Ich, wie immer, nicht da

4. Tag

In TROTZ IHRER SCHMERZEN; NOCH EIN TAG die Schlusszeilen:

 

„Sie auf dem Bett wie gekrümmte Zweige.

Ich, wie immer, nicht da.“

 

Diese schonungslosen Beobachtungen eines Abschieds, der längst stattgefunden hat.

 

Bewegend sagen wir, wenn wir meinen, dass man über dieses Gedicht, dieses Bild nicht einfach hinweggehen kann. Dass es etwas bewirkt. Vielleicht verändert. Das Gleichförmige durchbricht. Anstoß gibt. Möglichkeit zum Aufbruch.

(Man beachte, dass es das „ich“ ist, dass sich hier immerzu einmischt, um von der Überflüssigkeit dieser Zeilen zu sprechen. Welche Bedeutung haben „die anderen“ (besser, schöner, jünger. Gescheiter sowieso), wenn es um die Suche nach Wahrheit geht? Nach einer Möglichkeit, aufrecht zu leben.)

 

Jedenfalls habe ich eine Biografie über Simone Weil gelesen, nachdem Carson so von ihr geschrieben hat, wie sie von ihr geschrieben hat. Ihre, Weils, Überzeugung, dass der Mensch sich wieder in Gott zurückbilden muss.

Wobei Weil der Überzeugung war, dass Gott wesentlich wesenlos ist:

„Mit Liebe zustimmen, nicht mehr zu sein [das Ego, das Selbst ist für Weil die Sünde schlechthin], wie wir es tun sollen, ist keine Vernichtung, sondern vertikaler Überstieg in die höhere Realität des Seins.“

 

Leben und Essen. Der Sündenfalls ist das Wissen, aber auch die Tatsache, die Grenzen des Wissens nicht zu akzeptieren, unersättlich zu sein. Und eben zu allem anderen, auch noch diesen Apfel essen zu wollen.

 

Wenn eine Kultur an ein Ich-freies Handeln glaubt, ist Wiedergeburt logisch möglich. Als ein allumfassender, nicht individueller Geist, der wiedergeboren wird, der sich also lediglich in unterschiedlichen sterblichen Körperhüllen reinkarniert.

 

Wir aber dümpeln in unserer Dummheit dahin.

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5 Gedanken zu “Ich, wie immer, nicht da

  1. …dass der Mensch sich wieder in Gott zurückbilden muss – in den gekreuzigten Gott, was als ein schier un- oder übermenschlicher Anspruch erscheint, und doch, bei näherem Hinsehen, denke ich, trägt dieses erschreckende Bild all das in sich, wovor man, so lange es irgendwie geht, nur die Augen verschließt.

    1. Ich verstehe es so, dass der Kern Gottes, gerade das wesenlose ist, etwas, das eben losgelöst vom Körper (und seinen Schmerzen), aber auch vom Selbst, vom Ich ist, die Möglichkeit, Teil von etwas Größerem zu werden, Teil dieser sehr abstrakten Begriffe, wie Liebe und Wahrheit. Das macht Angst, das ist ja auch eigentlich (für mich) undenkbar, und trotzdem scheint es genau das zu sein, worauf alles hinausläuft. So etwas, wie der unaussprechliche Kern der Blase.

  2. ich denke zurzeit vor allem über die akzeptanz all dessen nach. aufhören, widerstand zu leisten, dass es ist, wie es ist. ist das schon resignation, oder ist es weishet. wann ist es was? und wo ist das ego und wo ist es das ich, diese gegenwärtige inkarnation, die einfach ist, hülle sozusagen.
    hm, das sind mal wieder gedanken, die zu verdauen sind. von wem? wer bin ich, wenn nicht ich-selbst?
    eieiei … danke!
    ach, dies noch: mein aktuelles lieblingswort ist DANKE … warum auch immer. es passiert mir einfach so.

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