(39)

Die Nektarine. Rot mit einer Wunde. Zu schnell gereift. Der Wind, der an den nicht vorhandenen Fensterläden rüttelt. Die heftigsten Wunden habe ich mir selbst zugefügt. Zeit, die verstreicht. Dass dieses Verb manchmal zu harmlos klingt. Zu behutsam. Fast zärtlich. Dabei ist es ein so gewaltsames Übergehen und Zurücklassen, gegen das ich mich nicht wehren kann. Das Zittern, das jeden Tag erneut gegen die Hoffnung antritt, eines Tages wieder halbwegs flüssig schreiben zu können. Das Zittern, das Tag für Tag den Sieg davon trägt. Die Hoffnung, die sich von der Niederlage immer wieder erholt. Unbeeindruckt hofft. Die Fliege, die sämtliche Liegenschaften des Tisches erkundet.

Wie mich das einschüchtert: Keine Worte zu haben. Nur zitternde Zeichen, die sich winden wie Aale.

(26)

wind und knochen, feng und gu: die beiden bausteine, aus denen gedichte bestehen. das buch der lieder, schreibt der literaturkritiker liú xié im 6. jahrhundert, enthält sechs elemente, und das wichtigste von ihnen ist der wind. wenn ein text reich an farben aber ohne wind und knochen ist, die ihn in der luft halten, muss man ihn nur kurz schütteln, und seine schönheit wird auseinanderfallen. wenn eine schreibende dünn an ideen und fett an worten ist, fehlt es an knochen; wenn ihre ideen unvollständig sind und nicht vom boden hochkommen, fehlt es an wind. generationen chinesischer literaturwissenschaftlerinnen, schreibt elliot weinberger, haben versucht, herauszufinden, was wind und was knochen ist, aber das einzige, was liú xié ganz eindeutig dazu sagt ist das einzige, worauf alle sich einigen können, ist, dass die perfekte mischung aus knochen und wind, das perfekte gedicht, ein vogel ist.

(lea schneider, made in china)

Wetter

Ein Sturm kam auf, peitschte das Wasser in eine Richtung, brauste auf, wütete, das Plätschern des Springbrunnens übertönend, ebbte ab, nahm erneut Anlauf.

Der junge Mann, der sich auf das Wetter berief, während es schien als würde vor dem Fenster der Wind die Welt aus den Angeln heben, und nur ihr Haus bliebe stehen, umflüstert von der Stimme des Windes, der nicht müde wurde, Märchen zu erzählen, in denen er die Hauptrolle spielte, die des verwunschenen und zu guter Letzt erlösten Prinzen, die des armen Schwächlings, der endlich die Möglichkeit erhält, sich zu beweisen. Aber wer hörte schon den Wind, wer las Märchen?

Er war 16 Jahre alt, er hörte Schubert, Beethoven und Brahms, er las Märchen aus aller Welt. Was blieb ihm übrig, als sich auf das Wetter zu berufen?

 

 

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Ich mag diesen Wind, M´s Unabhängigkeit, seine Sanftheit. Ich mag die Stimmen, die von der Straße zu mir hochwehen und die Vorstellung, dass das alles noch da sein wird, wenn ich längst tot bin.

Die Zwei

Die Zwei
Die Zwei – Isla volante

Sie waren pünktlich und vollkommen unabhängig vom Wetter. Jeden Tag um Punkt 17.00 h kamen sie zu zweit, im Gleichschritt nebeneinander marschierend, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Ihre Gesichtszüge gelöst, die Haut gegerbt von Wind und Wetter, die Schritte gleichzeitig fest und nachgiebig.

Manchmal redeten sie leise miteinander, meistens schwiegen sie.

Ich glaube das Meer freute sich ebenso über ihre täglichen Besuche wie ich.

Wind und Wunder

Wind und Wunder - Isla volante
Wind und Wunder – Isla volante

Wo hat das Meer seine Wurzeln?

 

Ist es heimatlos? Abhängig vom Mond?

 

Wütend über all die Verletzungen, die Schiffe und Öltanker, Motorengeräusche und Tiefseetaucher ihm zufügen?

 

 

Ein Ort, der nicht vom Verlassen redet, aber von Zukunft und Flucht. Von Wind und Wundern.

 

 

Wie der Brunnen mich verschluckte, nur aufgrund seiner vorstellbaren Tiefe

Die Rolle, die man mir zugeteilt hatte, machte mir den Gar aus. Ich schrieb einzelne Sätze, und mied jeden Zusammenhang. Ich mühte mich ab und glaubte weder dem Durst noch dem Brunnen.

Ich wollte einen Punkt machen, nicht immer wieder ein Komma. Ich verzweifelte, während ich die Fäden einsammelte (einholte), um sie zu verknoten. (nicht fähige, die Segel zu setzten).

Wenn mir die Menschen zu nahe kommen, stürze ich ein, verliere ein Gesicht, das sich erkenntlich zeigen könnte. Verneble und verschwinde zwischen einer gerunzelten Stirn (hinter der ein Sturm tobt, der von sich selbst behauptet: ich bin das himmlische Kind. Ich bin eine Behauptung, aber du gibst mir Namen, hinter denen du dich verbirgst. Weil du noch immer nicht bereit bist, dich zu entscheiden, etwas zurück zu lassen, um in etwas anderem aufzugehen.)

 

Ich bin eine ratlose Blume, kurz vor dem Verblühen. Nur meine Blüten abzuwerfen, kann mich davor bewahren, endgültig gebrochen zu werden. Ich kenne den Unterschied zwischen Verblühen und Verwelken. Aber ich bin nicht fähig, Konsequenzen daraus zu ziehen. Als könnte ich nur lesen, aber niemals verstehen. Ich träume von Wasser und versinke im Schlaf, bis ein Satz mich weckt. Ein Satz, der mich verrät, ohne dass ich ihn verraten kann.

Ich höre Stimmen und Schreie und scheitere an einem Geplauder.