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Vielleicht ist es das, was mich so anzieht an Essays; dass sie ihr Thema nicht erschöpfend abhandeln müssen, sondern innerhalb der eigenen Grenzen frei sind, persönliche Verbindungen zu ziehen, eine vorläufige Antwort zu geben, ohne behaupten zu müssen, sie sei allgemeingültig.

Hélène Cixous

„[…] die Spur dessen, was uns entgeht“, schreibt Cixous. Und vielleicht ist auch das eine Definition für den unfassbaren Kern, um den alle Kunst kreist. Kunst als Ort des Übergangs, der Transformation. Der (manchmal sehr subtilen) Überschreitung der Grenzen, die wir uns setzen, die uns gesetzt werden.

 

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Wie vorsichtig wir miteinander umgehen, und je rücksichtsvoller wir sind, um so tiefer geraten die Risse, wenn wir doch einmal stolpern, ein Wort, eine Bemerkung aus dem Rahmen fällt.

Ich habe davon geträumt, zu schreiben, und alle Welt will es lesen, um vollkommen hingerissen zu sein. Heute verkaufe ich Karten in einem Keller und gestehe mir das Scheitern ein. Es ist spät. Und vielleicht bringt die Nähe zum Tod ein wenig mehr Freiheit. Weil man in der Nacht die Grenzen und Konturen nicht mehr erkennen kann.

Grenzen

Allgemein scheint es in der Öffentlichkeit gerade schwierig zu sein, und zunehmend schwieriger zu werden, miteinander zu reden. Gewinnbringend Kontroversen auszutragen. Nach Lösungen und Kompromissen zu suchen, und wenn das nicht gelingt, zwei gegensätzliche Standpunkte zur Kenntnis zu nehmen. Mit Verwunderung, Bedauern, vielleicht auch mit zorniger Enttäuschung, aber ohne nach wenigen Minuten eine Grenze zu ziehen, an der jedes Argument abprallt, weil es nur noch richtig und falsch gibt, aber keinerlei Interesse, warum die Gegenseite offenbar eine andere Sicht auf die Welt hat, oder wenn schon das Interesse nicht da ist, wenigstens Respekt. Die Grenzen in unseren Gesprächen und Köpfen wachsen beängstigend schnell.

Grenzen

Seit wann habe ich eigentlich Angst vor Herausforderungen? Waren das diese Fälle bei fixpoetry und Signaturen, wo ich gescheitert bin? Habe ich mich davon nie richtig erholt? Einerseits ist es gut, dass ich kein Muster, kein erlerntes Schema habe, mit dem ich an die Kritiken herangehe, das ermöglicht mir eine gewisse Offenheit, und damit die Chance, im besten Fall andere, zusätzlich erhellende, Perspektiven anzulegen. Andererseits fehlt mir immer wieder der Halt, den das Handwerk mir verleihen könnte. Eine gewisse professionelle Sicherheit, die mich davon bewahren könnte, naive Fehler zu machen. Bedeutsames schlicht nicht zu erkennen.

Die Lösung kann wohl immer wieder nur sein, die eigenen Grenzen zu kennen und trotzdem an sich zu glauben, sich jedenfalls ernst zu nehmen in dieser Beschränktheit. Und dann den Mut zu haben, es zu zeigen. Wohlwissend, das wird nicht allen gefallen. Aber vielleicht gibt es einige wenige, denen es etwas bedeutet, die es vielleicht sogar ermutigt.

Grenzen

Vielleicht ist das der Anfang, die Basis, die Grundlage der Auferstehung (des Wiederaufstiegs ins Leben aus den Niederungen der Depression), die Grenzen, die wir um uns selbst, unseren Blick auf die Welt und unser Leben gezogen haben, in Frage zu stellen.

Es ist alles ganz einfach. Aber offenbar scheint es immer noch einfacher, das zu übersehen und alles schwieriger zu machen, als es eigentlich ist.

All das sind keine grundlegend neuen Erkenntnisse, aber es bekommt eine andere Dimension, wenn man es nicht nur oberflächlich verstanden hat, sonder anfängt es wirklich zu begreifen. Die Sache mit der Form, mit der Beweglichkeit und dem Loslassen. Langsam begreife ich jetzt auch, was Anne Carson mit der Frage gemeint hat, die allem zugrunde liegen muss. Diese leitende Idee, die den Blick lenkt und dafür sorgt, dass solange winzige Puzzleteile zueinander finden, bis sich ein Bild ergibt.

Vielleicht sind es nicht zuletzt Grenzen, die dafür sorgen, dass Fäden reißen, Netze kaputt gehen, auf einmal Einsamkeit und Konkurrenz empfunden wird, wo doch im Grunde und natürlicherweise Verbindungen bestehen, geknüpft werden, uns und das Miteinander tragen.

 

Das Vollkommene einer verlogenen Geste

In den Sonnenaufgang schwimmen. Tonlos.

Nichts zu sagen haben, aber unfähig sein, zu schweigen. Nachts die Geräusche all der fremden Leben, morgens Wortfetzen der Empörung.

Die Stiefel neben dem Bett. Sonne und bleischwere Müdigkeit.

Sie haben mir meine Sprachlosigkeit vergeben. Losigkeit, so ein schönes Wort. Vielleicht gerade deswegen, weil ich nicht weiß, was es bedeutet. Möglicherweise nur das Gegenteil von Festigkeit.

 

Ist es so, dass Grenzen zwangsläufig Tod bedeuten? Unter der Vorgabe (dem Vorwand?), Leben zu schützen? Ist überall da Mangel, wo Angst blüht und Neid? Sind es nicht manchmal nur die falschen Fragen, eine (gefährliche, todbringende) Perspektive? Bei Menschen wie bei Wölfen? Und darf ich mich hinter einer meiner Lieblingsphrasen (was verstehe ich schon davon?) verstecken?

 

Vielleicht würde es zum Anfang genügen, einige Ausrufezeichen gegen Fragezeichen einzutauschen.

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Vielleicht könnte es so einfach sein, sich wieder lebendig zu fühlen; sich selbst befragen, nichts erwarten, aber wahrhaftig sein, und zu sich selbst stehen (zu seinen Grenzen und Schwächen), in guten wie in schlechten Zeiten.

Ich wünschte ich könnte mich bewegen in der Formlosigkeit der Zeit. Statt dessen lasse ich mich bewegen, ständig auf der Suche nach Form, in der Hoffnung auf Halt.