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Alles blieb kalt und flüchtig, und im Herzen ein ungeliebtes Kind, das versuchte sich hinter Bücherbergen zu verschanzen, ohne jemals Wissen zu erlangen. Nur die Frage vielleicht, was der Unterschied ist zwischen Wissen und Weisheit, der es eine Weile über Wasser hielt. Bevor alles einstürzte; ein Wasserfall sich über jegliche zögerliche Hoffnung erbrach und alle Einsicht unter sich begrub.

Bis sie – nach unendlich langer Zeit – auftauchte und begann es aufzuschreiben. Mit all seinen Lügen und Widersprüchen.

Sprachlosigkeit oder Fehler?

Im Grunde kann ich mir das alles gar nicht bis ins Letzte bewusst machen, was gerade passiert, nein, was schon ganz lange passiert, worüber nur gerade viel geredet wird. Sexismus, Diskriminierung, Antisemitismus. Und wie beschämend wenig dagegen getan wird. Und dann kann man noch nicht einmal darauf hoffen, von der Polizei beschützt zu werden, umso weniger je „verkehrter“ die Hautfarbe oder der Name ist. Weil die (auch nicht erst seit gestern) unterwandert ist, und man nicht wissen kann, wer da zu denen gehört, die wirklich noch Demokratie und Vielfalt und Recht vertreten, und wie lange sie sich noch halten können. Sprechen kann man aber auch nicht darüber, weil sich dann ständig jemand, den man vielleicht mitmeinte, vielleicht aber auch tatsächlich übersehen hat, ausgeschlossen, verletzt und diskriminiert fühlt, und man unversehens selbst auf der Seite der Angeklagten steht. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch keine angemessene Sprache gefunden haben, wie ein Artikel in der SZ von heute nahelegt, vielleicht ist aber auch dieses ungesund hohe Erregungsniveau verantwortlich, das fruchtbare Auseinandersetzungen immer unmöglicher macht.

Ich mag in diesem Zusammenhang sehr, was Sharon Dodua Otoo bereits in ihrer Rede zu den diesjährigen Bachmanntagen gesagt hat, und was sie in der Süddeutschen Zeitung noch einmal betont:

„Mein Wunsch wäre“, wird sie dort zitiert, „dass wir achtsam mit Sprache umgehen, wohlwollend auf Fehler hinweisen, und dass die anderen wohlwollend sagen: Oh, Verzeihung. Das wusste ich nicht. Das ist ein kollektiver Prozess, der dauern und voller Widersprüche sein wird, aber wie sollen wir es anders machen?“

Großvater

Ich sitze in der Straßenbahn und überlege, wie eine Geschichte über meinen Großvater anfangen könnte. Diesen Mann, der der Partei (sag es: NSDAP) beigetreten ist, um das Haus für seine Familie zu retten (so geht die Erzählung). Und ich habe nicht gefragt, ob die einfache Parteimitgliedschaft vor Enteignung schütze, weiß nicht einmal, ob er selbst seine Parteizugehörigkeit so begründet hat, oder ob diese Begründung etwas ist, das später dazu gekommen ist. Dabei hätte ich mit ihm darüber reden können. Offene Gespräche konnte ich immer mit ihm führen. Als ich in der Pubertät war, gab es kaum jemanden, der mir so vorurteilsfrei und aufmerksam zuhörte wie er. Dieser Mann, der meine kranke und sterbende Großmutter immer wieder tagelang allein ließ. Derselbe, der die alten Kinderfotos so liebevoll und zärtlich beschriftet hat, dass mir beinahe die Tränen kommen, als mein Onkel sie mir zeigte. (lange nach dem Tod des Großvaters). Ein Patriarch, der für seinen Sohn vor Gericht gezogen ist, weil den ein Nachbar geschlagen hatte. Diese widersprüchliche Fiktion, mit der ich groß geworden, in den Urlaub gefahren und immer wieder lange Gespräche geführt habe, an deren Inhalt ich mich nicht erinnere, aber daran, dass ich stets das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden, in all meiner Widersprüchlichkeit.

