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Die Nektarine. Rot mit einer Wunde. Zu schnell gereift. Der Wind, der an den nicht vorhandenen Fensterläden rüttelt. Die heftigsten Wunden habe ich mir selbst zugefügt. Zeit, die verstreicht. Dass dieses Verb manchmal zu harmlos klingt. Zu behutsam. Fast zärtlich. Dabei ist es ein so gewaltsames Übergehen und Zurücklassen, gegen das ich mich nicht wehren kann. Das Zittern, das jeden Tag erneut gegen die Hoffnung antritt, eines Tages wieder halbwegs flüssig schreiben zu können. Das Zittern, das Tag für Tag den Sieg davon trägt. Die Hoffnung, die sich von der Niederlage immer wieder erholt. Unbeeindruckt hofft. Die Fliege, die sämtliche Liegenschaften des Tisches erkundet.

Wie mich das einschüchtert: Keine Worte zu haben. Nur zitternde Zeichen, die sich winden wie Aale.

(4)

Wie die richtigen Worte erst kommen, wenn sich ein paar falsche versammelt haben.

Selbstbewusst. Was auch immer das heißt. Abtauchen in einen Bereich, der mit allem verbunden ist. Und nicht atemlos angstvoll nach Luft schnappend auftauchen, sondern da bleiben.

Verwandlung

Die Sätze, die dort stehen. Seit Jahren unverändert. Aber plötzlich erhalten sie einen Sinn. Einen Sinn, den sie immer schon hatten, aber ich erkenne ihn erst jetzt. Nicht weil die Worte sich verändert haben, sondern weil Worte nie feststehen. Weil sie sich immer verwandeln, durch den, der sie liest.

(4)

Er habe eine Frau gefunden, sagt er, die nichts wegwerfen könne. Alles horte sie, es ist unmöglich, irgendeine Art von Ordnung aufrecht zu erhalten. Abends, oder an den Tagen, an denen er nicht unterwegs ist, erzählt er ihr Geschichten. Aber sie hört nicht zu. Sie hört nur, dass man ihr etwas wegnehmen will. Er versteht nicht, wovor sie Angst hat, aber er ist klug genug, um zu wissen, dass man mit Worten nichts ausrichten kann gegen diese Furcht. Sie spricht selten. Eigentlich klagt sie nur, beschwert sich. Er liebt sie trotzdem. Er weiß nicht warum.

„Was, wenn unsere guten Worte wachsen? Wenn sie den, dem sie gesagt wurden, begleiten, mit ihm reifen und älter werden?“ Er hat ihr diese Frage einmal gestellt, und sie hat geweint, bevor sie die Tür so ungewöhnlich leise geschlossen hat, dass er nicht wagte, ihr zu folgen.

Fragen

Was ist eine Anschauung und was unterscheidet sie vom Zweifel? Wer kleidet die Gedanken in Worte und wer zieht sie wieder aus? Was geschieht mit der Zeit, die vergangen ist? Wer bewahrt sie auf? Und wo? Oder ist sie restlos verbraucht und kommt doch immerzu als ruheloser Geist auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind?

Wie ging das erste Lied, und wer hat es gesungen? Was geschieht, wenn wir hörten könnten, wie es verklungen ist?

Was, wenn alle Lösungen von der Erlösung wegführen? Wie nimmt man den Schmerz an, und hat einander doch lieb?

Es gibt keine Weisheit, nur diejenigen, die den Zweifel aushalten, und einige begnadete andere, die von ihm verschont bleiben, ein seltsam unvollständiges Leben lang.

Schatten

Schatten - Isla volante
Schatten – Isla volante

Was sie niemals hinnehmen wollte, war die Unfähigkeit des Meeres, Schatten zu spenden.

Licht brechen, Licht schlucken, sich anziehen und abstoßen lassen vom Mond. Aber kein Schatten aus Wasser.

Um Schatten zu spenden, musst du Wurzeln haben, hatte ihre Mutter gesagt. Sie hatte ihre Asche im Meer versenkt. Ihre Worte wurde sie nicht los.

 

Schweigen

Nach und nach verlernte sie zu sprechen. Erst gewannen die Worte eine eigene, mit anderen nicht länger zu teilende Bedeutung, dann verlernte sie die Laute.

 

Das Schlimmste war, dass es in diesem Zustand kein Schweigen gab, nur Leere, die sich immerzu aussprach. Durch sie.