Die kleine Frau spricht über Tiere

Von Tieren behauptet man, sagt die kleine Frau, sie hätten keine Scham. Das, und ihr fehlendes Wissen um den Tod, unterscheide sie von uns. In Wirklichkeit aber sind sie immun gegen die Zeit.

Erst muss man die Zeit als Macht über das eigene Leben akzeptieren, dann kann man Reihenfolgen, Listen mit Reihenfolgen, aufstellen und sich später schämen, dass man sie nicht eingehalten, dass man sich nicht an sie gehalten hat. Das, sagt die kleine Frau, ist der eigentlich Unterschied zwischen Mensch und Tier, zwischen unglücklich und glücklich, zwischen lebendig und verkopft.

 

KARL OVE KNAUSGÅRD

„Oh, dies ist das Lied über einen Sechzehnjährigen, der in einem Bus sitzt und an sie, die Einzige, denkt, ohne zu wissen, dass die Gefühle langsam, immer langsamer matter und schwächer werden, dass das Leben, das jetzt so stolz und gewaltig daherkommt, unbarmherzig weniger und weniger wird, bis es eine handliche Größe erreicht hat – dann tut es nicht mehr so weh, aber dann ist es auch nicht mehr so schön.“

Und natürlich gibt es dem nichts hinzuzufügen, außer dem, was Knausgard selbst im folgenden Satz schreibt, das so etwas nur ein vierzigjähriger Mann schreiben kann. Zum Glück muss man vierzig werden, um zu begreifen, wie es sich mit dem Leben verhält, wie aus Übermaß etwas sehr Handliches wird. Wie sich alles beruhigt, aber eben auch an Intensität verliert. Aber wenn man es einmal begriffen hat, wird man dieses Wissen nicht mehr los.

Egon Friedell (1878 – 1938)

Denn ich bin aufs tiefste überzeugt, daß man den Menschen im großen und ganzen nur das mitteilen kann, was sie eigentlich schon wissen, nämlich irgendwie latent in sich tragen; ist diese Voraussetzung nicht gegeben, so werden sie es entweder überhaupt nicht verstehen oder ›auf ihre Art auslegen‹, das heißt: also falsch verstehen.