage immer wieder erholt. Unbeeindruckt hofft. Die Fliege, die sämtliche Liegenschaften des Tisches erkundet.

Wie mich das einschüchtert: Keine Worte zu haben. Nur zitternde Zeichen, die sich winden wie Aale.

automatische Geister

Der Tag erhebt sich über die Schreibenden. Die Schreibenden aber verstummen. Versinken in Gerüchten. Im Richten. Das Angereicherte verdirbt. Die Sonne verzieht sich in den Finsterwald. Es kommt die Stunde der Geister. Die Geister geistern herum. Versuchen Kontakt aufzunehmen. Aber die Menschen sind von allen guten Geistern verlassen und die Menschlein zu klein. Was bleibt den Geistern übrig? Böse zu werden, oder zu verschwinden. Das ist nicht viel. Das ist nicht nichts. Und die Geister werden schon etwas daraus machen. Schließlich sind sie wie die Gedanken so frei und geistern einfach herum. Als ihre eigenen Herren und Damen. Ketten mit denen sie rasseln gehören ganz entschieden und unzweifelhaft in die Menschenwelt. In die Welt der geistlosen Menschen. Die – fällt der Begriff Geist – an Alkohol denken. Und fällt der Begriff „Begriff“ daran, dass sie alles im Griff haben. Klammergriff. Würgegriff.

(38)

Dass das Schreiben so schwierig, so voraussetzungsvoll geworden ist, seit sich das Zittern immer weniger bändigen lässt. Dass ich meine Träume zensiere, sobald ich wach bin, indem ich alles vergesse und nur unbedeutende Details behalte, bei denen ich mir sicher bin (mir vormachen kann), sie hätten absolut nichts mit mir zu tun.

Die Räume und Türen und Fenster. Was man braucht und was man zu brauchen glaubt. Wie viel man zurücklassen muss für einen Neuanfang, und ob es wirklich einen so großen Unterschied macht, ob die Dinge freiwillig zurück gelassen werden, oder ob das Leben, die Zeit, der Lauf der Dinge, sie mir entreißen. Ein Jegliches hat seine Zeit ist eben nicht nur ein Spruch, sondern die Essenz des Lebens. In guten wie in schlechten Tagen.

(37)

Die Spinnweben an der Decke. Die Bücherkisten. Die Gespräche vor dem Fenster. Das Lachen. Das Zittern. Das Fehlen von Aufrichtigkeit. Die Anstrengung, alles richtig zu machen. Das Wasser. Der Kaffee. Der längst vertrocknete Blumenstrauß. Die Sinnlosigkeit des Lebens. Der Trost, der darin liegt, es schreibend festzuhalten.

Therapie

Immer wenn ich versuche

die Fragen meines Therapeuten

zu beantworten

ertappe ich mich beim Lügen

ich rede schneller

weil Lügen kurze Beine haben

kurz bevor ich völlig atemlos bin

endet die Sitzung

erschöpft sitze ich

vor einem plötzlich leeren Bildschirm

allein mit meiner Ratlosigkeit

mit den nicht zu streichenden schwarzen Stellen

mit den gestrichenen Wahrheiten

Auseinandersetzungen mit der Freiheit

Seit mittlerweile 5 Ausgaben freue ich mich sobald die Volltext im Briefkasten liegt, ganz besonders auf Jan Wilms Begegnungen in der Autofiktion. Das ist genau die Art von Auseinandersetzung mit Literatur, die mich einnimmt, so – diesen überflüssigen Satz kann ich mir entgegen besseren Wissens nicht verkneifen – möchte ich auch schreiben. Über Bücher, über Gedichte, über meine Lektüre. In seiner aktuellen Begegnung mit Peter Weiss, Hervé Guibert und dem eigenen Penis, schreibt Wilm: „Ich bin nicht fürs Feuilleton tätig, sondern für die Literatur.“ Ja, denke ich, das ist der Weg, den ich irgendwann verlassen habe, von dem ich abgekommen bin, immer weiter weg von der Literatur an sich, hin zu den vermeintlichen Ansprüchen und Erfordernissen des Feuilletons. Wie dämlich. Aber Freiheit, das habe ich schon häufig in allen möglichen Formen von Texten geschrieben, ist etwas, womit ich nach wie vor schlecht umgehen kann. Etwas, das mir womöglich immer noch und immer wieder, Angst macht. Auch dazu hat Wilm einen leuchtenden Satz: „Man wird zum Künstler, weil man sich vor dem Leben fürchtet, weil die Angst alles durchsträhnt, weil der Sturz ins Innere eine ungeheure Furcht verströmt.“ Ich freue mich jedenfalls schon auf die nächste Begegnung mit Wilm und der Autofiktion. Und bis dahin versuche ich selbst wieder etwas regelmäßiger hier zu schreiben.