Anne Carson – Stationen der Echtheit

3. Tag

Die Angst derjenigen, die Echtheit definieren, vor denen die „echt“ sind.

 

Marguerite Porete – die Pseudo Mulier, die falsche Frau.

Simone Weil, die sehr praktisch an ihrem Verschwinden arbeitete.

Sappho, die die Frauen liebte und sich wegen eines jungen Mannes in den Tod stürzte.

Und die Mutter, deren Stationen des Verschwindens aufgezeigt werden. Über ihre Mutter, so habe ich gelesen, hat Anne Carson in jedem ihrer Bücher geschrieben. Weniger, aber nicht weniger eindrücklich, über ihren demenzkranken Vater.

Auch Decreation beginnt mit Gedichten, die die Mutter zum Inhalt haben, die Anne Carson in erster Linie als Tochter zeigen. Eine Tochter, die Abschied nimmt von der Mutter und Gedichte schreibt, über ihre versiegende Stärke, über das versiegende Leben.

 

DIESE STÄRKE

 

Diese Stärke, Mutter: hervorgeholt. Gehämmert, gekettet,

geschwärzt, gesprengt, heult, holt aus, geworfen

aufs Ächzen, gehämmert, hämmert die Lefzen

dem Tod ab. Dämmt und verriegelt,

verklumpt und beißt. Messer. Blut-

abweisend auf Mühlknochen

diese Stärke, Mutter,

versiegt.

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2 Gedanken zu “Anne Carson – Stationen der Echtheit

  1. den ganzen tag trage ich diesen text, diese gedanken mit mir herum. das wort „echtheit“ ist es vor allem … was soll ich sagen, schreiben?
    es ist ein sehr schmerzlicher text … über das verschwinden sollen, wollen, müssen, nicht müssen denke ich nach und das warum dahinter.
    loslassen auch.

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