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Die Nektarine. Rot mit einer Wunde. Zu schnell gereift. Der Wind, der an den nicht vorhandenen Fensterläden rüttelt. Die heftigsten Wunden habe ich mir selbst zugefügt. Zeit, die verstreicht. Dass dieses Verb manchmal zu harmlos klingt. Zu behutsam. Fast zärtlich. Dabei ist es ein so gewaltsames Übergehen und Zurücklassen, gegen das ich mich nicht wehren kann. Das Zittern, das jeden Tag erneut gegen die Hoffnung antritt, eines Tages wieder halbwegs flüssig schreiben zu können. Das Zittern, das Tag für Tag den Sieg davon trägt. Die Hoffnung, die sich von der Niederlage immer wieder erholt. Unbeeindruckt hofft. Die Fliege, die sämtliche Liegenschaften des Tisches erkundet.

Wie mich das einschüchtert: Keine Worte zu haben. Nur zitternde Zeichen, die sich winden wie Aale.

Narbenschmerz

Sehr früh geht das Kind aus dem Haus. Das Kind, das das Gymnasium besucht, das ihr in vielen Bereich intellektuell längst überlegen ist. Das Kind, das immer wieder einmal einen Ausflug zurück in die Kindheit versucht, um dann festzustellen, es holpert und stolpert, da stimmt so vieles nicht, dass es bald ganz von allein damit aufhören wird. Und sie ist dieses „zurück“, das Zurück in die Kindheit, zurück in das Zuhause, das das Kind, das jeder Mensch, in jedem Alter, immer noch braucht.

Eine Zeitlang war diese Loslösung, dieses Abschied nehmen, eine offene Wunde. Es tat weh und sie wusste genau, warum. Und dass es so sein musste, wusste sie auch. Irgendwann hat sich eine zarte neue Haut gebildet über der Wunde. Was jetzt weh tut, ist eine Art Narbenschmerz, der vermutlich weder vergeht noch verheilt.

Sie hebt noch einmal die Hand. Das Kind verschwindet im frischen vielversprechenden Morgen, und sie trottet müde ins Haus zurück.