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Ich wiederhole mich. Gleichzeitig ist sicher, dass ich überhaupt nicht weiß, was dieses „ich“ und „mich“ ist, das ich da angeblich wiederhole. Sagen wir es so: es sind die Fehler, die Sollbruchstellen, über die ich in unzähligen Variationen stolpere, ohne jemals etwas dazu zu lernen. Die Liste der Verluste. Das klingt schöner als es sich anfühlt.

Die Wahrheit liegt in dem, was wir verschweigen.

Wie könnte ausgerechnet ich diejenige sein, die Worte dafür findet.

Aufrichtigkeit

Es gelingt mir nicht, mir so lange selbst Fragen zu stellen, bis ich das Gefühl habe wenigstens in die Nähe von Aufrichtigkeit zu kommen. Es gelingt mir auch nicht, ehrlich und echt zu sein, ohne mich vorher zu fragen, wie dieses Verhalten bei meinen Mitmenschen ankommen wird. Es ist als würde mir das, was wir gemeinhin „ich“ nennen, nicht gelingen, während ich es andererseits nicht los werde. Es holt mich ein, stellt sich mir in den Weg, will ebenso beachtet wie überwunden werden, und eigentlich passiert alles mögliche mit diesem „ich“, außer dass es sich in meinen Dienst stellen lässt, mit mir zusammen arbeitet. Es verhindert, um es kurz zu machen, jegliche Absichtslosigkeit.

Wäre ich ein Roman, bestände ich aus unzähligen Anfängen, unzusammenhängenden Fragmenten, und gleichzeitig wäre in jedem Satz dieser Wille unüberhörbar, alles abzudecken, alles nicht nur richtig, sondern auch lückenlos vollständig zu machen.

Schreiben

Schreiben lernt man beim Schreiben, andererseits muss man etwas zu sagen haben oder wenigstens den Mut einzugestehen, dass man nichts zu sagen hat, oder, besser, die Fantasie, sich etwas auszudenken, oder einen scharfen Verstand, mit dem sich all das analysieren lässt, das eigene kleine Ich, die Gesellschaft, die Bedingungen, und wie das alles zusammenhängt.

Schreiben

Ja, was heißt es zu schreiben?

Es heißt vor allem, sich selbst zu verlieren oder sein Selbst. Darin erinnert es ans Lesen, doch während man beim Lesen das eigene Selbst an ein fremdes Ich verliert, das deutlich als etwas Außenstehendes definiert ist, das nicht ernsthaft die Integrität des eigenen Ichs bedroht, ist der Verlust des Selbst beim Schreiben in einer ganz anderen Weise umfassend, so wie der Schnee im Schnee verschwindet, könnte man es sich vorstellen, oder wie irgendeine andere monochrome Fläche, auf der sich kein privilegierter Punkt findet, weder ein Vordergrund noch ein Hintergrund, keine Decke und kein Boden, nur überall das Gleiche. So ist das Wesen des schreibenden Selbst. Aber was ist dieses Gleiche, das es ausmacht und in dem es sich gleichzeitig bewegt? Es ist die eigene Sprache. Das Ich entsteht in der Sprache und ist Sprache. Aber die Sprache gehört nicht dem Ich, sie gehört allen. Die Identität des literarischen Ichs liegt darin, dass ein ganz bestimmtes Wort gewählt wird und kein anderes, und doch ist diese Identität nicht sonderlich verbindend und zentriert. In gewisser Weise ähnelt sie der Identität, die wir haben, wenn wir träumen, wo das Bewusstsein ebenso wenig unterscheidet zwischen uns, unserer Umgebung und unseren Erlebnissen. […] Der Unterschied zwischen Träumen und Schreiben dürfte darin bestehen, dass Träumen unkontrolliert geschieht, sozusagen im unbewussten Modus des Körpers, und rücksichtslos ist, während Schreiben kontrolliert geschieht und zielbewusst ist. Das stimmt, und doch wieder nicht, denn die wesentliche Ähnlichkeit hat mit der fehlenden Lokalisierung des Ichs zu tun, damit, dass es entgleitet und nicht länger zentriert ist; und ist es nicht die eigentliche Zentrierung, die im Grunde das Ich ausmacht? Der Akt des Zusammenhaltens? Schon. Aber die Wahrheit über das Ich ist nicht die Wahrheit über das eigene Sein. Was zwischen den verschiedenen Bruchstücken aufsteigt, weit draußen im Nicht-Zusammengehaltenen, ist auch der Klang des ganz Eigenen, dieser ein Leben lang anhaltende Ton des Selbst, zu dem wir erwachen, jenseits der Gedanken, die wir denken, und des Gefühls in der Situation. Es ist das Letze, das wir loslassen, bevor wir einschlafen. […] Dieser Ton hat nichts mit dem Ich zu tun und noch weniger mit dem Wir, sondern nur mit dem eigentlichen Sein in der Welt. […] Die vom Ich zusammengehaltenen Gedanken können vom Lesen und Schreiben aufgelöst werden, aber auf verschiedene Weise, beim Lesen, indem man sich auf das von außen kommende Fremde einlässt, und beim Schreiben, indem man in sein eigenes Fremdes eindringt, bei dem es sich um die Sprache handelt, über die man verfügt, mit anderen Worten die Sprache, in der man Ich sagt. Wenn man schreibt, verliert man die Kontrolle über dieses Ich, es wird unüberschaubar, und die Frage stellt sich, ob das Unkontrollierbare und Unüberschaubare des eigenen Ichs nicht eigentlich eine Vergegenwärtigung des tatsächlichen Zustands ist, oder zumindest kommen wir damit einer Vergegenwärtigung des tatsächlichen Ichs sehr nahe.

