Krieg und Sprache

Krieg ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt, an dem planmäßig vorgehende Kollektive beteiligt sind. 

So Wikipedia

Ich habe das nachgesehen, weil für mein Gefühl viel zu häufig, und vor allem viel zu unüberlegt und leichtfertig, das Wort „Krieg“ bemüht wird. Wir führen Krieg gegen das Virus. In uns tobt ein Krieg. Die Verhandlungspartner strecken die Waffen usw. usf. Es gibt unzählige Beispiele. Und das in einem Land, das viele (zu wenige, aber doch viele) Menschen beherbergt, die den Krieg, den tatsächlichen, nicht metaphorischen Krieg, am eigenen Leib erlebt haben. Bomben, die Häuser zerstören, Familienmitglieder, die unter den Trümmern begraben werden, Hunger, Flucht, Gewalt. In Ausmaßen, die – zumindest ich – mir nicht vorstellen kann. Für mich ist es eine Frage des Respektes, das Vokabular abzurüsten. Eine Entscheidung, die zwangsläufig dazu führt, dass ich mir über meine Privilegien klar werde, in einem Land zu leben, das so lange nun schon keinen Krieg mehr erlebt hat. Nicht Tag für Tag gegen Rassismus kämpfen zu müssen, oder dafür, dass ich eine bestimmte Religion ausübe. Sondern frei zu sein, mir derartige Gedanken zu machen. Und dann möglichst friedliche und hoffentlich dennoch wirksame Konsequenzen daraus zu ziehen. Wut und Widerstand gehen nämlich auch auf friedliche Art und Weise. Es gibt Beispiele. Auf die sollten wir uns vielleicht häufiger besinnen.

20. Oktober

Zum Frühstück Nachrichten von der Pegida Demonstration und Gegendemonstration gestern gelesen. Von den Ausschreitungen. Abscheu und Angst. Die Frage, warum sich alles radikalisiert, warum es nicht gelingt, Gespräche zu führen, sich friedlich und konstruktiv auseinander zu setzen.

Vielleicht ist das der nächste Entwicklungsschritt, der den unsere Kinder bewältigen müssen, und wir haben immerhin erreicht, dass sich frühzeitig massiv Widerstand formiert.

Und zum Trost noch dieses Gedicht, das heute Text des Tages auf Fixpoetry ist.

Widerstand

Widerstand - Isla volante
Widerstand – Isla volante

Ich weiß nicht, ob sich das Meer konzentrieren kann, ob es manchmal verzweifelt versucht, seinen eigenen Willen durchzusetzen, ob es seit Urzeiten darüber nachdenkt, warum es immer wieder der Anziehung und Abstoßung durch den Mond folgen muss, aber es gefällt mir, zu glauben, das Meer übe sich lebenslang im Widerstand.

 

Claude Cahun

Caude Cahun wurde am 25. Oktober 1894 als Lucy Schwob in Nantes geboren.

Während sie sich als Schriftstellerin einen Namen machte, wussten die wenigsten von ihren Fotografien. Ihre Selbstbildnisse waren für sie eine ganz private Angelegenheit, die sie nie öffentlich gezeigt hat. In jeder ihrer Fotografien benutzte sie den eigenen Körper als Projektionsfläche, um kulturelle Stereotypen, besonders die geschlechtlichen Zuschreibungen,  zu unterlaufen.

1925 erklärte sie über die Anordnung zur Zwangsschließung der homosexuell orientierten Zeitschrift Inversions: Meine Meinung über die Homosexualität und die Homosexuellen ist genau die selbe wie meine Meinung über die Heterosexualität und die Heterosexuellen; Alles hängt von den Individuen und den Umständen ab. Ich verteidige das Recht der Leute, sich zu verhalten wie sie wollen.

Claude Cahun Selbstportrait um 1929

„Männlich, weiblich? aber das kommt auf den jeweiligen Fall an. Neutrum ist das einzige Geschlecht, das mir immer entspricht, schreibt sie in ihren „Nichtigen Bekenntnissen“.

1932 tritt sie in die kommunistische Partei ein und beteiligt sich in den folgenden Jahren an den politischen Aktivitäten der Surrealisten.

Als die Nazitruppen 1940 die englische Insel Jersey besetzen, formiert sich umgehend Widerstand. Flugblätter und Plakate mit Antikriegsparolen tauchen auf, vom Kirchturm weht eine Fahne mit der Aufschrift „Jesus starb für die Menschen, doch die Menschen sterben für Hitler“. Bis die Gestapo die Urheber dingfest machen kann, vergehen vier Jahre. Im Juli 1944 werden Claude Cahun und ihre Freundin Suzsanne Malherbe verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wird schließlich aufgehoben, aber während der Zeit der Inhaftierung wird in Cahuns Landgut eingebrochen und zahlreiche Manuskripte werden vernichtet.

Claude Cahun stirbt am 8. Dezember 1954 auf Jersey.