Die kleine Frau zählt ihre Falten

Erst muss man alt werden, dann kann man die Taten verschieben auf später.

Die kleine Frau zählt ihre Falten, dann hält sie ihren kleinen Handspiegel so,

dass er die Sonne reflektiert.

Ich wünsche mir Rapunzel und Schneewittchen an den Geburtstagstisch von Dornröschen, an dem ohnehin schon ein Stuhl fehlt.

Wir dürfen nicht aufhören, die Geschichten immer anders zu erzählen, sagt sie.

Um uns dann der Wirklichkeit zu stellen.

 

 

(46)

Das Wissen, dass sich alles verändert, macht die Dinge nicht weniger wertvoll, nicht flüchtiger. Nur lebendiger. Leichter. Ein großer Frieden breitet sich aus. Hebt mich über die Manifestationen des Nichts, die wir für Wirklichkeit halten.

 

 

Friedhof

Grabmal
Grabmal

Der Ort, wo sich das Leben auflöst in das Wissen, die Gewißheit, das Gefühl von Abwesenheit. Und nicht einmal das ist wahr. Etwas anderes, völlig fremdes ist an die Stelle von Anfang und Ende getreten, von Tod und Leben, eine andere Art von Dauer und Wirklichkeit.

Briefe an mich

In Wirklichkeit gibt es mich nicht. Oder nur so wenig wie die Buchstaben auf dem Papier, die keiner liest, bevor sie ausradiert werden. Ich – das ist die Scheuklappe der Vernunft, an der sich die Leidenschaft wund gescheuert hat, bevor sie aufgab und sich wieder zurückzog, um auf den großen Moment zu warten, wenn sie zuschlagen würde, mit aller Macht, die einer jahrelang ungeübten Leidenschaft dann noch bliebe.

Und so tanzte die Zeit in den Abgrund, nur ich blieb stehen, um im Schatten der Uhr Briefe an mich selbst zu schreiben.

Ein Hemd aus Erwartungen

Zieh dir ein Hemd aus Erwartungen an, glaube nicht, dass es wärmt und geh los. Es ist beinah egal, wohin du gehst, mit der Zeit werden dir einige Erwartungen in die Haut wachsen, andere werden vergehen und unbemerkt irgendwo auf dem Weg liegen bleiben.
Mach dir keine Gedanken darüber, geh weiter, andere werden kommen. Solche, die dir genauso wenig passen und manchmal vielleicht auch eine, die sich anfühlt, als würde sie zu dir gehören, als wäre sie nur für dich gemacht. Und du wirst versuchen, sie aus deinem Hemd zu lösen, denn wie sollst du ihr nachlaufen, wenn sie dir am Leib klebt? Und das möchtest du doch so gerne. Lieber als alles andere, einer Erwartung nachlaufen, die mächtiger ist als du, weil du dir einbildest, du könntest daran wachsen, aber in Wirklichkeit reißt du dir nur ein Loch in dein Hemd. Das sieht erbärmlich aus, glaub mir, aber flicken kann man es nicht.

Die Muster der Wirklichkeit

Einer sagt etwas und ein anderer denkt es zu Ende. In der Mitte häuft sich Luft auf Tapeten. Tapeten, die gehen können. Füße, Hände, Stoffballen. Nur die Knöpfe als Augen haben sie vergessen. Ich war auf diese Art blind, d.h. dass mich zutiefst langweilte, was ich schrieb.
Die Dinge drehen sich im Kreis, ohne einander zu begegnen. Die einen glauben an Kunst, die andern machen sie, weil sie am Leben verzweifeln mit diesen Regeln von Kreisen, die sich drehen ohne sich jemals zu schließen. Spirale, nicht Kreis. Trotzdem rund, und wenn man anfängt Antworten zu suchen, sollte man vielleicht aufhören Fragen zu stellen. An sich! Und sie nur noch an die Welt richten. Das ist einen Standpunkt beziehen, von dem man wissen kann, der Ausblick ist begrenzt, aber klar und deutlich, statt ständig den Kopf zu wenden und alles verschwimmt. Was ist Wahrheit und was sind Gedanken? Und das sind die Muster aus denen man Wirklichkeit webt.

Lüge

Natürlich habe ich gelogen. Von Anfang an. Vielleicht hat man mir nichts so gründlich beigebracht. Unsere Tauschgeschäfte beruhen auf Lügen und für Vertrauen ist es oft schon zu spät. Jedes mal, wenn ich versuche von Wahrheit zu sprechen, bediene ich mich althergebrachter Lügen. Weil ich nicht anders an Wahrheit denken kann, weil die Lüge meine Wirklichkeit ist.

Räume

Wie beschreibt man einen Lebensraum?

Wie richtet man ein Leben ein?

 

Das Leben als Untermieter in einem möblierten Zimmer. Bereits fertig eingerichtet. Und aufgeräumt. Immer gut aufgeräumt.

Und in diesem Raum ein Spiegel. Die Sprache als Spiegel des Lebensraums. Der Sprachraum, der die Ordnung im Zimmer vorgibt. Ein Fenster, das in einen anderen Sprachraum hinein geöffnet werden kann.

Im besten Fall ein Umzug in einen größeren Raum, ein geräumigeres Zimmer mit weniger Möbeln und mehr Spielraum.

Oder, im weitaus ungünstigeren und gleichzeitig wahrscheinlicheren Fall, der Einzug anderer in das gleiche Zimmer. Personen, die ihre Möbel mitbringen, ihren Raum beanspruchen. Umzüge, die notwendig werden, weil es sich in diesem Raum nicht mehr leben lässt. Leere Räume, von denen man glaubt, sie völlig neu gestalten zu können. Der Traum von einem eigenen Zimmer.

 

Die Erfahrung, wie sich das, was in einem Raum erfahrbar wurde, fortsetzt im nächsten Raum, den Blick schärft und vielleicht verändert.

So wie der Spiegel, in den man sich versenkt, in den man eintritt, wie in einen neuen Raum. Diese Aufregung, wenn man beginnt zu schreiben. Immer wieder ein Aufbruch, das Verlassen bekannter Räume und der Versuch über Grenzen zu gehen, das Spiegelbild zu formen, zu ändern, ihm einfach den Rücken zu kehren. Die Macht, der Wirklichkeit ihren Stachel zu nehmen, indem man sie leugnet und umschreibt, neu schreibt, weiter schreibt, oder einfach niederschreibt. Festhält, sich der eigenen Geschichte bemächtigt, indem man sie erzählt, und dann [zu Recht!] behauptet, dass sie gar nicht wahr ist.