Das eigentliche Schreiben ist eine Zärtlichkeit

Möglicherweise bin ich ungeduldig. Ebenso möglich erscheint mir die Annahme, dass das Buch, mein Buch, von dem ich so lange geträumt habe, von dem ich immer noch weiß, dass es gut ist, ein Flop ist. Nicht gebraucht, nicht gelesen, geschweige denn gekauft wird.

Das klingt, als wollte ich Zuspruch, Ermutigung. Sätze wie: du musst Geduld haben, das kommt schon noch, all die Beispiele von späteren Literaturnobelpreisträgern, deren erstes Buch ein totaler Reinfall war. Vielleicht will ich das auch. Aber eigentlich will ich etwas anderes. Viel Schwierigeres; nämlich an den Punkt kommen, an dem es mir egal ist. Wo nicht länger die Rezeption eine Rolle spielt, sondern nur noch das Geschriebene. Meine Haltung. Nur, dass das eigentliche Schreiben eine Zärtlichkeit ist (in Anlehnung an Fernando Botero).

Alphabet

Vor einiger Zeit habe ich von jemandem gehört, der ein Wörterbuch las, Wort für Wort, und bei jedem Wort innehielt, um sich zu erinnern. Es war ein spanisches Wörterbuch und er beschrieb, wie das Wort aceitunas (Oliven) Erinnerungen an seine Heimat, seine Kindheit, hervorriefen.
Mir hat diese Geschichte sehr gefallen. Die Geschichte und die Vorstellung jedem einzelnen Wort Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken.

Noch vor dieser Geschichte, das war 2012, habe ich schon einmal ein Alphabet geschrieben. Wobei Inger Christensen und ihr Alphabet den Anstoß gab.
Vielleicht schließt der Versuch, den ich jetzt mache daran an, vielleicht entsteht etwas vollkommen anderes, etwas, das nichts mehr damit zu tun hat. Vielleicht ist es nur Werbung, Marguerite Duras hat einmal geschrieben: „Wenn das Schreiben nicht jedes Mal alle Dinge zu einem einzigem, seinem Wesen nach Unbestimmbaren vereint, so ist es nichts weiter als Werbung.“

Möglicherweise entsteht aber auch eine Verbindung. Eine Verbindung zwischen der Geschichte von dem Mann mit dem Wörterbuch und dem alten Alphabet, vielleicht kann dieser Versuch die Möglichkeit einlösen, die in jedem Schreiben steckt, nämlich Ausdruck von Zärtlichkeit zu sein.

Fernando Botero – das eigentliche Malen ist eine Zärtlichkeit

Je mehr ich über Botero erfahre, um so mehr möchte ich wissen über diesen großen Künstler, der in Lateinamerika zu den bekanntesten bildenden Künstlern gehört.

Es gibt zwei ganz unterschiedliche Künstlertypen: Der eine ist rastlos um Innovation bemüht, und kaum daß ein Kunstwerk vollendet ist, sucht er bereits wieder nach neuen Wegen, um sein formales und inhaltliches Repertoire zu erweitern. Der andere macht meist sehr früh in seiner künstlerischen Entwicklung eine Initialfindung, die er dann in immer neuen Variationen sein Leben lang durchspielt. Fernando Botero gehört definitiv zu dieser zweiten Kategorie.

schreibt Christine Tauber in der FAZ über Fernando Botero. Eine Einschätzung, der Botero selbst vermutlich zustimmen würde, er selbst sagt über sich und seine Arbeit: „Stil ist das Wichtigste. Wichtig ist, eine Überzeugung zu haben.“

Boteros Thema ist der Mensch. In seiner Ästhetik sind dicke Menschen schön. Es geht nicht darum, dass die Menschen dick sind, sagt er selbst, sondern um das Volumen. Volumen und Farbe sind ihm wichtig. Kraft und Sinnlichkeit von Volumen und Farben machen ihm Freude, sind zu seiner ureigenen Ausdrucksform geworden.

Bei aller scheinbaren Naivität ist Botero ein politischer Künstler. Und das nicht erst seit 2006, als er mit seinen Gemälden zum Folterskandal in Abu Ghraib für Aufsehen sorgte. Die Bilder die Botero aus seiner Wut über die Zustände in Abu Ghraib malte, will er lediglich ausstellen, nicht verkaufen.

Er habe keinerlei kommerzielles Interesse mit der Wahl dieser Motive verbunden, sondern sie gemalt, um Stellung zu beziehen gegenüber dem Schrecken.

schreibt Thomas Wagner in einem Artikel über Botero in der FAZ von 2005. Botero wollte mit seinen Bildern das Bild des Schreckens in unser Gedächtnis einbrennen. Vielen Galeristen ist das suspekt. Auch in der Ausstellung, die als Hommage an Botero gelten sollte, fehlen Bilder über Abu Ghraib, dem Galeristen zufolge hätten sie das Gesamtbild gestört. Darüber befragt, wie wichtig ihm sei, Aufsehen zu erregen, wie das im Fall der Abu Ghraib Bilder geschehen ist, antwortete Botero in einem Interview:

Bei Kunst geht es ja eigentlich um Schönheit und Vergnügen. Das ist die grundsätzliche Aufgabe des Künstlers. Schauen Sie sich die Expressionisten an: Da sieht man keine traurigen oder schäbige Bilder. Wenn man sich die ganzen großen Künstler der Geschichte ansieht, wird das bestätigt. Die Intention von Kunst ist, Vergnügen zu bereiten, nicht nur durch die Schönheit der Dinge sondern auch im Falle erbärmlicher Inhalte. Es ist ja nichts verkehrt daran, etwas Schäbiges auf schöne Weise darzustellen.

Zum Abschluss ein Video, das ich gefunden habe, und in dem Botero selbst viele schöne Sätze zu seinen wunderbaren Bildern sagt. Einer der schönsten und vielleicht charakteristischten Sätze ist dieser: „Das eigentliche Malen ist eine Zärtlichkeit“.