(32)

Seit einigen Jahren leide ich unter einem Tremor. Die ursprüngliche Befürchtung, das Zittern könnte mit einer Parkinson-Erkrankung zusammenhängen, hat sich zum Glück zerschlagen. Dennoch blieb das Zittern, das nun den Namen „essentieller Tremor“ erhalten hatte, und damit als harmlos galt. Es beeinträchtigt mich. Je länger desto mehr. Denn während zunächst noch Medikamente wenigstens für bestimmte Zeitfenster dafür sorgten, dass ich das Zittern bändigen konnte, wird das zunehmend schwieriger. Schlimmer noch als die tatsächlichen Beeinträchtigungen, dass ich den Kaffee verschütte, wenn die Tasse zu voll ist, dass ich manches, was ich handschriftlich notiere, nicht mehr lesen kann, ist die Scham. Zu zittern zeigt mich als alt, als krank, als nervös, womöglich als eine mit einem Alkoholproblem. Dabei könnte es mir doch wirklich egal sein, was andere über mich und meine nie stillstehenden Hände denken. Ist es aber nicht. Aber ich arbeite daran. Und dieser Eintrag ist vielleicht der erste Schritt.

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Die Toten sind so alt, dass es einer Verschwörung gleicht. Der Stift in der Hand verweigert den Gehorsam. Macht Striche wie es ihm gefällt. Strichmännchen und Blitze, aus denen es schneit. Gefallen muss das keinem. Begreifen muss es niemand. Die kleine Hand – sie ist so frei. Im Gegensatz zu der Besitzerin des Körpers an dem sie hängt. Die nicht versteht, was die Hand ihr mit diesem Zittern sagen will.

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Den Stift in der Hand halten. Aber er schreibt nichts. Während die Hand das Zittern übt. Die Tage und Nächte geraten durcheinander. Ich finde mich nicht in meinem Leben zurecht. Ich könnte das Suchen an die Stelle des gefunden werden wollens setzen. Vielleicht würde es etwas ändern. Möglicherweise sogar mich.

Wir werden alt und das Leben spuckt uns aus.

Muskelkater. Schwänze alles, weil ich nicht aufhören kann zu lesen.

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Ich bin ständig gehetzt und gereizt. Selbst der Postbote, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite minutenlang in den Taschen wühlt, macht mich nervös. Dabei erwarte ich nicht einmal Post.

Von einer Sekunde auf die andere, kann ich den Stift zwar noch halten. Aber nicht länger führen. Schreib doch mit links, rät mir eine Kollegin. Zittere doch mal absichtlich ganz stark, jeden Morgen 10 Minuten, eine andere.

Der kahle, vertrocknete Busch, der durch die Vielzahl an bunten Lichtern mit denen man ihn behängt hat, noch kümmerlicher aussieht.

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Die Nektarine. Rot mit einer Wunde. Zu schnell gereift. Der Wind, der an den nicht vorhandenen Fensterläden rüttelt. Die heftigsten Wunden habe ich mir selbst zugefügt. Zeit, die verstreicht. Dass dieses Verb manchmal zu harmlos klingt. Zu behutsam. Fast zärtlich. Dabei ist es ein so gewaltsames Übergehen und Zurücklassen, gegen das ich mich nicht wehren kann. Das Zittern, das jeden Tag erneut gegen die Hoffnung antritt, eines Tages wieder halbwegs flüssig schreiben zu können. Das Zittern, das Tag für Tag den Sieg davon trägt. Die Hoffnung, die sich von der Niederlage immer wieder erholt. Unbeeindruckt hofft. Die Fliege, die sämtliche Liegenschaften des Tisches erkundet.

Wie mich das einschüchtert: Keine Worte zu haben. Nur zitternde Zeichen, die sich winden wie Aale.

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Dass das Schreiben so schwierig, so voraussetzungsvoll geworden ist, seit sich das Zittern immer weniger bändigen lässt. Dass ich meine Träume zensiere, sobald ich wach bin, indem ich alles vergesse und nur unbedeutende Details behalte, bei denen ich mir sicher bin (mir vormachen kann), sie hätten absolut nichts mit mir zu tun.

Die Räume und Türen und Fenster. Was man braucht und was man zu brauchen glaubt. Wie viel man zurücklassen muss für einen Neuanfang, und ob es wirklich einen so großen Unterschied macht, ob die Dinge freiwillig zurück gelassen werden, oder ob das Leben, die Zeit, der Lauf der Dinge, sie mir entreißen. Ein Jegliches hat seine Zeit ist eben nicht nur ein Spruch, sondern die Essenz des Lebens. In guten wie in schlechten Tagen.

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Schließlich konnte sie rein gar nichts mehr festhalten, schon gar nicht den Gedanken an ein gelobtes Land. So sehr zitterten ihre Hände, dass alles verschwamm und verschwand. Jede Reihenfolge geriet durcheinander, ohne etwas zu berühren, geschweige denn zu durchdringen.