Anne Carson – Rückschöpfung – Liebe – Falschheit

  1. Tag

Der Mut, die gängigen Definitionen (die ja immer auch Grenzen sind), abzulehnen, in Frage zu stellen, ob sie passen, ob sie sich der eignen Wahrheit anpassen, oder nur dazu zwingen, sich dieser von ihnen behaupteten Wirklichkeit anzupassen. Dieser überwältigende (und gefährliche) Mut, nicht nur zu existieren, sondern so voll und ganz zu sein, dass man sich selbst verliert und auf diese Weise, jenseits eines behaupteten (angepassten) Ichs, zurückkehrt in die Schöpfung, aus der man als Teil hervorgebracht wurde.

Vereinigung als Aufgabe (Aufgabe in diesem doppeldeutigen Sinn als Herausforderung, zu erreichendes Ziel und der Bereitschaft, sich selbst aufzulösen, zurückzutreten, sich zu opfern und aufzugeben für etwas, das größer ist.).

 

Vielleicht ist es das, was Marguerite Porete, Simone Weil und Sappho auf unterschiedliche, (aber immer sehr radikale) Weise eint, die Erkenntnis, dass nichts dem Leben, dem Sein, der Verbindung mit Liebe, Frieden und Harmonie mehr entgegensteht, als das „Ich“, das „Selbst“.

Ihre Erkenntnis, dass wir an der Unmöglichkeit von uns abzusehen, leiden. Und uns, im Gegensatz zu ihnen, weigern, das zu begreifen. So dass wir gefangen bleiben, in immer neuen halbherzigen (falschmünzerischen) Kreationen, aus Angst vor der Dekreation, aus Angst vor der Einsicht, dass die Auslöschung Auferstehung ist.

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4 Gedanken zu “Anne Carson – Rückschöpfung – Liebe – Falschheit

  1. im grunde ein radikal nihilistisches konzept. (als er alles aufgegeben hatte, blieb ihm nur noch sein leben. gib mehr auf, sagte der denkende. und in seiner kleinsten größe überstand er den sturm..) mir machen solche konsequenten konzepte aber auch angst, zumindest in ihrer umsetzung. von sappho wissen wir wenig. aber simone weil hate ein hartes leben.
    „Die Wahrheit lieben heißt die Leere ertragen und also den Tod hinnehmen. Die Wahrheit ist auf Seiten des Todes.“ (Simone Weil: in: Schwerkraft und Gnade).
    ich warte sehnsüchtig auf das carsonbuch. hoffe, es ist heute in der post.
    (weil taucht übrigens auch bei keith waldrop auf

  2. Ich finde Weils Kompromisslosigkeit auch erschreckend. Gleichzeitig ist es ja unverkennbar, wie sehr sie verehrt wird, wie viele große Denker sie inspiriert. Als wenn man ihre Gedanken lesen und begreifen könnte, ohne diese Konsequenzen, die für sie offenbar unabdinglich waren, nachzuvollziehen. Sie macht mir Angst. Und auch das erkennt Carson natürlich. Am Ende ihres vierteiligen Essays über Sappho, Weil und Porete schreibt sie: „Schlussendlich ist es also wichtig, dass man sich nicht von falschen Frauen (Porete wurde nicht nur als Häretikerin sondern auch als pseudo mulier angeklagt. Aber das kannst Du ja bald selbst lesen). blenden lässt. Wer den Tanz der Eifersucht fälschlich für Gottes Liebe hält, oder den Spiegel einer Ketzerin für die wahre Geschichte, kann leicht den Rest seiner Tage in schrecklichem Hunger zubringen. Egal wie viele Seiten man in sich hineinisst.“ So ein Resümee, auf das der ganze Text hinausläuft, macht mich einfach sprachlos vor Bewunderung.
    Auf Waldrop freue ich mich auch schon sehr. Wie Du a.a.O. schon geschrieben hast, ist dieses Jahr vom literarischen her betrachtet, ein wirklich gutes.

  3. Marguerite Porète war mir überhaupt kein Begriff, deshalb habe ich zunächst bei Wikipedia gespickt und dann ein paar Blicke in ihren „Spiegel der einfachen Seelen“ geworfen. Die nächsten Schritte auf dem Leseweg scheinen vorgezeichnet…

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