Erlaubnis

Erlaubnis
Erlaubnis

Die Erlaubnis, nicht alles verstehen zu müssen. Die Erlaubnis, zu scheitern, sich zu verweigern, nichts zu tun. Außer den Erinnerungen nachzuhängen. Damals war ich, warst du, war er sie es glücklich, zu denken. Die Erlaubnis, sich von den eigenen Gedanken überraschen zu lassen, sich selbst zu widersprechen, und im Widerspruch Trost zu finden.

Alter

Die Zeit entfaltet uns[1], indem sie dafür sorgt, dass wir uns nicht wiedererkennen.

Dass jede im Moment noch so einleuchtende, zweifelsfreie und unumstößliche Antwort nur vorläufig ist. Veränderbar.

Entfaltung also als das Anerkennen der Widersprüche aus denen ein Leben, ein Mensch, eine Lebensgeschichte besteht. Diese Tatsache einzusehen, zu begreifen, ist vermutlich erst im Alter möglich. Das Leben ist von Anfang an so, aber solange man jung ist, widerfahren einem die Widersprüche, man fühlt sich hin- und hergeworfen, glaubt an die Notwendigkeit von Entscheidungen, an richtig und falsch. Man lebt in der Abstraktion, im schwarz und weiß. Die Grautöne, die Einsicht, dass alles zusammen gehört und früher oder später ineinander fließt, kommt später. Im Alter. Im Bewusstsein, sich nicht wieder zu erkennen.

[1] Max Frisch, Tagebücher: „Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.“

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Wenn das Leben ein Widerspruch ist, (gegen den Tod zum Beispiel), scheint es folgerichtig, Trost in Paradoxen zu suchen und zu finden (darin zu verschwinden). Oder vergeben. Und die Frage: wem vergibst du dein Leben?

26. Dezember

Erwartungen und Enttäuschungen. Wie einen das ein Leben lang verfolgt. Die Erinnerungen, die das Lesen zur Zeit anschwemmt.

Die dreibeinige Katze, in der Siedlung, in der ich als Kind gelebt habe. Überhaupt die Katzen, die wir in Rudeln gesehen haben, obwohl Katzen doch Einzelgänger sind. Die Straßen, die ich im Sandkasten gebaut habe, Parkplätze und Tunnel. Und nie hatte ich eigene Autos, um sie zu befahren. Oder der Regen, der genau am Eingang zum Spielplatz aufhörte. Auf dem Spielplatz regnete es, und einen Schritt weiter war alles trocken.

 

Knausgard widerspricht sich. So wie wir uns selbst ständig widersprechen. So wie unser Leben widersprüchlich verläuft.

Entwicklung. Das ist vielleicht nicht zuletzt immer wieder ein Band zu lösen, das dich einschnürt.

Erlösung

Nach und nach sind die Personen aus ihren Gedanken verschwunden. Die Geschichten wurden zunehmend körperlos. Leer, wesenlos. Wie etwas, das sich keine Sehnsucht erlaubt, weil es überall Zerstörung sieht ohne sie zu begreifen.

Sie hat die Regeln vergessen. Das, was den Spielen zwischen den Menschen die Leichtigkeit verleiht.

Was bleibt sind die Bücher. Die somnambulen Gestalten der Duras.

Frauen, die so langsam sprechen als hätten sie ihr Gedächtnis verloren.

Männer, die erschöpft vom Alleinsein, weinen.

Plötzlich weiß sie es wieder. Es geht darum, zu erfahren, was sie sich wünscht. Und zu begreifen, dass es niemals zu erreichen ist. Diesen Widerspruch zu erkennen und auszuhalten, das ist die Erlösung.

Heimat lexikalisch

 „Die Sprache wühlt im Müll, und auf den Gassen entdeckt sie (Ratte!), was wir übersehen.“ (J. Brodsky)

Heimat und die damit verbundenen Worte: heimlich, Heimsuchung, Heim… Das sind keine Worte, die Wohlbefinden versprechen, Geborgenheit, etwas, in dem man sich aufgehoben fühlen kann und darf. Woher kommt dieser Widerspruch zwischen dem, was wir von Heimat verlangen, mit Heimat verbinden, und diesen mit Heimat verwandten Worten?