Meine Homère ist tot…

Ein Buch, das mich überwältigt und auf produktive Art überfordert hat: Hélène Cixous: Meine Homère ist tot…

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Aus den Winterarchiven

BEI DER GEBURT eines Kindes gibt es einen Augenblick, wo man sagt, das Kind krönt, und zwar, wenn der Kopf zum ersten Mal sichtbar wird, in der Mutter sichtbar, aber was bedeutet das,krönen, trägt das Kind den Mutterkörper wie eine Krone, oder krönt das Kind die Mutter, wird sie vom Kind gekrönt? Unmöglich, das Kind loszulassen, es hat seinen eigenen Körper, aber zugleich ist es in dem anderen Körper, das Kind ist in der Mutter auch eine Narbe, der Abstand, der ununterbrochen in den Stichen zieht, mit allem, was das Kind lernt, wird der Abstand größer; das Mädchen geht in die Schule, läuft die Straße lang, ist unterwegs, spielt auf dem Spielplatz am Wald. Ich bin misstrauisch gegenüber der Kindheit. Gegenüber diesem In-der-Kindheit-Sein, seiner brunnenartigen, vogelartigen Körperlichkeit, die rauen Landschaften, Umgebungen, in der Turnhalle, die Wände des Schulhofs, der Kies, der Asphalt, die Fahrradreifen, Bürgersteige, Eisspalten, Karosserien. Die Bosheit. Alle anderen Kinder, dieses Überlassensein. Ein Kind haben und es der Welt überlassen. Nichts, was man sonst tut, ist so schwerwiegend. Die ganze Zeit die Welt überleben.

(S. 232 – „Aus den Winterarchiven – Merethe Lindstrom)

VII

Die Armut (was natürlich übertrieben und gleichzeitig nicht übertrieben ist), die Beschränkungen, das Rechnen, und trotzdem hat sie immer versucht, mir alles zu ermöglichen und nie ein Wort gesagt. Nie: das können wir uns nicht leisten. Das ist zu teuer. Stattdessen Reitunterricht und die Sprachenschule, nachdem ich die 12. Klasse zum 2. Mal nicht geschafft hatte, und abgehen musste. Nie ein Wort. Keine Anspielung. Dass sie für all das einen Kredit aufgenommen hat, erfuhr ich erst nach dem plötzlichen Tod meiner Mutter.

Familienverhältnisse

Die Vorurteile, hatte man uns beigebracht, sind notwendig, um zu überleben. Sie beschützen dich, wenn du keine Familie mehr hast. Obwohl Familie und was man sich darunter vorstellt auch ein Vorurteil ist. Meine Mutter: ein Vorurteil. Mein Vater: der Zweifel. Oder umgekehrt? und ich, die nie wusste, was ich werden soll: ein Frage- oder ein Ausrufezeichen.

Und dann spielt die Nacht ihre Rolle. Als Schwester und Bruder. Als Zukunfts-und Vergangenheitsmaschine. Als Abgrund und Einbahnstraße in den Tod. Als Weitwinkelobjektiv und unspielbar veraltetes Videospiel.

 

Der Schuh

Der Mann hatte seinen Schuh verloren, und das Kind hatte sich gefreut.

Aus seiner Freude, etwas Wasser, einigen Kieselsteinen und Blättern, sowie seiner unschlagbaren (überbordend, sagte der Vater, unheilvoll die Mutter) Fantasie, hatte das Kind ein Aquarium aus dem verlustig gegangenen Schuh gemacht. Es hatte den Schuh verzaubert, wie es selbst sagte. Die Mutter nannte den Zauber „entsetzlicher Dreck“, der Vater „ein wenig übertrieben“, und der Mann, der im dunklen Anzug mit einem noch dunkleren Blick vor der Tür stand, nannte ihn „mein verlorener Schuh“.

 

Ins Blaue

Die Übermacht der Tatsachen, die das „Ausdenken“ verhindern, schreibt Handke in „wunschloses Unglück“ über seine Mutter. Man beachte, dass er nicht Phantasie schreibt, sondern Ausdenken. Ein Begriff, in dem der Ausweg steckt, eine Möglichkeit aus der festgefahrenen Situation herauszukommen, eine Situation, die eigentlich erst durch die Verhinderung des Ausdenkens aussichtslos wird.

Und meine Mutter? Spätestens nach dem verfrühten Tod meines Vaters, diesem für sie unfaßbaren und unüberwindlichen Unglücks, sah sie sich sofort in einer aussichtslosen Lage. So aussichtslos, so erdrückend und allumfassend aussichtslos, dass sie zu trinken anfangen musste. Denn schließlich musste sie trotz allem irgendwie funktionieren. Da war ja noch das Kind. Nicht ihr Kind. Nicht sein Kind. Aber eines, das eine kurze unwiederholbare und unüberwindbare, Zeit lang alles nahezu perfekt gemacht hatte. Die grauen Haare, die das Kind nicht störten, der Traum von einer eigenen, richtigen, heilen Familie.

Dann die Briefe, die sie ihm während seines Kuraufenthalts schickte. „Es spricht die ersten Worte, läuft wacker an meiner Hand.“ Seine Beteuerungen, wie sehr er sie beide vermisse, dass er Fortschritte mache.

Lügen, an die sie glauben mussten, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Später als die Hoffnung endgültig verloren war, nur noch Funktionieren.

Und wenn nichts half, nicht die tröstenden Worte der Schwägerin, nicht die großen vertrauensvollen Augen des Kindes, war da der Alkohol. Die Flucht.

Ihr Ausweg ins Blaue.

Behauptung

Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich bin gerettet. Deine Worte sind verloren. Ich bin ein Nachahmer, der jeden Satz mit ich beginnt. Jemand, der sein leeres Tagebuch sorgfältig versteckt. Ich trage schwer an der Behauptung, mich nicht an meine Träume erinnern zu können. Diesen Traum, in dem Feuer vom Himmel fällt. Und eine sterbende Mutter noch einmal die Hand nach mir ausstreckt.

Lass mich los

Eine weitreichende Deutung der Begegnung Marias mit dem auferstandenen Jesus gelesen. Er ruft sie, aber als sie ihn berühren will, weil sie denkt, jetzt ist endlich alles wieder wie früher, stößt er sie zurück, sagt: Lass mich los. Das ist es. Und das ist schmerzhaft. Aber der andere Teil ist, dass nach dem Loslassen, dem schmerzhaften Abschied nehmen, die Möglichkeit (und sogar die Forderung) nach einem Neuanfang steht, die Auferstehung, nicht nur des gekreuzigten Jesus, sondern auch der leeren, sohnlosen Mutter. Irgendwie hat mich das getröstet, es fühlte sich an, als würde mich jemand verstehen, als hätten die Mütter schon vor 2000 Jahren so gefühlt.

Verschwinden

Das Verschwinden, das vielleicht die Essenz unseres Lebens ist. Denn von Anfang an verschwinden Teile von uns. Das Kind, mit dem wirren Haar, das bei der Fotografin keinen Kamm bekam, weil das angeblich unhygienisch ist, ist heute, an diesem Tag im Juni 2017 ebenso verschwunden wie die kleine Elke mit den raspelkurzen schwarzen Haaren, die ihrer Mutter, die auf einem Klappstuhl auf dem Zeltplatz sitzt, die Puppe entgegenstreckt.