Sünje lewejohann – als ich noch ein tier war

Ein sehr besonderes, sehr beeindruckendes Buch. Bereits „die idiotische wucht deiner wimpern“ war ein Gedichtband, der ganz eigen war, auf eine sehr anregende Weise. Daher habe ich mich deswegen gefreut auf Sünje Lewejohanns neuen Band. Und dann kamen diese Gedichte mit Krallen und Zähnen und Fell, und vor allem mit einer sagenhaften zärtlichen Wucht, die mich schon beim letzten Band begeistert hat. Aber dieses Mal erzählen die Gedichte ein Drama in drei Akten, Drama einer (schwierigen) Liebe, Drama einer Krankheit (Depression), Drama von Ichverlust und Heilung.

Dabei sind die Gedichte Protokolle der Gegenwart, nüchtern und hart und gleichzeitig (also wirklich gleichzeitig!) Beschwörungen voller Magie. Als Beispiel vielleicht dieses Gedicht:

DER FUCHS BIN JETZT ICH

der winter beginnt in den fenstern und

zieht dann langsam zu uns hinein.

er kommt von den kahlen apfelbäumen

im garten unter denen im sommer

der fuchs gerufen hat. dieser

seltsame, kehlige schrei.

ich wünschte, ich könnte

vergessen, wie ich hier gelandet bin.

ich wünschte, ich könnte in eine

tiefe ohnmacht fallen und in ihr

alt werden.

ich überspringe ganze tage.

du hast mal gesagt, es sei einer

der heißesten sommer gewesen.

jetzt weht die kälte mitten durchs haus

und weckt uns früh.

ich nenne unsere schlechten tage

die dunklen tage

ich stehe am küchenfenster, blicke über das feld.

ich kann den schrei noch immer hören.

abrakadabra. der fuchs bin jetzt ich.

„ALS ICH NOCH EIN TIER WAR“

Ich könnte noch zahlreiche weitere Gedichte zitieren, eigentlich jedes. Kein einziges lässt mich kalt!

Ellen Auerbach

Ich habe in der Fotografie auszudrücken versucht, was ich gern mit allem, das ich tue, ausdrücken möchte. Das Bild soll andeuten, was über seinen Inhalt geht. Den göttlichen Grund, würde Meister Eckhart sagen. Die Schönheit eines „häßlichen“ Gesichts. Die Essenz der Dinge … Ich möchte, dass in den unscheinbarsten, gewöhnlichsten, ärmlichsten Themen die Würde und darunterliegende Hoffnung durchschimmert. [Ellen Auerbach, 1985]

 

Nähseide, um 1930 - Ellen Auerbach
Nähseide, um 1930 – Ellen Auerbach

Egon Friedell (1878 – 1938)

Denn ich bin aufs tiefste überzeugt, daß man den Menschen im großen und ganzen nur das mitteilen kann, was sie eigentlich schon wissen, nämlich irgendwie latent in sich tragen; ist diese Voraussetzung nicht gegeben, so werden sie es entweder überhaupt nicht verstehen oder ›auf ihre Art auslegen‹, das heißt: also falsch verstehen.