Knausgard, „Kämpfen“, S. 257 f.

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Die Träume, von denen ich nur noch weiß, dass sie erneut etwas ins Maßlose gesteigert haben.

Schonungslos in die Vergangenheit hineingehen, ich weiß nicht, ob ich das kann. Ob nicht all diese Widerstände, die ich jetzt schon so lange vor mir herschiebe, längst größer geworden sind als ich.

Wann habe ich das letzte Mal eine Gegend beschrieben, Geräusche oder Gerüche, ohne noch während des Wahrnehmens zu denken: in ein paar Monaten wirst du 49.

„Es gibt nur zwei Dinge: die Leere –

und das gezeichnete Ich.“ (Benn)

 

Wie kann es sein, dass mich das Gedicht schon berührt hat, bevor ich alt war, bevor ich auch nur im geringsten verstehen konnte?

Anne Carson – Rückschöpfung – Liebe – Falschheit

  1. Tag

Der Mut, die gängigen Definitionen (die ja immer auch Grenzen sind), abzulehnen, in Frage zu stellen, ob sie passen, ob sie sich der eignen Wahrheit anpassen, oder nur dazu zwingen, sich dieser von ihnen behaupteten Wirklichkeit anzupassen. Dieser überwältigende (und gefährliche) Mut, nicht nur zu existieren, sondern so voll und ganz zu sein, dass man sich selbst verliert und auf diese Weise, jenseits eines behaupteten (angepassten) Ichs, zurückkehrt in die Schöpfung, aus der man als Teil hervorgebracht wurde.

Vereinigung als Aufgabe (Aufgabe in diesem doppeldeutigen Sinn als Herausforderung, zu erreichendes Ziel und der Bereitschaft, sich selbst aufzulösen, zurückzutreten, sich zu opfern und aufzugeben für etwas, das größer ist.).

 

Vielleicht ist es das, was Marguerite Porete, Simone Weil und Sappho auf unterschiedliche, (aber immer sehr radikale) Weise eint, die Erkenntnis, dass nichts dem Leben, dem Sein, der Verbindung mit Liebe, Frieden und Harmonie mehr entgegensteht, als das „Ich“, das „Selbst“.

Ihre Erkenntnis, dass wir an der Unmöglichkeit von uns abzusehen, leiden. Und uns, im Gegensatz zu ihnen, weigern, das zu begreifen. So dass wir gefangen bleiben, in immer neuen halbherzigen (falschmünzerischen) Kreationen, aus Angst vor der Dekreation, aus Angst vor der Einsicht, dass die Auslöschung Auferstehung ist.

Ich

Ich bin ein Rettungsring aus dünnen Wolken. Die schmecken wie Esspapier. Ich zergehe auf der Zunge, sobald man mich ausspuckt bin ich ausgelassen wie schmelzende Butter. Mich findet der Anfang nie vor dem Ende.